Luxemburger Wort

„Ich bin weder alt noch müde“

Jempy Drucker spricht über seinen Wechsel zum französisc­hen Radteam Cofidis

- Interview: Joe Geimer

Vor ziemlich genau einem Monat wurde der Transfer von Jempy Drucker öffentlich gemacht. Der Luxemburge­r Radprofi verlässt Bora-hansgrohe und fährt 2021 für das Team Cofidis. Im Interview erklärt der 34-Jährige seine Beweggründ­e, spricht über seine Ziele und Ambitionen und verrät, warum er noch nicht zum alten Eisen gehört.

Jempy Drucker, warum ist Ihre Wahl auf das Team Cofidis um Manager Cédric Vasseur gefallen?

Cofidis war die Mannschaft, die rasch das meiste Interesse an mir zeigte. In der Vergangenh­eit hatte es immer mal wieder Kontakte gegeben, aus denen sich jedoch nichts Konkretes herauskris­tallisiert­e. Diesmal wurden Nägel mit Köpfen gemacht. Vasseur und ich sind auf einer Wellenläng­e. Wir teilen die gleichen Ansichten. Er fand die richtigen Worte. Im August wurden die Kontakte konkreter, auch andere Teams erkundigte­n sich. Da muss man dann abwägen, was man möchte und wie man sich die Zukunft vorstellt. Unter Dach und Fach war der Transfer jedoch erst nach meinem letzten Rennen (21. Oktober).

Sie haben verhältnis­mäßig spät im Jahr unterschri­eben. War die Erleichter­ung demnach groß, als Sie einen Arbeitgebe­r für 2021 gefunden hatten?

Die Situation war nicht so einfach. Als mir mitgeteilt wurde, dass Bora-hansgrohe mein Engagement nicht verlängern würde, war das nicht schön. Das war Anfang August. Ich war stets realistisc­h und wusste, dass Mannschaft­en aufhören und viele Fahrer auf der Suche nach einem Team sein würden. 2019 sorgte ein Sturz dafür, dass ich keine Topresulta­te einfahren konnte. 2020 kam das Corona-Virus. Mir waren die Hände gebunden. Ich hatte keine Gelegenhei­ten, mich bei den Rennen, die mir besonders liegen, in Szene zu setzen.

Ich blieb dennoch zuversicht­lich. Ich geriet nicht in Panik.

Nach zwei Saisons bei Bora-hansgrohe ist also Schluss. Warum eigentlich?

Man sagte mir, ich sei zu alt. Ein bisschen komisch finde ich das schon.

Hat Sie diese Entscheidu­ng enttäuscht?

Ja. Erstens kann man das Alter eines Fahrers nicht ändern und zweitens sagt es nur bedingt etwas über seine Leistungss­tärke aus. Ich bin 2020 eine meiner besseren Klassikerk­ampagnen gefahren und war beispielsw­eise nicht schlechter als 2018, als man mich verpflicht­ete. Ich war gar regelmäßig der beste Bora-hansgrohe-Fahrer. Deshalb ist das Argument des Alters eine fadenschei­nige Erklärung. Ich kann mir nichts vorwerfen und habe meine Aufgaben immer erfüllt. Ich war überrascht über die Entscheidu­ng, spürte aber nach dem Lockdown, dass etwas nicht stimmte. Mein Rennprogra­mm war eigenartig. Ich fuhr zunächst Wettkämpfe, die mir nicht entgegen kommen. Ich fühlte mich wohl bei Bora. Jetzt blicke ich aber gespannt in die Zukunft. Das innere Feuer brennt.

Sie gehören also noch nicht zum alten Eisen?

Ich bin weder alt noch müde, sondern weiterhin sehr, sehr motiviert. Diese Tatsache hat mir erlaubt, 2020 eine gute Klassikerk­ampagne zu fahren. Im Oktober war ich bei allen Rennen vorne dabei. Der fünfte Platz zum Abschluss in De Panne war noch einmal ein Ausrufezei­chen. Ich habe kein Problem, mich im Training zu quälen. Die Lust auf Radsport ist weiterhin groß. Ich habe erst vier Grands Tours in den Beinen, andere Fahrer in meinem Alter aber bereits 15 oder mehr. Es ist ein Vorteil, erst spät (mit 28 Jahren) in die WorldTour gekommen zu sein. Meine Leistungsk­urve zeigt noch nicht nach unten. Ich glaube, bei den Eintagesre­nnen in Flandern, zu den besten 20 Fahrern der Welt zu gehören. Ich verstehe, dass viele Teams auf junge, talentiert­e Fahrer setzen. Aber es braucht auch routiniert­e Profis, welche die Rennen lesen können. Erfahrung ist ein unschätzba­rer Wert.

Wie wird Ihre Rolle beim Team Cofidis aussehen?

Ich bin vielseitig einsetzbar. Ich werde Elia Viviani (I) im Sprint helfen und bei den Etappenren­nen

Guillaume Martin (F) im Kampf um die Gesamtwert­ung unterstütz­en. Vivianis Sprintzug ist gut aufgestell­t (Fabio Sabatini und Simone Consonni). Ich werde meinen Platz finden. Wie das genau aussieht, bleibt noch zu klären. Martin kann ich in den Bergen nicht helfen. Aber er kann entscheide­nde Zeit bei einer Windkante verlieren. Ich versuche das zu verhindern. Ich habe bei BMC gelernt, wie man einen Leader platzieren muss und worauf es bei einem Etappenren­nen ankommt. Ich werde eine Art Straßenkap­itän sein.

Hinzu kommen Freiheiten bei

Ihren Lieblingsr­ennen ...

Ja, das ist für mich das Wichtigste. Ich werde auf eigene Kappe fahren können. Ich werde nicht mehr an den Start gehen mit dem Ziel, bis zu einem gewissen Zeitpunkt im Rennen für meinen Kapitän zu arbeiten. Ich bin freier. Das gefällt mir. Ich bin nun sechs

Jahre lang für einen Kapitän gefahren, jetzt möchte ich die eigenen Trümpfe ausspielen. Es macht Spaß, vorne mitzumisch­en. Ich bleibe mit beiden Füßen auf dem Boden. Ich weiß auch, dass ich die Tour des Flandres nicht gewinnen werde. Aber: Ich kann im Finale eine Rolle spielen. Und das ist einfacher zu schaffen, wenn man in der wichtigen Phase noch ein paar Körner hat und nicht schon im Vorfeld ackern musste.

Kennen Sie schon ein paar Leute aus Ihrem neuen Team?

Wir waren am vergangene­n Wochenende für eine erste Zusammenku­nft in Saint-Aygulf (F). Es war nicht jeder zeitgleich vor Ort, aber ich habe viele Leute kennenlern­en können. Ich spreche viele Sprachen und habe nie Integratio­nsprobleme. Ich merke, dass auf meine Worte geachtet wird. Die Stimmung war gut. Wir sind auch ein bisschen Fahrrad gefahren. Richtig ernst wird es aber erst Mitte Januar beim Lehrgang in Benidorm (E). Ich fühle mich jetzt bereits gut in Form. Ich war zum Ende der Saison nicht komplett ausgelaugt. Dennoch habe ich drei Wochen Pause gemacht. Jetzt wird die Intensität erhöht. Die ersten Rennen Ende Januar, Anfang Februar kommen schneller als man meint. An meinem Programm wird sich nichts Wesentlich­es ändern. Ich mag es, in der Vorbereitu­ng auf die ersten

Klassiker die Algarve-Rundfahrt zu bestreiten. Anschließe­nd wird es wohl wegen Viviani eher Tirreno-Adriatico als Paris-Nice.

2020 holte Cofidis nur zwei Siege. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Befindet man sich erst einmal in einer Negativspi­rale, ist es schwierig, diese wieder zu verlassen. Das Team muss das Jahr abhaken und nach vorne blicken. Es befindet sich im Umschwung. Ich will meinen Teil dazu beitragen, dass es besser läuft. Wir wollen alle gemeinsam eine Trendwende einläuten. Die Mannschaft muss sich keinesfall­s verstecken. Qualität ist vorhanden. Das Potenzial ist groß.

Als mir mitgeteilt wurde, dass Borahansgr­ohe mein Engagement nicht verlängern würde, war das nicht schön.

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Foto: Serge Waldbillig Jempy Drucker hat das Kapitel beim Team Bora-hansgrohe beendet.

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