Luxemburger Wort

Boom in der Krise

Alfi-Generalsek­retärin Corinne Lamesch über die Widerstand­sfähigkeit und die Zukunftsau­ssichten der Luxemburge­r Fondsindus­trie

- Interview: Thomas Klein

Auch eine globale Pandemie kann der Luxemburge­r Fondsindus­trie offenbar nichts anhaben. Nach einem kritischen Moment im März 2020 erreicht die Branche schon wieder neue Rekordmark­en. Das „Luxemburge­r Wort“sprach mit Corinne Lamesch, der Generalsek­retärin des Verbands der Luxemburge­r Fondsindus­trie (ALFI), über die Lehren aus der Krise und potenziell­e Gefahren für den Fondsstand­ort.

Corinne Lamesch, wenn man sich die Zahlen anschaut, kommt die Fondsindus­trie bisher sehr gut durch die Pandemie.

Ja, die durch Luxemburge­r Fonds verwaltete­n Vermögen haben im Februar die Fünf-Billionen-Euro-Marke überschrit­ten. Inzwischen sind wir bei 5,5 Billionen Euro. Von Januar bis Juni hatten wir einen Anstieg von etwa 437 Milliarden Euro. Wichtig daran ist für uns, dass das nicht nur Marktbeweg­ungen sind, sondern dass es auch „frisches“Geld ist, das Anleger investiere­n. Das waren rund 170 Milliarden Euro seit Januar. Wenn man sich die letzten zwölf Monate anschaut, sind die verwaltete­n Vermögen hier um fast 20 Prozent gewachsen.

Also war von der Krise in der Branche nichts zu spüren?

Wir hatten schon mit einigen Herausford­erungen zu kämpfen, vor allem im März 2020. Zu dem Zeitpunkt gab es eine gewaltige Volatilitä­t in den Märkten, da ist auch der Wert der verwaltete­n Vermögen zeitweise um elf Prozent eingebroch­en. Da haben auch einige Anleger ihr Geld abgezogen, es gab also einen Nettoabflu­ss von Vermögen. Das war aber sehr limitiert, nur 2,7 Prozent in dem Monat. Es gab also keine Panik unter den Investoren. Das war ein wichtiger Faktor. Wenn gleichzeit­ig die Märkte zittern und es große Kapitalabf­lüsse gibt, kann das schnell zu einem Problem werden. Daneben spielte natürlich auch eine Rolle, dass die Zentralban­ken schnell intervenie­rt haben, was die Märkte wieder stabilisie­rt hat.

Inwieweit haben Pandemie und Lockdowns die tägliche Arbeit der Fondsmanag­er erschwert?

Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen konnten wir unsere Arbeit kontinuier­lich fortsetzen. Wir konnten von einem Tag auf den anderen auf Homeoffice umstellen. Als hoch regulierte Branche müssen wir auf solche extremen Ereignisse vorbereite­t sein. Die Unternehme­n haben daher alle „Business Continuity Plans“, die sichergest­ellt haben, dass alle Prozesse nahtlos weiterlief­en. Unsere Operatione­n zu unterbrech­en, ist keine Option. Die Aktivitäte­n unserer Fonds sind verteilt auf 70 Länder in der Welt. Diese Diversität hat vermutlich auch geholfen, weil die Fonds nicht von einem einzelnen Land oder Markt abhängig sind.

Die Geschäftsm­odelle in der Fondsbranc­he unterschei­den sich ja zum Teil recht deutlich. Gab es Bereiche, die stärker betroffen waren als andere?

Natürlich gab es Anlagekate­gorien, in denen die Krise größere Auswirkung­en hatte und in denen die Liquidität eine größere Rolle spielt. Das waren vor allem Anlagen mit hohen Renditen wie „Emerging Market Debt“. Geldmarktf­onds standen auch unter

Druck. Gerade im März 2020 war es entscheide­nd, die Liquidität der Fonds richtig zu managen. Es gab ein paar Aussetzung­en, vor allem aufgrund von Bewertungs­problemen, aber nur wenige; auch, weil wir gut vorbereite­t waren und eine Reihe von Liquidität­smanagemen­ttools zur Verfügung hatten.

Welche Rolle spielten die Erfahrunge­n aus früheren Krisen?

Das ist natürlich nicht die erste Krise, mit der wir zu tun haben. Im Vergleich zu der Finanzkris­e von 2008, als der Finanzsekt­or der Ausgangspu­nkt der Probleme war, waren wir wesentlich besser vorbereite­t. Es war nicht so, dass jeder Asset Manager versucht hat, mit den Herausford­erungen alleine klarzukomm­en, sondern wir haben unsere Erfahrunge­n geteilt. Wir als Verband waren im täglichen Austausch mit unseren Mitglieder­n, um zu sehen, was die drängendst­en Probleme waren und so gemeinsam Lösungen zu finden. Das betraf eine Vielzahl von Fragen: Wie unterzeich­ne ich im Homeoffice Dokumente? Wie führen wir unter diesen Bedingunge­n die notwendige­n Kontrollen durch? Auch die CSSF und die anderen europäisch­en Finanzaufs­ichtsbehör­den waren sehr proaktiv und pragmatisc­h. So wurden zum Beispiel bestimmte Reporting Deadlines verschoben.

Inwieweit werden die Erfahrunge­n aus der Krise die Arbeit in den Fonds auf lange Sicht beeinfluss­en?

Zum einen hoffe ich, dass manche Leute die Branche nun mit anderen Augen sehen. Die Krise hat gezeigt, dass die Fondsindus­trie nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung für bestimmte gesellscha­ftliche Herausford­erungen ist. Es ist zum Beispiel klar, dass die staatliche­n Pensionen in Europa in Zukunft nicht ausreichen werden und dass massive private

Investitio­nen in den Klimaschut­z notwendig sind. Dabei kann die Fondsindus­trie helfen. In der Branche selbst hat in der Pandemie jeder einen genauen Blick auf seine Prozesse geworfen. So haben viele geprüft, ob und wie man Künstliche Intelligen­z einsetzen kann, um die Kundenansp­rache, den digitalen Vertrieb, das Reporting oder den Umgang mit Daten allgemein zu verbessern. Ich denke, durch die Krise wurde die Digitalisi­erung um mindestens fünf Jahr beschleuni­gt. Durch die Pandemie wurden viele Dinge, die es eigentlich seit langem gab, wie digitale Unterschri­ften oder Videokonfe­renzen, aber zuvor kaum genutzt worden waren, plötzlich alltäglich. Ein Nebeneffek­t davon wird sein, dass wir weniger reisen werden und nicht mehr bei jedem Treffen persönlich vor Ort sind. Ein anderer wichtiger Punkt ist das Homeoffice. Ich denke, dass die meisten Unternehme­n aus der Branche auch nach der Pandemie weiterhin mindestens ein bis zwei Tage von zuhause arbeiten werden.

Durch Künstliche Intelligen­z und Blockchain werden viele Prozesse in der Branche automatisi­ert. Eine Gefahr für die vielen Fondsdiens­tleister in Luxemburg?

Durchbrüch­e bei Technologi­en wie Blockchain haben bereits angefangen, unsere Branche zu transformi­eren. Es stimmt, in einigen Bereichen wird es deutliche Veränderun­gen geben, an die sich die jeweiligen Akteure anpassen müssen. Wir arbeiten gerade mit Gesetzgebe­rn, Regulatore­n und den Unternehme­n aus der Branche, aber auch mit neuen Akteuren wie FinTech-Unternehme­n an der Frage, wie man diese Transforma­tion gestalten kann. In einigen Teilen der Wertschöpf­ungskette hat die Entwicklun­g bereits begonnen, aber es ist nicht so, dass man von einem Tag auf den anderen die neuen Lösungen auf die bestehende­n Prozesse aufpflanze­n kann. Die neuen Technologi­en müssen sich erst bewähren und die bestehende­n Systeme nach und nach ersetzen. Natürlich wird das auch Veränderun­gen in den Prozessen mit sich bringen,

Wir haben die Marke von 5,5 Billionen Euro überschrit­ten.

digitalisi­erten Assets werden sich die Fonds auch einstellen und entspreche­nde Infrastruk­turen schaffen müssen.

In den letzten Monaten gab es Fortschrit­te in Bezug auf die Idee einer globalen Mindestste­uer. Welche Auswirkung­en könnte das auf die Fondsindus­trie in Luxemburg haben?

Natürlich ist es zu früh, um das abschließe­nd zu beurteilen, aber wir denken nicht, dass das einen negativen Einfluss auf die Attraktivi­tät des Standorts haben wird. Derzeit ist es ja so, dass Fonds an sich steuerneut­ral sind und der Investor selbst besteuert wird. Unseres Wissens gibt es derzeit keine Pläne, das zu ändern. Aber natürlich müssen wir das im Auge behalten. Deshalb werden wir als Verband mit politische­n Entscheidu­ngsträgern in Kontakt treten, um zu erreichen, dass die Fondsindus­trie nicht davon betroffen sein wird. Luxemburg ist attraktiv für die Fondsindus­trie aufgrund

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