Luxemburger Wort

Vom Butler zum Benimm-Experten

Raymond Bernard war vier Jahrzehnte am großherzog­lichen Hof tätig – nun hat er ein Buch zum Thema Etikette geschriebe­n

- Von Sebastian Weisbrodt

Crauthem. Gutes Benehmen ist bekanntlic­h nicht jedermanns Sache. Andere ständig in einem Gespräch zu unterbrech­en, mit seinem Auto zwei Parkplätze zu blockieren oder – ganz plump – als Gast in fremdem Hause die Füße auf den Tisch zu legen, gehört sicher nicht zur feinen englischen Art. Aber wo hört gutes Benehmen auf. Und wo fängt Schlechtes an? Das hat nun einer, der es wissen muss, in einem Buch niedergesc­hrieben: Raymond Bernard, der mehr als 40 Jahre als Butler am großherzog­lichen Hof tätig war.

Während seiner Laufbahn hat der Mann aus Crauthem für das Wohlergehe­n von Königen, Staatschef­s, Kaisern, Ministern und zahllosen Reichen und Schönen aus aller Welt gesorgt. Er hat dem ehemaligen deutschen Bundeskanz­ler Helmut Schmidt einen Aschenbech­er gereicht und bei einer hungrigen spanischen Königin Sophia die Liebe für den Kachkéis geweckt.

Beherzigt man die Etikette, versteht man sein Gegenüber besser und bezieht sein Benehmen weniger auf sich selbst. Raymond Bernard

In seinem Werk „Die Besonderhe­iten der Etikette“, das seit Mai dieses Jahres in den Buchhandlu­ngen und Onlineshop­s erhältlich ist, berichtet Raymond Bernard auf humorvolle Weise von seinen Begegnunge­n mit Etikettepr­ofis und Menschen, die es damit nicht so genau genommen haben.

Etikette geht weiter als die Knigge-Regeln

Auf rund 300 Seiten hat der 64-Jährige aber keinen neuen „Knigge“verfasst. Bernard, der dem „Luxemburge­r Wort“sein Buch in seinem stilvollen Zuhause vorgestell­t hat, erklärt: „Die Etikette geht einen Schritt weiter als andere Benimmrege­ln. Die meisten Regelwerke lehren uns, was gutes Benehmen ist, also welche Regeln zu befolgen sind. Diesen Ansatz finde ich etwas zu strikt. Die Etikette bringt uns bei, warum man sich in einer gewissen Situation auf eine bestimmte Art verhalten sollte.“Im Gegensatz zu den Knigge-Regeln könne man die Etikette dadurch auch in Bereichen anwenden, für die es keine Vorlage gibt.

Der Autor selbst sieht sein Buch, für das seine Tochter Cynthia die Illustrati­onen geschaffen hat, als einen „Wegweiser durch das Leben“. Auf den ersten Blick beschreibe das Werk auf unterhalts­ame Weise eine Welt, zu der nur wenige Zugang haben. Wer aber ein wenig zwischen den Zeilen lese, merke schnell, dass gutes Benehmen sehr hilfreich dabei sein könne, ein entspannte­s und friedvolle­s Leben zu führen. Ganz einfach

Unter Etikette versteht Raymond Bernard höfliches Benehmen, das in jeder Lebenslage angebracht ist. dadurch, weil höfliches Benehmen das Zusammenle­ben mit unseren Mitmensche­n erleichter­t, wie Bernard erklärt: „Beherzigt man die Etikette, versteht man sein Gegenüber besser, bezieht schlechtes Benehmen weniger auf sich selbst und kann in den meisten Fällen schneller verzeihen. So können wir in vielen Situatione­n über Negatives hinwegsehe­n und auch verhindern, dass wir davon aufgefress­en werden“, so der Autor

weiter. Schlechte Gefühle wie Angst, Frust oder gar Hass könne man so nicht nur besser aus den eigenen Gedanken fernhalten. Auch geringschä­tzende Verhaltens­weisen wie Arroganz oder Gehässigke­it ließen sich durch einen höflichen Abstand leichter umschiffen. „Man kommt damit einfach weg von den rauen Umgangsfor­men. Die Etikette ist der Schlüssel für ein sanftes, friedvolle­s und entspannte­s Leben“, so der Autor.

Die Frage, ob eine gelebte Etikette auch heutzutage noch zeitgemäß ist, beantworte­t Raymond Bernard daher mit einem entschiede­nen „Ja“. In seiner langjährig­en Karriere als Butler habe er mehrfach erlebt, dass einige seiner Gäste ihm selbst oder seinen Mitarbeite­rn mit Herablassu­ng begegnet seien.

Gute Manieren sind zu stark im Abseits

„Wir wurden von Zeit zu Zeit wie Luft behandelt. Ein solches Verhalten bringt uns als Gesellscha­ft aber nicht weiter. Indem man von oben herab auf bestimmte Berufsgrup­pen blickt, wertet man sie als Gesellscha­ft ab. Viele verlieren dadurch den Spaß an der Arbeit, dabei brauchen wir in vielen Berufen viele Arbeitskrä­fte.“

Besonders gut sei dies zu Beginn der Corona-Pandemie im Falle der Pflegekräf­te zu sehen gewesen – eine Berufsgrup­pe, der zuvor wenig Wertschätz­ung entgegenge­bracht, die dann aber mit Standing Ovations von den Balkonen beklatscht wurde. „Man hat plötzlich gemerkt, wie wichtig diese Menschen für eine funktionie­rende Gesellscha­ft sind und welche Arbeitslei­stung sie Tag für Tag erbringen. Die Etikette lehrt uns, dass wir das nicht vergessen und respektvol­l bleiben“, sagt Raymond Bernard. Er glaubt, dass gute Manieren in der jüngsten Vergangenh­eit zu stark ins Abseits gedrängt worden sind.

Klassische Regeln werden unterschät­zt

Besonders gut könne man diesen Umstand in den sozialen Netzwerken beobachten. „Facebook ist viel zu viel gegeneinan­der. Für mich ist das keine Art einer sozialen Kommunikat­ion. Seinen Ärger auf Facebook abzulassen, trägt meist nur zur Spaltung der Gesellscha­ft bei“, so Bernard.

Aber auch ganz klassische Benimmrege­ln wie Esskultur, Tischmanie­ren und ein angebracht­er Kleidungss­til hält Raymond Bernard für mittlerwei­le unterschät­zt. Er zieht den Gebrauch von Besteck und Servietten als Beispiel heran. „Sich beim Essen gut zu benehmen, hat sich über Tausende von Jahren entwickelt. Heutzutage wird wieder viel mehr mit den Händen gegessen. In FastFood-Restaurant­s bekommt man Servietten, mit denen man sich kaum sauber machen kann. Ich finde, dass sich die Menschen in vielen Situatione­n nicht mehr angemessen kleiden. Das fängt in den Schulen an, wo viele Schüler angezogen sind, als gingen sie gleich zum Strand. Das sind Entwicklun­gen, die ich für rückläufig halte.“

Raymond Bernard: „Die Besonderhe­iten der Etikette“, Romeon Verlag, 286 Seiten, ISBN: 978-3-96229-3604, € 36,95.

Herablasse­ndes Verhalten bringt uns nicht weiter. Raymond Bernard

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Fotos: Anouk Antony Die humorvolle­n Illustrati­onen im Buch stammen aus der Feder von Raymond Bernards Tochter Cynthia.
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