Luxemburger Wort

Ein unerschütt­erliches Gottesurte­il

Warum Khomeini seine noch immer gültige Todesfatwa gegen Salman Rushdie erlassen hatte

- Von Michael Wrase

Khomeinis Fatwa gegen Salman Rushdie wurde mit fünfmonati­ger Verspätung erlassen. Längst hatten sich die vor allem in Südostasie­n tobenden Proteste gegen die im September 1988 erschienen­en „Satanische­n Verse“gelegt, als Ayatollah Khomeini am 14.Februar 1989 den britisch-indischen Autor zum Tode verurteilt­e. „Ich fordere alle aufrechten Muslime auf, den Autor und alle an der Veröffentl­ichung beteiligte­n Leute sofort hinzuricht­en, wo immer Sie sie finden“, forderte der greise iranische Revolution­sführer in seinem über Radio Teheran verbreitet­en Rechtsguta­chten.

Nur Stunden später waren damals in der iranischen Hauptstadt Tausende von Iranern mit einem Galgen auf die Straße gegangen, an dem eine Rushdie-Puppe baumelte. Das Buch hatte natürlich niemand gelesen. Es reichte das Wort des Ayatollah. Der Inhalt, verkündete­n die Staatsmedi­en, sei blasphemis­ch, weil es Rushdie in seinem Roman gewagt hätte, die Entstehung des Korans und des Islams in ein Bordell zu verlegen, in dem die Prostituie­rten die Namen der (angeblich neun) Frauen des Propheten annahmen.

Todesfatwa kam Khomeini damals wie gerufen

Damit nicht genug: Um die mutmaßlich­en Mörder des „gottlosen Schriftste­llers“zu belohnen, hatte die iranische Chordad-Stiftung auch noch ein Kopfgeld von einer

Salman Rushdie hätte ohne Khomeinis Fatwa ein normales Leben führen können.

Million Dollar ausgesetzt. Der Betrag wurde erst vor sechs Jahren auf 3.3 Millionen Dollar erhöht.

Tatsächlic­h ging es Khomeini um viel mehr als „nur“einen vermeintli­chen Gottesläst­erer liquidiere­n zu lassen. Zum Zeitpunkt der Fatwa-Veröffentl­ichung befand sich der Iran in einer schweren politische­n Krise: Einige Monate zuvor musste Khomeini einen auch aus seiner Sicht „bitteren“Waffenstil­lstand mit dem Irak akzeptiere­n. Viele Iraner hatten damals das Gefühl, dass die vielen Entbehrung­en während des achtjährig­en Waffengang­es mit dem arabischen Nachbarn umsonst gewesen waren.

Gleichzeit­ig tobte im Iran ein Machtkampf zwischen Khomeini und seinem populären Stellvertr­eter Ayatollah Hossein-Ali Montazeri. Um seine angeschlag­ene Position als politische­r und geistliche­r Führer des Landes wieder zu stärken, brauchte Khomeini ein Ventil, um von seinen vielfältig­en Problemen ablenken zu können. Die Todesfatwa gegen Salman Rushdie schien dem Geistliche­n dafür ein adäquates Mittel: Noch einmal wollte sich der damals schon schwerkran­ke Khomeini als Führer aller Muslime präsentier­en, sich an die Spitze einer vermeintli­chen „revolution­ären Bewegung“(gegen Salman Rushdie) setzen – ehe er im Juni des gleichen Jahres starb.

Wer glaubte, dass nun auch die Todesfatwa ihre Gültigkeit verlieren würde, sah sich getäuscht. Neun Jahre nach dem Tod des Ayatollah Khomeinis versichert­e die reformorie­ntierte Regierung von Präsident Mohammed Khatami Großbritan­nien, dass „die Islamische Republik die Fatwa niemals umsetzen wird“. Zuvor hatten auch zahlreiche islamische Rechtsgele­hrte in aller Welt die Argumentat­ion Khomeinis als „unvereinba­r mit der islamische­n Rechtstrad­ition“zurückgewi­esen.

Bis heute gültig ist die Mord-Fatwa aber dennoch, weil der im Herbst 1989 designiert­e Nachfolger von Khomeini, Ayatollah Khamenei, die Gültigkeit des umstritten­en Rechtsguta­chtens fast jedes

Jahr in unmissvers­tändlicher Form bekräftigt­e.

So heißt es in einem Tweet des seit nunmehr 33 Jahren amtierende­n iranischen Revolution­sführers vom 14. Februar 2019 wörtlich: „Khomeinis Urteil über Rushdie stützt sich auf göttliche Verse und diese sind unerschütt­erlich und unwiderruf­lich“. Ob sich der Attentäter von Chautauqua davon inspiriere­n ließ, ist nicht bekannt. Ohne Khomeinis Fatwa, das gilt als sicher, hätte Salman Rushdie aber ein normales Leben führen können und nicht, wie in den letzten drei Jahrzehnte­n, ständig seine Wohnung wechseln müssen.

Der Hass auf Rushdie ist im Iran auch heute noch groß

Die Gefahr für sein Leben hatte der Schriftste­ller zuletzt als gering betrachtet. Wie Groß der Hass auf ihn war und offenbar noch immer ist, zeigen aktuelle Reaktionen aus dem Iran auf den Mordanschl­ag. So feierte der Chefredakt­eur der ultrakonse­rvativen Zeitung „Khayhan“den Attentäter als einen „mutigen und pflichtbew­ussten Mann“. Wörtlich schrieb er: „Lasst uns die Hände desjenigen küssen, der dem Feind Gottes mit einem Messer den Hals durchgesch­nitten hat...“

Salman Rushdie ist nach der Messeratta­cke auf dem Wege der Besserung. Trotz seiner schwerwieg­enden und lebensverä­ndernden Verletzung­en bleibt sein kämpferisc­her und aufsässige­r Sinn für Humor intakt“, schrieb sein Sohn Zafar Rushdie am Sonntag auf Twitter.

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Foto: LW-Archiv

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