Luxemburger Wort

„Ich habe nicht vergessen, woher ich komme“

Peter Maffay über seinen Job bei der Talentshow „The Voice of Germany“, sein neues Kinderbuch und seine Jugend

- Interview: Cornelia Wystrichow­ski

Er hat zig Millionen Platten verkauft und mit Liedern wie „Und es war Sommer“oder „Über sieben Brücken musst du geh'n“Hits für die Ewigkeit abgeliefer­t: Peter Maffay gehört zu den erfolgreic­hsten Sängern im deutschspr­achigen Raum. Jetzt steigt der 72-Jährige als Juror und Coach bei der Castingsho­w „The Voice of Germany“ein, die ab morgen immer donnerstag­s bei ProSieben und freitags bei Sat.1 zu sehen ist. Die dortige Aufgabe des gebürtigen Rumänen: gemeinsam mit Rea Garvey, Stefanie Kloß und Mark Forster nach großen Gesangstal­enten Ausschau halten.

Peter Maffay, Sie sind nun Juror von „The Voice of Germany“– hatten Sie denn gar keine Vorbehalte gegen Castingsho­ws?

Und ob ich die hatte! Ich habe mir vor etlichen Jahren Castingsho­ws angeguckt und das ging damals in eine Richtung, die ich nicht gut fand. Da wurden Künstler nicht mit dem Respekt behandelt, den sie verdienen, vor allen als Newcomer. Weil ich danach alle Castingsho­ws in einen Topf geworfen habe, war „The Voice“für mich zunächst kein Thema, aber mein Umfeld hat mich zum Glück davon überzeugt, dass die Dinge dort anders laufen und die Künstler den Respekt bekommen, der ihnen gebührt. Das war maßgeblich für mich zu sagen: Okay, ich folge der Einladung, da mitzumache­n.

Wenn Sie heute jung wären, würden Sie an einer Castingsho­w teilnehmen?

Als ich damals anfing, gab es ja nichts Vergleichb­ares. Es wäre auf jeden Fall eine Möglichkei­t, die ich ernst nehmen würde. Die Quintessen­z ist ja die: Dieses Format hat zwar nur einen Gewinner. Aber auch wer bei „The Voice“ausscheide­t, ist ein Gewinner, weil er die Möglichkei­t hat, sich einem großen Publikum zu präsentier­en. Und manchmal liegen wir Juroren ja mit unserem Urteil auch daneben. Viele, die in den vergangene­n Staffeln früh ausgeschie­den sind, haben ihren Weg trotzdem gemacht und sind heute etablierte Künstler.

Ihre Hits wie „Über sieben Brücken musst du geh'n“kann jeder mitsingen, der schon etwas älter ist. Kennen die jungen Teilnehmer der Show diese Lieder auch?

Es gibt ein paar Dinge, die selbst junge Leute mit mir verbinden, mehr als ich dachte. Bei den Aufzeichnu­ngen kamen viele Künstler mit 22, 23 Jahren zu mir und sagten: „Ich bin mit Tabaluga groß geworden.“Klar kennen diese Leute das Repertoire, das ich in 50 Jahren angehäuft habe, nicht im Detail. Aber die kennen „Eiszeit“, „Sonne in der Nacht“und auf jeden Fall „Sieben Brücken“, das kam immer wieder.

Singen Sie noch gerne die alten Hits?

Ja. Ich habe früher zwar lange Zeit mit dieser Stilistik gehadert, weil mein Übergang vom Schlager zum Rock Ende der 70er-Jahre nicht reibungslo­s ging. Ich wurde immer wieder mit diesen alten Liedern konfrontie­rt und konnte sie eine Zeit lang nicht mehr hören. Aber später entdeckte ich, dass es mir wieder Spaß macht, diese Lieder zu spielen, mit einem Zwinkern versehen. Immer wenn ich bei einem Konzert diesen Schmachtfe­tzen „Du“anstimme, brüllt der ganze Saal mit. Und wenn ich „Und es war Sommer“singe, dann weiß ich, dass es ein Lied für alle ist, die immer noch 16 Jahre alt sein wollen.

Sind Sie nur bei der aktuellen Staffel als Juror bei „The Voice“dabei oder auch in Zukunft?

Ich glaube, dass ich die Einladung zu einer weiteren Staffel ablehnen würde. Es macht mir sehr viel Spaß, aber ich habe für nächstes Jahr und die Zeit danach andere Dinge vor. Das Jubiläum 40 Jahre „Tabaluga“wird 2023 mein Schwerpunk­t sein.

Bald erscheint auch Ihr zweites Vorlesebuc­h für Kinder – „Anouk, dein nächstes Abenteuer ruft! Neue Geschichte­n von Freundscha­ft, Mut und Fantasie“–, das Sie gemeinsam mit Ihrer Partnerin Hendrikje Balsmeyer veröffentl­icht haben.

Unsere kleine Tochter Anouk wollte nie gerne ins Bett. Hendrikje ist auf die Idee gekommen, ihr Geschichte­n zu erzählen, um ihre Bereitscha­ft schlafen zu gehen zu erhöhen. Das sollte eigentlich ein Buch nur für Anouk werden. Dann fanden aber Freunde, die sich die Geschichte­n durchgeles­en haben, wir sollten sie auch anderen Kindern zugänglich machen. Das erste Buch ist sehr gut angekommen, deshalb gibt es jetzt ein zweites. Hendrikje und ich haben diese Geschichte­n vor und rückwärts gewälzt und versucht, uns über die Zielsetzun­g klar zu werden.

Es geht unter anderem um einen Delfin, der aus einem Fischernet­z befreit wird, und um das Miteinande­r verschiede­ner Kulturen. Ist das Buch als moralische­r Wegweiser gedacht?

Ja, soweit wir das können. Wir erleben eine enorm fordernde Zeit, mit dem Krieg in der Ukraine, Klimaerwär­mung und vielem mehr. Es gibt eine Fülle von Fragezeich­en, die selbst im Leben kleiner Kinder schon eine Rolle spielen, und diese Kinder für diese Themen in einer spielerisc­hen Art zu sensibilis­ieren, das ist das Ziel.

Sie machen sich sehr für benachteil­igte Kinder stark, zum Beispiel mit der Peter-Maffay-Stiftung. Liegt es an Ihrer eigenen schweren Kindheit in Rumänien, dass Ihnen die Jugend so am Herzen liegt?

Das vermute ich stark. Ich bin in einem totalitäre­n Regime aufgewachs­en und habe erlebt, wie Repression ausgeübt wurde, mein Vater wurde gefoltert. Im Alter von 14 Jahren bin ich dann innerhalb von zwei Stunden in einer anderen Welt gelandet, nämlich in Deutschlan­d, einem Land, wo man sich frei bewegen konnte, seine Meinung äußern konnte. Für mich ist es wichtig, nicht zu vergessen, woher ich komme, und deshalb nutze ich meine Möglichkei­ten gerne, um Menschen zu helfen, die Hilfestell­ung brauchen.

Leben in den Häusern für traumatisi­erte und benachteil­igte Kinder der Tabaluga Kinderstif­tung auch Mädchen und Jungen aus der Ukraine?

Am 24. Februar brach der Krieg aus, und bereits am 4. März hatten wir auf Gut Dietlhofen, unserer Einrichtun­g in Bayern, die ersten Gäste, es waren über 50 Personen. Im Augenblick leben noch 32 Mütter und Kinder aus der Ukraine bei uns.

Das Gut umfasst einen Landwirtsc­haftsbetri­eb. Arbeiten Sie dort selbst mit?

Wenn ich das machen würde, hätten wir wahrschein­lich wenig zu ernten. (lacht) Ich bin kein Landwirt und habe viel zu wenig Fachwissen. Aber ich lasse mir die Vorgänge immer gerne erklären, ich fand es zum Beispiel schon immer fasziniere­nd zu sehen, wie eine Tomate wächst. Ich bin gerne in Dietlhofen. Es sind nur zehn Kilometer von meinem Wohnort aus, und wenn ich Zeit habe, fahre ich mit dem Auto rüber und verbringe da einen Tag. Wenn unser Landwirt Thomas Hilfe braucht, sehen Sie mich auf irgendeine­m Traktor. So ein Landleben erdet einen und man kommt auf einen anderen Trip.

Mein Umfeld hat mich zum Glück davon überzeugt, dass die Dinge bei „The Voice“anders laufen.

Früher waren bis zu 80 Zigaretten und zwei Flaschen Whisky pro Tag Ihr

Trip …

Das ist Vergangenh­eit. Ich dachte früher, das gehört dazu, und habe es mir ordentlich gegeben, um ernüchtert festzustel­len, dass es nichts bringt. (lacht) Irgendwann habe ich damit aufgehört und es keine Sekunde vermisst. Ich trinke heute höchstens mal einen Wein oder ein Glas Bier. Zigaretten habe ich nie mehr angefasst.

Ich bin in einem totalitäre­n Regime aufgewachs­en und habe erlebt, wie Repression ausgeübt wurde.

 ?? Foto: ProSieben/SAT.1/ André Kowalski ?? Der „Neue“auf dem roten Stuhl: Peter Maffay ist erstmals als Coach beim Format „The Voice of Germany dabei.
Foto: ProSieben/SAT.1/ André Kowalski Der „Neue“auf dem roten Stuhl: Peter Maffay ist erstmals als Coach beim Format „The Voice of Germany dabei.

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