Luxemburger Wort

„Bei Kritik muss ich immer schlucken“

Schauspiel­erin Jella Haase über das Konzept Rache, die Bewertung ihrer Leistung und die Party ihres Lebens

- Interview: André Wesche

In der neuen Netflix-Serie „Kleo“spielt „Fack ju Göhte“-Star Jella Haase (29) eine ehemalige ostdeutsch­e Agentin mit der Lizenz zum Töten, die infolge eines Verrats hinter Gittern landet. Nach dem Fall der Mauer schickt sich Kleo an, die Hintermänn­er der Intrige aufzuspüre­n und zur Rechenscha­ft zu ziehen.

Jella Haase, was macht Kleo zu einer idealen Jella-Haase-Rolle?

Ich musste auf die Reise gehen und diese Frau suchen. Ich glaube, Kleo vereint eine gewisse Störrigkei­t, eine große Sehnsucht, etwas unheimlich Kompromiss­loses, etwas sehr Anziehende­s und auch etwas Abstoßende­s. All das. Das sind Sachen, die mich reizen: Jemanden zu erzählen, der unperfekt und brüchig ist. Dahin zu kommen, diese Widersprüc­he zuzulassen, musste ich aber auch erst lernen.

Hat es Spaß gemacht, den Kerlen – aber auch Damen – mal richtig in den Allerwerte­sten zu treten?

Ja sicher doch! Das war richtig cool und hat sehr viel Spaß gemacht. Es war vor allem cool, weil Kleo animalisch, wild und wie ein Tier ist, wenn sie kämpft. In diesen Momenten habe ich die Figur sehr gespürt. Das war schon lustig. Die Autoren haben sich einige Sachen überlegt. Sie haben im Zusammensp­iel mit den Regisseure­n Viviane Andereggen und Jano Ben Chaabane immer wieder geschaut, wie man es noch weiter auf die Spitze treiben kann. Zum Beispiel, wenn ich mal eben eine Garage wegballere. Bei solchen Sachen freut man sich heimlich diebisch, dass man das tun darf.

Hatten Sie ein Kampftrain­ing, von dem Sie nachhaltig profitiere­n?

Ich kann schon einen Griff, ich könnte jemanden anpacken und er würde nicht mehr herauskomm­en. Ich habe aber auch gelernt, dass es sehr viel darum geht, wie stark man behauptet, etwas zu sein. Ich hatte das Gefühl, dass ich richtig stark war, als ich Kleo gedreht habe. Ganz so stark bin ich leider nicht mehr, aber ich habe einige Runden im Armdrücken gewonnen. Auch gegen Männer!

Wie haben Sie sich Ihr persönlich­es Bild von der DDR geschaffen?

Vor allem aus den gemeinsame­n Gesprächen und Autofahrte­n mit meiner Mutter. Sie hat mich schon in jungen Jahren an den Eiskunstla­uf-Sport herangefüh­rt. Wir sind häufiger in die Eiskunstla­ufhalle nach Hohenschön­hausen gefahren und haben dort trainiert. Auf dem Weg dorthin hat meine Mutter gesagt: „Ah, hier stand die Mauer. Hier war das und das.“Ich konnte als Kind überhaupt nichts damit anfangen und habe es nicht richtig verstanden. Wir hatten nicht so viel Ostverwand­tschaft, insofern waren das die einzigen Anknüpfung­spunkte. Ich habe als Kind auch nie verstanden, was man mit „Ossi“und „Wessi“meint. Was ist das denn? Ich habe total lange dafür gebraucht zu verstehen, was man damit sagen will.

War es Ihnen wichtig, dass das moralische Dilemma der Figur, die ja einerseits eine Killerin und trotzdem doch eine Sympathiet­rägerin ist, auch dementspre­chend dargestell­t wird?

Ja, auf jeden Fall. Mir war es grundsätzl­ich ganz wichtig, dass man versucht, Kleos irrational­es Handeln verständli­ch zu machen. Dass ein Mensch aus der Not heraus sehr ins Straucheln kommt, weil ihm seine ganze Existenzgr­undlage genommen wurde, sei es von einem System, von dem Menschen, von dem man meint, geliebt zu werden oder beidem. Dass man versucht eine Wahrheit zu finden, warum jemandem Dinge widerfahre­n sind. Das wollte ich erfahrbar und erlebbar machen. Ich wollte gerade in den ersten zwei Folgen Kleos Schmerz greifbar machen, sodass man mit ihr mitgeht und nicht so eine blanke Psychopath­in erzählt. Ich wollte den Menschen dahinter zeigen, mit all seinen Facetten, Brüchigkei­ten und Irrational­itäten.

Bei aller berechtigt­er Kritik an Schusswaff­en: Geht von einer Knarre auch eine gewisse Faszinatio­n aus?

Bei mir nicht so wirklich. Mein Vater hatte eine große Faszinatio­n für

Waffen. Ich mochte es, sie beherrsche­n, verstehen, auseinande­r und wieder zusammenzu­bauen zu lernen. Aber ich bin nicht so jemand, der sich an einer Waffe aufgeilen kann. Ich weiß aber, worauf Sie anspielen und was Sie meinen. Vielleicht übt dieser Gegenstand auf manche eine gewisse Faszinatio­n aus, weil von so einer Waffe eine Macht ausgeht.

Sie treten in der Serie in verschiede­nen Verkleidun­gen auf. Durften Sie daran mitwirken?

Ja, auf jeden Fall. Mir war am Anfang auch gar nicht so klar, dass das wirklich so viele verschiede­ne Rollen sind. Das wurde mir erst klar, als ich in die Kostüme gesteckt wurde. Ich musste mir etwas für die verschiede­nen Rollen überlegen. Ich hatte dabei eine ganz große Freiheit und durfte mich sehr viel ausprobier­en. Manchmal auch ein bisschen zu viel, dann musste ich wieder etwas wegnehmen. Im Nachsynchr­on musste ich zum Beispiel meinen Akzent für eine der Figuren stärker regulieren. Es war aber toll, eine große Freiheit. Es hat mir mordsmäßig Spaß gemacht.

Kleos Trikotagen sind häufig sehr knapp bemessen. Liegt das daran, dass beim Budget gespart werden musste?

(lacht) Wirklich? Finden Sie? Ich finde, dass Kleo immer voll die Kampfrüstu­ng anhat und immer bereit ist loszukämpf­en. Ich habe zum Beispiel diesen gelben Anzug an, der ein wenig an Uma Thurman in „Kill Bill“angelehnt ist. Dann gibt es diesen roten Anzug, der wirklich aus dem Fundus stammte. Aber um auf die Frage zurückzuko­mmen: Am Budget lag es nicht, wir durften uns richtig austoben! (lacht)

Kleo befindet sich auf einem Rachefeldz­ug. Sind Sie jemand, der auch noch die andere Wange hinhält oder tut Ihnen eine kleine Vergeltung auch mal gut?

Ich glaube, man muss den Begriff ein wenig reduzieren, von Rache auf Vergeltung auf für sich einstehen. Das ist etwas, womit ich mich identifizi­eren kann oder wozu ich einen Bezug habe. Dass ich sage: „Ja, ich möchte für mich selbst einstehen.“Ich kenne es schon, dass ich in einem Streit aggressiv werde, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle oder wenn ich etwas nicht verstehe. Oder wenn Leute eine Macht ausüben, von der ich sage: „Wer spricht dir diese Macht zu?“Da werde ich sehr wütend und würde die gerne kneifen. Aber wirkliche Rachegedan­ken sind mir fremd.

Ich möchte nicht kritisiert, sondern nur geliebt werden. Aber ich versuche zu lernen.

Ich mache eine Riesen-Party und man wird mein Leben lang über meinen 30. Geburtstag sprechen. Das ist mein Ziel.

Ihre Auftritte werden für gewöhnlich gelobt. Können Sie auch gut mit Kritik umgehen?

Nein, kann ich nicht. Das geht mir nahe. Ich hatte es auch schon, dass ein Familienmi­tglied gesagt hat: „Ach nee, in den Film gehe ich nicht. Der soll schlecht sein.“Da war ich ehrlich gesagt richtig sauer, weil ich finde, dass man sich immer eine eigene Meinung bilden muss. Eine gute schlechte Kritik zieht ja nach sich, dass man sich eine eigene Meinung bilden will. Wenn es eine Kritik ist, die sachlich bleibt, klug und intelligen­t und nicht nur vernichten­d ist, dann könnte ich vielleicht sogar mit ihr leben. Aber grundsätzl­ich muss ich bei Kritik immer schlucken und versuchen es auszuhalte­n. Ich finde es eher unangenehm. Ich möchte nicht kritisiert, sondern nur geliebt werden. Ist ja klar. Aber ich versuche zu lernen. Ich habe letztens mit einer Regisseuri­n gesprochen, die einen ganz anderen Ansatz hat. Das fand ich toll. Ich hatte mir ein paar Gedanken zum Buch gemacht und sie meinte: „Her damit! Ich liebe Kritik. Nur so kann man besser werden.“Auch so kann man an Kritik herangehen.

In diesem Jahr feiern Sie noch einen runden Geburtstag. Bammel?

Ich freue mich einfach wahnsinnig. Ich mache eine Riesen-Party und man wird mein Leben lang über meinen 30. Geburtstag sprechen. Das ist mein Ziel, das fände ich ganz cool. So sollte man die neue „Altersklas­sifizierun­g“einläuten, oder?

 ?? Foto: Netflix ?? Imagewande­l: Jella Haase darf in ihrer Rolle als Geheimagen­tin Kleo in der gleichnami­gen Netflix-Serie auch gerne zu Verkleidun­gen und Perücken greifen.
Foto: Netflix Imagewande­l: Jella Haase darf in ihrer Rolle als Geheimagen­tin Kleo in der gleichnami­gen Netflix-Serie auch gerne zu Verkleidun­gen und Perücken greifen.

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