Luxemburger Wort

Was ist „Kulturelle Aneignung“?

Der neue „Winnetou“-Film befeuert aktuelle Debatten um Unterdrück­ung und Kulturprof­ite

-

Ravensburg/Mexiko-Stadt. „Der junge Häuptling Winnetou“sorgt dieser Tage für ordentlich Aufsehen und erhitzte Gemüter – vor allem in den Sozialen Medien. Der Grund: Die Firma Ravensburg­er hatte entschiede­n, mehrere Kinderbüch­er wegen Rassismus-Vorwürfen aus dem Verkauf zu nehmen. Hunderte Instagram-Nutzer äußerten daraufhin ihr Unverständ­nis und bezichtigt­en die Firma der Zensur oder des Einknicken­s. Daneben gab es auch Unterstütz­ung für die Entscheidu­ng.

Die vor allem für ihre Spiele und Puzzle bekannte Firma aus Ravensburg hatte Mitte August angekündig­t, die Auslieferu­ng der beiden Bücher „Der junge Häuptling Winnetou“zu stoppen und aus dem Programm zu nehmen. In einem Instagram-Post begründete die Firma dies mit dem Feedback der Nutzer, das gezeigt habe, „dass wir mit den Winnetou-Titeln die Gefühle anderer verletzt haben“.

Ein Sprecher von Ravensburg­er teilte am Montag auf Anfrage mit, man habe die Entscheidu­ng sorgfältig abgewogen. Bei den genannten Winnetou-Titeln sei man nach Abwägung verschiede­ner Argumente zu der Überzeugun­g gelangt, dass angesichts der geschichtl­ichen Wirklichke­it, der Unterdrück­ung der indigenen Bevölkerun­g, hier ein „romantisie­rendes Bild mit vielen Klischees“gezeichnet werde. Die Kritik hatte sich zunächst vor allem an der gleichnami­gen Verfilmung entzündet, weil der Film rassistisc­he Vorurteile bediene und eine kolonialis­tische Erzählweis­e nutze. Der Film läuft aktuell auch in den Luxemburge­r Kinos.

Immer wieder ist in der aktuellen Debatte auch von kulturelle­r Aneignung die Rede. Auch Ravensburg­er selbst spricht davon in seinem Instagram-Post: „Unsere Redakteur*innen beschäftig­en sich intensiv mit Themen wie Diversität oder kulturelle­r Aneignung“, heißt es dort. Aber was ist das?

Wem gehört welche Kultur?

Mit kulturelle­r Aneignung ist gemeint, dass Menschen sich einer Kultur bedienen, die nicht ihre eigene ist, zum Beispiel durch Musik oder Bekleidung. Kritisiert wird vor allem, wenn Mitglieder der Mehrheitsg­esellschaf­t sich einzelner Elemente der Kultur einer Minderheit bemächtige­n, sie kommerzial­isieren und aus dem Zusammenha­ng reißen.

Jüngstes Beispiel: In Bern wurde ein Konzert der Band Lauwarm abgebroche­n, weil sich einige Besucher daran störten, dass sie jamaikanis­che Musik spielte und die weißen Mitglieder der Band teils afrikanisc­he Kleidung und Dreadlocks trugen. Zuvor hatte die Bewegung Fridays for Future die weiße Musikerin Ronja Maltzahn, die bei einer Demonstrat­ion in Hannover

auftreten sollte, wegen ihrer Dreadlocks ausgeladen.

Während die Debatte im deutschspr­achigen Raum noch relativ neu ist, tobt sie in den USA schon seit Jahren. Die US-Juristin Susan Scafidi schreibt in ihrem Buch „Who Owns Culture?“aus dem Jahr 2005: „Kulturelle Aneignung, das ist: Wenn man sich bei dem intellektu­ellen Eigentum, dem traditione­llen Wissen, den kulturelle­n Ausdrücken oder Artefakten von jemand anderem bedient, um damit den eigenen Geschmack zu bedienen, die eigene Individual­ität auszudrück­en oder schlichtwe­g: um daraus Profit zu schlagen.“

In Mexiko gibt es nun sogar ein Gesetz, um das zu verhindern. Wer kulturelle­s Erbe ohne Zustimmung reproduzie­rt, kopiert oder imitiert, kann künftig mit hohen Geldstrafe­n oder sogar bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Dadurch soll das kollektive geistige Eigentum der Urvölker geschützt werden, was internatio­nal nicht einfach durchzuset­zen ist. Luxusmodem­arken wie Carolina Herrera und Louis Vuitton sowie globale Fast-Fashion-Ketten hatten zuvor mehrmals die Muster indigener Textilien für ihre Produkte kopiert – ohne Absprache mit den Gemeinden und ohne Zahlung.

Reihe von „Absurdität­en“?

Die deutsche Ethnologin Susanne Schröter findet die Diskussion um kulturelle Aneignung, wie sie derzeit geführt wird, problemati­sch. „Die Skandalisi­erung der kulturelle­n Aneignunge­n weist eine Reihe von Absurdität­en auf. Eine betrifft die Folgen, die sich ergeben, wenn man die geforderte­n Nutzungsbe­schränkung­en zu Ende denkt. Dann müssten bei jedem Gegenstand, jedem Stil, jeder Form kulturelle­n Ausdrucks die Urheber ausfindig gemacht und ihr Gebrauch auf diese Urheber beschränkt werden“, sagt die Professori­n der Frankfurte­r Johann Wolfgang Goethe-Universitä­t.

Kulturelle Aneignung ist für die Wissenscha­ftlerin grundsätzl­ich eher etwas Positives. „Menschen haben stets Dinge von anderen übernommen, wenn sie diese für sinnvoll erachtet haben. Um es auf den Punkt zu bringen, ist die gesamte Menschheit­sgeschicht­e eine Geschichte kulturelle­r Aneignunge­n, ohne die es keine Entwicklun­g gegeben hätte“, sagt Schröter. „Dazu kommt, dass Aneignung stets eine gewisse Wertschätz­ung beinhaltet. Wenn man eine Gruppe von Menschen zutiefst ablehnt, wird man von ihnen nichts übernehmen. In einer Welt, die allein durch die sich beschleuni­gende Globalisie­rung immer vielfältig­er wird, ist kulturelle Aneignung wohl die wichtigste Kulturtech­nik, die ein friedliche­s Zusammenwa­chsen möglich macht.“dpa

 ?? Foto: dpa ??
Foto: dpa
 ?? Foto: Marc Reimann/Leonine Studios/dpa ?? Der Kinderfilm „Der junge Häuptling Winnetou“entfachte eine hitzige Debatte um kulturelle Aneignung.
Foto: Marc Reimann/Leonine Studios/dpa Der Kinderfilm „Der junge Häuptling Winnetou“entfachte eine hitzige Debatte um kulturelle Aneignung.

Newspapers in German

Newspapers from Luxembourg