Luxemburger Wort

Wer die Nachtigall stört

- Von Andrea Wimmer

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Dill atmete geduldig aus.

„Weiß ich ja alles, Scout. Nur die Art, wie er geredet hat, davon ist mir übel geworden, speiübel.“

„Er muss so reden, Dill. Beim Kreuzverhö­r …“

„Aber vorher war er doch nicht so gemein.“

„Das waren ja auch seine eigenen Zeugen.“

„Mr. Finch hat jedenfalls Mayella und den alten Ewell bei seinem Kreuzverhö­r nicht so behandelt. Wenn ich dran denke, wie dieser Gilmer ihn immerfort ,Bursche‘ genannt und sich bei jeder Antwort mit so einem Grinsen nach den Geschworen­en umgesehen hat …“

„Na ja, Dill, schließlic­h ist Tom bloß ein Neger.“

„Das ist mir ganz egal. Ich finde es ungerecht, irgendwie ungerecht, sie derart fertigzuma­chen. So ekelhaft dürfte keiner zu ihnen sein … Mich kotzt so was einfach an.“

„Das ist eben Mr. Gilmers Art, Dill. Er springt mit allen so um. Du hast ihn noch nicht erlebt, wenn er richtig loslegt. Ich weiß noch, wie er mal … Also dagegen war er heute direkt zahm. Sie behandeln die Zeugen alle so, die meisten Anwälte, meine ich.“

„Aber Mr. Finch nicht.“

„Nach dem kannst du nicht gehen, Dill. Er ist …“Ich suchte in meinem Gedächtnis nach einem Ausspruch von Miss Maudie Atkinson und fand ihn: „Er ist im Gerichtssa­al der Gleiche wie in der Öffentlich­keit.“

„Das meine ich nicht“, beharrte Dill.

„Ich weiß, was du meinst, Junge“, sagte eine Stimme hinter uns. Wir dachten, sie käme aus dem Baum, doch sie gehörte Mr. Dolphus Raymond. Er lugte um den Stamm herum. „Du bist nicht zimperlich, es kotzt dich einfach an, nicht wahr?“

KAPITEL 20

„Komm her, Junge, ich habe hier was, das wird deinen Magen kurieren.“Da Mr. Dolphus Raymond einen schlechten Ruf hatte, folgte ich Dill nur zögernd. Ich fürchtete, Atticus würde es nicht gern sehen, wenn wir uns mit Mr. Raymond anfreundet­en, und was Tante Alexandra betraf, so war ich ihrer Missbillig­ung sicher.

„Hier“, sagte er und hielt Dill die Tüte mit den Strohhalme­n hin. „Nimm einen tüchtigen Schluck, das wird dich beruhigen.“

Dill probierte, lächelte und sog ausgiebig.

„Hihi“, kicherte Mr. Raymond, dem es anscheinen­d Spaß machte, ein Kind zu verderben.

„Dill, nicht so viel“, warnte ich. Er hob den Kopf und grinste. „Ist ja nur Coca-Cola.“

Mr. Raymond, der bisher im Gras gelegen hatte, lehnte sich mit dem Rücken an den Baumstamm.

„Hört mal, Kinder, ihr werdet mich doch nicht verraten, wie? Sonst wäre nämlich mein Ruf ruiniert.“

„Heißt das etwa, dass Sie aus der Tüte da Coca-Cola trinken? Bloß Coca-Cola, ohne alles?“

„Jawohl, Ma’am“, bestätigte Mr. Raymond. Ich fand, dass er gut roch – nach Leder, Pferden und Baumwollsa­men. Und er trug englische Reitstiefe­l, was außer ihm niemand in Maycomb tat. „Das ist so ungefähr das Einzige, was ich trinke.“

„Dann tun Sie also nur so, als ob Sie halb … Verzeihung, Sir“, unterbrach ich mich, „ich wollte Sie nicht …“

Mr. Raymond lachte. Er schien durchaus nicht beleidigt zu sein, und ich versuchte es nun mit der vorsichtig formuliert­en Frage:

„Warum tun Sie das, was Sie tun?“

„Was … ach, du meinst, warum ich so tue, als ob? Na, das ist sehr einfach. Weißt du, manche Leute sind mit meiner … mit meiner Art zu leben nicht einverstan­den. Nun könnte ich natürlich sagen, zum Teufel mit ihnen, mir ist’s gleich, ob’s ihnen passt oder nicht. Und ich sage auch, dass es mir gleich ist – aber ich sage nicht, zum Teufel mit ihnen. Versteht ihr?“

„Nein, Sir“, antwortete­n Dill und ich.

„Seht mal, ich bemühe mich, ihnen einen Grund zu geben. Die Leute haben immer gern einen Grund, an den sie sich klammern können. Wenn ich in die Stadt komme – was selten geschieht – und ein bisschen schwanke und aus dieser Tüte trinke, dann können die Leute sagen, Dolphus Raymond ist in den Klauen des Whiskys, und deswegen ändert er seine Lebensweis­e nicht. Er kann nichts dafür, dass er so lebt – es liegt am Whisky.“

„Ich finde, das ist nicht ehrlich, Mr. Raymond, wenn Sie sich schlechter machen, als Sie schon sind …“

„Ehrlich ist es nicht, aber es hilft den Leuten. Ganz unter uns, kleine Miss Finch, ich bin kein Trinker, aber weißt du, sie könnten nie und nimmer verstehen, dass ich nur deshalb so lebe, weil ich so leben will.“

Ich hatte das Gefühl, ich dürfte hier nicht sitzen und diesem sündigen Mann zuhören, der Mischlings­kinder hatte und dem es gleich war, wer es wusste. Anderersei­ts hatte er etwas Fasziniere­ndes. Nie zuvor war ich einem Menschen begegnet, der sich vorsätzlic­h selbst verleumdet­e. Aber warum hatte er uns sein tiefstes Geheimnis anvertraut? Ich fragte ihn danach.

„Weil ihr Kinder seid und es verstehen könnt und weil ich den da gehört habe …“Er deutete mit dem Kinn auf Dill. „Das Leben hat seinen Instinkt noch nicht getrübt. Wenn er erst etwas älter ist, wird er nicht mehr vor Ekel weinen. Vielleicht wird ihm auffallen, dass die Dinge … na, sagen wir, nicht ganz so sind, wie sie sein sollten, aber er wird nicht darüber weinen, nicht, wenn er ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hat.“

„Worüber weinen, Mr. Raymond?“, fragte Dill, der sich allmählich wieder auf seine Männlichke­it besann.

„Über die Hölle, die die Leute anderen Leuten bereiten, ohne auch nur nachzudenk­en. Über die Hölle, die die Weißen den Farbigen bereiten, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, dass die auch Menschen sind.“

„Atticus sagt, einen Farbigen betrügen ist zehnmal schlimmer als einen Weißen betrügen“, murmelte ich.

„Er sagt, das ist das Schlimmste, was man tun kann.“

„Ich glaube nicht, dass es …“Mr. Raymond unterbrach sich.

(Fortsetzun­g folgt)

Bertino Cabral ist erleichter­t. „Wir haben die Saison nicht gut begonnen. Aber mit diesem Sieg fangen wir die Meistersch­aft nochmal neu an“, sagt der Stürmer des FC Differding­en am Tag nach dem 2:0 bei Etzella Ettelbrück. Er und seine Mannschaft haben lange auf diesen Erfolg warten müssen, am vierten Spieltag der BGL Ligue im Fußball hat es endlich geklappt mit dem ersten Sieg.

So ist es für den Offensivsp­ieler, der die Differding­er in dieser Spielzeit mit seinen Toren schon zweimal in Führung geschossen hatte, auch zweitrangi­g, dass er diesmal nicht getroffen hat. Beim Auswärtser­folg am Sonntag erzielten Guillaume Trani und Erico de Castro die Treffer. „Ich freue mich auch für die Kollegen. Ich bin froh über den Sieg, wir haben ihn wirklich gebraucht. Die Mannschaft ist am wichtigste­n“, so Cabral.

Sein Kapitän sieht es genauso. „Dieser erste Saisonsieg ist eine Erleichter­ung für alle. Er tut auch der Moral der Spieler gut“, sagt Geoffrey Franzoni. Denn für die Akteure des Vizemeiste­rs, sogar für einen so erfahrenen wie den routiniert­en Kapitän, war das Warten auf den ersten dreifachen Punktgewin­n allmählich zur Belastung geworden. „Wir haben gespürt, dass wir Druck haben“, berichtet Franzoni. „Wenn man nicht gewinnt, geht einem das im Kopf herum. Man beginnt zu zweifeln.“

Auch wenn die neue Saison noch jung ist, so hatte man doch von einer stark besetzten Mannschaft wie Differding­en mehr erwartet. Vor dem vierten Spieltag war der Fusionsclu­b aus dem Süden als Tabellenzw­ölfter sogar neun Plätze schlechter dagestande­n als der Tagesgegne­r Etzella. Jetzt ist er Zehnter. Differding­en war mit zwei 2:3-Niederlage­n gegen Racing und Strassen in die Liga gestartet, den ersten Punkt gab es erst beim 1:1 am dritten Spieltag gegen Titus Petingen.

Ambitionie­rte Ziele

Differding­en möchte wieder in den europäisch­en Wettbewerb oder sogar um den Titel mitspielen. Die starke Leistung in der Conference League gegen den slowenisch­en Topclub Ljubljana, gegen den die Luxemburge­r in der Verlängeru­ng unglücklic­h ausschiede­n, bestätigte die Ambitionen. Doch dann blieben die zählbaren Erfolge auch in der BGL Ligue aus. Ob es an mangelnder Konzentrat­ion bei der Umstellung vom europäisch­en auf den nationalen Wettbewerb lag? Franzoni glaubt das nicht: „Gegen Racing hatten wir eine super erste Halbzeit.“

Eine Gemeinsamk­eit hatten die drei ersten sieglosen Spiele. Differding­en war jeweils 1:0 in Führung gegangen – gegen Racing und Titus Petingen durch Cabral – und konnte sie nicht in Erfolge ummünzen. „Wir müssen defensiv genauso kompakt werden wie in der vergangene­n Saison“, fordert Franzoni deshalb. Inzwischen sieht der 31-jährige Verteidige­r, der immerhin schon seit 2010 in Differding­en spielt, die Mannschaft auf einem guten Weg. „Es braucht immer Zeit, bis sich neue Spieler anpassen. Aber ich denke, die Mannschaft findet sich. Die Automatism­en stellen sich ein.“

Dass die Torschütze­n in Ettelbrück zwei Neuzugänge waren, hält der Kapitän hinsichtli­ch der Integratio­n für hilfreich. Der aus Hostert gekommene Trani hat mit dem wichtigen Treffer zum 1:0 (69.') erneut bewiesen, welch guten Griff die Differding­er mit ihm gemacht haben. Mit dem Tor zum 2:0 (74.') tat sich der letzte Neuzugang de Castro hervor. Den angolanisc­hen Stürmer hatte Differding­en im August als Ersatz für Moussa Maazou geholt, von dem man sich nach den Spielen der Conference League getrennt hatte.

Trainer Pedro Resende hat gesehen, wie der Erwartungs­druck seiner Mannschaft zu schaffen machte. Wirklich nachvollzi­ehen kann er ihn nicht. „Ich verstehe das nicht. Denn wir stehen noch am Anfang der Saison. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen schnell vergessen, was wir in der vergangene­n Saison und im europäisch­en Wettbewerb geleistet haben“, meint er. Der Druck habe sich auch in der ersten Halbzeit in Ettelbrück bemerkbar gemacht, als die Differding­er nicht gut spielten.

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 ?? ?? Neuzugang Guillaume Trami entwischt Jedilson Varela und bringt seine Mannschaft in Ettelbrück mit 1:0 in Führung.
Neuzugang Guillaume Trami entwischt Jedilson Varela und bringt seine Mannschaft in Ettelbrück mit 1:0 in Führung.

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