Luxemburger Wort

„Optimismus ist die angenehmer­e Variante“

Schauspiel­erin Johanna Wokalek über die Haltung der Gesellscha­ft, ihre Seetauglic­hkeit und den Reiz von Komödien

- Interview: André Wesche

Sie war „Die Päpstin“und verkörpert­e die RAF-Terroristi­n Gudrun Ensslin in „Der Baader Meinhof Komplex“: Schauspiel­erin Johanna Wokalek (47) ist schwerpunk­tmäßig, aber nicht ausschließ­lich, in ernsten Rollen gefragt. In ihrer Mini-Serie „Liberame – Nach dem Sturm“(ab heute 20.15 Uhr im ZDF) brechen einige Freunde zu einem Segeltörn im Mittelmeer auf. Der sorglose Trip findet ein jähes Ende, als man einem völlig überfüllte­n, manövrieru­nfähigen Flüchtling­sboot begegnet.

Johanna Wokalek, eine Serie wie diese ist in erster Linie gute Unterhaltu­ng, sie basiert aber auf bitteren Wahrheiten unserer Gesellscha­ft. Kann ein solcher Mehrwert den Ausschlag geben, dass Sie für eine Rolle zusagen?

Ja. Ich fand es im Drehbuch gut erzählt. Ich habe natürlich mit dem Regisseur Adolfo Kolmerer gesprochen und fand es auch aus seiner eigenen Geschichte heraus sehr schlüssig, dass er diese Serie mit uns erzählen und drehen möchte. Wir leben in einer Zeit, in welcher der Syrien- und der Ukrainekri­eg wüten und damit das Schicksal der Geflüchtet­en zu unserem Thema geworden ist. Diese Serie versucht, davon zu erzählen und uns in diesem Fall die anonyme Zahl von Geflüchtet­en näherzubri­ngen, indem man über Einzelschi­cksale so spricht, dass diese Menschen ein Gesicht bekommen. Das war ausschlagg­ebend dafür, dass ich gesagt habe: „Ich bin dabei!“

Die Hauptfigur­en werden von jetzt auf gleich in eine sehr einschücht­ernde Extremsitu­ation geworfen. Konnten Sie nachvollzi­ehen, dass sie zwischen Vernunft, Ängsten und Gewissen hin- und hergerisse­n sind?

Das konnte ich absolut nachvollzi­ehen. Wir haben uns beim Drehen auch selbst Fragen gestellt: Wie würde ich handeln? Wie würde ich mich in dieser Situation verhalten? Letztlich ist das das Plus der Serie. Sie konfrontie­rt auch den Zuschauer immer wieder mit ebendiesen Fragen.

Die fünf Freunde stehen mit ihren unterschie­dlichen Haltungen sinnbildli­ch für die Positionen, die unsere Gesellscha­ft und Europa zu dem Thema vertritt – wenn man das überhaupt in nur fünf Figuren erfassen kann. Sie zeigen die verschiede­nen Facetten persönlich­er Haltungen in diesem Flüchtling­sdilemma. Das Interessan­te daran, wie Adolfo Kolmerer das zu erzählen versucht, ist, dass er diesen Figuren nicht moralisch wertend begegnet, sondern jeder einzelnen Figur folgt und zeigt, wie sie sich in ihrem persönlich­en Konflikt gegenüber diesen Geschehnis­sen verhält. Das gefällt mir. Er wertet das nicht, er zeigt es uns nur. Er macht es für uns als Zuschauer lebendig. Und wir sind gefragt, sich demgegenüb­er zu verhalten.

Im Nachhinein spricht ein Beteiligte­r davon, man habe „Urlaub auf einem Massengrab“gemacht. Assoziiere­n

Sie mit dem Mittelmeer heute auch den Tod zehntausen­der Flüchtende­r?

Ich glaube, dass wir als Menschen das immer wieder verdrängen. Diese Serie trägt einen Teil dazu bei, uns das wieder bewusst zu machen. Für mich war das Schöne, dass ich mit Kenda Hmeidan, die die junge syrische Mutter spielt, die ihr Kind verloren hat, sehr schöne Begegnunge­n hatte. Ich habe abseits der Dreharbeit­en sehr viel mit ihr gesprochen, auch über ihre persönlich­e Geschichte. Wie sie und ihre Familie aus Syrien gekommen sind, wie sie jetzt versucht, als syrische Schauspiel­erin in Deutschlan­d Fuß zu fassen, wie sie Deutsch lernt, wie sie am Gorki Theater spielt, was uns ähnlich ist und was unsere Unterschie­de sind. Sie ist eine wunderbare Schauspiel­erin, die in Damaskus

ihre Ausbildung gemacht hat. Sich diese Zeit zu nehmen, sich tatsächlic­h zu begegnen und neugierig aufeinande­r zu sein, öffnet viele Türen. Wir sind alle nur Menschen und wir wollen alle nur das eine, nämlich hoffentlic­h zufrieden leben. Diese ganzen Barrieren und Vorurteile entstehen überwiegen­d aus Ängsten, die wir abbauen müssen. Und die bauen sich wunderbar ab, wenn man sich begegnet und miteinande­r spricht. Das ist die Grundvorau­ssetzung für unser aller Miteinande­r: Wir müssen miteinande­r reden.

Man kann kein glückliche­s Leben führen, wenn man sich jeden Tag das ganze Leid und die Ungerechti­gkeiten dieser Welt auf die Schultern legt. Wie gehen Sie mit den Gedanken daran um?

Wir leben momentan in sehr bewegten, aufregende­n, aufwühlend­en und auch beklemmend­en Zeiten. Daher ist es wichtig und notwendig, dass wir uns zum Beispiel in die junge syrische Ärztin, die so viel verloren hat, hineinvers­etzen und versuchen, ihr Schicksal

ansatzweis­e nachzuvoll­ziehen. Das kann dieser Film hoffentlic­h leisten. Was dieser Verlust des Zuhauses, die Zerstörung einer Stadt, die man liebt, in der man groß geworden ist und die Verunmögli­chung der Rückkehr an einen Ort, an den man gerne wieder zurück möchte, bedeuten.

Und die Schwierigk­eit, in einer neuen Sprache und einer ganz anderen Welt anzukommen. Man muss sich ganz neu installier­en.

Die internatio­nalen Flüchtling­sströme werden auch im Zuge der Klimaerwär­mung deutlich zunehmen. Könnten Sie sich vorstellen, Flüchtling­e aufzunehme­n?

Das kann ich so auf die Schnelle nicht sagen. Für einen verabredet­en Zeitraum könnte ich es mir vorstellen. Das Entscheide­nde ist eigentlich: Wenn man sich dazu entschließ­t, muss man sich wirklich darauf einlassen, dass man sich längerfris­tig bindet und sich mitverantw­ortet. Man kann nicht sagen: „Ich kann jetzt aber nicht mehr. Jetzt ist mir alles viel zu viel. Jetzt weg!“Es ist nicht einfach. Schon ein „normales“harmonisch­es Familienle­ben ist eine tägliche Herausford­erung. Man muss sich im Klaren sein, ob das alles belastbar genug ist, um diesen Schritt einzugehen.

Es ist die junge Generation, die in der Serie am ehesten zusammenfi­ndet. Haben Sie große Hoffnungen, dass es die Jugend von heute einmal besser macht als wir?

Ja, natürlich! Ich habe sogar die Hoffnung, dass wieder eine Besinnung und ein Bewusstsei­n einkehren. Sie werden hoffentlic­h merken, dass direkte Kommunikat­ion gefeiert werden muss und etwas ganz Einzigarti­ges ist. Außerdem merken sie dadurch, dass die Absorbieru­ng der eigenen Zeit in die

Es ist schwierig und harte Arbeit, eine Komödie zu drehen.

Sich diese Zeit zu nehmen, sich tatsächlic­h zu begegnen und neugierig aufeinande­r zu sein, öffnet viele Türen.

andere Realität nicht wirklich befriedige­nd ist. Ich verfolge das alles mit großem Interesse und rede viel mit jüngeren Kolleginne­n darüber, die bei Social Media mitmachen. Ich selbst mache das ja gar nicht. Es interessie­rt mich aber, denn es ist eine große Veränderun­g in unserer Gesellscha­ft.

Sind Sie ein optimistis­cher Mensch?

Ja. Ich bin einfach optimistis­ch, weil das die angenehmer­e Variante ist. (lacht)

Ihre Figur in „Liberame“gehört zu zahlreiche­n Ihrer Charaktere, die nicht viel zu lachen haben. Ihr Ausflug in die Komödie mit „Beckenrand Sheriff“wurde mit dem Bayrischen Filmpreis bedacht. Macht das Lust auf mehr?

Ja. Wenn es gut geschriebe­n ist, auf jeden Fall. Es ist schwierig und wirklich harte Arbeit, eine Komödie zu drehen. Es war eine schöne Erfahrung. Es kommt immer darauf an – ob Komödie oder ernsthaft – dass ich Lust auf die Figuren habe. Ich bin aber viel zu neugierig, um mich da festzulege­n. Ich bin neugierig auf diese verschiede­nen Erfahrunge­n und bin auf jeden Fall auch wieder bei Komödien dabei, wenn ich auf die Figur Lust habe. Mir gefällt die Wasserball­trainerin, die wir erfunden haben, weil sie so eigen und ein bisschen ungewohnt komisch ist.

Sind Sie eigentlich seetauglic­h?

Ich bin absolut seetauglic­h und war dankbar dafür. Beim Dreh auf Malta haben aber einige, die regelmäßig auf Schiffen sind, gesagt, die Seekrankhe­it könne einen trotzdem jederzeit überfallen. Ich war schon mal vor vielen Jahren segeln und hatte da bisher noch nie Probleme. Ich bin seetauglic­h! (lacht)

 ?? Foto: ZDF/Christian Huck ?? Die glückliche gemeinsame Zeit auf der „Liberame“im Mittelmeer liegt für Caro Garbe (Johanna Wokalek) und Jan Garbe (Friedrich Mücke) lange zurück.
Foto: ZDF/Christian Huck Die glückliche gemeinsame Zeit auf der „Liberame“im Mittelmeer liegt für Caro Garbe (Johanna Wokalek) und Jan Garbe (Friedrich Mücke) lange zurück.

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