Kann oder darf die Ro­man­fi­gur über­haupt „ab­hau­en“?

Tageblatt (Luxembourg) - - Kultur - Ain­hoa Achu­te­gui schreibt über Me­talep­sen

Letz­tens saß ich in ei­nem tol­len Ju­gend­stück von „TWOF2 & das­collec­tiv“aus Ös­ter­reich. Man sah ei­nen Co­mic-Su­per­hel­den auf der Lein­wand (ein Schau­spie­ler im Li­ves­trea­m­ing aus ei­nem Ne­ben­raum), der aus sei­nem Co­mic zu ent­flie­hen such­te. Der Held sprach sei­ne Schöp­fe­rin an, die auf Zu­schau­er­sei­te saß, weil er das lang­wei­li­ge Co­mic-Le­ben satt­hat­te und in die „rea­le“Welt hin­aus­woll­te. Sei­ne Schöp­fe­rin dach­te aber frei­lich nicht da­ran, ihn frei­zu­las­sen. Sie hat­te die Fi­gur kre­iert, sie war ih­re Schöp­fung und sie ent­schied, was sie zu tun hat­te.

Dass der Au­tor oder die Au­to­rin in­ter­ve­niert, wenn die Haupt­fi­gur ein an­de­res als das vor­ge­se­he­ne Schick­sal le­ben möch­te, ist ein Kunst­griff, den wir min­des­tens seit An­fang des 20. Jahr­hun­derts ken­nen. In sei­nem Werk „Nieb­la“(„Ne­bel“, 1914) lässt der bas­ki­sche Au­tor Mi­guel de Una­mu­no, ein Klas­si­ker der Mo­der­ne, sei­nen Prot­ago­nis­ten Au­gus­to Pé­rez mit ihm als Au­tor ver­han­deln. Au­gus­to möch­te sich nach ei­ner ge­schei­ter­ten Lie­bes­ge­schich­te das Le­ben neh­men; er geht da­her zum Au­tor (Don Mi­guel de Una­mu­no selbst), weil die­ser ei­gent­lich ei­nen an­de­ren Tod für Au­gus­to im Kopf hat. Una­mu­no taucht in sei­ne ei­ge­ne Fik­ti­on ein und wird selbst zur Ro­man­fi­gur. Die­se neue Ro­man­fi­gur ver­an­schau­licht die Got­t­rol­le des all­mäch­ti­gen und all­wis­sen­den Au­tors des Rea­lis­mus und Na­tu­ra­lis­mus des 19. Jahr­hun­derts. Una­mu­no ent­schei­det al­lei­ne, wie und ob sei­ne Fi­gu­ren zu ster­ben ha­ben, und ei­nen Sui­zid hat er nicht vor­ge­se­hen.

Die Wer­ke, die die Ebe­ne der Fik­ti­on und der Me­ta­fik­ti­on mit­ein­an­der ver­mi­schen, sind ei­ne span­nen­de Her­aus­for­de­rung für uns Le­ser und Le­se­rin­nen. Wir lei­den mit Au­gus­to mit, des­sen Schick­sal be­sie­gelt scheint und der ge­gen­über sei­nem Schöp­fer kei­ne Chan­ce hat, und wis­sen den­noch, dass es voll­kom­men ab­surd ist. Die Ju­gend­li­chen im Co­mic-Stück fie­ber­ten mit dem Su­per­hel­den mit, spra­chen mit ihm und feu­er­ten ihn bei sei­ner Frei­heits­su­che an. Sie glaub­ten aber den­noch, dass er es nie­mals oh­ne die Hil­fe der Co­mic­zeich­ne­rin schaf­fen könn­te.

Ro­man­fi­gu­ren, die re­bel­lie­ren und sich ver­selbst­stän­di­gen, ste­hen für die ge­sam­te Kunst und ih­re Ge­schich­te. Je­de „über­le­ben­de“Kunst trennt sich schluss­end­lich von ih­rem Schöp­fer oder ih­rer Schöp­fe­rin und eman­zi­piert sich. In der Re­zep­ti­on kann ein Werk na­tür­lich kon­textua­li­siert wer­den, der oder die Kunst­schaf­fen­de kann Er­klä­run­gen ab­ge­ben, doch das Werk muss (oder wird) für sich selbst ste­hen. So­bald das fer­ti­ge Werk dem Pu­bli­kum ge­zeigt wird, er­langt es sei­ne end­gül­ti­ge Frei­heit. Es wird von je­der Per­son und von je­der Zeit (an­ders) in­ter­pre­tiert, ge­le­sen, ge­liebt, ge­hasst ... egal, wie sehr und ob sein Schöp­fer oder sei­ne Schöp­fe­rin sein „Schick­sal“kon­trol­lie­ren woll­te.

Im Ju­gend­stück schafft die Co­mic­fi­gur üb­ri­gens die Flucht, in­dem sie da­für ein Mäd­chen aus dem Pu­bli­kum als Gei­sel nimmt. Bei Una­mu­no stirbt Au­gus­to Pé­rez noch am Abend nach dem Ge­spräch mit dem Au­tor. Wir er­fah­ren nie, ob er sich das Le­ben neh­men durf­te oder ob er „von oben her­ab“um­ge­bracht wur­de. Um sein Ge­sicht als Au­tor nicht zu ver­lie­ren, lässt uns Una­mu­no im Un­kla­ren ...

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