Al­ten­pfle­ge 2.0

OGBL Vor­trag über die In­dus­tria­li­sie­rung der Be­treu­ung von äl­te­ren Men­schen

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseit­e - Ma­xi­me We­ber

Auch in der Al­ten­pfle­ge greift die Di­gi­ta­li­sie­rung der Ar­beit im­mer mehr um sich – und führt zum Ver­lust des mensch­li­chen Fak­tors. Das ist die Bi­lanz ei­nes Vor­trags.

Auch in der Al­ten­pfle­ge greift die Di­gi­ta­li­sie­rung der Ar­beit im­mer mehr um sich – und führt zum Ver­lust des mensch­li­chen Fak­tors. Das ist die Bi­lanz ei­nes Vor­trags vom Di­plom-Psy­cho­lo­gen Si­mon Groß, der vor Kur­zem vom OGBL in die „Mai­son du peup­le“ein­ge­la­den wur­de. Um Auf­schluss dar­über zu ge­ben, wie die­se In­dus­tria­li­sie­rung ih­ren Ur­sprung nahm, ging Groß zu­nächst ein­mal auf die Ve­rän­de­run­gen ein, die die Al­ten­pfle­ge in den letz­ten Jahr­zehn­ten in Lu­xem­burg durch­lau­fen hat.

Seit der 1999 ein­ge­führ­ten Pfle­ge­ver­si­che­rung sei näm­lich im­mer mehr Geld in den Be­reich ge­flos­sen. Das ha­be wie­der­um ha­be nicht nur für mehr An­ge­bo­te, son­dern auch fun­da­men­ta­le Um­wäl­zun­gen ge­sorgt.

Ei­ne da­von ist die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung der Al­ten­pfle­ge. Lan­ge Zeit war die­se vor al­lem von klei­ne­ren Fa­mi­li­en­be­trie­ben und der Hil­fe von An­woh­nern do­mi­niert ge­we­sen. Mitt­ler­wei­le kön­nen aber Letz­te­re durch die ver­stärk­te Pro­fes­sio­na­li­sie­rung im Feld nicht mehr ein­fach so bei der Pfle­ge von äl­te­ren Men­schen mit­wir­ken, da sie hier­für ent­we­der an­ge­stellt sein oder den Sta­tus ei­nes Eh­ren­amt­li­chen in­ne­ha­ben müs­sen.

Dem­ent­spre­chend drän­gen ver­mehrt grö­ße­re Un­ter­neh­men mit vie­len spe­zia­li­sier­ten Mit­ar­bei­tern auf den Markt, die die Al­ten­pfle­ge durch­ra­tio­na­li­sie­ren. Gab es frü­her noch „All­roun­der“, die sich um die ge­sam­te Pfle­ge ei­nes äl­te­ren Men­schen küm­mer­ten, so wird die Be­treu­ung heut­zu­ta­ge in vie­le ein­zel­ne Teil­leis­tun­gen zer­legt, die von meh­re­ren Pfle­ge­kräf­ten über­nom­men und ab­ge­rech­net wer­den. Hin­ter die­ser fun­da­men­ta­len Än­de­rung steht vor al­lem das Be­dürf­nis, je­ne Zeit, die Pfle­ge­kräf­te mit den Se­nio­ren ver­brin­gen, ge­rech­ter (und vor al­lem kos­ten­ef­fi­zi­en­ter) auf­zu­tei­len.

Die Sum­me all die­ser Teil­leis­tun­gen bei der Pfle­ge von äl­te­ren Men­schen füh­re aber noch längst nicht au­to­ma­tisch zu ei­ner „mensch­li­chen“Pfle­ge, so Groß.

Ganz im Ge­gen­teil so­gar. Für ei­ne hu­ma­ne Pfle­ge be­darf es näm­lich ge­nü­gend Zeit für Ge­sprä­che zwi­schen Pfle­gern und Se­nio­ren. Nur so kann ei­ne Be­zie­hung auf­ge­baut wer­den, die Ver­trau­en und Wär­me im Um­gang mit­ein­an­der schafft. Ge­nau das sei aber im neu­en Sys­tem nicht mehr mög­lich, da Ge­sprä­che nicht als Ar­beits­leis­tung ein­kal­ku­liert und ab­ge­rech­net wer­den kön­nen.

Auch die zu­neh­men­de Di­gi­ta­li­sie­rung ver­schlim­me­re Groß zu­fol­ge die Ent­frem­dung zwi­schen Al­ten­pfle­gern und den von ih­nen be­treu­ten Men­schen. Neue Tech­no­lo­gi­en wer­den näm­lich vor al­lem da­zu be­nutzt, die be­reits be­ste­hen­den Ra­tio­na­li­sie­rungs­pro­zes­se wei­ter zu ver­fei­nern oder gleich gänz­lich neue zu schaf­fen.

So er­mög­li­chen bei­spiels­wei­se ver­schie­de­ne di­gi­ta­le An­wen­dun­gen es den Al­ten­pfle­gern, den Ge­müts­zu­stand ih­rer Pa­ti­en­ten von ih­ren Ge­rä­ten ab­zu­le­sen, oh­ne mit den äl­te­ren Men­schen re­den und sich nach ih­rem Wohl­be­fin­den er­kun­di­gen zu müs­sen.

Ro­bo­ti­sie­rung noch kei­ne Ge­fahr

Im Kon­text der Di­gi­ta­li­sie­rung sprach Groß auch kurz die Ro­bo­ti­sie­rung an. Schenkt man sei­nen Wor­ten Glau­ben, so wird sich der Pfle­ge­be­reich noch nicht all­zu schnell in je­nen ger­ne her­auf­be­schwo­re­nen Phi­lip-K.-Dick-Fie­ber­traum ver­wan­deln, in dem un­zäh­li­ge Se­nio­ren von men­schen­ähn­li­chen Dro­iden Es­sen aus 3D-Dru­ckern ver­ab­reicht be­kom­men, wäh­rend sich vor den To­ren der Pfle­ge­hei­me Mas­sen von ar­beits­lo­sen Se­nio­ren­be­treu­ern aus Fleisch und Blut scha­ren. Bis­lang sei­en Ro­bo­ter im Pfle­ge­be­reich näm­lich nicht mehr als aus­ge­reif­te „Gags“tech­no­lo­gi­scher In­sti­tu­te, wie Groß an­merk­te. Was aber bald schon in Lu­xem­burg Rea­li­tät wer­den kön­ne – wie über­all in Eu­ro­pa – sei ein Man­gel an Pfle­gern. Da­ge­gen hel­fe laut Groß u.a. ei­ne Auf­wer­tung des öf­fent­li­chen An­se­hens des Al­ten­pfle­ger­be­rufs.

In der „Mai­son du peup­le“fan­den sich vie­le In­ter­es­sier­te für den Vor­trag von Si­mon Groß ein

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