Atem­los durch die Nacht

BAYREUTH 2018 Das Ni­veau der Fest­spie­le steigt end­lich wie­der

Tageblatt (Luxembourg) - - Klassik - Alain Steffen

Seit Kat­ha­ri­na Wa­gner und Chris­ti­an Thiele­mann an der Spit­ze der Bay­reu­ther Fest­spie­le ste­hen, hat das sän­ge­ri­sche, mu­si­ka­li­sche und sze­ni­sche Ni­veau deut­lich zu­ge­nom­men. Die Pro­duk­tio­nen wir­ken aus­ge­reif­ter, die Rol­len über­leg­ter und so­mit bes­ser be­setzt. Die Bay­reu­ther Fest­spie­le le­ben wie­der auf. Und es wur­de auch al­ler­höchs­te Zeit. Kat­ha­ri­na Wa­g­ners Ins­ze­nie­rung von Tris­tan und Isol­de hat in die­sem Jahr noch an Kon­se­quenz und In­ten­si­tät zu­ge­legt. Das Ta­ge­blatt war am 16. Au­gust vor Ort und hat die Bay­reu­ther Fest­spie­le ge­nau un­ter die Lu­pe ge­nom­men. Die Wa­gner-Uren­ke­lin liest den Text sehr ge­nau und geht ihn mit psy­cho­ana­ly­ti­schem Fein­ge­fühl an, so­dass die Per­so­nen und ih­re Be­zie­hun­gen zu­ein­an­der aus ei­ner an­de­ren Per­spek­ti­ve be­lich­tet wer­den und plötz­lich in ei­nem ganz neu­en Licht er­schei­nen.

Al­ler­dings blei­ben zwei Schwach­punk­te aus­zu­ma­chen: Die Fol­ter­in­stru­men­te des zwei­ten Ak­tes wir­ken eher peinlich als zwin­gend und blei­ben ins­ge­samt sehr as­so­zia­ti­ons­arm und dem­nach un­be­droh­lich. Am Schluss­kampf des drit­ten Ak­tes sind so man­che Re­gis­seu­re ge­schei­tert; auch Kat­ha­ri­na Wa­gner, die die Sze­ne sehr sta­tisch in­sze­niert, fin­det kei­ne wirk­lich über­zeu­gen­de Lö­sung.

Mu­si­ka­lisch wird der Zu­hö­rer an die­sem Abend des 16. Au­gust re­gel­recht ver­wöhnt. Chris­ti­an Thiele­mann – und das hat­te man schon bei sei­nem Lo­hen­grin ge­merkt – ist als Wa­gner-In­ter­pret durch­aus ge­reift. Klang sein Tris­tan noch vor ei­ni­gen Jah­ren zwar span­nend, aber emo­tio­nal vi­el­leicht über­la­den, so di­ri­giert Thiele­mann heu­te qua­si tie­fen­ent­spannt, folgt der Mu­sik und er­reicht ge­ra­de so ei­ne un­ge­heu­re In­nen­span­nung.

Thiele­manns Di­ri­gat be­geis­tert durch sei­ne Aus­ge­wo­gen­heit, nir­gends setzt er auf pla­ka­ti­ve Ef­fek­te, son­dern lässt die Mu­sik aus sich her­aus flie­ßen. Dass er den Tris­tan so „ent­spannt“an­ge­hen kann, liegt aber auch an dem Po­ten­zi­al sei­ner Sän­ger. Ste­phen Gould ist ein enorm prä­sen­ter und prä­zi­se sin­gen­der Hel­den­te­nor, der mit Leich­tig­keit die­se mör­de­ri­sche Par­tie, und das ins­be­son­de­re im drit­ten Akt, be­wäl­tigt. Sei­ne schier un­er­schöpf­li­chen Stimm­re­ser­ven er­lau­ben es ihm, auch die ge­fähr­li­chen Pas­sa­gen im Fie­ber­wahn voll aus­zu­sin­gen.

Ihm zur Sei­te ei­ne Isol­de von Welt­rang: Pe­tra Lang hat sich in­ner­halb kur­zer Zeit die Isol­de zu ei­gen ge­macht und stellt sie als ei­ne per­sön­lich­keits­star­ke, ero­ti­sche Frau dar, die den lang­sa­men psy­chi­schen Zu­sam­men­bruch bis hin zur ka­ta­to­nen Er­star­rung glaub­haft ver­mit­telt. Stimm­lich be­sitzt sie al­le Vor­aus­set­zun­gen, ei­ne Jahr­hun­dert-Isol­de zu wer­den.

Auch Ian Pa­ter­son als Kur­wen­al be­geis­tert durch ei­ne stimm­präch­ti­ge und schau­spie­le­risch über­zeu­gen­de Leis­tung. Chris­ta May­er ge­lingt es, aus dem Mau­er­blüm­chen Bran­gä­ne ei­ne in­ter­es­san­te Fi­gur zu ma­chen. Ihr herr­li­cher Mez­zo­so­pran steht in Sa­chen Qua­li­tät den Leis­tun­gen ei­nes Gould, ei­nes Pa­ter­son und ei­ner Lang in nichts nach.

Über­ra­gend wie im­mer: der Bass Ge­org Zep­pen­feld, dies­mal als Kö­nig Mar­ke. Mit die­sem Fün­fer­ge­spann und Chris­ti­an Thiele­mann am Kopf des bes­tens dis­po­nier­ten Fest­spiel­or­ches­ters be­sitzt der Tris­tan 2018 al­le Trümp­fe, um in die Rei­he der le­gen­dä­ren Bay­reu­ther Aben­de auf­ge­nom­men zu wer­den.

Der Abend des Micha­el Vol­le

Bar­rie Ko­s­kys im Pre­mie­ren­jahr um­ju­bel­te Ins­ze­nie­rung der

Meis­ter­sin­ger von Nürnberg

steht heu­er zum zwei­ten Mal vor Ge­richt. Und muss be­ste­hen, genau­so wie die Oper Meis­ter­sin­ger. Und hier nimmt Ko­s­ky kein Blatt vor den Mund. Vor dem Hin­ter­grund ei­ner lie­bens­wert leich­ten Ko­mö­die vol­ler wun­der­ba­rer Mu­sik stellt er das Werk und da­mit Wa­gner auf den Prüf­stand. Er hin­ter­fragt die his­to­ri­sche Be­deu­tung. Eben­so spürt Ko­s­ky der Ju­den­fra­ge auf eher un­ge­wöhn­li­che Wei­se nach und bringt den Zu­schau­er da­zu, dass ihm ne­ben vie­len Slap­stick-Ein­la­gen und wun­der­ba­rem Hu­mor auch re­gel­mä­ßig das La­chen im Hal­se ste­cken­bleibt.

Laut Ko­s­ky ist ein Beck­mes­ser „ei­ne Fran­ken­stein-Krea­tur, zu­sam­men­ge­flickt aus al­lem, was Wa­gner hass­te: Fran­zo­sen, Ita­lie­ner, Kri­ti­ker, Ju­den. (…) Er ist ein Dieb, er ist gie­rig, er ist un­fä­hig, zu lie­ben, un­fä­hig, wah­re Kunst zu ver­ste­hen, er raubt deut­sche Frau­en, er stiehlt deut­sche Kul­tur, er stiehlt deut­sche Mu­sik.“(aber hat Richard Wa­gner vie­les da­von nicht auch ge­tan?) Und trotz­dem. Beck­mes­ser bleibt an sich ei­ne lie­bens­wer­te, ja re­spekt­vol­le Fi­gur und ist ei­gent­lich in je­der Auf­füh­rung ein ab­so­lu­ter Pu­bli­kums­lieb­ling. Oft ist es ge­ra­de Beck­mes­ser, der am En­de der Vor­stel­lung den meis­ten Ap­plaus ern­tet.

Das war aber bei un­se­rer Vor­stel­lung vom 17. Au­gust nicht so, denn der Abend ge­hör­te ein­zig und al­lei­ne Micha­el Vol­le und sei­ner gran­dio­sen Sachs-Darstel­lung. Seit John Tom­lin­son als Wo­tan/Wan­de­rer in Har­ry Kup­fers le­gen­dä­rem Ring hat man auf der Bay­reu­ther Büh­ne kei­ne der­ar­ti­ge Sän­ger­prä­senz mehr er­lebt. Mit vo­lu­mi­nö­sem Ton, ex­pres­si­ver Ges­tik und ei­ner Stim­me, de­ren Kraft nie zu ver­sie­gen droh­te, selbst nicht im zwei St­un­den dau­ern­den drit­ten Akt, ließ er das Pu­bli­kum an ei­ner ein­ma­li­gen Dar­bie­tung teil­ha­ben. Der Rest der Sän­ger­crew, mit Aus­nah­me der blas­sen und (von der Re­gie ge­wollt) deut­lich zu rei­fen Eva von Emi­ly Ma­gee, be­weg­te sich eben­falls auf Top­ni­veau.

Jo­han­nes Mar­tin Kränz­le war ein herr­li­cher Beck­mes­ser, Klaus Flo­ri­an Vogt be­geis­ter­te wie im­mer mit sei­nem sehr leich­ten, ju­gend­li­chen Te­nor und sei­nem stil- und ge­schmack­vol­len Ge­sang, Da­ni­el Beh­le war ein sehr männ­li­cher Da­vid mit un­heim­lich viel St(r)ahl­kraft in der Stim­me, Wieb­ke Lehm­kuhl die wohl bes­te Mag­da­le­na der letz­ten Jahr­zehn­te und Gün­ther Groiss­böck ein stimm­ge­wal­ti­ger Veit Po­gner.

Phil­ip­pe Jor­dan di­ri­gier­te das Fest­spiel­or­ches­ter mit leich­ter Hand, wun­der­ba­rer Durch­sich­tig­keit und war mit sei­nem sän­ger­freund­li­chen Di­ri­gat dem En­sem­ble ei­ne wirk­li­che Stütze. Der Fest­spiel­chor un­ter Eber­hard Fried­richs Ein­stu­die­rung war wie im­mer ein pu­res Er­leb­nis.

Do­m­in­gos Wal­kü­re-De­ba­kel

Dass Pla­ci­do Do­m­in­go in die­sem Som­mer drei­mal Die Wal­kü­re

(aus dem um­strit­te­nen und be­reits aus­ran­gier­ten Cas­torf-Ring) di­ri­gie­ren durf­te, da­mit ha­ben sich we­der die Fest­spie­le noch der Di­ri­gent selbst ei­nen Di­enst ge­tan. Der wohl ge­woll­te Mar­ke­ting-Kunst­griff ging eher nach hin­ten los, denn was Do­m­in­go sich im Orches­ter­gra­ben leis­te­te, das war in kei­nem Mo­ment fest­spiel­wür­dig.

Bes­ten­falls gab es ei­ni­ge Mo­men­te, die nicht stör­ten, wie bei­spiels­wei­se die ers­te Hälf­te des ers­ten Ak­tes oder auch gro­ße Tei­le des zwei­ten, aber Do­m­in­gos brei­ige Tem­pi lie­ßen kaum Dy­na­mik auf­kom­men. Schlimm der hin­kend da­her­kom­men­de Wal­kü­ren­ritt und der völ­lig nichts­sa­gen­de Wo­tans-Ab­schied mit ei­nem ab­so­lut aus­drucks­ar­men Feu­er­zau­ber.

Das Orches­ter selbst spiel­te so gut, wie Do­m­in­go es zu­ließ, aber nir­gends gab es Ak­zen­te, nir­gends gab es wirk­li­che In­nen­span­nung und nir­gends gab es ei­nen trans­pa­ren­ten, dy­na­mi­schen Orches­ter­klang. Dass die meis­ten Sän­ger dann stre­cken­wei­se hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück­blie­ben, ist ein­zig und al­lei­ne Do­m­in­gos Di­ri­gat an­zu­las­ten.

Ste­phen Gould, ein ve­ri­ta­bler (schau­spie­le­risch al­ler­dings be­hä­bi­ger) Hel­den­te­nor, pass­te sich lei­der un­ein­ge­schränkt Do­m­in­gos lang­sa­men Tem­pi an, sang mit be­ein­dru­cken­dem Durch­hal­te­ver­mö­gen, ver­pass­te es aber, mit ei­ner ex­pres­si­ven Darstel­lung glän­zen zu kön­nen, die man sich ei­gent­lich er­hofft hät­te.

Auch die stimm­ge­wal­ti­ge Brünn­hil­de von Ca­the­ri­ne Fos­ter konn­te ihr Ta­lent nicht hun­dert­pro­zen­tig aus­schöp­fen. Genau­so we­nig der stimm­lich sehr at­trak­ti­ve John Lund­gren als Wo­tan, der mit sei­nem schö­nen und eher hel­len Ba­ri­ton an sich ei­ne Ide­al­be­set­zung des Göt­ter­va­ters ist. Dass Do­m­in­go, der Sän­ger, ein­fach nicht merk­te, dass sei­ne lang­sa­men und span­nungs­ar­men Tem­pi die Sän­ger im­mer wie­der ver­hun­gern lie­ßen, war schon ir­gend­wie er­schre­ckend.

Ma­ria Pru­den­ska­ya sang ei­ne über­zeu­gen­de und per­sön­lich­keits­star­ke Fri­cka mit ei­ner an sich sehr schö­nen Stim­me, die nichts mit den kei­fen­den Darstel­lun­gen ge­mein­sam hat­te, die man im der Ver­gan­gen­heit hier oft er­le­ben konn­te. To­bi­as Keh­rer als Hun­ding emp­fahl sich der Fest­spiel­di­rek­ti­on und dem Pu­bli­kum mit sou­ve­rä­nem, sau­be­rem und im­mer si­che­rem Ge­sang so­wie ei­ner ge­sun­den und herr­lich voll klin­gen­den Stim­me.

Die ein­zi­ge Sän­ge­rin, die sich schein­bar nicht um Do­m­in­gos Di­ri­gat küm­mer­te und so­mit er­folg­reich ge­gen die or­ches­tra­le Lan­ge­wei­le an­sang, war An­ja Kam­pe als Sieg­lin­de, die ei­ne in al­len Hin­sich­ten phä­no­me­na­le Leis­tung bot und das an­sons­ten ex­zel­len­te Sän­ger­ensem­ble an­führ­te. Am Schluss gab es ein­hel­li­gen Ju­bel für Wo­tan & Co., wäh­rend Do­m­in­go die zu er­war­ten­den und si­cher­lich ge­recht­fer­tig­ten Buh­ru­fe über sich er­ge­hen las­sen muss­te.

Se­myon Bych­kov de­bü­tiert mit Par­si­fal

Ein wei­te­rer De­bü­tant im Orches­ter­gra­ben war Se­myon Bych­kov, der in die­sem Jahr erst­mals den Par­si­fal in der zu­tiefst hu­ma­nis­ti­schen Aus­le­gung von Uwe Eric Lau­fen­berg di­ri­gier­te. Al­ler­dings kam er mit den akus­ti­schen Ver­hält­nis­sen und der Mu­sik weit­aus bes­ser zu­recht als Pla­ci­do Do­m­in­go am Vor­abend. End­lich klang das Fest­spiel­or­ches­ter so, wie man es ge­wohnt ist, end­lich wa­ren mu­si­ka­li­sche Schön­heit, In­nen­span­nung und Trans­pa­renz wie­der prä­sent.

Bych­kov di­ri­gier­te ei­nen na­he­zu voll­kom­me­nen „Par­si­fal“, bei dem ei­gent­lich al­les stimm­te. Die Sän­ger fühl­ten sich hör­bar wohl und konn­ten auf dem wun­der­ba­ren Klang­tep­pich, den Bych­kov ih­nen aus­leg­te, so ziem­lich al­les ma­chen, was sie woll­ten. Be­son­ders da­von pro­fi­tier­te Andre­as Scha­ger in der Ti­tel­rol­le, der mit sei­nem Ge­sang und sei­ner In­ter­pre­ta­ti­on end­lich die drei­ßig Jah­re an­dau­ern­de Lü­cke wirk­li­cher Par­si­fal-Sän­ger schloss, de­ren Ära Mit­te der 80er Jah­re mit Pe­ter Hof­mann und Sieg­fried Je­ru­sa­lem ihr jä­hes En­de ge­fun­den hat­te.

Gün­ther Groiss­böck war ein stimm­ge­wal­ti­ger, be­we­gen­der Gur­n­emanz und Ele­na Pank­ra­to­va ei­ne stimm­lich im­po­san­te Kund­ry. Tho­mas J. May­er über­zeug­te als ge­quäl­ter Am­for­tas, wäh­rend De­rek Wel­ton be­wies, dass man die Par­tie des Kling­s­ors auch sin­gen und nicht un­be­dingt schrei­en muss. To­bi­as Keh­rer in der klei­nen Rol­le des Ti­tu­rel er­gänz­te das So­lis­ten­en­sem­ble auf höchs­tem Ni­veau.

„Tris­tan und Isol­de“– das klas­si­sche Werk in mo­der­nem Ge­wand in Bayreuth

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