Rausch und Ka­ter

Tageblatt (Luxembourg) - - Klangwelten -

Was ist bloß los mit al­tern­den Bands an­no 2018? Nach­dem Low sich nach 25 Jah­ren neu­er­fun­den ha­ben, bie­ten Sue­de mit „The Blue Hour“ihr ra­di­kals­tes Al­bum seit „Dog Man Star“. Wer frü­her schon we­nig für die Glam­ro­ckHe­do­nis­ten üb­rig hat­te, die den Rausch und den Ka­ter glei­cher­ma­ßen be­sin­gen, wird sich auch jetzt nicht be­keh­ren las­sen. Al­le an­de­ren könn­te die­ses ach­te so­wohl zu­gäng­li­che als auch ex­pe­ri­men­tel­le Al­bum durch­aus be­geis­tern.

Für den heu­ti­gen Be­trach­ter wirkt es we­nig schlüs­sig, dass Sue­de zu­sam­men mit Oa­sis und Blur als Brit­pop-Band ka­te­go­ri­siert wur­den. Die­ses ge­ne­ri­sche Schub­la­den­den­ken schien schon nach den ers­ten zwei Al­ben der Band ab­surd: Da wo Oa­sis und Blur Hym­nen für den bri­ti­schen Mit­tel­stand und die Ar­bei­ter­klas­se der Post-That­cher-Ära schrie­ben, ging es bei Sue­de stets um den Gla­mour und den Rausch, um schwel­ge­ri­schen He­do­nis­mus und bo­den­lo­se Me­lan­cho­lie.

War das selbst­be­ti­tel­te De­büt mit dem an­dro­gy­nen Co­ver die end­lo­se, de­ka­den­te Par­ty, so klang die zwei­te Plat­te „Dog Man Star“(1994) wie der schwüls­ti­ge Ka­ter. Sue­de woll­ten im­mer schon mehr wie Bo­wie, wie T-Rex sein, wur­den nach dem hit­las­ti­gen „Co­m­ing Up“(1996) so be­rühmt, dass am Tag der Ver­öf­fent­li­chung des vier­ten Al­bums „He­ad Mu­sic“(1999) kurz­um sämt­li­che Vir­gin Me­gas­to­res Groß­bri­tan­ni­ens (ja, die gab’s da­mals noch) nach dem Ti­tel der Plat­te um­ge­tauft wur­den.

Dass der fol­gen­de Ab­sturz – Al­bum vier und fünf wag­ten sich in elek­tro­ni­sche („He­ad Mu­sic“, 1999) und pop­pi­ge (das an sich nicht so üb­le „A New Morning“(2002)) Sphä­ren, mit de­nen nie­mand ge­rech­net, auf die aber auch nie­mand ge­war­tet hat­ten – mit dem Ver­falls­da­tum des Brit­pops über­ein­stimm­te, war wie­der­um Zu­fall.

Sue­de, die Mit­te der 90er B-Si­des schrie­ben, die tol­ler wa­ren als die durch­schnitt­li­che Brit­pop-Sing­le, lös­ten sich nach der fünf­ten Plat­te auf, ta­ten sich dann aber nach sie­ben Jah­ren wie­der zu­sam­men und schrie­ben mit „Blood­sports“(2013) ein durch die Bank ge­lun­ge­nes Come­back, ei­ne wei­se­re, dunk­le­re Ver­si­on von „Co­m­ing Up“mit ei­ner fast eben­so gro­ßen Hit­dich­te.

In ei­ner Zeit, in der die Gal­lag­her-Brü­der durch­schnitt­li­che So­lo­plat­ten auf­neh­men, ih­re Kon­zer­te im­mer noch auf den Er­folg von „Won­der­wall“stüt­zen und in der Blur eher aus Zu­fall ei­ne neue Plat­te auf­nah­men, brach­ten Sue­de dann mit „Night Thoughts“(2016) ein zwei­tes Post-Come­back-Al­bum her­aus, wel­ches be­leg­te, dass ih­re Rück­kehr nicht nur als kurz­le­bi­ges Re­vi­val an­ge­dacht war.

Nei­gung zur Kom­ple­xi­tät

Auf „The Blue Hour“lo­ten Sue­de die auf „Night Thoughts“schon lieb­ge­won­ne­ne Nei­gung zur Kom­ple­xi­tät kon­se­quent aus und nah­men Groß­tei­le die­ses Kon­zept­al­bums, das sei­ne Sto­ry um ein ver­schol­le­nes Kind mit Spo­kenWords-Pas­sa­gen, in­stru­men­ta­len In­ter­mez­zi und Sam­ples aus­malt, mit dem Pra­ger Phil­har­mo­nie-Orches­ter auf.

Wer jetzt Bom­bast und Kitsch fürch­tet, hat nicht be­grif­fen, dass es bei Sue­de im­mer schon um die gro­ßen Ges­ten ging. Ope­ner „As One“kommt mit Car­mi­na-Bura­na-Backing-Vo­cals, ei­nem tol­len Riff von Gi­tar­rist Richard Oa­kes und dunk­len Strei­chern wie ein sti­lis­ti­sches Ma­ni­fest ei­ner Band, die nie­man­dem mehr et­was be­wei­sen muss, da­her. „Wa­s­te­lands“ist ein klas­si­sches Pop-Rock-Ju­wel, das ei­nen Track spä­ter mit „Bey­ond The Outs­kirts“wie­der­holt wird, da­zwi­schen gibt es mit „Mis­t­ress“ei­ne schö­ne Bal­la­de. „Cold Hands“klingt ein klein we­nig nach Queen, „Life Is Gol­den“ver­brei­tet un­kit­schi­gen Op­ti­mis­mus zu ei­ner him­mel­jauch­zen­den Me­lo­die, wäh­rend auf In­ter­mez­zi wie „Chalk Cir­cles“oder „Road­kill“der Song­be­griff weit aus­ge­dehnt wird.

Mit dem epi­schen „Ti­des“gibt es ei­nen Track, wie Mat­t­hew Bell­amy von Mu­se ihn nicht mehr zu schrei­ben ver­mag, „Don’t Be Afraid If No­bo­dy Lo­ves You“ist der letz­te In­die-Rock-Ex­kurs der Plat­te, da­nach schließt das Al­bum mit drei ge­lun­ge­nen Songs, auf de­nen die or­ches­tra­len Parts im­mer mehr Ein­zug hal­ten. „The Blue Hour“ist die wei­se, äl­te­re Schwes­ter von „Dog Man Star“, kom­bi­niert wie auf dem frü­hen Meis­ter­werk Popf­lair und Kom­ple­xi­tät. Fragt sich na­tür­lich, wer sich heu­te noch für die Alt­her­ren von Sue­de in­ter­es­siert. Scha­de ei­gent­lich, denn in ih­rem (re­la­ti­ven) Schat­ten­da­sein ha­ben die Bri­ten ei­ne tol­le Plat­te ge­schrie­ben. Jeff Schin­ker

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