Hym­nen für Au­ßen­sei­ter

Tageblatt (Luxembourg) - - Klangwelten -

Wir sa­ßen in ei­nem die­ser ty­pi­schen Re­stau­rants in Ams­ter­dams In­nen­stadt, in de­nen man sich auf An­hieb wohl­fühlt, da sie so­wohl hip als auch ur­ge­müt­lich sind. Es war im Au­gust 2006, was mir nur des­halb so klar in Er­in­ne­rung ge­blie­ben ist, weil wir am Vor­abend die Sto­nes auf ih­rer „For­ty Licks“Tour in der Ams­ter­da­mer Are­na ge­se­hen hat­ten. Mei­ne Freun­de un­ter­hiel­ten

sich an­ge­regt, wäh­rend ich den Rot­wein sanft im Schwen­ker krei­sen ließ. Als ich das Glas hob, um ihn zu kos­ten, hat­te ich ei­ne Be­geg­nung der drit­ten Art. Bil­lie Ho­li­day, 1959 ge­stor­ben, be­gann, Leo­nard Co­hens „Dan­ce Me To The End Of Lo­ve“zu sin­gen. Als Wie­der­auf­er­stan­de­ne, so ließ ich mir we­nig spä­ter er­klä­ren, nen­ne sie sich Ma­de­lei­ne Pey­roux, stam­me aus Geor­gia und ha­be die Al­ben „Dream­land“und „Ca­re­less Lo­ve“ver­öf­fent­licht.

Die Ähn­lich­keit bei­der Stim­men ist ver­blüf­fend. Al­les, was die gro­ße La­dy Day aus­mach­te, ist da: das Tim­bre der Stim­me, das leicht brü­chi­ge Alt, das ver­schlepp­te Ti­ming, die so­ge­nann­ten Glis­san­di, mit de­nen sie die Ton­hö­he rauf- oder run­ter­glei­tet. So­gar den kind­lich-nai­ven Charme ih­res Vor­bilds ver­sprüht die­se Sän­ge­rin.

Auf ih­rem neu­en Al­bum „An­them“– ihr mitt­ler­wei­le ach­tes – hat die 44-Jäh­ri­ge sich al­ler­dings de­fi­ni­tiv aus dem Schat­ten von Bil­lie Ho­li­day ge­sun­gen, be­zie­hungs­wei­se lässt sie die oben be­schrie­be­nen Ge­s­angs­fä­hig­kei­ten nicht so raus­hän­gen. Statt­des­sen hat sie sehr per­sön­li­che Lie­der ge­schrie­ben und sie auf ih­re ganz ei­ge­ne Art ein­ge­sun­gen.

„The­re is a crack in ever­y­thing, that’s how the light gets in“singt sie im Ti­tel­song, er­neut ein Co­hen-Co­ver, dies­mal al­ler­dings der ein­zi­ge nicht selbst ge­schrie­be­ne Song. Auf sub­ti­le Wei­se be­schreibt die­ser die Wech­sel­wir­kung von schö­nen und schmerz­haf­ten Er­fah­run­gen im Le­ben.

„Ich such­te nach Lie­dern“, sag­te die Süd­staat­le­rin in ei­nem In­ter­view mit Deutsch­land­funk Kul­tur, „die vom der­zei­ti­gen Le­ben in Ame­ri­ka er­zäh­len: Lie­der über Ar­mut, Zu­wan­de­rung, in­ne­re Kon­flik­te, see­li­sche Krank­heit. Mei­ne Mu­si­ker und ich nah­men ei­ne sehr fröh­li­che, po­si­tiv klin­gen­de Plat­te auf, wäh­rend wir viel über all die­se schlim­men Din­ge dis­ku­tier­ten.“

Im Stück „The Brand New De­al“, das vom läs­si­gen Groo­ve her stark an Stee­ly Dan er­in­nert, singt Pey­roux von ei­ner gro­ßen Ent­täu­schung und Selbst­täu­schung na­mens Ame­ri­ka und in „All My He­roes“heißt es, all ih­re Hel­den hät­ten sich selbst als Ver­sa­ger ge­se­hen. „An­them“ist ei­ne An­samm­lung em­pa­thi­scher Hym­nen für Au­ßen­sei­ter und ver­meint­li­che Ver­lie­rer, die wie bei John St­ein­beck oder Tom Waits aus der Sicht­wei­se der je­wei­li­gen Prot­ago­nis­ten ge­schil­dert wer­den.

Die Mu­sik, die sich vor al­lem auf Vi­nyl durch ei­nen her­vor­ra­gen­den Sound aus­zeich­net und viel­leicht ei­ne Spur zu glatt da­her­kommt, ist – je nach Stim­mung, die in den ein­zel­nen Lie­dern ver­stärkt wer­den soll – mal jaz­zig, mal blue­sig, mal chan­son­mä­ßig aus­ge­fal­len und be­stä­tigt den Ein­druck, dass es sich bei die­ser Pro­duk­ti­on um ein rund­um ge­lun­ge­nes Al­bum han­delt. Max Gil

MA­DE­LEI­NE PEY­ROUXAn­them

Newspapers in German

Newspapers from Luxembourg

© PressReader. All rights reserved.