„Et kann een net op al­len Hoch­zäi­ten dan­zen ...“

DAS THE­MA WACHS­TUM UND NACH­HAL­TI­GE ENT­WICK­LUNG AUS SICHT DER WAHLPROGRAMME DER PO­LI­TI­SCHEN PAR­TEI­EN

Tageblatt (Luxembourg) - - Forum - „Mou­ve­ment éco­lo­gi­que as­bl.“

Die Woh­nungs­bau­the­ma­tik, die Mo­bi­li­tät und die Bil­dung sol­len ei­ner Um­fra­ge zu­fol­ge die „wahl­ent­schei­den­den“The­men am mor­gi­gen Sonn­tag sein. Es wä­re je­doch ein Trug­schluss zu mei­nen, Wäh­lerIn­nen wür­den an­de­ren ge­sell­schafts­po­li­ti­schen The­men grund­sätz­lich we­ni­ger Be­deu­tung bei­mes­sen! Denn der Teu­fel steckt wie so häu­fig im De­tail: Nach den drän­gen­den Pro­ble­men ge­fragt, ge­ben Men­schen lo­gi­scher­wei­se je­ne an, die sie heu­te ganz di­rekt in ih­rem Le­bens­um­feld be­tref­fen. Bei tie­fer­grei­fen­den Um­fra­gen je­doch und der Fra­ge, wel­che The­men Men­schen grund­sätz­lich als wich­tig er­ach­ten, wer­den in der Re­gel zu­sätz­lich an­de­re Fra­gen in den Fo­kus ge­rückt; und hier vor al­lem auch der Er­halt der na­tür­li­chen Le­bens­grund­la­gen und die Fra­ge „Wéi eng Welt mär ei­se Kan­ner han­ner­loos­sen?“.

Die­se mit­tel- und lang­fris­ti­ge Di­men­si­on der Po­li­tik­ge­stal­tung scheint je­doch, so ei­ne Ana­ly­se des „Mou­ve­ment éco­lo­gi­que“, nur be­grenzt Ein­gang in die Wahlprogramme der Mehr­zahl der Par­tei­en ge­fun­den zu ha­ben. Da­bei er­war­ten die Men­schen von der Po­li­tik, dass sie die grund­sätz­li­chen Wei­chen für die Zu­kunft stellt und sich nicht in Kurz­fris­tent­schei­dun­gen ver­liert.

Dass kei­ne (!) der Par­tei­en die Idee des „Nach­hal­tig­keit­schecks“in ihr Wahl­pro­gramm auf­ge­nom­men hat, stellt in die­ser Hin­sicht ein schlech­tes Omen dar. Es geht da­bei dar­um, al­le we­sent­li­chen Ent­schei­dun­gen von Re­gie­rung und Ab­ge­ord­ne­ten­kam­mer dar­auf­hin zu wer­ten, ob de­ren Aus­wir­kun­gen auch lang­fris­tig sinn­voll und nach­hal­tig sind. Die ak­tu­el­le Re­gie­rung hat­te sich vor­ge­nom­men, ei­nen der­ar­ti­gen Check ein­zu­füh­ren, was je­doch nicht er­folg­te … Stellt sich so­mit im Vor­feld der Wah­len die grund­sätz­li­che Fra­ge: „Gräi­fen d’Par­tei­en den Chal­len­ge ganz kon­kret op, fir eis Ge­sell­schaft no­hal­teg ëm­ze­ge­stal­ten?“oder nicht.

Mehr und mehr Men­schen hin­ter­fra­gen den Wachs­tums­zwang, der im Üb­ri­gen ja ein ent­schei­den­der Fak­tor für die Mo­bi­li­täts­und Woh­nungs­bau­pro­ble­me ist und zu­dem nach­weis­lich nicht da­zu ge­führt hat, die so­zia­le Sche­re in der Ge­sell­schaft zu re­du­zie­ren.

Öko­lo­gi­sche Sack­gas­se

Im­mer mehr Men­schen er­ken­nen eben­falls, dass un­se­re heu­ti­ge Wirt­schafts­wei­se in ei­ne öko­lo­gi­sche Sack­gas­se führt und möch­ten zu­min­dest die Ab­hän­gig­keit un­se­rer Ge­sell­schaft von die­ser Wachs­tums­lo­gik re­du­zie­ren: Der Ver­lust der Bi­o­di­ver­si­tät ist in der Tat auch in Lu­xem­burg er­schre­ckend, die Zer­sied­lung der Land­schaft nimmt wei­ter zu, die Bri­sanz der Kli­ma­pro­ble­ma­tik ist be­kannt … Was sa­gen die Par­tei­en zu die­sen wirk­lich grund­sätz­li­chen Fra­gen?

Die ADR greift zwar mehr­fach die Wachs­tums­fra­ge auf, je­doch scheint es, als ob die ADR vor al­lem die Be­völ­ke­rungs­zu­nah­me the­ma­ti­sie­ren wol­le, we­ni­ger das ge­sell­schaft­li­che Wachs­tums­mo­dell als sol­ches hin­ter­fra­ge. In die­ser Lo­gik macht die ADR auch nur be­grenzt Vor­schlä­ge, wie sich un­ser Wirt­schafts­mo­dell fort­ent­wi­ckeln soll, die Na­tur und Um­welt wer­den schein­bar eher als Stör­fak­tor ge­se­hen (Zi­tat ei­nes Ti­tels: „Na­tur­schutz ou­ni Schi­ka­ne fir Mën­schen a Be­tri­ber“). Die Pi­ra­ten ih­rer­seits grei­fen die öko­lo­gi­sche Kri­se nur am Ran­de auf, oh­ne zu­dem wirk­lich dar­auf ein­zu­ge­hen, wie sie ei­ne Um­ge­stal­tung un­se­res Sys­tems se­hen; als pri­mä­res In­stru­ment wird die Ein­füh­rung ei­nes Grund­ein­kom­mens ge­se­hen. Die KPL for­mu­liert eben­falls kaum grund­sätz­li­che An­re­gun­gen zur The­ma­tik.

„déi gréng“so­wie „déi Lénk“ge­ben an, die na­tür­li­chen Le­bens­grund­la­gen müss­ten den Rah­men un­se­res Han­dels so­wie un­se­rer wirt­schaft­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten dar­stel­len. In­so­fern wä­re, ih­nen zu­fol­ge, un­ser heu­ti­ges Wachs­tums­mo­dell zu hin­ter­fra­gen und das So­zi­al­sys­tem un­ab­hän­gi­ger vom Wachs­tums­zwang zu ge­stal­ten. Bei­de Par­tei­en tre­ten zu­dem da­für ein, die Mach­bar­keit ei­ner nach­hal­ti­gen Steu­er­re­form zu un­ter­su­chen, wel­che den Res­sour­cen­ver­brauch stär­ker be­las­ten wür­de, die Ar­beit we­ni­ger. Ei­ne der­ar­ti­ge Re­form ist die Vor­aus­set­zung schlecht­hin für ein nach­hal­ti­ge­res Wirt­schafts­und Ge­sell­schafts­mo­dell, denn der­zeit wer­den die fal­schen An­rei­ze ge­setzt!

Zur In­for­ma­ti­on: le­dig­lich 5% der staat­li­chen Steu­er­ein­nah­men stam­men aus der Be­steue­rung des Fak­tors Um­welt, über 50% aus der Be­steue­rung des Fak­tors Ar­beit.

Da­mit ist Lu­xem­burg EU-weit Schluss­licht …

Der Kon­kret­heits­grad der An­re­gun­gen, wie un­ser Wirt­schafts­mo­dell um­ge­stal­tet bzw. die Bi­o­di­ver­si­tät er­hal­ten wer­den kann, ist bei bei­den Par­tei­en je­doch eher un­zu­frie­den­stel­lend. Aber im­mer­hin: bei­de Par­tei­en hin­ter­fra­gen das heu­ti­ge Mo­dell und tre­ten für ei­ne ge­sell­schaft­li­che „Tran­si­ti­on“ein.

Die drei gro­ßen Par­tei­en LSAP, DP und CSV ge­ben bei die­ser so wich­ti­gen Zu­kunfts­fra­ge ein eher ge­misch­tes Bild ab. Die LSAP be­kennt sich zu ei­nem ge­wis­sen Grad zum Er­halt der Le­bens­grund­la­gen (wenn auch we­ni­ger ex­pli­zit als die Grü­nen und „déi Lénk“) und be­nennt die Not­wen­dig­keit ei­ner ge­sell­schaft­li­chen Trans­for­ma­ti­on. Wenn es dar­um geht, kon­kre­ter zu wer­den, setzt die Par­tei vor al­lem auf Ef­fi­zi­enz­stei­ge­rung und Di­gi­ta­li­sie­rung, um un­se­re Ge­sell­schaft und Wirt­schaft nach­hal­ti­ger zu ge­stal­ten. Die DP ih­rer­seits führt we­ni­ger ex­pli­zit die Gren­zen un­se­rer na­tür­li­chen Le­bens­grund­la­gen an als die LSAP, setzt aber eben­falls vor al­lem auf tech­ni­sche In­no­va­ti­on, um un­ser Wirt­schafts­sys­tem nach­hal­ti­ger zu ge­stal­ten.

Auch die CSV tritt vor al­lem für tech­ni­sche In­no­va­tio­nen ein, be­kennt sich je­doch nicht aus­drück­lich da­zu, dass die Le­bens­grund­la­gen den Rah­men dar­stel­len und for­mu­liert in die­sem Be­reich von den ge­nann­ten drei gro­ßen Par­tei­en die we­nigs­ten An­re­gun­gen. Ih­re Vor­schlä­ge u.a. zur Er­hal­tung der Bi­o­di­ver­si­tät wer­den dem An­spruch der Er­hal­tung der „Schöp­fung“nicht ge­recht, ja wi­der­spre­chen ihm ge­ra­de­zu. (An­mer­kung: al­le Par­tei­en füh­ren die Kreis­lauf­wirt­schaft an.)

So­zi­al­sys­tem und Wachs­tum

Die­se drei Par­tei­en be­ken­nen sich dem­nach ein­deu­tig zur Not­wen­dig­keit des Wachs­tums, for­dern nur eben ein „qua­li­ta­ti­ve­res“Wachs­tum. Ent­spre­chend fin­den auch kaum Über­le­gun­gen statt, wie dies im De­tail er­fol­gen könn­te bzw. wie un­ser So­zi­al­sys­tem we­ni­ger ab­hän­gig vom Wachs­tum re­for­miert wer­den könn­te. Die Not­wen­dig­keit ei­ner nach­hal­ti­gen Steu­er­re­form wird von ih­nen ent­spre­chend nicht the­ma­ti­siert. Was die Mo­bi­li­täts­po­li­tik an­be­langt, so sind die recht de­tail­lier­ten Vor­schlä­ge fast al­ler Par­tei­en zum Aus­bau des öf­fent­li­chen Trans­por­tes so­wie der ak­ti­ven Mo­bi­li­tät in ih­ren Wahl­pro­gram­men zu be­grü­ßen.

Aber: Die Pro­gram­me vor al­lem von CSV, ADR, Pi­ra­ten so­wie DP (bei der LSAP in et­was min­de­rem Aus­maß) sind, so z.B. die In­ter­pre­ta­ti­on des „Mou­ve­ment éco­lo­gi­que“, von ei­ner höchst pro­ble­ma­ti­schen Dop­pel­stra­te­gie ge­prägt. Wohl­wis­send, dass die staat­li­chen Fi­nanz­mit­tel be­grenzt sind, neue Stra­ßen neu­en Ver­kehr, stei­gen­de Emis­sio­nen und ei­ne wei­te­re Zer­stö­rung von Na­tur und Land­schaft dar­stel­len, for­dern die­se Par­tei­en ei­nen wei­te­ren sys­te­ma­ti­schen Aus­bau des Stra­ßen­net­zes! Hier wird den Men­schen Sand in die Au­gen ge­streut: denn kaum ei­ner glaubt dar­an, dass der Aus­bau des In­di­vi­du­al­ver­kehrs und der­je­ni­ge des öf­fent­li­chen Trans­por­tes über­haupt par­al­lel aus fi­nan­zi­el­ler Sicht mach­bar sind. „Et kann een net op al­len Hoch­zäi­ten dan­zen …“: po­li­ti­sche Wei­chen­stel­lun­gen se­hen an­ders aus!

Die­se grob re­sü­mier­ten Er­kennt­nis­se er­gibt ei­ne de­tail­lier­te Ana­ly­se der Wahlprogramme, die vom „Mou­ve­ment éco­lo­gi­que“er­stellt wur­de un­ter dem Ti­tel „Das The­ma Nach­hal­tig­keit in den Wahl­pro­gram­men 2018“.

Dies nicht nur zur In­for­ma­ti­on al­ler Wäh­lerIn­nen, son­dern auch als ei­ne Be­stands­auf­nah­me des „sta­te of the art“, im Hin­blick auf ei­ne ver­tief­te­re Aus­ein­an­der­set­zung nach dem Wahl­ter­min.

In­ter­es­sen­ten fin­den al­le De­tails – u.a. auch ei­ne Ana­ly­se, in­wie­fern sich die Par­tei­en zur Bür­ger­be­tei­li­gung, der Re­form der In­sti­tu­tio­nen und dem Eh­ren­amt be­ken­nen – auf der In­ter­net­sei­te: www.me­co.lu.

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