Mit Lei­den­schaft und Dis­zi­plin

KUNSTTURNEN Ein Blick auf die bei­den Na­tio­nal­ka­der

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Jen­ny Zey­en

Es hat sich in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten so ei­ni­ges ge­tan im Kunstturnen und die ers­ten Er­fol­ge ha­ben sich be­reits ein­ge­stellt. Ein Be­such beim Trai­ning des Na­tio­nal­ka­ders.

Vor dem Christ­mas Gym Cup, der heu­te und mor­gen in Bet­tem­burg aus­ge­tra­gen wird, be­such­te das Ta­ge­blatt die bei­den Na­tio­nal­ka­der im Kunstturnen beim Trai­ning. Es ist voll am spä­ten Di­ens­tag­nach­mit­tag in der klei­nen Turn­hal­le im „In­sti­tut na­tio­nal des sports“(INS), der Christ­mas Gym Cup des Ré­veil Bet­tem­burg steht vor der Tür, für die lu­xem­bur­gi­schen Tur­ne­rin­nen und Tur­ner zwei­fels­oh­ne ei­nes der High­lights der Sai­son, denn in­ter­na­tio­na­le Wett­be­wer­be im Kunstturnen sind im ei­ge­nen Land in­zwi­schen zu ei­ner Sel­ten­heit ge­wor­den. Dem­ent­spre­chend kon­zen­triert und dis­zi­pli­niert ge­hen die jun­gen Ath­le­ten – der jüngs­te ist ge­ra­de ein­mal zehn Jah­re alt – bei ei­ner ih­rer letz­ten Trai­nings­ein­hei­ten vor die­sem wich­ti­gen Ter­min zu Wer­ke.

Wäh­rend Cé­les­te Mor­den­ti ih­re Cho­reo­gra­fie am Bo­den noch ein­mal durch­geht, ver­su­chen die bei­den an­de­ren Ju­nio­rin­nen, Chi­a­ra Ca­s­tel­luc­ci und Lo­la Schleich, Ele­men­te am Stu­fen­bar­ren und Sprung. Die Se­nio­rin­nen sind hin­ge­gen mit Kraft­übun­gen be­schäf­tigt, so­wohl Au­ré­lie Kel­ler wie auch Mae­va Baum plag­ten sich in den letz­ten Wo­chen mit Ver­let­zun­gen her­um – wäh­rend der Ein­satz von Kel­ler noch frag­lich ist, steht fest, dass Baum heu­te nicht an den Start ge­hen kann. Die Ent­täu­schung, den Wett­be­werb ih­res Hei­mat­ver­eins zu ver­pas­sen, ist sicht­lich groß. „Lei­der ha­be ich mir den Fuß ge­bro­chen und des­we­gen auch die Qua­li­fi­ka­ti­ons­wett­be­wer­be für die EM ver­passt, das ist schon sehr hart. Ich hof­fe, dass ich im neu­en Jahr nun wie­der rich­tig an­grei­fen kann.“

Zum Schluss der Trai­nings­ein­heit schaut auch noch die sechs­te im Bun­de der Mäd­chen, Sho­na Mey­er, vor­bei. An nor­ma­les Trai­ning ist für die Bet­tem­bur­ge­rin zur­zeit je­doch nicht zu den­ken, ih­re Me­nis­kus­ver­let­zung zwingt sie noch im­mer, auf Krü­cken zu­rück­zu­grei­fen, so­mit steht für die 14-Jäh­ri­ge auch ein Ge­spräch mit dem Arzt auf dem Pro­gramm, der den Tur­nern ein­mal in der Wo­che im INS ei­nen Be­such ab­stat­tet. In der an­de­ren Ecke des Rau­mes schlie­ßen die sechs Jungs ihr Trai­ning hin­ge­gen lang­sam ab und ver­su­chen sich noch ein­mal an den Rin­gen, dem Bar­ren und Pau­schen­pferd.

Nicht im­mer trai­nie­ren die Jun­gen und Mäd­chen zu­sam­men, doch an die­sem Tag sind al­le zwölf Ath­le­ten der Na­tio­nal­ka­der da, da­bei gilt es, ge­hö­rig auf­zu­pas­sen und nie­man­dem im Weg zu ste­hen, denn was so­fort auf­fällt: Der Platz ist be­grenzt. Aus­lauf­zo­nen gibt es in den Trai­nings­räu­men näm­lich kei­ne und so ist die In­fra­struk­tur auch ei­ne der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen, mit der sich die bei­den Na­tio­nal­trai­ner Jac­ques Ren­son (Her­ren) und Piotr Kop­c­zyn­ski aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. „Mehr als sechs Tur­ner kön­nen wir ge­ra­de des­we­gen pro Ka­der auch nicht auf­neh­men“, er­klärt der Bel­gi­er Ren­son. „Die Mäd­chen ha­ben nach dem Trai­ning lei­der nur elf Mi­nu­ten Zeit, ih­ren Bus zu be­kom­men. Es wä­re wich­tig, wenn sich das Sys­tem auf die Be­dürf­nis­se der Ath­le­ten ein­stel­len wür­de“, be­dau­ert un­ter­des­sen Kop­c­zyn­ski.

Dass so­wohl im Män­ner- wie auch im Frau­en­be­reich in­zwi­schen wie­der ein Na­tio­nal­ka­der im Ein­satz ist, ist kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit. Nach Que­re­len in­ner­halb des Ver­ban­des lag vor zwei Jah­ren die Ar­beit des Da­menk­a­ders noch kom­plett brach. Nach dem Kar­rie­re­en­de von Sa­scha Pal­gen stand man zu­dem auch bei den Her­ren vor ei­nem gro­ßen Loch, denn ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on stand nicht in den Start­lö­chern. Mit der Wahl des neu­en Vor­stan­des um Gil­bert Fal­set­ti im ver­gan­ge­nen Ok­to­ber wur­de auch wie­der ei­ne neue Struk­tur für die Na­tio­nal­ka­der ent­wi­ckelt.

Schritt für Schritt soll wie­der ei­ne Ba­sis ge­schaf­fen wer­den: „Ich muss sa­gen, dass der neue Vor­stand ei­ne gu­te Ar­beit leis­tet. Mit Gil­les An­d­ring und Ma­non Key­ser sind zwei Per­so­nen für die Ka­der zu­stän­dig, die Ah­nung da­von ha­ben. „Der Ver­band ist über ei­nen stei­len Um­weg wie­der auf den rich­ti­gen Weg ge­kom­men“, fasst Ren­son zu­sam­men.

So steht für das kom­men­de Jahr auch die Grün­dung ei­nes „Cad­re jeu­nes“an, für den die Tests be­reits in der nächs­ten Wo­che statt­fin­den wer­den. Denn um ei­ne kon­stan­te Ba­sis zu schaf­fen, muss auch der Nach­wuchs be­reits früh­zei­tig aus­ge­bil­det wer­den. „Es gibt in Lu­xem­burg sehr vie­le ta­len­tier­te Kin­der, man muss ih­nen nur die Mög­lich­keit ge­ben, ih­re Träu­me zu rea­li­sie­ren“, sind sich die bei­den Trai­ner ei­nig.

Ers­te Er­fol­ge

Zu­dem soll Da­men-Na­tio­nal­trai­ner Kop­c­zyn­ski An­fang des neu­en Jah­res Un­ter­stüt­zung von ei­ner weib­li­chen Kol­le­gin be­kom­men. Auch Jac­ques Ren­son wünscht sich in Zu­kunft ei­nen Kol­le­gen an sei­ner Sei­te: „Mit Oli­ver Wald­bil­lig kommt mir mehr­mals in der Wo­che ein ehe­ma­li­ger Ath­let aus dem Na­tio­nal­ka­der hel­fen. Denn sich al­lei­ne um sechs Tur­ner zu küm­mern ist nicht so ein­fach. Ich hof­fe, dass viel­leicht 2020 hier ein wei­te­rer Trai­ner ein­ge­stellt wird, da­mit man noch bes­ser mit den ein­zel­nen Tur­nern ar­bei­ten kann.“

25 St­un­den in der Wo­che trai­nie­ren die jun­gen Ath­le­ten im INS, al­le, die alt ge­nug sind, be­su­chen so­mit auch das „Sport­ly­cée“. „Es sind aber nicht 25 St­un­den rei­nes Trai­ning. Wir ar­bei­ten eben­falls an der Kon­zen­tra­ti­on, er­klä­ren die Tech­nik. Von ins­ge­samt drei St­un­den sind die Tur­ner rund ei­ne rich­tig in Be­we­gung.“Oh­ne viel Lei­den­schaft und die nö­ti­ge Dis­zi­plin wä­re ei­ne Kar­rie­re im Kunstturnen nicht mög­lich.

Ers­te Er­fol­ge ha­ben sich in die­sem Jahr be­reits ge­zeigt. Drei Ju­nio­rin­nen (Ca­s­tel­luc­ci, Mor­den­ti, Schleich), ein Ju­ni­or (Bran­den­bur­ger) und ei­ne Se­nio­rin (Kel­ler) schaff­ten die Qua­li­fi­ka­ti­on für ih­re ers­te Eu­ro­pa­meis­ter­schaft, die im Som­mer in Glas­gow statt­fand. Der Zu­sam­men­halt un­ter den Tur­nern ist so­mit auch groß: „Es war schon ein rich­ti­ger Glücks­mo­ment, als wir im letz­ten Jahr ge­mein­sam die Qua­li­fi­ka­ti­on für die EM in Glas­gow ge­schafft ha­ben“, meint die Esche­rin Lo­la Schleich. Wenn die jun­gen Tur­ne­rin­nen über ih­re Er­fah­run­gen die­ses Wett­be­werbs re­den, hö­ren sie nicht auf zu strah­len: „Das war al­les ziem­lich be­ein­dru­ckend, die gro­ße Hal­le, die Stim­mung, die gu­te Or­ga­ni­sa­ti­on“, sind sich Ca­s­tel­luc­ci und Mor­den­ti ei­nig. „Ich konn­te Tur­ner li­ve se­hen, die ich mir sonst im­mer im Fern­se­hen oder auf Vi­de­os im In­ter­net an­schaue, das war ei­ne wert­vol­le Er­fah­rung“, er­gänzt Au­ré­lie Kel­ler. Für Bran­den­bur­ger eben­falls ei­ne zu­sätz­li­che Mo­ti­va­ti­on für die kom­men­den Jah­re.

Mor­den­ti und Ca­s­tel­luc­ci ha­ben in­zwi­schen be­reits die Norm für die nächs­te EM er­füllt – dann al­ler­dings bei den Se­ni­ors. Lo­la Schleich träumt hin­ge­gen von ei­ner Teil­nah­me an den Eu­ro­pean Youth Olym­pic Ga­mes im Ju­li in Ba­ku. An­sons­ten steht für die Tur­ner 2019 ein Über­gangs­jahr an, in dem an der Tech­nik und neu­en Ele­men­ten ge­feilt wer­den soll. „Be­reits zwei Mo­na­te, nach­dem ich als Trai­ner an­ge­fan­gen hat­te, stan­den die ers­ten Wett­be­wer­be an. Ei­ne ru­hi­ge­re Pha­se ist für die Tur­ne­rin­nen sehr wich­tig, auch da­mit Ver­let­zun­gen aus­ku­riert wer­den kön­nen“, er­klärt Kop­c­zyn­ski. „In die­sem Jahr steht kei­ne Ju­nio­ren-EM auf dem Pro­gramm, die­se fin­det al­le zwei Jah­re statt. Da bei mir noch kein Se­ni­or-Tur­ner im Ka­der ist, geht es 2019 viel­mehr dar­um, die Sai­son 2020 vor­zu­be­rei­ten und auch den jün­ge­ren Tur­nern im Ka­der, wie Co­lin, Ma­this oder Ro­n­an, die Mög­lich­keit zu ge­ben, Er­fah­run­gen zu sam­meln.“Der Neu­auf­bau trägt lang­sam sei­ne Früch­te und so wird man si­cher­lich in den nächs­ten Jah­ren noch mehr von die­sen Tur­nern hö­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Luxembourg

© PressReader. All rights reserved.