Spa­ni­ens Mon­ar­chie wa­ckelt

MA­DRID Mehr als die Hälf­te der Spa­nier wünscht sich Re­fe­ren­dum über künf­ti­ge Staats­form

Tageblatt (Luxembourg) - - Gesellschaft - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Ralph Schul­ze, Ma­drid

Spa­ni­en fei­ert in die­sen Ta­gen den 40-jäh­ri­gen Ge­burts­tag sei­ner Ver­fas­sung, in der die par­la­men­ta­ri­sche Mon­ar­chie mit Kö­nig Fe­li­pe an der Spit­ze ver­an­kert ist. Doch nicht al­le Spa­nier ju­beln: Das mon­ar­chi­sche Sys­tem ist zu­neh­mend um­strit­ten. Nach ei­ner neu­en Um­fra­ge des spa­ni­schen TV-Sen­ders Sex­ta wün­schen mehr als 50 Pro­zent der Spa­nier ein Re­fe­ren­dum über die künf­ti­ge Staats­form.

„Wo­für brau­chen wir im Jahr 2018 noch ei­ne Mon­ar­chie?“, frag­te pro­vo­zie­rend Pa­blo Igle­si­as, Chef der links­al­ter­na­ti­ven Par­tei Po­de­mos (Wir kön­nen), in ei­nem In­ter­view, das in der Zei­tung El País er­schien. Igle­si­as’ Pro­test­par­tei, die im spa­ni­schen Ab­ge­ord­ne­ten­haus die dritt­größ­te Frak­ti­on formt und in der letz­ten na­tio­na­len Par­la­ments­wahl 21 Pro­zent der Wäh­ler­stim­men er­hielt, re­prä­sen­tiert wie kei­ne an­de­re Par­tei die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on Spa­ni­ens. Bei den jun­gen Spa­ni­ern sind, Mei­nungs­for­schern zu­fol­ge, die Zwei­fel an der Mon­ar­chie am größ­ten.

Es sei im 21. Jahr­hun­dert schwer zu ver­ste­hen, dass der Staats­chef durch Erb­fol­ge und nicht durch ei­ne de­mo­kra­ti­sche Wahl be­stimmt wer­de, feu­er­te Igle­si­as zu­dem per Zei­tungs­ko­lum­ne in dem Blatt El Mun­do. Die his­to­ri­sche Funk­ti­on des Kö­nigs, die die­ser beim Über­gang von der Fran­co-Dik­ta­tur zur De­mo­kra­tie in der 1970er Jah­ren spiel­te, ha­be heu­te ih­ren Sinn ver­lo­ren. In­zwi­schen wer­de das Kö­nigs­haus von vie­len Bür­gern mit un­an­ge­mes­se­nen Pri­vi­le­gi­en und Kor­rup­ti­on in Ver­bin­dung ge­bracht, wet­ter­te Igle­si­as.

Po­de­mos-Ab­ge­ord­ne­te ver­wei­gern den Ap­plaus

Dass Fe­li­pe nicht ihr Kö­nig ist, mach­ten die Po­de­mos-Ab­ge­ord­ne­ten dann auch bei ei­ner Ver­fas­sungs­fei­er­stun­de im Par­la­ment in Ma­drid klar. Als Kö­nig Fe­li­pe und die üb­ri­gen Mit­glie­der des Kö­nigs­hau­ses ins Par­la­ment ein­zo­gen, ver­wei­ger­ten die Links­al­ter­na­ti­ven Ih­rer Ma­jes­tät den tra­di­tio­nel­len Ap­plaus.

Al­ber­to Gar­zón, Chef der Par­tei „Iz­quier­da Un­i­da“(Ver­ei­nig­te Lin­ke), ver­wäs­ser­te der­weil dem Kö­nigs­haus mit ei­ner Straf­an­zei­ge das Ver­fas­sungs­fest: Er wirft dem 80-jäh­ri­gen Juan Car­los, der 2014 nach ei­ner lan­gen Se­rie von Skan­da­len ab­dan­ken muss­te, Kor­rup­ti­on und Steu­er­be­trug vor. Im Som­mer wa­ren Ton­bän­der von Juan Car­los’ frü­he­rer Be­ra­te­rin und Freun­din Co­rin­na zu Sayn-Witt­gen­stein auf­ge­taucht, aus de­nen her­vor­geht, dass der Alt­kö­nig Schmier­gel­der kas­siert, schwar­ze Kon­ten in der Schweiz un­ter­hal­ten und Steuern hin­ter­zo­gen ha­ben könn­te.

Re­prä­sen­tan­ten an­de­rer an­ti­mon­ar­chi­scher Par­tei­en wa­ren aus Pro­test erst gar nicht zur Ver­fas­sungs­fei­er im Par­la­ment er­schie­nen. Zu den Ab­we­sen­den ge­hör­ten et­wa die Ver­tre­ter der bas­ki­schen und ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­par­tei­en, de­ren Fern­ziel die Ab­spal­tung vom Kö­nig­reich ist. „Fe­li­pe ist nicht der Kö­nig der Ka­ta­la­nen“, lau­tet ei­ner der Stan­dard­sprü­che des ka­ta­la­ni­schen Re­gio­nal­prä­si­den­ten Quim Tor­ra. Tor­ra spricht aber nur für die Hälf­te der ka­ta­la­ni­schen Be­völ­ke­rung, die in ein pro­s­pa­ni­sches und ein an­tis­pa­ni­sches La­ger ge­spal­ten ist.

Die Spitzen der drei weit­ge­hend kö­nigs­treu­en Par­tei­en, So­zia­lis­ten, Kon­ser­va­ti­ve und Li­be­ra­le, die et­wa zwei Drit­tel der Man­da­te im spa­ni­schen Par­la­ment in­ne­ha­ben, ver­tei­di­gen der­weil die Mon­ar­chie. Der so­zia­lis­ti­sche Re­gie­rungs­chef Pe­dro Sán­chez, in des­sen Par­tei aber vie­le Re­pu­bli­k­an­hän­ger zu Hau­se sind, sag­te: „Fe­li­pe ist ein Kö­nig sei­ner Zeit.“Er sei ein mo­der­ner Mon­arch und sen­si­bel für die Her­aus­for­de­run­gen des 21. Jahr­hun­derts. Der kon­ser­va­ti­ve Op­po­si­ti­ons­chef Pa­blo Ca­sa­do er­klär­te: „Der Staats­chef er­füllt auf bril­lan­te Wei­se sei­ne kon­sti­tu­tio­nel­le Rol­le.“

84 Pro­zent der Stu­den­ten für die Ab­schaf­fung

Die­se Loya­li­täts­er­klä­run­gen kön­nen nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass das Kö­nigs­haus zu­neh­mend hin­ter­fragt wird. „Die Tage, an de­nen die spa­ni­sche Mon­ar­chie in ei­ner fast per­fek­ten Lie­bes­be­zie­hung mit der Bür­ger­schaft leb­te, sind vor­bei“, glaubt der frü­he­re Chef­re­dak­teur der kon­ser­va­ti­ven Zei­tung El Mun­do, Da­vid Ji­mé­nez. „Die Mon­ar­chie braucht ein Re­fe­ren­dum, um lang­fris­tig ih­ren Fort­be­stand zu si­chern und ih­re de­mo­kra­ti­sche Le­gi­ti­mi­tät zu er­neu­ern“, schrieb Ji­mé­nez in ei­nem Mei­nungs­bei­trag für die New York Ti­mes.

Doch an ein sol­ches Re­fe­ren­dum ist im zer­strit­te­nen Spa­ni­en, wo der Ka­ta­lo­ni­en-Kon­flikt und das Auf­kom­men der rechts­po­pu­lis­ti­schen Par­tei Vox für gro­ße Span­nun­gen sorgt und wo die So­zia­lis­ten­re­gie­rung wa­ckelt, der­zeit nicht zu den­ken. Zu­mal die Sor­ge exis­tiert, dass das Ab­stim­mungs­er­geb­nis kei­nes­wegs ei­ne brei­te Zu­stim­mung für das Kö­nigs­haus aus­drü­cken könn­te. Wohl des­we­gen ver­öf­fent­licht Spa­ni­ens staat­li­ches Mei­nungs­for­schungs­in­sti­tut CIS schon seit Jah­ren kei­ne Stu­di­en mehr zur Ak­zep­tanz der Mon­ar­chie.

Wäh­rend­des­sen or­ga­ni­sier­te Spa­ni­ens jun­ge Ge­ne­ra­ti­on ihr ei­ge­nes Re­fe­ren­dum: An 26 Unis lau­fen der­zeit sym­bo­li­sche „Volks­ab­stim­mun­gen“un­ter den Stu­den­ten. „Bist du da­für, die Mon­ar­chie ab­zu­schaf­fen und ei­ne Re­pu­blik ein­zu­füh­ren?“, lau­tet die Fra­ge. An der gro­ßen Au­to­no­men Uni­ver­si­tät Ma­drids liegt das Er­geb­nis der (nichtre­prä­sen­ta­ti­ven) Be­fra­gung be­reits vor: 84 Pro­zent stimm­ten für das En­de der Mon­ar­chie.

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