Dro­hen­de „Gelb­sucht“auch in Lu­xem­burg?

DIE UN­RU­HEN IN FRANK­REICH ÜBER DIE „ÖKOLOGISIERUNG“DER MO­BI­LI­TÄT SOLL­TEN EI­NE WAR­NUNG FÜR DIE NEUE RE­GIE­RUNG SEIN

Tageblatt (Luxembourg) - - Forum - Ro­bert Go­eb­bels, ehe­ma­li­ges Re­gie­rungs­mit­glied, frü­he­rer Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­ter

Das war ein ge­nia­ler Ein­fall: Weil „Si­cher­heit“das obers­te Ziel un­se­rer Ge­sell­schaft ist, hat der Ge­setz­ge­ber in vie­len Län­dern, so in Lu­xem­burg und Frank­reich, al­len Au­to­fah­rern vor­ge­schrie­ben, „gel­be Wes­ten“an Bord zu ha­ben, um bei Pan­nen oder Un­fäl­len auf den Stra­ßen „sicht­bar“zu sein. In Frank­reich sind die „gi­lets jau­nes“nicht mehr zu über­se­hen. Die gel­ben Wes­ten wur­den um­funk­tio­niert zur Pro­test-Uni­form vie­ler Bür­ger, die ur­säch­lich ge­gen neue Öko-Ta­xen auf Die­sel, Ben­zin und Ma­sut pro­tes­tier­ten. So­wie ge­gen un­ge­nü­gen­de Kauf­kraft, zu nied­ri­ge Ein­kom­men und Ren­ten. Ein so­zi­al­po­li­ti­scher Miss­mut ent­zün­de­te sich, der sich un­ter den Prä­si­den­ten Sar­ko­zy, Hol­lan­de und Ma­cron auf­stau­te.

Man mag die Wut vie­ler Ma­ni­fes­t­an­ten ver­ste­hen, selbst wenn sich Tei­le der Gelb­ja­cken nun­mehr in blin­der Ge­walt und sinn­lo­sen Zer­stö­run­gen aus­to­ben. Die Iro­nie der Ge­schich­te ist, dass die „As­sem­blée na­tio­na­le“ge­ra­de die „fes­sée“, die hand­greif­li­che Züch­ti­gung von Kin­dern, ver­bo­ten hat. Seit­dem prü­geln sich Gelb­ja­cken und Po­li­zei ...

Die Er­eig­nis­se in Frank­reich zei­gen die An­fäl­lig­keit des mo­der­nen Staa­tes ge­gen­über klei­nen Grup­pie­run­gen, die durch Blo­cka­den von Au­to­bah­nen oder selbst nur Kreu­zun­gen die Wirtschaft lahm­le­gen. Un­ter Nut­zung der Gue­ril­la-Tak­tik wer­den blind­wü­ti­ge Zer­stö­run­gen ge­tä­tigt, gar Brand­sät­ze an Schu­len ge­legt. Un­struk­tu­rier­te Ma­ni­fes­ta­tio­nen wie je­ne der Gelb­wes­ten sind leicht von rechts- wie links­ex­tre­men Kräf­ten zu un­ter­wan­dern. Und ge­ra­ten so­mit au­ßer Kon­trol­le.

Die „öko­lo­gi­sche Tran­si­ti­on“

Aus­gangs­punkt der Pro­test­wel­le der Gelb­wes­ten war der Ver­such der Re­gie­rung, die Aus­wir­kun­gen des Stra­ßen­ver­kehrs auf die Um­welt zu re­du­zie­ren. Durch hö­he­re Ta­xen auf Ma­sut, Ben­zin und vor­nehm­lich Die­sel soll­ten die Au­to­fah­rer zu mehr Um­welt­be­wusst­sein er­zo­gen und zum Um­stei­gen auf an­geb­lich sau­be­re Elek­tro­mo­bi­le be­wegt wer­den.

Es ist hier nicht der Platz, die Ra­tio­na­li­tät die­ser Maß­nah­men zu dis­ku­tie­ren. Die­sel hat ei­nen bes­se­ren Brenn­wert als Ben­zin, er­laubt des­halb mehr Ki­lo­me­ter zu fah­ren und we­ni­ger CO2 aus­zu­sto­ßen als ein Ben­zi­ner für die glei­che Stre­cke. Elek­tro­mo­bi­li­tät hat nur ei­ne po­si­ti­ve Bi­lanz, wenn die da­für ge­nutz­ten Ener­gie­quel­len kaum CO2 emit­tie­ren, was ge­gen­wär­tig vor­nehm­lich die ver­pön­te Nu­kle­ar­ener­gie schafft. Über die Um­welt­be­las­tung der für Elek­tro­bat­te­ri­en be­nö­tig­ten Mi­ne­ra­li­en und sel­te­nen Er­den und de­ren Ge­win­nung wird vor­nehm ge­schwie­gen.

Doch der be­trof­fe­ne Bür­ger denkt kaum an das von End­zeitPro­phe­ten her­auf­be­schwo­re­ne „En­de der Welt“. Ihn in­ter­es­siert mehr das „En­de des Mo­nats“, die Lö­cher, wel­che ei­ne pu­ni­ti­ve Öko­lo­gie in die schon ma­ge­ren Ein­kom­men vie­ler Mit­men­schen schlägt.

Frank­reich ist ein dünn be­sie­del­tes Land. Für vie­le Fran­zo­sen ist das ei­ge­ne Au­to über­le­bens­wich­tig. Zu­mal selbst ein viel groß­zü­gi­ge­res An­ge­bot an öf­fent­li­chen Trans­por­ten die Fle­xi­bi­li­tät des ei­ge­nen Wa­gens nicht schla­gen kann.

„De gie­le Gi­let“?

Lu­xem­burg ist klein und über­sicht­lich. Den­noch kön­nen die 600 Ort­schaf­ten des Lan­des nicht mit Bahn, Bus oder Tram so eng ver­bun­den wer­den, dass man bei Be­darf 24 St­un­den am Tag und 7 Tage in der Wo­che über­all hin­kommt.

Die neue Re­gie­rung macht im Ko­ali­ti­ons­pro­gramm eher ob­sku­re An­deu­tun­gen zur Au­to­mo­bi­li­tät: „L’im­po­si­ti­on des pro­du­its pé­tro­liers (car­bu­rant et ma­zout) se­ra ad­ap­té dans le but d’att­eind­re les ob­jec­tifs sou­scrits par le Lu­xem­bourg dans le cad­re de l’Ac­cord de Pa­ris sur le cli­mat. Un ajustement se­ra ef­fec­tué dès 2019“. Im Kl­ar­text heißt dies, dass wohl zum Jah­res­be­ginn auch in Lu­xem­burg die Prei­se für Ma­sut, Ben­zin und be­son­ders Die­sel an­ge­ho­ben wer­den.

Die Lu­xem­bur­ger füh­ren vor­schrifts­mä­ßig „gel­be Wes­ten“in ih­ren Au­tos mit. Sie ver­fol­gen, was in Frank­reich pas­siert. Könn­ten da­her auf schlech­te Ge­dan­ken kom­men. Zu­mal es un­ter den 200.000 Grenz­gän­gern 100.000 Fran­zo­sen gibt ...

Die in der Re­gie­rung ge­stärk­ten Grü­nen ma­chen kei­nen Hehl dar­aus, dass sie den „Tank­tou­ris­mus“im Vi­sier ha­ben. Das Pro­blem ist nur, dass die Ver­teue­rung des Sprits in Lu­xem­burg ei­ne gan­ze Wirt­schafts­bran­che aus­mer­zen könn­te, oh­ne das Kli­ma „zu ret­ten“.

Der vom „Mou­ve­ment éco­lo­gi­que“emp­foh­le­ne Gut­ach­ter des Trans­port­mi­nis­te­ri­ums, Pro­fes­sor Ewring­mann, sagt es zwar ver­klau­su­liert, aber ein­deu­tig: Die „Ver­drän­gung von Tank­vor­gän­gen auf dem Ter­ri­to­ri­um“wür­de we­der „die Öko­bi­lanz noch die Ge­sund­heit“in Eu­ro­pa nen­nens­wert ver­bes­sern. Die Au­to­fah­rer, auch die Lu­xem­bur­ger, wür­den dann im preis­güns­tigs­ten Nach­bar­land tan­ken. Ewring­mann: „So­lan­ge (die Au­to­fah­rer) ih­ren Ge­samt­ver­brauch nicht ein­schrän­ken, spielt der Ort des Tank­vor­gangs kei­ne Rol­le.“

Soll­te die Re­gie­rung wirk­lich an­pei­len, dem Tank­stel­len-Tou­ris­mus den Gar­aus zu ma­chen, muss sie er­klä­ren, wie sie über ei­ne Mil­li­ar­de Eu­ro Ein­nah­men aus ei­nem Sek­tor mit im­mer­hin 3.250 Be­schäf­tig­ten weg­ste­cken kann.

Vor al­lem muss sie die so­zia­len Aus­wir­kun­gen ei­ner sol­chen Politik er­klä­ren. Die Er­hö­hung der Sprit­prei­se trifft die Be­zie­her klei­ner Ein­kom­men stär­ker als be­gü­ter­te Mit­bür­ger. Die­se Tat­sa­che war Aus­lö­ser der Gelb­ja­cken-Re­vol­te in der „douce Fran­ce“.

Len­kungs­ta­xen mit In­dex­an­pas­sun­gen?

In Lu­xem­burg ge­hö­ren Ma­sut, Ben­zin und Die­sel zum Wa­ren­korb, der zur Er­mitt­lung der In­fla­ti­ons-Ent­wick­lung dient. Je­de Ta­xen­er­hö­hung auf die­sen Pro­duk­ten führt zu ei­nem schnel­le­ren An­stei­gen der In­fla­ti­ons­ra­te. Da die neue Re­gie­rung die be­lieb­ten „In­dex­an­pas­sun­gen“al­ler Löh­ne und Ge­häl­ter, Ren­ten und Pen­sio­nen und zu­künf­tig auch von So­zi­al­leis­tun­gen wie dem Kin­der­geld ga­ran­tie­ren will, droht ei­ne In­fla­ti­ons­spi­ra­le, de­ren Kos­ten letzt­lich al­lein von der Wirtschaft zu tra­gen sind.

Auch darf nicht ver­kannt wer­den, dass das Sys­tem der In­fla­ti­ons-An­pas­sun­gen im End­ef­fekt die Ge­häl­ter­ska­la aus­ein­an­der­reißt: 2,5% auf 2.000 Eu­ro sind brut­to 50 Eu­ro mehr, beim Staats­mi­nis­ter aber schon über 500 Eu­ro brut­to zu­sätz­lich. Die Pro­gres­si­vi­tät der Steu­er­ta­bel­len kappt da­von zwar ei­ni­ges ab. Doch Gut­ver­die­ner kas­sie­ren bei je­der In­dex­an­pas­sung letzt­lich net­to mehr als Klein­ver­die­ner.

Das „Mou­ve­ment éco­lo­gi­que“fei­ert 50 Jah­re und hat in die­sen Jah­ren viel zu mehr Um­welt­be­wusst­sein in Lu­xem­burg bei­ge­tra­gen. Doch wenn sei­ne Prä­si­den­tin nun­mehr hö­he­re Ener­gieP­rei­se und ei­ne Ver­teue­rung der Flug­ti­ckets for­dert, ge­nügt es nicht, von „mehr Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit“zu fa­seln. Dann müs­sen kon­kre­te Vor­schlä­ge her. Wel­chen „Len­kungs­ef­fekt“kön­nen bei­spiels­wei­se Ta­xen ha­ben, die via In­dex­an­pas­sun­gen im­mu­ni­siert wer­den? Wel­che rea­len Ein­schnit­te sind den Bür­gern zu­zu­mu­ten?

Wenn we­nig be­gü­ter­te Mit­men­schen sich kein Au­to mehr leis­ten kön­nen, und kei­ne Flug­rei­sen mehr in die Fe­ri­en, wer­den da­durch nicht neue Gelb­wes­ten pro­vo­ziert?

Laut Goe­thes „Far­ben­leh­re“be­deu­tet „Gelb“der „Sieg des Hel­len“. Ideo­lo­gisch mo­ti­vier­te Atta­cken auf den Le­bens­stan­dard der Bür­ger pro­du­zie­ren eher mehr Fins­ter­nis als Hel­lig­keit.

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