Ex­tre­mis­mus-Prä­ven­ti­on

RE­SPECT.LU Wie dem Ex­tre­mis­mus vor­ge­beugt wer­den kann

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - An­ke Eis­feld

Er­neut wur­de Frank­reich von ei­nem Ter­ror­an­schlag er­schüt­tert. Die Ver­ei­ni­gung re­spect.lu för­dert Sen­si­bi­li­sie­rung ge­gen und Prä­ven­ti­on von Ra­di­ka­li­sie­rung in Lu­xem­burg.

Zwei To­te, ein Hirn­to­ter und zig Ver­letz­te. Er­neut wur­de Frank­reich von ei­nem Ter­ror­an­schlag er­schüt­tert. Die Spur des At­ten­tä­ters führt auch über Lu­xem­burg.

Wie kann man Ra­di­ka­li­sie­rung er­ken­nen? Die Ver­ei­ni­gung re­spect.lu ist nicht nur im Be­reich Sen­si­bi­li­sie­rung und Prä­ven­ti­on ak­tiv, son­dern die An­lauf­stel­le schlecht­hin. Ex­tre­mis­mus ist viel­fäl­tig. Er hat vie­le Ge­sich­ter, auch wenn dies den eher schwarz-wei­ßen An­sich­ten sei­ner An­hän­ger wi­der­spre­chen mag. Ra­di­ka­li­sie­rung, die heu­te in­fol­ge von 9/11 oft nur mit is­la­mis­ti­schem Ter­ror gleich­ge­setzt und da­mit ne­ga­tiv be­wer­tet wird, kann so­gar Gu­tes für ei­ne Ge­sell­schaft her­vor­brin­gen – so­fern sie sich an das Straf­ge­setz­buch hält. Durch ri­go­ro­sen Wil­len zur Gleich­be­rech­ti­gung setz­ten bei­spiels­wei­se (ra­di­ka­le) Frau­en­recht­le­rin­nen das Wahl­recht für bei­de Ge­schlech­ter An­fang des 20. Jahr­hun­derts durch.

Doch was pas­siert, wenn En­ga­ge­ment, Über­zeu­gung und Glau­be über das „nor­ma­le“Maß hin­aus­ge­hen? Wer küm­mert sich um Men­schen, die ei­ne „Al-Kai­da für Tier­rech­te“(PETA-Ak­ti­vist Ed­mund Ha­fer­beck) grün­den wol­len oder ei­nem IS-Vi­deo mehr Glau­ben schen­ken als dem Schul­un­ter­richt?

Seit 2017 gibt es da­für ei­ne An­lauf­stel­le in Lu­xem­burg, de­ren Ziel ist, Be­dro­hun­gen der Ge­sell­schaft durch ge­walt­sa­me Ra­di­ka­li­sie­rung mit al­len zur Ver­fü­gung ste­hen­den Mit­teln ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die Or­ga­ni­sa­ti­on „re­spect.lu – Cent­re cont­re la ra­di­ca­li­sa­ti­on“or­ga­ni­siert ei­ner­seits Sen­si­bi­li­sie­rungs- und Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men wie Vor­trä­ge oder Workshops für Schu­len, In­sti­tu­tio­nen und bei­spiels­wei­se auch Ge­fäng­nis­se. An­de­rer­seits geht es um die Un­ter­stüt­zung von Men­schen, die be­fürch­ten, dass in ih­rem un­mit­tel­ba­ren Um­feld ein po­ten­zi­el­ler „Ex­tre­mist“sein könn­te. Auch „Aus­stei­ger“kön­nen mit re­spect.lu Aus­we­ge aus der ge­dank­li­chen Ein­bahn­stra­ße fin­den.

Doch wie kann man Ra­di­ka­li­sie­rung er­ken­nen? Ka­rin Wey­er, Psy­cho­lo­gin und Lei­te­rin von re­spect.lu, und ih­re Kol­le­gin Monique Lu­ja, Trai­ne­rin für ge­walt­freie Kom­mu­ni­ka­ti­on, sind Ex­per­tin­nen: „Ra­di­ka­li­sie­rung ist ein Prozess, denn nie­mand geht abends ins Bett, um mor­gens als Ex­tre­mist auf­zu­ste­hen. Zu­nächst ist da meist ei­ne Über­zeu­gung oder auch ein Ak­ti­vis­mus, der je­doch nicht pro­ble­ma­tisch sein muss, so­lan­ge dies nicht ge­gen un­se­re frei­heit­lich-de­mo­kra­ti­sche Grund­ord­nung ver­stößt und/ oder mit Ge­walt ver­bun­den ist.“Un­ter­schie­den wer­den auch Ra­di­ka­li­sie­rungs­for­men, die eben nicht nur po­li­tisch oder re­li­gi­ös sein kön­nen, son­dern auch the­ma­tisch, wenn et­wa mi­li­tan­te Ve­ga­ner ei­ne Metz­ge­rei an­grei­fen.

Dis­kri­mi­nie­rung als Nähr­bo­den für Hass

Ge­ra­de Men­schen in Le­bens­kri­sen, so auch Ju­gend­li­che in der Pu­ber­tät, aber auch Per­so­nen, die sich nicht wahr­ge­nom­men, sich un­ge­recht be­han­delt oder an den Rand der Ge­sell­schaft ge­drängt füh­len, sei­en emp­fäng­lich für ra­di­ka­le The­sen, die ih­nen Zu­ge­hö­rig­keit, Ak­zep­tanz und Per­spek­ti­ven ver­spre­chen wür­den. Auch er­leb­te Dis­kri­mi­nie­rung und Kri­sen­si­tua­tio­nen könn­ten ein Nähr­bo­den für Hass und Ex­tre­mis­mus sein. Dass aber in mul­ti­kul­tu­rel­len Ge­sell­schaf­ten wie Lu­xem­burg ei­ne po­ten­zi­ell hö­he­re Ge­fahr für die Ra­di­ka­li­sie­rung von Men­schen be­ste­hen könn­te, ge­ra­de in An­be­tracht, dass be­kann­te Is­la­mis­ten aus Mi­gran­ten­fa­mi­li­en stam­men, da­von wol­len Ka­rin Wey­er und Monique Lu­ja nichts wis­sen: „Für uns steht das fried­li­che Mit­ein­an­der vie­ler Na­tio­nen eher po­si­tiv im Vor­der­grund.“

Die Rol­le der so­zia­len Me­di­en

Ent­war­nung ge­ben auch Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft: „Ob­schon es in Lu­xem­burg ge­nau­so wie in un­se­ren Nach­bar­län­dern und dar­über hin­aus ex­tre­mis­tisch den­ken­de Men­schen gibt, ist die Si­cher­heits­la­ge Lu­xem­burgs (…) zur­zeit nicht be­droht“, heißt es in ei­ner of­fi­zi­el­len Stel­lung­nah­me auf Ta­ge­blatt-An­fra­ge. Be­ob­ach­tet wer­den wür­den den­noch al­le For­men des Ex­tre­mis­mus. Aber: Auch die Jus­tiz hat mit „ei­ni­gen we­ni­gen ra­di­ka­li­sier­ten Per­so­nen“zu tun, die von ei­nem „Dera­di­ka­li­sie­rungs-Pro­gramm“pro­fi­tie­ren könn­ten. So­zia­le Me­di­en wie Face­book und Co. spiel­ten ei­ne we­sent­li­che Rol­le bei der „Re­kru­tie­rung“für ra­di­ka­les Ge­dan­ken­gut, da sie schnell und (fast) gren­zen­los In­for­ma­tio­nen an­bie­ten wür­den. Pa­the­ti­sche ISVi­de­os und ih­re ge­walt­ver­herr­li­chen­den Bil­der und The­sen ge­lan­gen so auf die Smart­pho­nes und in die Köp­fe von (oft­mals) jun­gen Men­schen, de­ren Welt im­mer klei­ner wird, wenn der so­ge­nann­te Echo-Ef­fekt im Netz re­giert. Um das zu er­klä­ren, ge­nügt ein harm­lo­ses Bei­spiel: Wer ein­mal Gol­den-Re­trie­ver-Fil­me „likt“, kann sich fort­an vor nied­li­chen Hun­de-Vi­de­os nicht mehr ret­ten. Im Fall von im­mer pro­fes­sio­nel­ler wer­den­den In­hal­ten ra­di­ka­ler Re­kru­tie­rer und gleich­zei­tig ge­rin­ger Me­di­en­kom­pe­tenz ist klar, wel­che Aus­wir­kun­gen dies auf ent­spre­chen­de Per­so­nen ha­ben kann.

Der ös­ter­rei­chi­sche Päd­ago­ge und Is­la­mis­mus-Ex­per­te Mous­sa Al-Has­san Diaw, kürz­lich zu Gast bei ei­ner Kon­fe­renz in Lu­xem­burg, spricht auch von der Ge­fahr durch „le­ga­lis­ti­sche Is­la­mis­ten“, die zwar Ge­walt zum Er­rei­chen ih­rer ver­fas­sungs­feind­li­chen Zie­le ab­leh­nen, aber den­noch die Um­for­mung des Rechts­staats in ei­nen Scha­ria-Staat for­cie­ren. Diaw for­dert mehr in­ter­kul­tu­rel­le und in­ter­re­li­giö­se Kom­pe­tenz von Schul­päd­ago­gen, die sich für ihn in der „Prä­ven­ti­ons­stel­le Num­mer eins“be­fin­den, da Schu­le noch im­mer der Ort sei, „wo al­le hin müs­sen“. „Po­li­ti­sche Bil­dung fin­det heu­te oft im In­ter­net statt“, kri­ti­siert Diaw, der für mehr Ge­schichts­un­ter­richt und Me­di­en­kom­pe­tenz für Her­an­wach­sen­de plä­diert.

Das In­ter­es­se an der Ar­beit von re­spect.lu ist groß, be­son­ders Schu­len, aber auch Po­li­zei oder Ge­fäng­nis­mit­ar­bei­ter pro­fi­tie­ren vom Wis­sen der Ex­per­ten durch Vor­trä­ge und Wei­ter­bil­dun­gen. In an­dert­halb Jah­ren gab es 20 kon­kre­ten An­fra­gen, in de­nen das Um­feld ei­ner Per­son be­fürch­te­te, dass es zu ei­ner Ra­di­ka­li­sie­rung ge­kom­men sein könn­te. Im Jahr 2017 wa­ren in sechs von neun Be­ra­tun­gen tat­säch­lich Ra­di­ka­li­sie­rungs-Ten­den­zen nach­weis­bar, da­von wa­ren vier dem po­li­tisch-re­li­giö­sen Be­reich zu­zu­ord­nen. Ein wei­te­rer Fall be­traf ei­ne Sek­ten­ra­di­ka­li­sie­rung, und ein­mal ging es um Ge­walt­be­reit­schaft oh­ne Ideo­lo­gie, heißt es im Jah­res­be­richt der Or­ga­ni­sa­ti­on. Kon­kre­te Ein­bli­cke in die Ar­beit der Psy­cho­lo­gen sei­en nicht mög­lich, da die Be­ra­tun­gen in­di­vi­du­ell, ver­trau­lich und ggf. auch an­onym ge­führt wer­den wür­den.

„Ra­di­ka­li­sie­rung ist ein Prozess über ei­nen Zei­t­raum. Je­der von uns hat Ver­ant­wor­tung für un­se­re Mit­men­schen. Wir soll­ten mit ih­nen in Kon­takt kom­men, mit ih­nen spre­chen und sie fra­gen, wie es ih­nen geht und was ih­re Be­dürf­nis­se sind“, so die Ex­per­tin­nen von re­spect.lu. Im Fall ei­nes Ver­dachts ei­ner (an­fäng­li­chen) Ra­di­ka­li­sie­rung ei­nes Mit­men­schen sei ein vor­ur­teils­frei­es Ge­spräch zu­nächst ei­ne gu­te Maß­nah­me. Soll­te es al­ler­dings ei­nen aku­ten At­ten­tats­ver­dacht ge­ben, gibt es nur ei­ne Mög­lich­keit: die Po­li­zei um­ge­hend in­for­mie­ren.

Mous­sa Al-Has­san Diaw Is­la­mis­mus-Ex­per­te und Päd­ago­ge

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