Ter­ror-Übung in Bel­val

BEL­VAL „Bat­a­clan“-Si­tua­ti­on in der Rockhal

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Ni­co Wild­schutz (Text), Isa­bel­la Fin­zi, Clau­de Lenert, SIP (Fotos)

Schüs­se, Schreie und lau­fen­de Men­schen: Am Sams­tag ha­ben die lu­xem­bur­gi­schen Ret­tungs- und Po­li­zei­kräf­te die größ­te Ter­ror­übung durch­ge­führt, die je in Lu­xem­burg or­ga­ni­siert wur­de. Mehr als 1.000 Per­so­nen ha­ben teil­ge­nom­men. Das Sze­na­rio war dem Ter­ror­an­griff auf das „Bat­a­clan“in Paris nach­emp­fun­den. Vor et­wa drei Jah­ren, am 13. No­vem­ber 2015, stürm­ten drei Ter­ro­ris­ten in den Kon­zert­saal, als die Band Eagles of De­ath Me­tal gera­de ein Kon­zert gab. Die Män­ner schos­sen mit Sturm­ge­weh­ren in das Pu­bli­kum, war­fen Hand­gra­na­ten und nah­men Gei­seln. 90 Men­schen wur­den er­mor­det.

In der Rockhal war das Sze­na­rio am Sams­tag ähn­lich: Ein DJ spiel­te seit ei­ner hal­ben St­un­de, als ge­gen 11 Uhr am Mor­gen fünf Ter­ro­ris­ten den Kon­zert­saal auf Bel­val an­grif­fen. Ei­ner ließ vor der Tür ei­nen Spreng­stoff­gür­tel hoch­ge­hen. Die vier wei­te­ren dran­gen in den Saal ein und schos­sen in die Men­ge. Spä­ter nah­men sie et­wa 25 Per­so­nen als Gei­seln.

„Wir hat­ten in letz­ter Zeit Übun­gen auf stra­te­gi­scher und tak­ti­scher Ebe­ne“, sagt Luc Fel­ler vom Hoch­kom­mis­sa­ri­at für na­tio­na­le Si­cher­heit. Das Kom­mis­sa­ri­at wur­de dann ge­gen Mai ge­be­ten, ei­ne ope­ra­ti­ve Übung durch­zu­füh­ren, um auch die­se Ebe­ne zu tes­ten.

„Die Or­ga­ni­sa­ti­on hat et­wa ein hal­bes Jahr ge­dau­ert“, sagt Fel­ler. Den Sta­tis­ten wa­ren vor­her Kar­ten aus­ge­hän­digt wor­den, auf de­nen ihr Ver­hal­ten und die Schwe­re ih­rer Ver­let­zun­gen no­tiert wor­den wa­ren. Ih­nen wur­de bei­spiels­wei­se er­klärt, dass sie nach Be­ginn des An­griffs hin­aus­stür­men soll­ten. Oder dass sie von ei­ner Ku­gel ge­trof­fen wur­den und ver­stor­ben sind. Für die Sta­tis­ten be­gann der Tag sehr früh. Be­reits um 6 Uhr am Mor­gen fan­den sie sich in der Se­kun­dar­schu­le in Bel­val ein, um ge­schminkt und vor­be­rei­tet zu wer­den.

„Es soll dar­um ge­hen, dass die Ret­tungs­kräf­te und Po­li­zis­ten ei­nem Pro­blem ge­gen­über­ste­hen, dem sie re­al auch be­geg­nen könn­ten“, er­klärt Guy Schul­ler, Di­rek­tor der Kri­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on im Staats­mi­nis­te­ri­um. Des­we­gen wur­den die Teil­neh­mer auch nicht in­for­miert, wie der An­griff ab­lau­fen wür­de. Sie muss­ten sich selbst ei­nen Über­blick über die Si­tua­ti­on ver­schaf­fen.

„Ei­nes der Zie­le der Übung ist, her­aus­zu­fin­den, wie die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Po­li­zei und Ret­tungs­kräf­ten ab­läuft“, sagt Frank Stoltz, Pres­se­spre­cher der Po­li­zei. Ei­ne der schwie­rigs­ten Auf­ga­ben für sei­ne Leu­te be­stand dar­in, die her­aus­ren­nen­den Men­schen or­dent­lich zu iden­ti­fi­zie­ren. Sie muss­ten auf­pas­sen, dass sich kein Ter­ro­rist un­ter den Flie­hen­den be­fand.

Auch die „Grou­pe de sup­port psy­cho­lo­gi­que“war vor Ort, um die Men­schen zu be­treu­en, die ge­flo­hen wa­ren. Ih­re Ex­per­ti­se wur­de aber teil­wei­se auch wirk­lich ge­for­dert. Denn auch ei­ne Übung kann trau­ma­tisch für ei­ni­ge Teil­neh­mer sein. Die, die sich nicht wohl­fühl­ten, konn­ten sich al­so bei den Psy­cho­lo­gen mel­den.

Zu­sam­men­spiel von Po­li­zei und Ret­tern

Für die Ret­tungs­kräf­te war die Übung auch ei­ne ge­eig­ne­te Feu­er­pro­be. „Wir kön­nen aus­pro­bie­ren, wie un­se­re Be­fehls­ket­te in ei­nem sol­chen Fall funk­tio­niert“, er­klärt Cedric Gant­zer, Spre­cher des na­tio­na­len Ret­tungs­zen­trums CGDIS.

Die Ret­tungs­kräf­te wur­den im ver­gan­ge­nen Jahr re­for­miert. Seit­dem ko­or­di­niert das CGDIS al­le Ein­satz­kräf­te in Lu­xem­burg. Auch Ret­tungs­kräf­te aus Frank­reich und Bel­gi­en ha­ben teil­ge­nom­men. So konn­te die grenz­über­schrei­ten­de Zu­sam­men­ar­beit ge­tes­tet wer­den.

Bel­val war we­gen der Übung am Sams­tag teil­wei­se ge­sperrt wor­den. Ein Teil der Bus­se und des Ver­kehrs wur­de um­ge­lei­tet. Die Zü­ge wa­ren nicht be­trof­fen. Da­mit die Übung oh­ne Stö­rung

ab­lau­fen konn­te, wur­de der Be­reich rund um die Rockhal ab­ge­sperrt und mit ei­nem Sicht­schutz ver­se­hen. Für die Schau­lus­ti­gen, die sich die Übung an­se­hen woll­ten, hielt sich das Spek­ta­kel in Gren­zen. „Ich hat­te ein biss­chen mehr er­war­tet“, so ein An­rai­ner ge­gen­über dem Ta­ge­blatt. Tat­säch­lich spiel­te sich der Groß­teil der Übung in­ner­halb der Rockhal ab.

Et­was wei­ter weg von der Rock­hal­le, un­ter den ehe­ma­li­gen Hoch­öfen, hat­ten Ret­tungs­kräf­te und Po­li­zei den so­ge­nann­ten PMA („Pos­te mé­di­cal avan­cé“), ein­ge­rich­tet. Es han­del­te sich hier­bei um Zel­te, in de­nen die Ver­letz­ten ver­sorgt wur­den. Ein Team, das in stän­di­gem Kon­takt mit den Kran­ken­häu­sern war, ent­schied dann, wo die Ver­letz­ten hin­ge­fah­ren wur­den.

Ne­ben dem PMA be­fan­den sich die Kom­man­do­pos­ten der Ret­tungs­kräf­te und der Po­li­zei. Von hier aus wur­de der Ein­satz ge­steu­ert. „Im Kom­man­do­pos­ten wer­den lau­fend In­for­ma­tio­nen ge­sam­melt und Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen“, sagt Tom Bar­nig, Di­rek­tor der ope­ra­ti­ven Ko­or­di­nie­rung des CGDIS. Er hat­te für die Ret­tungs­kräf­te die Lei­tung bei der Übung über­nom­men. Des­we­gen muss­te er auch in stän­di­gem Kon­takt mit dem Lei­ter der Po­li­zei sein. „Wir muss­ten die gan­ze Zeit mit der Po­li­zei ab­wä­gen, wie weit un­se­re Ret­tungs­kräf­te vor­rü­cken kön­nen.“Bei ei­nem sol­chen Ein­satz sei es wich­tig, dass das Le­ben der ei­ge­nen Leu­te nicht in Ge­fahr ge­ra­te.

Auch die Po­li­tik schau­te bei der Übung vor­bei. Pre­mier­mi­nis­ter Xa­vier Bet­tel (DP), Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter François Bausch („déi gréng“), In­nen­mi­nis­te­rin Tai­na Bof­fer­ding (LSAP) und Jus­tiz­mi­nis­ter Fé­lix Braz („déi gréng“) wa­ren vor Ort, um sich das Trei­ben an­zu­se­hen. „Es ist ein Sze­na­rio, das wir uns na­tür­lich nicht wün­schen“, sag­te Bet­tel. Man müs­se aber auf al­les vor­be­rei­tet sein.

Pro­blem­be­he­bung im Kran­ken­haus

Ne­ben dem Schau­platz rund um die Rockhal hat­te auch das Kran­ken­haus CHEM in Esch an der Übung teil­ge­nom­men. Dort wur­den die Ver­letz­ten hin­ge­fah­ren. Das Kran­ken­haus hat­te in der Ga­ra­ge für die Kran­ken­wa­gen ei­nen Raum ein­ge­rich­tet, in dem die Ver­letz­ten für die Übung ein­ge­lie­fer­ten wur­den. In ei­nem Ne­ben­raum wur­de ei­ne Kri­sen­zel­le un­ter­ge­bracht. Hier ha­ben im Lau­fe des Ta­ges sie­ben Per­so­nen die Ko­or­di­nie­rung über­nom­men.

Für das Kran­ken­haus war dies ei­ne Mög­lich­keit, Pro­ble­me aus­zu­ma­chen, die bei solch ei­ner Si­tua­ti­on auf­tre­ten könn­ten. „Wir ha­ben heu­te bei­spiels­wei­se her­aus­ge­fun­den, dass wir ein Pro­blem mit den Telefonen im Kran­ken­haus ha­ben“, er­klärt ein Ver­ant­wort­li­cher. Tat­säch­lich war es so laut in dem Raum mit dem Ver­letz­ten, dass die Te­le­fo­ne nicht rich­tig ge­hört wur­den. Nun wird das Kran­ken­haus ana­ly­sie­ren, wie die­ses Pro­blem ge­löst wer­den kann, da­mit es im Ernst­fall nicht im Weg steht.

Au­ßer­dem wur­de ge­tes­tet, wie viel Per­so­nal in ei­nem Not­fall ab­ruf­be­reit ist. „Wir muss­ten Chir­ur­gen fin­den und OP-Teams zu­sam­men­stel­len, weil wir hier vor al­lem mit Trau­ma-Ver­let­zun­gen zu tun hat­ten“, er­klärt ein Arzt. Bei ei­nem Trau­ma han­delt es sich um ei­ne Ver­let­zung, bei der le­ben­des Ge­we­be durch Ge­walt­ein­wir­kung von au­ßen zer­stört wird.

Et­wa fünf St­un­den nach Be­ginn der si­mu­lier­ten Atta­cke war auch schon al­les vor­bei. Vor der Rockhal auf Bel­val la­gen nur noch ein paar leb­lo­se Pup­pen, wäh­rend die Teil­neh­mer schon an­fin­gen, auf­zu­räu­men. Auch im CHEM wur­de ge­gen 16 Uhr al­les ein­ge­packt. Die Ver­ant­wort­li­chen von Ret­tungs­kräf­ten und Po­li­zei spra­chen von ei­ner zu­frie­den­stel­len­den Übung. Sie tra­fen sich un­ter Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit noch spä­ter am Abend in der Se­kun­dar­schu­le von Bel­val, um ein Fa­zit zu zie­hen.

Im Bel­val Pla­za, dem Ein­kaufs­zen­trum gleich ne­ben der Rock­hal­le, wa­ren die Ge­füh­le der­weil ge­mischt. „Ich kann na­tür­lich in sol­chen Zei­ten ver­ste­hen, dass ei­ne Übung durch­ge­führt wer­den muss“, er­klärt ei­ne Ver­käu­fe­rin in ei­nem Schuh­la­den. „Dass es aus­ge­rech­net an ei­nem Sams­tag sein muss, ist aber nicht op­ti­mal.“Ih­re Kun­den ka­men nicht und rie­fen so­gar an, dass sie we­gen der ge­sperr­ten Stra­ßen nach Hau­se ge­fah­ren sei­en.

Auch in ei­ner Bar gleich ne­ben dem Vor­hof des Kon­zert­saals wa­ren die Mit­ar­bei­ter ent­täuscht. „Ei­ni­ge Schau­lus­ti­ge ka­men vor­bei, aber letzt­end­lich hat­ten wir viel we­ni­ger Kun­den als sonst an ei­nem nor­ma­len Sams­tag. Gleich ge­gen­über dem Ein­kaufs­zen­trum, in ei­nem klei­nen Bur­gerLa­den, zeigt man sich der­weil zu­frie­den. „Wir hat­ten heu­te we­gen der Übung mehr Kun­den als sonst“, sagt der Chef. Die Schau­lus­ti­gen wä­ren nach Be­ginn bei ihm vor­bei­ge­kom­men, um et­was zu es­sen. Auch der Lärm ha­be sich in Gren­zen ge­hal­ten. „Wir sind ganz froh, dass die Übung statt­ge­fun­den hat.“

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