Ei­ne skur­ri­le Ge­schich­te

WAF­FEN Als Mo­no­pol-Chef Scho­ler Ma­schi­nen­pis­to­len bau­te

Tageblatt (Luxembourg) - - Vorderseite - Ro­ger In­falt

Ei­nes der skur­rils­ten Ka­pi­tel der lu­xem­bur­gi­schen In­dus­trie­ge­schich­te trug sich zwi­schen

1952 und 1957 in Et­tel­brück zu:

Die Fir­ma SOLA des Lu­xem­bur­ger Ge­schäfts­man­nes Ni­co­las „Né­ckel“Scho­ler, best­be­kannt als Pa­tron der Mo­no­pol-Ge­schäf­te, ließ näm­lich in der Pat­ton-Stadt Ma­schi­nen­pis­to­len fer­ti­gen.

Mit mä­ßi­gem Er­folg. Da­für aber mit „Sex and Cri­me“...

Dort, wo die Cac­tus-Grup­pe ih­re neue Fi­lia­le in Et­tel­brück er­öff­ne­te und zu­vor die Fa­mi­lie Scho­ler ihr größ­tes Mo­no­pol-Ge­schäft hat­te, stand vor der Nie­der­las­sung der ame­ri­ka­ni­schen Fir­ma No-Nail Bo­xes einst ein Ge­bäu­de der frü­he­ren God­chaux-Fa­b­rik. Im

Jahr 1952 ließ sich dort die Waf­fen­ge­sell­schaft „So­cié­té lu­xem­bour­geoi­se des ar­mes“, kurz SOLA, nie­der. Ei­ne Spu­ren­su­che. Auf­fäl­li­ger­wei­se fin­det man kaum In­for­ma­tio­nen über die be­weg­te Ge­schich­te die­ser von we­nig Er­folg ge­krön­ten Waf­fen­pro­duk­ti­on. Auf Sei­te 2.178 im Werk „Et­tel­brück, die Ge­schich­te ei­ner Land­schaft“von Jo­seph Flies wer­den wir aber fün­dig. Der Autor hält fest, dass am 2. Ja­nu­ar 1952 durch Akt des No­tars Ne­u­mann ei­ne an­ony­me lu­xem­bur­gi­sche Ge­sell­schaft na­mens „So­cié­té lu­xem­bour­geoi­se des ar­mes“(SOLA) zur Her­stel­lung von Waf­fen ge­grün­det wur­de. Flies schreibt wei­ter: „Dar­auf­hin er­warb die Ge­mein­de Et­tel­brück den rest­li­chen Teil der Ge­bäu­lich­kei­ten der frü­he­ren God­chaux-Fa­b­rik (am 21. Ja­nu­ar 1952) und ging am 13. Ju­ni 1952 ei­nen Ver­trag mit der ge­nann­ten Waf­fen­ge­sell­schaft ein.“

Aus dem Bericht ei­ner da­ma­li­gen Kom­mu­nal­rats­sit­zung geht zum The­ma SOLA Fol­gen­des her­vor: „Die Ge­mein­de stellt das er­for­der­li­che Ter­rain, die Ge­sell­schaft die zur Fa­b­ri­ka­ti­on not­wen­di­gen Hal­len, je­doch wird die Stadt­ver­wal­tung 3.350.000 Fran­ken als An­lei­he an Gel­dern vor­stre­cken zur Er­rich­tung be­sag­ter In­stal­la­tio­nen; da­für wird die Ge­sell­schaft jähr­lich an An­nui­tä­ten 600.000 Fran­ken zu­rück­zah­len. Da­ne­ben wird sie auch ein Ver­wal­tungs­ge­bäu­de er­rich­ten nach den Plä­nen von Ar­chi­tekt P. Grach.“

Was die Grün­der der Fir­ma an­be­langt, fin­den wir auf www.in­dus­trie.lu fol­gen­den Ein­trag: „Ni­co­las Scho­ler, 'So­cié­té Hol­ding de par­ti­ci­pa­ti­ons gé­né­ra­les' (Par­gen) aus Lu­xem­burg, Ro­ger-Hen­ri de Som­zee, In­dus­tri­el­ler aus Brüs­sel, Eu­gè­ne Rouff, Bank­di­rek­tor aus Lu­xem­burg, An­toi­ne Scho­ler, Ge­schäfts­mann aus Lu­xem­burg und be­kannt aus der Tex­til­bran­che, Isi­do­re Scho­ler, Ge­schäfts­frau aus Lu­xem­burg, und Lé­on Scho­ler, eben­falls Ge­schäfts­mann aus Lu­xem­burg.“

Auf der Su­che nach wei­te­ren In­for­ma­tio­nen über die Waf­fen­pro­duk­ti­on in Lu­xem­burg fin­den wir gleich zwei wei­te­re Be­zeich­nun­gen der Et­tel­brü­cker Fir­ma. Die Ab­kür­zung SOLA wird an ver­schie­de­nen Stel­len mehr­fach mit „So­cié­té lu­xem­bour­geoi­se d’ar­mes“oder auch „So­cié­té lu­xem­bour­goi­se d’ar­me­ment“er­klärt. Im Rah­men des Kal­ten Krie­ges der 1950er-Jah­re be­gann die SOLA die Pro­duk­ti­on und den Ver­trieb ih­rer Ma­schi­nen­pis­to­len. Die ers­te „Sola“ba­sier­te auf der eng­li­schen Ma­schi­nen­pis­to­le Sten, die im Zwei­ten Welt­krieg zum Ein­satz kam. Die Et­tel­brü­cker Waf­fen­ge­sell­schaft hat­te 200 die­ser Waf­fen von der lu­xem­bur­gi­schen Ar­mee er­stan­den, die die­se durch die Schnell­feu­er­waf­fe der ame­ri­ka­ni­schen Fir­ma Thomp­son er­setz­te.

Ein deut­scher Schmug­gel-Spe­zia­list

In Et­tel­brück wur­den die so er­stan­de­nen Ma­schi­nen­pis­to­len zwecks er­neu­tem Ein­satz um­ge­baut. Da­bei ging es vor al­lem um die Kür­zung des Lau­fes, was sich spä­ter aber als Feh­ler her­aus­stel­len soll­te, da die Sola da­durch zu weit streu­te und so an Ge­nau­ig­keit ver­lor. Das Pro­jekt war ein Rein­fall. Auch ein Spe­zia­list der FN aus Lüt­tich (FN steht für „Fa­b­ri­que na­tio­na­le“, da­mit ist die „Fa­b­ri­que na­tio­na­le d’ar­mes de gu­er­re“aus dem bel­gi­schen Her­s­tal ge­meint) konn­te den Miss­er­folg nicht ver­hin­dern. Die Ver­su­che wur­den ein­ge­stellt.

Die Et­tel­brü­cker Waf­fen­ge­sell­schaft kam nicht um­hin, ei­ne neue Ma­schi­nen­pis­to­le zu ent­wi­ckeln. Pa­te da­für könn­te die bel­gi­sche Vi­g­ne­ron oder auch die ame­ri­ka­ni­sche M3, auch „Grea­se-Gun“ge­nannt, ge­stan­den ha­ben. Die Fir­ma brach­te gleich drei

Mo­del­le ih­rer neu-

en Ma­schi­nen­pis­to­le auf den Markt: die Sola Su­per (ab 1954), Sola lé­gè­re und Mi­ni Sola (ab 1957). Al­le Tei­le die­ser Pis­to­len wur­de in Et­tel­brück her­ge­stellt, mit Aus­nah­me des Lau­fes, der in den Fa­b­rik­hal­len der be­reits er­wähn­ten bel­gi­schen FN pro­du­ziert wur­de. Trotz der ho­hen Qua­li­tät blie­ben Be­stel­lun­gen aus.

1958 wur­de dann ein ge­wis­ser Ge­org Pu­chert auf die Sola auf­merk­sam. Pu­chert, auch „Cap­tain Mor­ris“ge­nannt, war zu der Zeit ein wah­rer Fach­mann in Sa­chen Schmug­gel. Über ihn sol­len auch zahl­rei­che Waf­fen­lie­fe­run­gen für den „Front de li­bé­ra­ti­on na­tio­na­le“, kurz FLN, und die „Or­ga­ni­sa­ti­on de l’ar­mée se­crè­te“(OAS) in Al­ge­ri­en ge­lau­fen sein. Über ei­nen Mit­tels­mann nahm er Kon­takt mit der Fir­ma in Lu­xem­burg auf. Doch die lu­xem­bur­gi­sche Re­gie­rung setz­te dem Gan­zen schnell ein En­de, da man kei­ne Waf­fen an Geg­ner der Fran­zo­sen lie­fern woll­te – mit Letz­te­ren pfleg­te man im­mer­hin gu­te di­plo­ma­ti­sche und wirt­schaft­li­che Kon­tak­te.

Ei­ne Schau­spie­le­rin na­mes „Co­rin­ne“

Pu­chert be­kam dar­auf­hin ei­ne kla­re Ab­sa­ge der Et­tel­brü­cker Waf­fen­ge­sell­schaft, doch man hat­te die Rech­nung oh­ne den spitz­fin­di­gen Deut­schen ge­macht. Wie aus dem Nichts er­hielt die SOLA plötz­lich ei­ne Be­stel­lung über 2.000 Ma­schi­nen­pis­to­len von ei­ner deut­schen Fir­ma, die – so soll­te sich spä­ter her­aus­stel­len – al­lem An­schein nach von ei­nem wei­te­ren Waf­fen­schmugg­ler na­mens Ern­s­tWil­helm Sprin­ger kon­trol­liert wur­de. Da­mit das Ge­schäft auch wirk­lich zu­stan­de kom­men soll­te, setz­te Pu­chert da­mals ei­ne sei­ner zahl­rei­chen weib­li­chen Be­kannt­schaf­ten ein, und zwar ei­ne jun­ge Schau­spie­le­rin mit dem Künst­ler­na­men „Co­rin­ne“. Ihr Auf­trag be­stand dar­in, ei­ne „Freund­schaft“mit ei­nem der wich­tigs­ten Mit­ar­bei­ter der Et­tel­brü­cker Waf­fen­fa­brik zu knüp­fen.

In nur zwei Wo­chen hat­te die jun­ge Frau den Qua­li­täts­be­auf­trag­ten der SOLA so fest am Ha­ken. So­dann wur­den nicht nur Waf­fen, son­dern auch Ein­zel­tei­le nach Deutsch­land ge­lie­fert, die je­doch aus fa­den­schei­ni­gen Grün­den die Qua­li­täts­prü­fung nicht be­stan­den ha­ben sol­len. Dort wur­den al­le Trans­port­kis­ten um­e­ti­ket­tiert. Und ur­plötz­lich wa­ren aus den Waf­fen Er­satz­tei­le für landwirtschaftliche Ma­schi­nen ge­wor­den. Un­ter die­ser Trans­port­be­zeich­nung wur­den die

Kis­ten dann auf den Weg nach Ma­rok­ko und Al­ge­ri­en ge­schickt, wo sie in die Hän­de der Mit­glie­der der be­reits er­wähn­ten OAS bzw. des FLN ge­lang­ten. Bei der Ver­la­dung ei­ner die­ser Kis­ten am bel­gi­schen Flug­ha­fen Mels­bro­ek kam es ei­nes Ta­ges zu ei­nem Zwi­schen­fall. Als man die Kis­te mit Cas­ablan­ca als Ziel­ort in den La­de­raum ei­ner Ma­schi­ne der bel­gi­schen Flug­ge­sell­schaft Sa­be­na hiev­te, fiel sie auf den Bo­den und zer­barst. Die bel­gi­schen, deut­schen und lu­xem­bur­gi­schen Si­cher­heits­be­hör­den wur­den so­fort vom Fund der ge­schmug­gel­ten So­laPis­to­len in Kennt­nis ge­setzt.

Was dann pas­sier­te, be­schrie­ben Mi­chel Dru­art und Re­né Smeets in „Gu­er­res se­crè­tes“fol­gen­der­ma­ßen: „Les ser­vices de sé­cu­rité lu­xem­bour­geois, pré­ve­nus à leur tour, agis­sent avec leur ef­fi­ca­cité et leur dis­cré­ti­on cou­tumiè­res au­près des di­ri­ge­ants de la So­cié­té lu­xem­bour­geoi­se d’ar­mes; l’af­fai­re se­ra étouf­fée et seul le prin­ci­pal re­s­ponsa­ble, fa­ci­le­ment iden­ti­fié, con­naî­tra quel­ques sé­rieux en­nu­is, mais la fa­bri­ca­ti­on des Sola ces­se pres­qu’aus­sitôt, ta­ris­sant une des sour­ces les plus pré­cieu­ses de la Wi­la­ya V.“

Wäh­rend des Al­ge­ri­en-Krie­ges hat­te der „Front de la li­bé­ra­ti­on na­tio­na­le“das Land in sechs Wi­la­y­as ein­ge­teilt, die al­le wie­der­um in Zo­nen auf­ge­teilt wa­ren und spä­ter wäh­rend des Kon­gres­ses von Soum­mam im Au­gust 1956 in „Min­taquas“, „Nahi­as“, „Kas­mas“und „Dou­ars“um­ge­tauft wur­den. Doch das nur am Ran­de. Die Re­gie­rung ent­zog der SOLA dar­auf­hin al­le für die Her­stel­lung von Waf­fen er­for­der­li­chen Ge­neh­mi­gun­gen. Per Ge­richts­be­schluss wur­den die in Et­tel­brück noch ein­ge­la­ger­ten Waf­fen und Ein­zel­tei­le be­schlag­nahmt und in den Hoch­öfen der Gie­ße­rei in Dom­mel­din­gen ein­ge­schmol­zen.

Der Waf­fen­schmugg­ler Ge­org Pu­chert kam im Üb­ri­gen bei ei­nem At­ten­tat ums Le­ben: Als er am 3. März 1959 in

Frankfurt den An­las­ser sei­nes Mer­ce­des be­tä­tig­te, ex­plo­dier­te der Wa­gen und ging in Flam­men auf. Be­reits ein paar Mo­na­te zu­vor, ge­nau­er am 5. No­vem­ber 1958, war Ame­di­a­ne Aït Ah­ce­ne, der al­ge­ri­sche Fi­nanz­de­le­gier­te, in Bonn zwei Scharf­schüt­zen zum Op­fer ge­fal­len. Noch da­vor war ein wei­te­rer Mit­tels­mann von Pu­chert in Genf er­schos­sen wor­den.

En­de 1959 brach­ten die Be­trei­ber der SOLA ei­ni­ge der Ma­schi­nen (z.B. Dreh­bän­ke und Stahl­frä­sen) nach Vi­an­den in die Fir­ma SIVI(A), die Kühl­schrän­ke her­stell­te. Die­se Fir­ma – un­ter den Grün­dern wa­ren eben­falls Mit­glie­der der Fa­mi­lie Scho­ler – wur­de 1967 von der deut­schen Kreft und 1972 von Elec­tro­lux über­nom­men. Nach ei­ner kur­zen, we­nig er­folg­rei­chen, aber sehr be­weg­ten Ge­schich­te schlos­sen sich die To­re der Et­tel­brü­cker SOLA im Jahr 1960. Rund 20 Mit­ar­bei­ter stan­den da­mals dort in Lohn und Brot.

Es soll nur noch we­ni­ge Ex­em­pla­re der Sola-Ma­schi­nen­pis­to­le ge­ben, ei­ni­ge da­von bei Samm­lern in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Doch auch in Lu­xem­burg kann man noch ei­ne die­ser Waf­fen se­hen, und zwar im Die­kir­cher Na­tio­nal­mu­se­um für Mi­li­tär­ge­schich­te.

Qu­el­len:

www.in­dus­trie.lu, „Et­tel­brück, die Ge­schich­te ei­ner Land­schaft“von Jo­seph Flies, „Gu­er­res se­crè­tes“von Mi­chel Dru­art und Re­né Smeets, „Sola Sub­ma­chi­ne Gun“von Je­an Huon

Ein Tau­send­sas­sa: Ni­co­las „Né­ckel“Scho­ler Nach der Schlie­ßung der Waf­fen­fa­brik nahm die ame­ri­ka­ni­sche Fir­ma No-Nail Bo­xes dort ih­ren Be­trieb auf. Heu­te steht an die­ser Stel­le das frü­he­re Mo­no­pol- und jet­zi­ge Cac­tus-Ge­bäu­de.

Zwei Sola-Ma­schi­nen­pis­to­len aus der Samm­lung des Ame­ri­ka­ners Mar­ty Mor­gan (Na­tio­nal Rif­le As­so­cia­ti­on)

Die Prä­gung am Schaft zeig­te ne­ben dem Na­men Sola auch das Lu­xem­bur­ger Wap­pen­tier

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