Ei­ne un­be­que­me Wahr­heit?

„VER­BRIN­GE DIE ZEIT NICHT MIT DER SU­CHE NACH EI­NEM HIN­DER­NIS, VIEL­LEICHT IST KEINS DA.“(FRANZ KAF­KA)

Tageblatt (Luxembourg) - - Forum - Frank Ber­te­mes

der „Ru­he­stand in Mu­ße“, der in den meis­ten ent­wi­ckel­ten Län­dern ei­ne der gro­ßen so­zio­öko­no­mi­schen In­no­va­tio­nen des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts im Kon­text der Ren­ten­ver­si­che­rung dar­stellt, zum (Zitat) „Lu­xus“. Man le­se, stau­ne und er­schre­cke ob die­ser Wort­wahl: Ru­he­stand in Mu­ße als Lu­xus!

Zu­kunft des Ren­ten­und Pen­si­ons­sys­tems

Al­lein schon die­se ar­ro­gan­te Ter­mi­no­lo­gie dürf­te all je­nen Men­schen ge­gen­über ei­ne Be­lei­di­gung sein, die ih­re lan­ge und für vie­le mü­he­vol­le Ar­beits­zeit von ge­ne­rell 40 Ar­beits­jah­ren, die sie nach den mo­nat­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen, die sie mit­tels Lohn- oder Ge­halts­ab­rech­nung ein­ge­zahlt ha­ben, ab ei­nem ge­wis­sen Al­ter in ei­ne wohl­ver­dien­te Al­ters­ren­te um­wan­deln dür­fen – und das für ih­re ih­nen al­len ver­blei­ben­de Le­bens­zeit, was ja wohl ein Recht je­des Men­schen sein dürf­te.

Das Recht eben, sein Le­ben im Ru­he­stand ge­nau­so ver­brin­gen und ge­stal­ten zu dür­fen, wie es ihm oder ihr doch wohl be­liebt und auch zu­steht. Und das durch­aus auch in „Mu­ße“, wem das per­sön­lich ge­fällt … Nur – die­ser „Lu­xus“nach Auf­fas­sung ge­wis­ser Krei­se, soll den ak­tu­el­len, be­son­ders je­doch zu­künf­ti­gen Rent­nern völ­lig ver­miest wer­den, ein (Zitat) „Lu­xus, den sich kaum ein Land leis­ten kann“.

Ei­gent­lich be­kann­te Tö­ne all je­ner, de­nen das auf So­li­da­ri­tät ba­sie­ren­de So­zi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem des Um­la­ge­ver­fah­rens eh ein Dorn im Au­ge dar­stellt. In der Tat dürf­te kaum ei­ne so­zi­al­po­li­ti­sche Dis­kus­si­on in den letz­ten Jah­ren so vie­le De­bat­ten aus­ge­löst ha­ben wie die­je­ni­ge über die Zu­kunft des Ren­ten- und Pen­si­ons­sys­tems.

Ein Reiz­the­ma der be­son­de­ren Art, ein Sys­tem, das al­ler­dings über­haupt kei­ner Kurs­kor­rek­tur be­darf – so­fern man be­reit ist, in­ner­halb die­ses uns bis heu­te sehr nütz­li­chen und bes­tens funk­tio­nie­ren­den Al­ters­ver­si­che­rungs­sys­tems ge­wis­se Kor­rek­tu­ren vor­zu­neh­men. Be­kannt ist in die­sem Kon­text, dass die de­mo­gra­fi­schen Pro­gno­sen ei­ne un­güns­ti­ge Al­ters­struk­tur der Be­völ­ke­rung vor­her­sa­gen.

Zum ei­nen fürch­ten da­her die Äl­te­ren, die sich ent­we­der schon im Ru­he­stand be­fin­den oder kurz da­vor ste­hen, dass ih­re er­war­te­ten Ren­ten- re­spek­ti­ve Pen­si­ons­lei­tun­gen (für die öf­fent­li­chen Be­am­ten) nicht rea­li­siert oder auf Dau­er fi­nan­ziert wer­den könn­ten. Zum an­de­ren fürch­ten die Jün­ge­ren, dass sie in ei­nem Über­maß zur Fi­nan­zie­rung eben die­ser Ren­ten- oder Pen­si­ons­zah­lun­gen her­an­ge­zo­gen wer­den, selbst wo­mög­lich aber mit noch ge­rin­ge­ren Aus­zah­lun­gen zu rech­nen hät­ten. Die­sen Ängs­ten liegt die Funk­ti­ons­wei­se des auf dem Prin­zip der So­li­da­ri­tät be­ru­hen­den Um­la­ge­ver­fah­rens zu­grun­de, nach dem die Pen­sio­nen di­rekt aus den lau­fen­den Bei­trä­gen der Ak­ti­ven fi­nan­ziert wer­den.

Es soll in die­sen Zei­len al­ler­dings nicht um die be­kann­te Sys­tem­dis­kus­si­on Ka­pi­tal­de­ckungs­ver­fah­ren ver­sus Um­la­ge­ver­fah­ren ge­hen, wis­send, dass sich in die­ser grund­sätz­li­chen Fra­ge selbst un­ab­hän­gi­ge Ex­per­ten nicht klar fest­le­gen kön­nen.

Für uns al­ler­dings – und un­se­re Re­gie­rung hat sich klar ge­äu­ßert – steht kei­ne Sys­tem­än­de­rung zur De­bat­te – und das ist gut so! Wes­halb auch, denn es gibt kei­nen Grund da­für! Wo­mit schon ein­mal klar sein dürf­te, dass es nur dar­um ge­hen kann, das Um­la­ge­ver­fah­ren ganz ein­fach „fit“für die Zu­kunft neu auf­zu­stel­len.

Es gibt al­so kei­nen wirk­li­chen Grund für ei­ne grund­le­gen­de Ren­ten- und Pen­si­ons­re­form. Au­ßer eben je­nem, den die­je­ni­gen zu er­ken­nen mei­nen, die uns ih­re „un­be­que­me Wahr­heit“ver­kli­ckern wol­len und ent­spre­chen­de Tö­ne von sich ge­ben, die man mu­si­ka­lisch Dis­so­nan­zen nen­nen wür­de. Im so­zi­al­po­li­ti­schen Kon­text ge­le­sen.

Rent­ner sind kei­ne „Ar­beits­markt­re­ser­ve“

Un­stim­mig­kei­ten, Dif­fe­ren­zen, die al­ler­dings im So­zi­al­dia­log, den ge­wis­se Krei­se so­wie­so am liebs­ten ab­schaf­fen wür­den, un­er­träg­lich, ja völ­lig in­ak­zep­ta­bel sind! Zitat des in die­sen Zei­len vi­sier­ten Spa­ni­ers Cam­pa­nella: „Die der­zeit ih­re zwei­te Ju­gend ge­nie­ßen­den Rent­ner wer­den das viel­leicht nicht ger­ne hö­ren: Aber es ist höchs­te Zeit, dass die Re­gie­ren­den die staat­li­chen Ren­ten teil­wei­se von der Ableis­tung ge­mein­nüt­zi­ger Ar­beit ab­hän­gig ma­chen.“(sic!)

Die Kom­pe­ten­zen der Se­nio­ren soll­ten die EU-Re­gie­run­gen als ein „Seg­ment der Er­werbs­be­völ­ke­rung be­han­deln statt als Last für die öf­fent­li­chen Aus­ga­ben und für das Wirtschaftswachstum ein­zu­schät­zen“. Klingt gut, nur die­se Al­tersak­ti­vi­tä­ten als Be­din­gung für den Be­zug von ver­dien­ten Al­ters­be­zü­gen, sprich Ren­ten­und Pen­sio­nen ob­li­ga­to­risch zu re­geln, ist ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung des Sys­tems an sich!

Ge­mein­nüt­zi­ge Ar­beit ist sehr lo­bens­wert und ei­ne ent­spre­chen­de Er­mun­te­rung als sinn­vol­le „Be­schäf­ti­gung“kör­per­lich und geis­tig ak­ti­ver Se­nio­ren im Sin­ne ei­nes wert­vol­len ge­sell­schaft­li­chen Bei­tra­ges ist durch­aus ver­tret­bar – nur Rent­ner als „Ar­beits­markt­re­ser­ve“an­zu­se­hen, auf die die Re­gie­run­gen im Be­darfs­fall zu­rück­grei­fen könn­ten, und im Ver­wei­ge­rungs­fall „fi­nan­zi­el­le Stra­fen“(sprich Ren­ten­kür­zun­gen) an­zu­dro­hen be­lie­ben, geht dann doch ent­schie­den zu weit! Was erlaubt die­ser Mann sich in sei­ner Selbst­herr­lich­keit denn über­haupt?

Nie­mand zwei­felt am durch­aus viel­fäl­tig ge­mein­nüt­zig ver­füg­ba­ren und ein­satz­be­rei­ten Po­ten­zi­al der heu­er im­mer noch leis­tungs­fä­hi­gen Rent­ner­ge­ne­ra­ti­on, die ei­nen ab­so­lut ak­ti­ven Ru­he­stand ge­nie­ßen dür­fen.

Nur: ein von oben ver­ord­ne­tes Ak­ti­vi­täts­pro­gramm von Staats we­gen ist mehr als ab­we­gig. Was je­mand frei­wil­lig und un­ge­zwun­gen, po­si­tiv be­trach­tet, in sei­nen oder ih­ren Ru­he­stand (und den Grad die­ser „Ru­he“muss sie oder er bit­te sehr wohl ge­fäl­ligst im­mer noch selbst de­fi­nie­ren dür­fen!) ein­brin­gen will oder noch zu leis­ten be­reit ist, dürf­te je­doch im­mer noch der per­sön­li­chen Bereitschaft und dem Wil­len der oder des Ein­zel­nen un­ter­lie­gen. Al­les an­de­re wä­re ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung des Prin­zips „Ru­he­stand“. Wie sag­te schon Wil­ly Brandt, der gro­ße So­zi­al­de­mo­krat:

„Es soll sich die Po­li­tik zum Teu­fel sche­ren, die – um wel­cher Prin­zi­pi­en auch im­mer – den Men­schen das Le­ben nicht leich­ter zu ma­chen sucht.“

Und das gilt doch wohl oh­ne Wenn und Aber für un­se­re so­li­da­ri­sche Al­ters­ver­si­che­rung, die wir uns ver­dient ha­ben!

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