Bock ge­schos­sen

Un­ge­woll­ter Ein­dring­ling und be­lieb­te Jagd­tro­phäe: Am Mäh­nen­sprin­ger in der Re­gi­on Mur­cia schei­den sich die Geis­ter

Costa Blanca Nachrichten - - Erste Seite - San­dra Gyura­sits Mur­cia

Mit der Ein­füh­rung des nord­afri­ka­ni­schen Mäh­nen­sprin­gers in der Sier­ra Es­puña hat sich Mur­cia 1970 ei­nen ge­wal­ti­gen Bock ge­schos­sen. Wie mit der be­lieb­ten Jagd­tro­phäe ver­fah­ren wer­den soll, dar­an schei­den sich heu­te die Geis­ter von Bio­lo­gen, Um­welt­schüt­zern, Po­li­ti­kern, Jä­gern und Land­wir­ten.

Sie sind äu­ßerst ge­schick­te Klet­te­rer und fal­len durch ih­re lan­gen Haa­re an Keh­le, Brust und Bei­nen auf. Wer sie schon ein­mal ei­ne stei­le Fels­wand ra­send schnell hin­auf stei­gen ge­se­hen hat, oh­ne ei­nen St­ein aus dem Hang zu lö­sen, kann nur stau­nen. Die bis zu ei­nen Me­ter gro­ßen Mäh­nen­sprin­ger im­po­nie­ren in ih­rem bei­ge­braun bis röt­lich­braun ge­färb­ten Fell, mit ih­rer na­mens­ge­ben­den Mäh­ne und mit ih­ren bis zu 80 Zen­ti­me­ter lan­gen über den Rü­cken ge­krümm­ten Hör­nern.

Ihr Kopf­schmuck ist ei­ne be­lieb­te Jagd­tro­phäe, die auch weit über die Gren­zen ih­rer ur­sprüng­li­chen Hei­mat in Nord­afri­ka be­gehrt ist. So wur­de das Mäh­nen­schaf 1970 in die Sier­ra Es­puña in der Re­gi­on Mur­cia ein­ge­führt mit der Auf­ga­be, die Viel­falt des jagd­ba­ren Wilds in dem Re­gio­nal­park zu er­hö­hen. Zu­erst wur­den fünf Männ­chen und vier Weib­chen aus Ma­rok­ko an­ge­sie­delt, kurz dar­auf folg­ten 20 Ex­em­pla­re aus dem Frank­fur­ter Zoo.

Der Mäh­nen­sprin­ger (auf Spa­nisch ar­ruí), der sich in tro­cke­nen, wüs­ten­ar­ti­gen Re­gio­nen bes­tens aus­kennt, pass­te sich schnell und pro­blem­los sei­ner neu­en Um­ge­bung an. Die ma­rok­ka­nisch-deut­sche Ko­lo­nie ge­dieh präch­tig und mit ihr auch die Kon­tro­ver­se um das im­por­tier­te Tier, die auch fast 50 Jah­re spä­ter noch ge­führt wird.

Zum Ab­schuss frei­ge­ge­ben

Ist das Schaf ein exo­ti­scher Ein­dring­ling, be­droht es die hei­mi­sche Tier- und Pflan­zen­welt und ge­hört aus­ge­rot­tet? Oder wirkt sich sei­ne An­we­sen­heit vor­teil­haft auf das Öko­sys­tem aus? Und ist der Mäh­nen­sprin­ger ein Wirt­schafts­fak­tor, des­sen Jagd für Ein­nah­men sorgt? Die Mei­nun­gen von Wis­sen­schaft­lern, Um­welt­schüt­zern, Jä­gern, Land­wir­ten und Po­li­ti­kern ge­hen weit aus­ein­an­der. Ei­nig sind sie sich nur dar­über, dass es kei­ne ein­fa­chen Ant­wor­ten gibt, die Si­tua­ti­on äu­ßerst kom­pli­ziert ist und noch ei­ne Men­ge Un­ter­su­chun­gen und Da­ten über das Schaf mit dem cha­rak­te­ris­ti­schen Bart aus­ste­hen.

Erst kürz­lich ge­riet der Mäh­nen­sprin­ger er­neut in die Schlag­zei­len. Die Lan­des­re­gie­rung von Mur­cia hat ihn nach drei Jah­ren wie­der zum Ab­schuss frei­ge­ge­ben. Bis zum 17. Fe­bru­ar dür­fen die Tie­re er­legt wer­den. Rund 1.000 Ex­em­pla­re sind nach An­ga­ben der Ge­ne­ral­di­rek­to­rin für Um­welt, Con­sue­lo Ro­sau­ro, in der Re­gi­on Mur­cia ge­zählt wor­den, die meis­ten da­von in der Sier­ra Es­puña. Laut Ver­ord­nung des Re­gio­nal­parks liegt die Gren­ze bei 300 Tie­ren. Die Jagd als Mit­tel zur Kon- trol­le des Tier­be­stan­des klingt zu­nächst plau­si­bel.

Doch so ein­fach sei die Sa­che nicht, sagt Jor­ge Sán­chez, Bio­lo­ge bei der Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on An­se in Mur­cia und Ver­tre­ter des Bio­lo- gen­ver­ban­des im be­ra­ten­den Aus­schuss für Jagd und Fisch­fang der Re­gi­on Mur­cia. Denn ei­gent­lich soll­te das Ja­gen von Mäh­nen­sprin­gern ver­bo­ten sein.

2016 ent­schied der Obers­te Ge­richts­hof von Spa­ni­en, dass das Mäh­nen­schaf als in­va­si­ve, ge­biets­frem­de Art in ganz Spa­ni­en ein­zu­stu­fen ist. Das spa­ni­sche Jagd­ge­setz aus dem Jahr 2007 ver­bie­tet das Ja­gen in­va­si­ver Ar­ten. „Auch wenn sich das viel­leicht erst mal un­lo­gisch an­hört, aber die Jagd geht ein­her mit dem Er­halt und der Zu­nah­me der Po­pu­la­ti­on der frem­den Tier­art“, er­klärt Jor­ge Sán­chez. Denn nach ei­ner Jagd muss der Be­stand für die nächste wie­der auf­ge­päp­pelt wer­den. „Des­halb hat das Ge­richt be­schlos­sen, dass ein Jagd­ver­bot die bes­te Art und Wei­se ist, um ei­ne wei­te­re Ver­meh­rung und Ver­brei­tung in­va­si­ver Tier­ar­ten zu ver­mei­den.“

Ja­gen als Kon­trol­le

Doch die auf­ge­brach­te Jä­ger­schaft woll­te das nicht hin­neh­men. „Sie ha­ben es ge­schafft, im Juni 2018 ei­ne Än­de­rung des Jagd­ge­set­zes durch­zu­set­zen, die die Kern­aus­sa­ge ins Ge­gen­teil um­kehrt“, sagt der Bio­lo­ge. „In der neu­en Ver­ord­nung heißt es jetzt, dass das Ja­gen von exo­ti­schen Ar­ten ei­ne Maß­nah­me ist, um den Be­stand zu kon­trol­lie­ren und zu re­du­zie­ren und damit er­laubt ist. Auf­grund die­ser Ge­set­zes­än­de­rung hat die Lan­des­re­gie­rung das Mäh­nen­schaf zum Ab­schuss frei­ge­ge­ben.“Meh­re­re Um­welt­or­ga­ni­sa­tio­nen ha­ben be­reits Rechts­mit­tel ein­ge­legt.

Es geht den Um­welt­schüt­zern nicht dar­um, den Mäh­nen­sprin­ger aus­zu­rot­ten. „Das ist nicht mög­lich, weil es zu vie­le Tie­re gibt und weil sie ler­nen und ihr Ver­hal­ten än­dern, wenn sie ver­folgt wer­den. Sie ver­tei­len sich brei­ter, wer­den eher nachts ak­tiv, und die Weib­chen be­kom­men mehr Jun­ge“, er­klärt Jor­ge Sán­chez. „Das weiß man aus Er­fah­rung bei Huf­tie­ren im All­ge­mei­nen.“

Die Or­ga­ni­sa­ti­on An­se for­dert, den Be­stand von 300 Mäh­nen­scha­fen in der Sier­ra Es­puña ein­zu­hal­ten. „Zeit­wei­se steigt die Zahl der Tie­re auf 2.000 und 3.000 an mit Fol­gen für die hei­mi­schen Pflan­zen und Tie­re.“Wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en be­leg­ten, dass der Mäh­nen­sprin­ger be­vor­zugt be­droh­te,

Fotos: Carm

Mäh­nen­scha­fe dür­fen in der Re­gi­on Mur­cia bis zum 17. Fe­bru­ar ab­ge­schos­sen wer­den.

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