We­der re­ak­tio­när noch re­vo­lu­tio­när

Der Kor­re­spon­dent der „FAZ“in Ma­drid, Wal­ter Hau­brich, schrieb am 5. De­zem­ber 1978 zum Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum

Costa Cálida Nachrichten - - Thema Der Woche -

Wal­ter Hau­brich (1935-2015) war Kor­re­spon­dent der „Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung“in Ma­drid seit 1968. Die­ser Ar­ti­kel, der am 6. De­zem­ber 1978 er­schien, ist dem Buch „Spa­ni­ens schwie­ri­ger Weg in die Frei­heit“, Band 3, edi­ti­on tran­vía, ent­nom­men.

18 Mo­na­te lang ha­ben Spa­ni­ens Par­la­men­ta­ri­er an dem Text der neu­en Ver­fas­sung ge­ar­bei­tet. Es ist die sieb­te des Lan­des, seit am 19. März 1812 die ers­te für die da­ma­li­ge Zeit be­mer­kens­wert li­be­ra­le Ver­fas­sung in Cá­diz ver­kün­det wor­den ist. Von der ver­fas­sungs­ge­ben­den Ver­samm­lung zu Cá­diz aus fand das Wort „li­be­ral“Ein­gang in die Spra­chen der Welt. Die neue Ver­fas­sung er­setzt das Ge­setz für die po­li­ti­sche Re­form vom 4. Ja­nu­ar 1977, mit dem schon die wich­tigs­ten Tei­le der Grund­ge­set­ze des Fran­co-Staa­tes un­gül­tig ge­wor­den wa­ren, so­wie die üb­ri­gen bis­her noch gül­ti­gen Ge­set­ze des frü­he­ren Re­gimes.

Er­geb­nis von Kom­pro­mis­sen

Ei­ne sie­ben Mit­glie­der zäh­len­de Kom­mis­si­on des Ab­ge­ord­ne­ten­kon­gres­ses hat­te im De­zem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res den ers­ten Ent­wurf vor­ge­legt. Wenn – wie zu er­war­ten ist – an die­sem Mitt­woch die Mehr­heit der Spa­nier der Ver­fas­sung zu­stimmt, wird sie nach der Un­ter­schrift durch den Kö­nig und der Ver­öf­fent­li­chung im Staats­an­zei­ger in Kraft tre­ten.

Die­se Ver­fas­sung ist das Er­geb­nis vie­ler Kom­pro­mis­se und un­ter man­chen Schwie­rig­kei­ten er­reich­ten Über­ein­stim­mun­gen zwi­schen den fünf größ­ten Grup­pen im Par­la­ment: der Re­gie­rungs­par­tei UCD, den So­zia­lis­ten, den Kom­mu­nis­ten, der Volks­al­li­anz und der Grup­pe der ka­ta­la­ni­schen Li­be­ra­len.

Ideo­lo­gisch weit von­ein­an­der ent­fern­te Po­li­ti­ker wie der Volks­al­li­anz­füh­rer und Staats­rechts­pro­fes­sor Fra­ga und sein kom­mu­nis­ti­scher Fach­kol­le­ge So­lé Turá ha­ben in der Sie­be­ner-Kom­mis­si­on we­sent­lich zu dem ers­ten Text bei­ge­tra­gen. Mit die­ser Ver­fas­sung kön­nen – das ist das wich­tigs­te Er­geb­nis der Über­ein­stim­mung im Par­la­ment – al­le Par­tei­en re­gie­ren; ei­ni­ge For­mu­lie­run­gen muss­ten dem­ent­spre­chend vor­sich­tig, manch­mal va­ge ge­hal­ten wer­den. Der Se­na­tor Ol­le­ro zeig­te die Gren­zen für den Ver­fas­sungs­ge­brauch so an: „Mit die­ser Ver­fas­sung kann die Rech­te nicht re­ak­tio­när und die Lin­ke nicht re­vo­lu­tio­när re­gie­ren.“

Trotz der schließ­lich er­reich­ten brei­ten Über­ein­stim­mung in den Par­tei­en wa­ren ei­ni­ge Ar­ti­kel hef­tig um­strit­ten und sind bei Tei­len der Be­völ­ke­rung auch nach der Ver­ab­schie­dung durch die bei­den Kam­mern des Par­la­ments um­strit­ten ge­blie­ben. Be­son­ders hart um­kämpft war der Ar­ti­kel 148 über die Be­fug­nis­se der künf­ti­gen Au­to­no­men Re­gio­nen. Zahl­rei­che die­ser Be­fug­nis­se wer­den erst in zu­künf­ti­gen Ge­set­zen und in den Au­to­no­mie­sta­tu­ten für die Re­gio­nen fest­ge­legt wer­den. Der Ge­brauch des Wor­tes „Na­tio­na­li­tät“(na­cio­na­li­dad) für Re­gio­nen mit ei­ge­ner Spra­che und Kul­tur im Ar­ti­kel 2 führ­te zur Ab­leh­nung der Ver­fas­sung durch ei­ni­ge kon­ser­va­ti­ve Ab­ge­ord­ne­te. Im glei­chen Ar­ti­kel frei­lich wird die „un­auf­lös­li­che Ein­heit der spa­ni­schen Na­ti­on als ge­mein­sa­mes und un­teil­ba­res Va­ter­land al­ler Spa­nier“fest­ge­legt.

In der von ei­ner rechts­ka­tho­li­schen Min­der­heit ge­führ­ten Kam­pa­gne wird die Ver­fas­sung als athe­is­tisch und an­ti­ka­tho­lisch be­zeich­net. Die gro­ße Mehr­heit der Bi­schö­fe hat die­sen Vor­wurf zu­rück­ge­wie­sen. Die Ver­fas­sung ist kon­fes­sio­nell neu­tral, die Re­li­gi­ons­frei­heit wird ga­ran­tiert, der Staat ist – im Ge­gen­satz zum Fran­co-Staat – nicht kon­fes­sio­nell, es gibt kei­ne Staats­re­li­gi­on. Die ka­tho­li­sche Kon­fes­si­on wird im Ar­ti­kel 16 aber als die Re­li­gi­on der Mehr­heit der Spa­nier aus­drück­lich er­wähnt; der Staat ver­spricht, mit ihr und den üb­ri­gen Kon­fes­sio­nen zu­sam­men­zu­ar­bei­ten.

„Die po­li­ti­sche Form des spa­ni­schen Staa­tes ist die par­la­men­ta­ri­sche Mon­ar­chie.“Das Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum ent­hält so auch ei­ne Zu­stim­mung zur Mon­ar­chie. Der Mon­ar­chie und dem der­zei­ti­gen Kö­nig fehl­te bis­her die nach­prüf­ba­re Zu­stim­mung der Mehr­heit der Be­völ­ke­rung. Sie wird sie jetzt mit dem Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dum er­hal­ten, oh­ne dass ei­ne be­son­de­re Ab­stim­mung über die Fra­ge Re­pu­blik oder Mon­ar­chie nö­tig ist. Re­pu­bli­ka­nisch ge­sinn­te Min­der­heits­grup­pen der spa­ni­schen Be­völ­ke­rung wol­len sich we­gen die­ser – von ih­nen als un­statt­haft emp­fun­de­nen – im­pli­zier­ten Zu­stim­mung zur Mon­ar­chie die­sen Mitt­woch der Stim­me ent­hal­ten.

We­nig Ähn­lich­keit hat die neue Ver­fas­sung mit den Ver­fas­sungs­ge­set­zen des Fran­co-Staa­tes. Das kann nicht über­ra­schen: Schließ­lich han­delt es sich um zwei grund­ver­schie­de­ne Staats­ty­pen. In dem Grund­ge­setz der Fran­co-Dik­ta­tur hie­ße es: „Der Staats­chef ver­kör­pert die na­tio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät“; in der neu­en de­mo­kra­ti­schen Ver­fas­sung steht gleich am An­fang: „Die na­tio­na­le Sou­ve­rä­ni­tät liegt beim spa­ni­schen Volk, von dem al­le Staats­macht aus­geht.“

Sou­ve­rä­ni­tät des Vol­kes

Al­le Ab­ge­ord­ne­ten und Se­na­to­ren wer­den – mit Aus­nah­me ei­ni­ger Se­na­to­ren, die von den Par­la­men­ten der Au­to­no­men Re­gio­nen ent­sandt wer­den – di­rekt ge­wählt.

Nach den Er­fah­run­gen der letz­ten 40 Jah­re ist es auch ver­ständ­lich, dass in der neu­en Ver­fas­sung die Be­ach­tung der Men­schen­rech­te und die Wür­de der Ein­zel­per­son be­son­ders her­vor­ge­ho­ben wer­den. Die Fol­ter wird aus­drück­lich ver­bo­ten; die To­des­stra­fe ist ab­ge­schafft. Le­dig­lich in Kriegs­zei­ten kön­nen ei­ni­ge mi­li­tä­ri­sche De­lik­te noch mit dem Tod be­straft wer­den.

Die Kon­sti­tu­ti­on der jun­gen spa­ni­schen De­mo­kra­tie hat vie­les aus an­de­ren mo­der­nen Ver­fas­sun­gen über­nom­men: aus der ita­lie­ni­schen, der por­tu­gie­si­schen und be­son­ders aus dem Grund­ge­setz der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Die Ver­fas­sungs­tex­te kon­sti­tu­tio­nel­ler Mon­ar­chi­en Eu­ro­pas wa­ren bei der For­mu­lie­rung der Ar­ti­kel über die Stel­lung und Funk­ti­on des Kö­nigs hilf­reich. Ei­ner der Bei­trä­ge der neu­en spa­ni­schen Kon­sti­tu­ti­on zur in­ter­na­tio­na­len Ver­fas­sungs­ge­schich­te sind die de­tail­lier­ten Ga­ran­ti­en und Schutz­be­stim­mun­gen für die Frei­hei­ten und Rech­te der Ein­zel­per­so­nen. Doch dass ein Teil der spa­ni­schen Be­völ­ke­rung jetzt meint, mit der An­nah­me der Ver­fas­sung wä­ren vie­le schwie­ri­ge Pro­ble­me fast au­to­ma­tisch ge­löst, ist ei­ne ge­fähr­li­che, wenn auch kaum zu ver­mei­den­de Il­lu­si­on.

Be­son­ders hart um­kämpft war der Ar­ti­kel 148 über die Be­fug­nis­se der künf­ti­gen Au­to­no­men Re­gio­nen

Fo­to: Án­gel Gar­cía

Auch im Rat­haus Ben­i­dorm fin­det sich ein Ex­em­plar der Spa­ni­schen Ver­fas­sung.

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