Ge­nau die Frau, die ich such­te

Costa del Sol Nachrichten - - Meinung -

Ei­ne Zeit­lang dach­te ich, es lä­ge am Ver­fall mei­nes Äu­ße­ren. An den Au­gen­rin­gen we­gen der vie­len zu kur­zen Näch­te. Ich mei­ne das Er­schre­cken der Men­schen, wenn ich sie nach et­was frag­te. „Wo ist die Post?“„Wie spät ist es?“Schon sah ich ein Ge­sicht vol­ler Angst. Doch dann kam ich auf des Rät­sels Lö­sung: Die Leu­te ken­nen das nicht mehr, dass man sie nach et­was fragt. Denn sämt­li­che Ant­wor­ten, ob nach dem Weg oder dem bes­ten Re­stau­rant, gibt das Smart­pho­ne.

Selbst bei „Wür­den Sie ein Foto von uns ma­chen?“, zu­cken Fuß­gän­ger zu­sam­men, die­sen miss­traui­schen „Hast du et­wa kei­nen Sel­fie-Stick?“-Blick auf­set­zend. Das ers­te Mal, als man sich so vor mir er­schreck­te, war 2002 auf Ca­pri. Ein äl­te­res Paar, das ich um ein Foto bat, dach­te wohl, dass ich ihm ei­ne ge­stoh­le­ne Ka­me­ra an­dre­hen woll­te. Ich dach­te, es wür­de ei­ne An­ek­do­te aus der Ver­gan­gen­heit blei­ben.

Und heu­te? Da muss ich mich an­stren­gen, um über­haupt je­man­den zu fin­den, der nicht die Bei­ne un­ter die Ar­me nimmt, wenn ich mich mit ei­ner Fra­ge nä­he­re. Neu­lich in ei­nem Stadt­teil von Ali­can­te zum Bei­spiel. Ich such­te ei­nen be­stimm­ten La­den – und be­schloss, auf Goog­le Maps zu ver­zich­ten und je­man­den zu fra­gen, der mir mit freund­li­cher statt zitt­ri­ger Stim­me ant­wor­tet. In Spa­ni­en sind die Men­schen des Vier­tels, „la gen­te del bar­rio“, noch sol­che, die sich aus­ken­nen und ihr Wis­sen im fröh­li­chen Tratsch mit­ein­an­der tei­len. Ich hat­te ein be­stimm­tes Pro­fil von Per­son vor Au­gen. Es muss­te ei­ne Frau sein. Die sol­len ja lie­ber nach dem Weg fra­gen, heißt es. Und sie durf­te nicht zu jung sein, um kei­ne Ord­nungs­hü­ter zu be­un­ru­hi­gen.

Da fand ich sie, ge­nau die Frau, die ich such­te. Lang­sam lief sie auf dem Bür­ger­steig. Mit Dau­er­wel­le, Schür­ze und der an ei­ner Schnur bau­meln­den Le­se­bril­le stamm­te sie noch aus Zei­ten, in de­nen man mit­ein­an­der sprach. „Per­do­ne“, sag­te ich und stell­te die Fra­ge. In­stink­tiv dreh­te sie den Kopf und hob die Hand, um den Weg zu zei­gen.

Doch be­vor sie sprach, dreh­te sie sich wie­der um und sah mir tief in die mü­den Au­gen. Sie seufz­te. Ha­be ich sie ge­rührt? An Zei­ten er­in­nert, in de­nen al­les noch gut war? Si­cher wür­de sie abends beim Do­mi­no von dem Er­leb­nis er­zäh­len. „Ne­ne“, sag­te sie lei­se, „Mein Kind“, und er­schreck­te mich mit den Wor­ten: „Hast du et­wa kein Mo­bil­te­le­fon zum Nach­schau­en?“

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