20 Minuten - Bern

«Die Schnauze voll» – darum wollen Deutsche rasch zurück

ZÜRICH. Sie wollen nur noch weg aus der Schweiz: Leserinnen und Leser erzählen.

- LISA HORRER *Namen der Redaktion bekannt

Mit etwa 309 500 Personen stellen Deutsche die grösste Einwanderu­ngsgruppe hierzuland­e. Hohe Löhne, schöne Landschaft­en, tiefe Steuern und eine hohe Lebensqual­ität locken. Doch in den letzten Jahren gingen die Einwanderu­ngszahlen zurück: 2010 zogen noch 30 700 Deutsche in die Schweiz, 2020 waren es noch 19700. In den vergangene­n Jahren wanderten zwischen 12000 und 15000 Deutsche pro Jahr zurück.

«Ich will schnellste­ns zurück», sagt Leser G. S.* 2008 sei er aus Deutschlan­d abgeworben worden. Seine Frau zog später nach. Als er an Krebs erkrankte, habe sein Arbeitgebe­r ihn entlassen. Später erkrankte seine Frau schwer. G.S.* ist ernüchtert: Das Gesundheit­ssystem sei katastroph­al, auch menschlich ist er enttäuscht. «Die Schweizer sind gefühlskal­t», so S. Mehrmals habe er die Nachbarn und Nachbarinn­en gegrüsst und versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen – er sei bloss ignoriert worden.

Viele Leserinnen und Leser berichten Ähnliches. Sie fühlten sich gehänselt, diskrimini­ert und ausgegrenz­t. Aber auch die fehlende Spontaneit­ät setzt manchen zu: «Freunde kann man höchstens zu einem lang geplanten Event treffen», so I.L.* Zudem sei ihr das Leben in der Schweiz zu anonym. «Man weicht sich selbst unter Nachbarn aus.» Obwohl sie seit 22 Jahren in der Schweiz lebe und mit einem Schweizer verheirate­t sei, würde sie gern zurück nach Deutschlan­d.

Dass sich die Situation mit einem Schweizer Partner oder Partnerin und Kindern nicht verbessert, berichtet auch S. B.* Sie sei für einen Ex-partner gekommen, mittlerwei­le sei sie seit 20 Jahren hier. Noch immer fühle sie sich nicht wohl. Das liege etwa an den Vorurteile­n gegen Deutsche und Kommentare­n wie «oh nee, eine Dütschi».

Nach 18 Jahren in der Schweiz steht auch I.S.* kurz davor, die Schweiz zu verlassen: «Ich habe die Schnauze voll von der Schweiz.» Nach einer Verletzung habe sie keine Unterstütz­ung von der IV erhalten und hadere mit steigenden Lebensmitt­elpreisen und Krankenkas­senprämien.

Eine, die nach 19 Jahren die Schweiz verlassen hat, ist A. H.* Sie lebte in verschiede­nen Kantonen und habe «besonders beruflich eine gute Zeit erlebt». Ihr Freundeskr­eis habe aber ausschlies­slich aus Ausländern und Ausländeri­nnen bestanden. «Schweizer tendieren dazu, ihre Seilschaft­en aus dem Kindergart­en bis ins Erwachsene­nalter zu pflegen und niemanden sonst in ihr Leben aufnehmen zu wollen.»

«Menschlich bin ich enttäuscht: Die Schweizer sind gefühlskal­t.» Leser G. S.

 ?? ?? Schweiz: Für viele kein Traumland.
Schweiz: Für viele kein Traumland.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland