20 Minuten - Zurich

«Du bist schwul, du weisst es einfach noch nicht»

ZÜRICH. Lars erzählt von seinem Coming-out – und wie sich einige Freundscha­ften dabei einfach aufgelöst haben.

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Ella, Bruce und ich fläzen im Park. Wir trinken eine Flasche Weisswein, geniessen die Frühlingss­onne, und Bruce erzählt eine wilde Sexgeschic­hte. Ich bewundere ihn, weil ihm egal ist, was sein Umfeld über seine Bisexualit­ät denkt. «Wie haben die Leute reagiert, als du dich geoutet hast?», will Ella von mir wissen. Unterschie­dlich. Ein Coming-out ist ja nicht ein Knall mit aufsteigen­der rosa Staubwolke, die allen unübersehb­ar mitteilt, dass ich schwul bin. Sich zu outen ist eine ongoing story.

«Du bist doch schwul, du weisst es einfach noch nicht» – das hat mir die Mutter einer Freundin gesagt. Recht hatte sie, unangenehm war es trotzdem. Damals hatte ich meine Homosexual­ität noch nicht akzeptiert. Ich stand unter Druck, denn immer mehr Leute wollten wissen, ob ich schwul sei. Bei jedem «Darf ich dich etwas Persönlich­es fragen?» blieb mein Herz fast stehen. Das wichtigste Coming-out war jenes vor mir selbst. Nachdem ich endlich akzeptiert hatte, dass ich schwul bin, habe ich es zuerst meiner Familie gesagt. Meine Mutter meinte, dass es wieder vorbeigehe­n würde. Danach habe ich meine engsten Freund*innen eingeweiht. Einige Freundscha­ften haben sich aufgelöst. Viele waren enttäuscht, dass sie es nicht von mir erfahren hatten, sie hätten ja nichts gegen Schwule – und doch habe ich mich einfach nicht getraut.

Ella und Bruce haben den Wein inzwischen geleert. «Wenn dein Coming-out niemanden etwas angeht, warum hast du dann eins gemacht?», will Bruce wissen. Für mich war das Coming-out wichtig, weil ich in einem Umfeld aufgewachs­en bin, das Homosexual­ität nicht als «normal» betrachtet. Dort brauchte ich ein Label für meine sexuelle Orientieru­ng, auch für mich selbst. Eigentlich ist es mir schnuppe, wenn Frauen Männer lieben oder andere Frauen oder beides. Vielleicht wird bald ein Kind zu seinen beiden Vätern gehen und sagen: «Papa, ich bin hetero.» Oder es wird einfach gar nichts sagen. Weil es nämlich egal ist, wen man liebt.

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Lars wuchs in einem Umfeld auf, in dem Homosexual­ität nicht als «normal» betrachtet wurde.

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