Wenn Lyon DEN WINTER ERLEUCHTET

Animan Wunder der Welt - - REISEROUTEN - Von Sa­bi­ne Pa­tu­rel

Vom frü­hen kel­ti­schen Städt­chen bis hin zur mo­der­nen Me­tro­po­le hat sich Lyon stets sei­nen küh­nen Cha­rak­ter be­wahrt.

Vom ers­ten kel­ti­schen Städt­chen bis hin zur mo­der­nen Me­tro­po­le hat sich Lyon stets sei­nen küh­nen Cha­rak­ter be­wahrt. Das be­rühm­te Lich­ter­fest, das je­des Jahr im De­zem­ber Mil­lio­nen Be­su­cher lockt, steht sym­bo­lisch für den ver­füh­re­ri­schen Charme, den die­se Stadt mit ih­rem rei­chen ar­chi­tek­to­ni­schen, his­to­ri­schen und ku­li­na­ri­schen Er­be ver­sprüht.

Auf je­dem Fens­ter­brett leuch­ten die Lu­mi­gnons du Co­eur, die klei­nen, bun­ten und mit Ker­zen ge­füll­ten Glä­ser. Auf den Stras­sen tan­zen hun­der­te Lich­ter in der Dun­kel­heit, in der gan­zen Stadt sind es tau­sen­de. Fra­gi­le Zeug­nis­se ei­ner Ma­ri­en­ver­eh­rung. Ei­ne einst le­ben­di­ge Tra­di­ti­on, die heu­te durch die mo­der­nen und von der Ge­mein­de or­ga­ni­sier­ten Events zu­neh­mend in Ver­ges­sen­heit ge­rät. Da­bei hat die Stadt Lyon der Jung­frau viel zu ver­dan­ken: Im Jah­re 1643 er­wähl­te sie Ma­ria zu ih­rer Schutz­pa­tro­nin, in der Hoff­nung, der ver­hee­ren­den Pest­epi­de­mie zu ent­kom­men. Sie ver­sprach, die Hei­li­ge je­des Jahr zu eh­ren, so­fern die Krank­heit aus der Stadt ver­schwin­det. Und so ge­schah es. Um ihr Ver­spre­chen ein­zu­lö­sen, be­dank­ten sich die Einwohner Lyons bei ih­rer Wohl­tä­te­rin, in­dem sie un­zäh­li­ge klei­ne Lam­pi­ons er­leuch­te­ten.

Über Jahr­hun­der­te hin­weg ha­ben die Lyo­ner die­se Tra­di­ti­on ge­pflegt und je­den 8. De­zem­ber ih­re Fens­ter­bän­ke mit den bun­ten Lich­tern ge­schmückt. An­fang der 1990er Jah­re be­gann die Ge­mein­de, ei­ni­ge Bau­wer­ke zu il­lu­mi­nie­ren, in den dar- auf­fol­gen­den Jah­ren ka­men dann im­mer mehr Ver­an­stal­tun­gen hin­zu. Heu­te wird gan­ze vier Ta­ge lang ge­fei­ert, meh­re­re Mil­lio­nen Be­su­cher be­eh­ren in die­ser Zeit die frü­he­re Haupt­stadt Gal­li­ens, um die ver­gäng­li­chen Kunst­wer­ke zu be­stau­nen, die Fach­leu­te und Künst­ler in mü­he­vol­ler Ar­beit kre­ieren. Das Al­te Lyon, der seit 1964 erste ge­schütz­te Sek­tor Frank­reichs, hüllt sei­ne Re­nais­sance­bau­ten in High- Tech-Licht­pro­jek­tio­nen. Auf den 427 Hekt­ar der Alt­stadt, die seit 1998 zum Welt­kul­tur­er­be der UNESCO ge­hö­ren, tum­meln sich un­ter­des­sen gros­se Men­schen­mas­sen, die sich von den küh­nen Ge­räusch- und Licht­in­stal­la­tio­nen mit­reis­sen las­sen.

VON JULIUS CÄSAR BIS ZUR SEIDENHAUPTSTADT

Kühnheit. Vermutlich der rote Faden in der Ge­schich­te der fran­zö­si­schen Me­tro­po­le. Ur­sprüng­lich von den Kel­ten am Saô­ne-Ufer, nörd­lich des Four­viè­re-Hü­gels, be­sie­delt, wur­de Lyon im Jahr 43 v. Chr. of­fi­zi­ell durch die Rö­mer ge­grün­det, auf Wunsch von Julius Cäsar, der den Ve­te­ra­nen der Le­gi­on ei­ne Ko­lo­nie schen­ken woll­te. Er nann­te sie Lug­dunum («Lug» stand für den Son­nen­gott, das Licht und das Kunst­ge­wer­be, «dunum» für den Hü­gel). Un­weit da­von, am Fus­se des heu­ti­gen Vier­tels Croix-Rous­se, er­streck­te sich die Stadt Con­da­te, die Haupt­stadt der Trois Gau­les.

Im Mit­tel­al­ter liess die Kir­che ei­ne Viel­zahl von Ge­bäu­den und An­la­gen er­rich­ten, was den Aus­tausch und den Han­del mit ganz Eu­ro­pa för­der­te. Lyon wur­de rasch zu ei­nem An­zie­hungs­punkt für deut­sche, ita­lie­ni­sche und flä­mi­sche Händ­ler. Al­len vor­an das Sei­den­ge­schäft er­wies sich als wah­re Gold­gru­be und brach­te der Stadt nicht nur gros­ses Ver­mö­gen ein, son­dern lock­te dar­über hin­aus zahl­rei­che In­tel­lek­tu­el­le und Wis­sen­schaft­ler.

KÜHNHEIT. VERMUTLICH DER ROTE FADEN IN DER GE­SCHICH­TE DER FRAN­ZÖ­SI­SCHEN ME­TRO­PO­LE.

VOM SO­ZIA­LEN FORT­SCHRITT ZUM BETONBAU

Das im 17. und 18. Jahr­hun­dert von Über­schwem­mun­gen und Pest­epi­de­mi­en heim­ge­such­te Lyon er­hol­te sich im­mer wie­der von sei­nen Wun­den, und ging je­des Mal ge­stärkt her­vor. Es mau­ser­te sich im 19. Jahr­hun­dert so­gar zum Zentrum des so­zia­len Fort­schritts. Die ers­ten Ge­gen­sei­tig­keits­ge­sell­schaf­ten, Hilfs- und Pen­si­ons­kas­sen so­wie die erste Ar­bei­ter­zei­tung er­blick­ten hier das Licht der Welt.

Die po­li­ti­schen Füh­rer wett­ei­fer­ten in den Fol­ge­jah­ren mit am­bi­tio­nier­ten, gross­an­ge­leg­ten Pro­jek­ten für die wohl­ha­ben­de Stadt, in der die in­dus­tri­el­le Re­vo­lu­ti­on ei­ne Fül­le neu­er – al­len vor­an che­mi­scher – In­dus­tri­en ent­ste­hen liess. Nach­dem Edouard Her­ri­ot die öf­fent­li­chen Ver­sor­gungs­ge­bäu­de ver­viel­fach­te und den ta­len­tier­ten Ar­chi­tek­ten To­ny Gar­nier be­auf­tragt hat­te, lan­cier­te sein Nach­fol­ger Lou­is Pra­del ab 1957 um­fas­sen­de Be­to­nier­ar­bei­ten: Tun­nel, weit- läu­fi­ge städ­ti­sche Ver­kehrs­an­la­gen, das Stadt­vier­tel La Part-Dieu… Al­le­samt küh­ne Pro­jek­te, wenn­gleich nicht die äs­the­tischs­ten.

MODELLBEZIRKE UND KREATIVES SCHAFFEN

Auch zu Be­ginn des 21. Jahr­hun­derts zeigt sich die Stadt ehr­gei­zig. Das gi­gan­ti­sche Pro­jekt Lyon Con­flu­ence – so be­nannt nach sei­ner La­ge am Zu­sam­men­fluss von Saô­ne und Rho­ne – ver­an­schau­licht ein­mal mehr den Wil­len, am Puls der Zeit zu blei­ben. Der süd­li­che Zip­fel der Lyo­ner Halb­in­sel be­her­bergt ein Mu­se­um, ein Ein­kaufs­zen­trum, ei­nen Kul­tur­kom­plex, ei­ne Frei­zeit­an­la­ge und Wohn­ge­bäu­de. Das Wahr­zei­chen die­ses von der World Wild­life Foun­da­ti­on aus­ge­zeich­ne­ten Öko-Be­zirks ist der ver­blüf­fen­de Bau des Musée des Con­flu­en­ces im de­kon­struk­ti­vis­ti­schen Stil. Hier fin­den In­ter­es­sier­te viel Wis­sens­wer­tes über Na­tur­kun­de, An­thro­po­lo­gie, Ge­sell­schafts- und Kul­tur­ge­schich­te.

Das zwei­te Gross­pro­jekt der Stadt ist die Neu­ge­stal­tung der Saô­ne-Ufer, wel­che sich an die gut zwan­zig­jäh­ri­gen Sa­nie­rungs­ar­bei­ten der Rho­ne-Ufer an­schlies­sen. Auf der 15 Ki­lo­me­ter lan­gen Pro­me­na­de am Was­ser sind 23 Wer­ke von Künst­lern aus al­ler Welt ver­streut. Bis 2022 soll das Pro­jekt nun auf das Zentrum Lyons aus­ge­wei­tet wer­den, wo kreatives Schaffen all­ge­gen­wär­tig ist, von der Stree­tart im Vier­tel Croix-Rous­se über die re­nom­mier­te Bi­en­na­le für zeit­ge­nös­si­sche Kunst bis hin zur Tanz-Bi­en­na­le und dem sonn­täg­li­chen Künst­ler­markt auf dem Quai Ro­main Rol­land.

EIN SCHMAUS FÜR AU­GEN UND GAUMEN

In der Alt­stadt wim­melt es an Künst­ler­ate­liers, die man auf gut Glück in den rund 400 Tr­a­bou­les, den en­gen Pas­sa­gen, die die Stras­sen über Hin­ter­hö­fe mit­ein­an­der ver­bin­den, ent­de­cken kann. Es macht Spass, sich in die­sem La­by­rinth zu ver­ir­ren und im­mer wie­der auf klei­ne Per­len zu stos­sen wie et­wa die Re­nais­sance-Kreuz­ge­wöl­be in der Lon­gue Tr­a­boule, die ein­drucks­vol­le Trep­pe der Cour des Vor­a­ces, die char­man­te Tr­a­boule Ro­se oder auch die ver­lo­cken­den Ge­rü­che in der viel ge­lob­ten Pas­sa­ge des Im­pri­meurs. Hier ver­ste­cken sich die «Bouchons», die ma­le­ri­schen tra­di­tio­nel­len Re­stau­rants.

Denn in Lyon lässt es sich nicht nur gut schlendern, son­dern auch hervorragend schlemmen. Von urigen Lo­ka­len bis hin zu prämierten Sternerestaurants hält die Stadt für je­den Gusto et­was bereit. Stark ge­prägt wur­de die lo­ka­le Gas­tro­no­mie im 18. Jahr­hun­dert von den «Müt­tern von Lyon», die ein­fa­che aber gross­zü­gi­ge Ge­rich­te zau­ber­ten. Def­ti­ge ge­grill­te und ge­schmor­te Würs­te, Mehl­klöss­chen, «Cer­vel­le de Ca­nut» (Kräu­ter­frisch­kä­se), «Ta­b­lier de Sa­peur» (pa­nier­te Kut­teln), «Gra­tons» (ge­bra­te­ne Schwei­ne­schwar­te) oder auch «Gras­dou­ble» (Kut­teln mit Zwie­beln) stan­den da­mals wie heu­te auf der Spei­se­kar­te.

Als Schnitt­stel­le zwi­schen den Al­pen und dem Zen­tral­mas­siv, als Bin­de­glied zwi­schen dem Beau­jo­lais und dem Rho­ne­tal, schöpft Lyon aus den um­lie­gen­den Ter­ro­irs: Fleisch aus den Ber­gen, Fisch aus den Se­en der Al­pen, Ge­flü­gel aus der Bres­se, Früch­te aus den Monts du Ly­on­nais so­wie ei­ne um­fang­rei­che Pa­let­te an Wei­nen. Die be­kann­tes­ten Kü­chen­chefs, dar­un­ter Paul Bo­cu­se und Je­an-Paul La­com­be, ver­kör­pern die­sen Schmelz­tie­gel an Ein­flüs­sen, der die Stadt der Lich­ter so ein­zig­ar­tig macht: die star­ke Ver­bun­den­heit mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Er­be, ge­paart mit schi­cker und an­ge­sag­ter Krea­ti­vi­tät.

IN LYON LÄSST ES SICH NICHT NUR GUT SCHLENDERN, SON­DERN AUCH HERVORRAGEND SCHLEMMEN. VON URIGEN LO­KA­LEN BIS HIN ZU PRÄMIERTEN STERNERESTAURANTS HÄLT DIE STADT FÜR JE­DEN GUSTO ET­WAS BEREIT.

De­zem­ber­stim­mung. Blick von der Ba­si­li­ka Not­reDa­me de Four­viè­re auf das Al­te Lyon, die Halb­in­sel und die Ka­the­dra­le Saint-Je­an im Vor­der­grund. Links: die Kir­che Saint-Ge­or­ges mit der schma­len Fuss­gän­ger­brü­cke über der Saô­ne, über­ragt von der Ba­si­li­ka Not­re-Da­me de Four­viè­re. Im Vier­tel La Pres­qu'île, die glit­zern­de In­stal­la­ti­on von He­xa­go­ne Il­lu­mi­na­ti­on.

Fa­ckel­zug von der Ka­the­dra­le Saint-Je­an zur Ba­si­li­ka Not­re-Da­me de Four­viè­re. Die Ka­the­dra­le Saint-Je­an, il­lu­mi­niert im Rah­men des Spek­ta­kels «Co­lor or Not». Ein schwim­men­des Re­stau­rant vor der Pont Wil­son und dem Hô­tel-Dieu. Rechts: das Rat­haus und der Pa­lais des Beaux-Arts wäh­rend der Licht­show.

© P. Jac­ques/he­mis.fr © P. Jac­ques/he­mis.fr

Der Stadt­teil Con­flu­ence und der grü­ne Sitz von Eu­ro­news. Das Musée des Con­flu­en­ces von der Rho­ne-Sei­te aus. Es trägt die Hand­schrift des Ös­ter­rei­cher Ar­chi­tek­tur­bü­ros Co­op Him­melb(l)au. Links: der er­leuch­te­te Fuss­gän­ger­tun­nel Mo­des Doux. Der Pa­vil­lon des Sa­lins – auch oran­ger Wür­fel ge­nannt – der Ar­chi­tek­ten Do­mi­ni­que Ja­kob und Bren­dan Mac Far­la­ne. Lyon ist es ge­lun­gen, das erste vom WWF an­er­kann­te nach­hal­ti­ge Stadt­vier­tel Frank­reichs zu bau­en.

Rue Lai­ne­rie, das Ge­schäft Au Ta­pis­sier d'An­tan und sein Hand­werks­meis­ter im Vier­tel Saint-Paul. Ein Hin­ter­hof in der Lyo­ner Alt­stadt mit wun­der­schö­ner Trep­pe. Das Mai­son des Ca­nuts mit dem Sei­den­we­be­rei-Mu­se­um.In der Sei­den­ma­nu­fak­tur Prel­le, der We­ber Sé­bas­ti­en.Links: de­ko­ra­ti­ve In­stal­la­tio­nen am Rho­ne-Ufer und das Vier­tel Saint Ge­or­ges.

© C.Moirenc/he­mis.fr Das Vier­tel Les Cor­de­liers, Rue Mer­ciè­re. Chef­koch Je­an-Paul La­com­be in sei­nem Bis­trot de Lyon. Die Mon­tée des Cha­zeaux wäh­rend des Lich­ter­fes­tes. Das Vier­tel Saint-Je­an und das Lo­kal Le Ti­re-Bouchon in der Rue du Bo­euf. De­zem­ber­stim­mung in der Rue Mer­ciè­re.

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