RÜCKKEHR zum Aral­see

Animan Wunder der Welt - - REISEROUTEN - Von Di­dier Bi­zet

Der zwi­schen Ka­sachs­tan und Us­be­kis­tan ge­le­ge­ne Aral­see war ei­nes der weit­läu­figs­ten Bin­nen­mee­re der Er­de. Seit über 35 Jah­ren schrumpf­te er in­fol­ge an­dau­ern­der Aus­trock­nung zu­se­hends.

Das Bild der vom Rost zer­fres­se­nen Geis­ter­schif­fe ging um die Welt. Der zwi­schen Ka­sachs­tan und Us­be­kis­tan ge­le­ge­ne Aral­see war ei­nes der weit­läu­figs­ten Bin­nen­mee­re der Er­de. Seit über 35 Jah­ren schrumpf­te er in­fol­ge an­dau­ern­der Aus­trock­nung zu­se­hends und wur­de zum Symbol ei­ner der gröss­ten Um­welt­ka­ta­stro­phen. Heu­te keh­ren die Fi­scher zu­rück.

Es ist der Er­rich­tung ei­nes Stau­damms zu ver­dan­ken, dass der Fisch­fang heu­te ei­nen neu­en Auf­schwung er­lebt. Den ka­sa­chi­schen Dorf­be­woh­nern nach zu ur­tei­len, ist er be­son­ders im Früh­jahr und Herbst am er­trag­reichs­ten, wäh­rend er in den Win­ter­mo­na­ten ge­ra­de zum Über­le­ben reicht… Im Fe­bru­ar fal­len die Tem­pe­ra­tu­ren auf bis zu -20 °C. Die frü­he­ren No­ma­den der Step­pe ha­ben ih­re Jur­ten ge­gen Zie­gel­häu­ser ein­ge­tauscht, aber die durch das Holz­feu­er über­heiz­ten Fuss­bö­den sind noch im­mer mit Tep­pi­chen be­deckt.

Im Som­mer ist im Dorf Ta­stu­bek al­les ge­las­se­ner. Aker­ke und ihr Mann Nurz­han küm­mern sich kaum um die Pro­ble­me der Welt. Ne­ben dem Fisch­fang züch­tet das Paar ein Dut­zend Ka­me­le, die ih­nen Milch und Fleisch lie­fern. Die­se ver­kau­fen sie an­schlies­send auf den Märk­ten von Aralsk. In der schö­nen Jah­res­zeit glei­chen sich die Ta­ge in dem klei­nen Fi­scher­ort. Am Mor­gen fährt man aufs Meer, um die Net­ze aus­zu­wer­fen, am spä­ten Nach­mit­tag holt man den Fang ein. Trotz der über­sicht­li­chen An­zahl an Häu­sern gibt es ei­ne not­dürf­tig ein­ge­rich­te­te Schu­le für die Kin­der des Dor­fes. Ein klei­ner Shop hilft

Rau­chern aus der Klem­me. Auch ein paar Kon­ser­ven – und nicht zu ver­ges­sen den Wod­ka – fin­det man im Sor­ti­ment.

AB­GE­SCHIE­DEN­HEIT UND SOZIALE NETZWERKE

In Ta­stu­bek ist Ar­beit Zeit­ver­treib, und man ver­treibt sich hier gern die Zeit… Wenn man nicht ge­ra­de mit dem Fisch­fang be­schäf­tigt ist, wird das al­ters­schwa­che Mo­tor­rad oder der rus­si­sche Jeep re­pa­riert. Man ver­schafft sich Ablen­kung mit den Ge­rüch­ten aus Astana, die­ser Stadt, die all das re­prä­sen­tiert, was die klei­ne Fi­scher­ge­mein­schaft nicht hat: Geld, Ver­schmut­zung, Po­li­tik und Kor­rup­ti­on.

Seit­dem es seit 2010 Elek­tri­zi­tät gibt, hält das Sa­tel­li­ten­fern­se­hen in al­len Haus­hal­ten Ein­zug. Man ver­folgt dort ge­spannt die gla­mou­rö­sen Shows aus der Haupt­stadt. Kaum zu Hau­se an­ge­kom­men, surft die Ju­gend auf Face­book und Ins­ta­gram. Wenn man sie fragt, ob der Was­ser­an­schluss nicht wich­ti­ger sei als ein Kon­to in den so­zia­len Netz­wer­ken, wer­den sie sa­gen, dass der Fort­schritt in ers­ter Li­nie mit dem In­ter­net ver­bun­den ist.

Aker­ke, Nurz­han und ih­re drei­jäh­ri­ge Toch­ter Dil­naz be­rei­ten sich auf die An­kunft ei­nes klei­nen Ge­schwis­ter­chens vor. Die Fa­mi­lie schwebt im sieb­ten Him­mel und Nurz­han nutzt die Ge­le­gen­heit, um das Haus aus­zu­bau­en. Heu­te Abend ser­vie­ren sie uns köst­li­ches Ka­mel­fleisch mit Taglia­tel­le. Aker­ke schenkt uns den Tee nach mus­li­misch-ka­sa­chi­scher Tra­di­ti­on ein, die auf den Ti­schen ver­teil­ten Ku­chen las­sen die Kin­der­au­gen strah­len. Ein­mal hat­te ich für Nurz­han und mich ei­ne Fla­sche Wod­ka aus Aralsk mit­ge­bracht. Er gab mir zu ver­ste­hen, dass Wod­ka in sei­nem Haus nur un­ter Männern ge­trun­ken wird, ab und zu, wenn man vom Fi­schen heim­kehrt, aber nie­mals vor den Kin­dern.

EIN ÖKOLOGISCHES DRAMA

1960 er­streck­te sich der von den Flüs­sen Amu­dar­ja und Syr­dar­ja ge­speis­te Aral­see noch über ei­ne Flä­che von 67’300 km2 und war da­mit fast dop­pelt so gross wie die Schweiz. Zahl­rei­che Städ­te und Dör­fer der Küs­ten­re­gi­on pro­spe­rier­ten dank der Fi­sche­rei, bis die So­wjets be­schlos­sen, die wei­ten Step­pen Ka­sachs­tans und Us­be­kis­tans in rie­si­ge Baum­wol­lund Wei­zen­fel­der zu ver­wan­deln. Sie lei­te­ten ei­nen Teil der Zuflüs­se zur Be­wäs­se­rung ih­rer An­bau­ge­bie­te um und ent­zo­gen dem Aral­see so enor­me Was­ser­men­gen.

1970 hat­te das Bin­nen­meer be­reits 9/10 sei­ner Flä­che ein­ge­büsst und un­ter­teilt sich nun­mehr in zwei un­glei­che Tei­le: in den klei­ne­ren nörd­li­chen Aral­see und den gros­sen süd­li­chen Aral­see. Der zu­neh­men­de Salz­ge­halt der Ge­wäs­ser (10 g pro Li­ter im Jahr 1960 im Ver­gleich zu 120 g im Jahr 2007 im gros­sen Aral­see) führ­te schliess­lich zum Auss­ter­ben der rund zwan­zig ein­hei­mi­schen Fi­sch­ar­ten. An­fang der 1980er Jah­re wur­de jeg­li­che Fi­sche­rei­tä­tig­keit in der Re­gi­on ein­ge­stellt.

VERGIFTETER SAND UND SCHIFFSWRACKS

Das Ver­schwin­den des Aral­sees brach­te aus­ser­dem ei­ne schwe­re Ge­sund­heits­kri­se mit sich. Ne­ben der Aus­trock­nung des Sees ver­ur­sach­te der Miss­brauch der Be­wäs­se­rung ei­nen An­stieg des Salz­ge­halts an der Ober­flä­che. Zu­gleich spei­cher­te der zum Gross­teil frei­lie­gen­de Bo­den des Aral­sees den ver­gif­te­ten Sand, der durch die star­ken Win­de Zen­tral­asi­ens hun­der­te Ki­lo­me­ter weit fort­ge­tra­gen wur­de. Die­ser hoch­gif­ti­ge Nähr­bo­den führ­te zu ei­ner über­mas­sig ho­hen Ra­te an Nie­ren-, Ver­dau­ungs- und Atem­wegs­er­kran­kun­gen.

Die Boo­te lie­gen ver­las­sen auf dem Sand, der Anblick der Wracks lässt ei­nen nicht los. Mitt­ler­wei­le zieht es rei­hen­wei­se Be­su­cher in die­se Ge­gend, ein Gui­de führt sie zu den Über­res­ten ver­gan­ge­ner Zei­ten. «Das Gr­ab», wird die­se un­wirt­li­che Sand­step­pe ge­nannt. 2006 gab es noch zwölf Schiffswracks, dann be­gann die lo­ka­le Be­völ­ke­rung all­mäh­lich, die Me­tall­tei­le zu zer­le­gen und zu ver­kau­fen. Heu­te sind nur noch drei Stück von ih­nen üb­rig.

SEIT DER INBETRIEBNAHME DES DREIZEHN KI­LO­ME­TER LAN­GEN KOKARALSTAUDAMMS 2005 KONN­TE DER KLEI­NE SEE WIE­DER 50 % SEI­NER UR­SPRÜNG­LI­CHEN FLÄ­CHE ZURÜCKGEWINNEN. DANK DES DEICHES HAT SICH IM NOR­DEN EIN RIESIGER SEE GEBILDET, DER DURCH SEIN BEZAUBERNDES BLAU BE­STICHT. HEU­TE SIND HIER WIE­DER GROS­SE PELIKANKOLONIEN BE­HEI­MA­TET.

DAS WAS­SER KEHRT ZU­RÜCK

Seit ei­ni­gen Jah­ren hat sich die Po­li­tik dem Pro­blem an­ge­nom­men. Die Welt­bank und der Staat Ka­sachs­tan ha­ben be­schlos­sen, dem Aral­see ei­ne zwei­te Chan­ce zu ge­ben. Wäh­rend der gros­se süd­li­che Aral­see ein für al­le Mal ver­lo­ren scheint, gibt es für den klei­nen Aral­see im Nor­den und die an­gren­zen­den Se­en Hoff­nung. Seit der Inbetriebnahme des dreizehn Ki­lo­me­ter lan­gen Ko­karal-Stau­damms 2005 konn­te der klei­ne See wie­der 50 % sei­ner ur­sprüng­li­chen Flä­che zurückgewinnen. Der da­ma­li­ge Was­ser­stand von we­ni­ger als 18 Me­tern er­reicht heu­te wie­der 42 Me­ter. Dank des Deiches hat sich im Nor­den ein riesiger See gebildet, der durch sein bezauberndes Blau be­sticht. Heu­te sind hier wie­der gros­se Pelikankolonien be­hei­ma­tet.

Die zwei­te Pha­se des Stau­damm­pro­jekts wur­de zu­nächst aus­ge­setzt. Ei­ne wei­te­re Er­hö­hung um vier Me­ter soll er­mög­li­chen, dass der nörd­li­che Aral­see wie­der auf sei­nen ur­sprüng­li­chen Was­ser­stand an­schwillt. Aralsk, der ehe­ma­li­ge Haupt­ha­fen des Aral­sees, wür­de sei­nem Na­men dann wie­der al­le Eh­re machen.

Lin­ke Sei­te: Das Dorf Ta­stu­bek be­steht aus zwei Dut­zend Häu­sern. Auf der Stras­se zwi­schen Aralsk und den Fi­scher­dör­fern kann es schon mal pas­sie­ren, dass man im Sand ste­cken bleibt. Oh­ne exis­tie­ren­des Te­le­fon­netz, hofft ein­fach jeder, dass sein Fahr­zeug ver­schont bleibt.

Wenn er nicht ge­ra­de auf dem Was­ser ist, liebt es der Fi­scher, Vieh­züch­ter und Fa­mi­li­en­va­ter Nurz­han, sich in die Na­tur zu­rück­zu­zie­hen. Aker­ke und Nurz­han be­sit­zen zehn Ka­me­le. Ihr Fleisch und ih­re Milch bie­ten ih­nen zu­sätz­li­che Ein­künf­te. Das Mel­ken der Ka­me­le be­ginnt um 7 Uhr in der Früh. In Ta­stu­bek gibt es kei­ne Au­to­werk­statt, jeder re­pa­riert ei­gen­hän­dig vor sei­nem Haus. Vor­her­ge­hen­de Dop­pel­sei­te: Se­ryk, der Frem­den­füh­rer von Aralsk über­prüft den Mee­res­spie­gel bei Ta­stu­bek. Das Was­ser ist wie­der auf hun­dert Me­ter an­ge­stie­gen aber den­noch weit von sei­nem ur­sprüng­li­chen Stand von vor 40 Jah­ren ent­fernt. In der Nä­he des Dorfs Za­la­nash, 30 km von Ta­stu­bek ent­fernt, er­in­nern die letz­ten Boots­wracks an die trau­ri­ge Rea­li­tät, die die ein­hei­mi­sche Be­völ­ke­rung er­litt. Ein jun­ger Fi­scher in Ak­ti­on. Nie­mand kennt sei­nen Fa­mi­li­en­na­men, er nennt sich ein­fach Zh­a­kron.

In Ta­stu­bek trifft man sel­ten vie­le Leu­te: «Hier zählt man nicht die Einwohner, son­dern die Häu­ser!»Nurz­han re­pa­riert die Tür sei­nes Jeeps. Al­le hel­fen sich un­ter­ein­an­der, wenn es im All­tag ein­mal Pro­ble­me gibt.Nach der Schu­le zieht es die Kin­der des Dorfs nach draus­sen, aus­ser im Winter, wenn die Tem­pe­ra­tu­ren auf bis zu -25 Grad fal­len. Zwi­schen Ta­stu­bek und Aralsk trifft man in der Step­pe auf Pfer­de.Sie sym­bo­li­sie­ren die Frei­heit und die ka­sa­chi­schen Tra­di­tio­nen.Nurz­han in sei­nem Bus. Er hat ihn für 800 Eu­ro ge­kauft und nutzt ihn ge­mein­sam mit sei­nen Fi­scher­freun­den im Som­mer, um dar­in zu schla­fen.

Das Aus­wer­fen der Net­ze. Die Fi­scher fah­ren im All­ge­mei­nen zu zweit aufs Meer.10 Uhr mor­gens. Nach drei Ta­gen Wind und Re­gen kön­nen die Fi­scher end­lich raus­fah­ren. Nurz­han und Yer­kin wer­den die Net­ze ein­ho­len, die sie am Vor­tag aus­ge­wor­fen ha­ben. Ihr klei­nes Boot stammt noch aus der So­wjet­zeit. Sie ver­wen­den aber in ers­ter Li­nie chi­ne­si­sche Net­ze. Die sind bil­li­ger als die rus­si­schen.

Am Orts­ein­gang wird der Fisch in ei­nem pri­va­ten Be­trieb sor­tiert, ge­wa­schen und tief­ge­fro­ren. Er ge­hört Am­an­bai Yerk­ha­tov, ei­nem Ge­schäfts­mann aus der Ge­gend.

Bei Aralsk bil­den sich mit der Rückkehr des Was­sers klei­ne Se­en. Das Meer, das frü­her gu­te 80 km vor den To­ren der Stadt lag, ist mitt­ler­wei­le nur noch 20 km von den ers­ten Be­hau­sun­gen ent­fernt. Lin­ke Sei­te: Die Über­res­te ei­nes ge­stran­de­ten Boo­tes thro­nen auf dem Sand der Step­pe, Symbol ei­ner öko­lo­gi­schen Ka­ta­stro­phe, die die Men­schen ge­prägt hat.

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