BORDEAUX

ZWI­SCHEN KUL­TUR UND ZU­KUNFT

Animan Wunder der Welt - - KULINARISCHE WELTREISE - Von Ma­rie Pa­tu­rel. Bil­der: he­mis.fr

Seit der Ein­wei­hung der Hoch­ge­schwin­dig­keitsBahn­stre­cke im ver­gan­ge­nen Jahr, be­fin­det sich Bordeaux im wahrs­ten Sin­ne auf ei­ner ur­ba­nen, öko­no­mi­schen und kul­tu­rel­len Über­hol­spur. Die schlum­mern­de Stadt der 1990er Jah­re ist längst aus ih­rem Dorn­rös­chen­schlaf er­wacht, sie rückt ihr rei­ches Kul­tur­er­be ins rech­te Licht und ge­stal­tet sich ei­ne dy­na­mi­sche und viel­ver­spre­chen­de Zu­kunft.

Bordeaux ge­hör­te zu je­ner Art von Städ­ten, in der es sich in be­hag­li­cher Ru­he und ei­nem be­mer­kens­wer­ten his­to­ri­schen Reich­tum gut le­ben lässt. Nicht um­sonst wird sie die «schla­fen­de Schö­ne» ge­nannt, wie so vie­le an­de­re fran­zö­si­sche Städ­te (An­gers, Reims, Ar­ras), in de­nen der All­tag süss und fried­lich da­hin­plät­schert. Der Rei­se­füh­rer Lo­nely Pla­net kür­te Bordeaux un­längst zur «an­ge­sag­tes­ten Stadt der Welt».

Die aqui­ta­ni­sche Me­tro­po­le er­lebt seit zwan­zig Jah­ren in der Tat ei­nen ech­ten Wan­del, der seit der Er­öff­nung der Hoch­ge­schwin­dig­keits­stre­cke 2017 zu­neh­mend an Fahrt auf­nimmt. Die Haupt­stadt des fran­zö­si­schen Süd­wes­tens, die frü­her an ih­rer Rand­la­ge und ei­ner ge­wis­sen Iso­la­ti­on litt, ist mitt­ler­wei­le nur noch zwei Fahrt­stun­den von Pa­ris ent­fernt. Ob­wohl Bordeaux auf die Fran­zo­sen schon im­mer ei­nen Reiz aus­üb­te – laut ei­ner Um­fra­ge wür­den sich 38 % von ih­nen gern hier nie­der­las­sen –, hat die An­bin­dung an das TGV-Netz die­sen Trend noch zu­sätz­lich ver­stärkt. Die Be­woh­ner der Ile-de-Fran­ce ha­ben die Stadt der­art in Be­schlag ge­nom­men, dass man­che sie schon als «Mi­niPa­ris» be­zeich­nen. Der Immobilienmarkt platz­te dar­auf­hin aus al­len Näh­ten und ist kaum im­stan­de, den Strom der Neu­an­kömm­lin­ge auf­zu­neh­men. Je­des Jahr lockt die Stadt knapp 10’000 Men­schen auf der Su­che nach dem idea­len Le­bens­um­feld. 2013 zur Kul­tur­haupt­stadt Eu­ro­pas und an­schlies­send zum bes­ten Rei­se­ziel der EWG 2015 er­nannt, konn­te sich Bordeaux von sei­nem bür­ger­li­chen, glanz­lo­sen und et­was ein­tö­ni­gen Image be­frei­en. Die schla­fen­de Schö­ne zeigt sich längst ex­trem dy­na­misch und um­trie­big.

UR­BA­NE FARM UND SPITZENTECHNOLOGIE

Mit stra­te­gi­schen Gross­pro­jek­ten ist es Bordeaux ge­lun­gen, sein ver­staub­tes Image ge­gen das ei­ner krea­ti­ven, mo­der­nen, ja so­gar avant­gar­dis­ti­schen High­Tech-Me­tro­po­le ein­zu­tau­schen. So wur­de zum Bei­spiel Dar­win, ein ehe­ma­li­ges 20’000 m2 gros­ses Mi­li­tär­ge­län­de am rech­ten Ufer der Ga­ron­ne, in ei­ne in­no­va­ti­ve Kul­tur­land­schaft ver­wan­delt. Sie be­steht aus ei­ner ur­ba­nen Farm und ei­nem rie­si­gen Skate­park, der aus re­cy­cel­ten Bau­ma­te­ria­li­en er­rich­tet wur­de, so­wie aus ei­nem Bio-Le­bens­mit­tel­ge­schäft und -Re­stau­rant, ei­nem Co­wor­king Space, ei­nem Rad­po­lo-Spiel­feld und ei­ner Mau­er, an der sich Graf­fi­ti-Künst­ler nach Lust und Lau­ne aus­to­ben kön­nen.

Die brach­lie­gen­de ehe­ma­li­ge Ka­ser­ne Niel fun­giert nun als ein Ort künst­le­ri­schen Schaf­fens und nicht zu­letzt als wich­ti­ger Wirt­schafts­fak­tor, wel­cher Stadt­kul­tur, zeit­ge­nös­si­sche Kunst, nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung und jun­ge Start-ups zu­sam­men­führt. Wäh­rend die Re­gi­on zu Be­ginn der 1990er Jah­re mit der Ein­stel­lung ih­rer Tä­tig­keit im Ver­tei­di­gungs­sek­tor so man­chem Po­li­ti­ker Bauch­schmer­zen be­rei­te­te, hat sich Bordeaux rasch um­ori­en­tiert und punk­tet mitt­ler­wei­le als Stand­ort er­folg­rei­cher Spitzentechnologie-Un­ter­neh­men, die es durch sei­ne mul­ti­moda­le Ver­kehrs­an­bin­dung und die För­de­rung der Ge­biets­kör­per­schaf­ten lockt.

Ei­ne ech­te Sy­ner­gie hat sich zwi­schen der High­tech-In­dus­trie – ins­be­son­de­re der La­ser­in­dus­trie – und der Uni­ver­si­tät, den For­schungs­la­bo­ren und den Tech­no­lo­gie­zen­tren ent­wi­ckelt. Das 2013 in­iti­ier­te ehr­gei­zi­ge Pro­jekt Bordeaux-Eu­r­at­lan­tique, des­sen En­de für 2027 vor­ge­se­hen ist, sym­bo­li­siert die po­li­ti­sche Ent­schlos­sen­heit in Be­zug auf die Stadtentwicklung. Die­ses Pro­gramm steht in di­rek­tem Zu­sam­men­hang mit der TGV-Tras­se und ih­rer mög­li­chen Er­wei­te­rung in Rich­tung Tou­lou­se und Dax und ist für Un­ter­neh­men da­her be­son­ders at­trak­tiv. Dar­über hin­aus schafft es rund um den Bahn­hof Saint-Je­an zu­sätz­li­chen Wohn­raum für ca. 30’000 Ein­woh­ner.

DER FUSS­GÄN­GER IST KÖ­NIG

Schon lan­ge vor die­ser gi­gan­ti­schen Bau­stel­le wur­den die ver­las­se­nen Ufer­däm­me des In­dus­trie­ha­fens sa­niert und sind heu­te ei­ne der be­lieb­tes­ten Fla­nier­mei­len der Stadt. Dank der Kreuz­fahr­ten und des Was­ser­tou­ris­mus konn­te der Ha­fen zu neu­em Le­ben er­weckt wer­den. Auch die zu­künf­ti­ge Pont Je­an-Jac­ques Bosc soll hier­zu bei­tra­gen, in­dem sie die bei­den Ga­ron­ne-Ufer mit­ein­an­der ver­bin­det. Die­ser am­bi­tio­nier­te Brü­cken­bau soll mit sei­ner 15 Me­ter brei­ten Fuss­gän­ger­zo­ne die sanf­te Mo­bi­li­tät be­güns­ti­gen.

Die Fuss­gän­ger sind zwei­fel­los die Ge­win­ner die­ser ur­ba­nen Ver­jün­gungs­kur. Ne­ben der Ein­rich­tung ei­nes ef­fi­zi­en­ten öf­fent­li­chen Ver­kehrs­net­zes – drei Stras­sen­chern bahn­li­ni­en, ein weit­läu­fi­ges Bus­netz, Ein­füh­rung der Bat­cub-Boots­hut­tles so­wie des Vcub-Fahr­rad­ver­leihs – hat Bordeaux sei­nen Be­woh­nern und Be­su- das Stadt­le­ben wie­der so rich­tig schmack­haft ge­macht. Au­tos wur­den aus dem his­to­ri­schen Stadt­zen­trum ver­bannt und zahl­rei­che Ge­bäu­de re­no­viert, was die Auf­nah­me zum UNESCO-Welt­kul­tur­er­be le­gi­ti­mier­te. Über 350 Bau­wer­ke ste­hen zu­dem un­ter Denk­mal­schutz. Bordeaux ist das ers­te städ­ti­sche En­sem­ble, das der­art gross­räu­mig aus­ge­zeich­net wur­de (mit 1810 Hekt­ar knapp die hal­be Flä­che der Stadt) und trägt sei­nen sorg­fäl­tig ge­pfleg­ten ar­chi­tek­to­ni­schen Reich­tum of­fen zur Schau. Vom Grand Théât­re zur Por­te Cail­hau im Re­nais­sance­stil, vom mit­tel­al­ter­li­chen Vier­tel Saint-Pier­re bis zur Place de la Bour­se aus dem 18. Jahr­hun­dert, vom erz­bi­schöf­li­chen Pa­last bis zu den un­zäh­li­gen Stadt­häu­sern, ist die Haupt­stadt der Gi­ron­de ein wah­rer Au­gen­schmaus für Ar­chi­tek­tur­lieb­ha­ber.

MI­RO­IR D’EAU UND CITÉ DU VIN

Bordeaux ist nicht nur be­strebt, sein his­to­ri­sches Er­be zu be­wah­ren, es ze­le­briert glei­cher­mas­sen das zeit­ge­nös­si­sche Schaf­fen. Wahr­zei­chen die­ses Wa­ge­muts ist der be­rühm­te Mi­ro­ir d’eau, 2006 er­dacht vom Brun­nen­meis­ter Je­anMax Llor­ca, dem Städ­te­pla­ner Mi­chel Cor­a­joud und dem Ar­chi­tek­ten Pier­re Gang­net. Die Was­ser­spie­le ver­wan­deln die ge­wal­ti­ge Gra­nit­plat­te in ei­nen Spie­gel aus Was­ser, in dem sich die Place de la Bour­se re­flek­tiert, sie tau­chen die Es­pla­na­de, auf der Kin­der mit Be­geis­te­rung um­her­tol­len, zu­wei­len in zau­ber­haf­ten Ne­bel. Die­ses Werk hat sich bin­nen zehn Jah­ren zum be­lieb­tes­ten Fo­to­mo­tiv der Me­tro­po­le ent­wi­ckelt. In ei­ni­ger Ent­fer­nung er­hebt sich das Wahr­zei­chen, das man­che als «To­tem» oder «Ka­raf­fe» von Bordeaux be­zeich­nen: Die er­staun­li­che 2016 er­öff­ne­te Cité du Vin ragt über der al­ten Schmie­de des gros­sen See­ha­fens em­por. Ih­re run­de, ge­schwun­ge­ne Ar­chi­tek­tur soll zu­gleich ei­ne knor­ri­ge Wein­re­be und die Stru­del der Ga­ron­ne, die zu ih­ren Füs­sen fliesst, ver­kör­pern. Die Cité du Vin zählt zu den zehn bes­ten Mu­se­en der Welt und lock­te im ver­gan­ge­nen Jahr 450’000 Be­su­cher mit ih­rer mo­der­nen Szeno­gra­fie.

UND WÄH­REND DIE LO­KA­LE GAS­TRO­NO­MIE DEN SLOW FOODTREND UND DIE FRAN­ZÖ­SI­SCHE LE­BENS­ART KUL­TI­VIERT, VER­FOLGT BORDEAUX MIT VOLL­GAS SEI­NEN WEG IN EI­NE SEHR EU­RO­PÄ­ISCH GE­PRÄG­TE ZU­KUNFT.

SAINT-EMILION UND GAS­TRO­NO­MIE

Das voll­stän­dig aus Glas und Alu­mi­ni­um ge­bau­te Mu­se­um hul­digt der lo­ka­len und glo­ba­len Wein­kul­tur und bringt den kom­ple­xen Wunsch nach Be­wah­rung und Er­neue­rung zum Aus­druck, den die Bor­de­lai­ser Ak­teu­re ver­spü­ren. Un­ter ih­nen be­fin­det sich ei­ne neue Ge­ne­ra­ti­on von Chef­kö­chen, die die tra­di­tio­nel­le Kü­che des Süd­wes­tens neu in­ter­pre­tiert und ihr so die nö­ti­ge Por­ti­on Leich­tig­keit und Fan­ta­sie ver­leiht. Na­tür­lich stets in Be­glei­tung der in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ten Qua­li­täts­wei­ne aus den na­he­ge­le­ge­nen An­bau­ge­bie­ten von Saint-Emilion, Po­merol oder Médoc.

Auf der Place de la Co­mé­die ha­ben sich gleich zwei be­rühm­te Fern­seh­kö­che, Gor­don Ram­say und Phil­ip­pe Et­che­best, in di­rek­ter Nach­bar­schaft und fried­li­cher Ko­exis­tenz nie­der­ge­las­sen. Sie ver­deut­li­chen die An­zie­hungs­kraft, die die Stadt so­wohl auf Kü­chen­chefs als auch auf Fein­schme­cker aus­übt. Ganz in der Nä­he, in der Gran­de Mai­son de Ber­nard Mag­rez, zau­bert das Team von Pier­re Ga­g­nai­re auf ex­qui­si­te Wei­se Schul­ter vom Pau­il­lacLamm, En­ten­fi­let­strei­fen an Sa­ra­wakP­fef­fer oder auch die Aus­tern von Jo­ël Dupuch auf den Tel­ler. Und wäh­rend die lo­ka­le Gas­tro­no­mie den Slow Food-Trend und die fran­zö­si­sche Le­bens­art kul­ti­viert, ver­folgt Bordeaux mit Voll­gas sei­nen Weg in ei­ne sehr eu­ro­pä­isch ge­präg­te Zu­kunft.

© E. Bou­lo­u­mie Place de la Co­mé­die, Bordeaux er­wacht und rückt sein Grand Théât­re und sein Grand Hô­tel ins rech­te Licht. Em­si­ges Trei­ben am Tag, auf dem Mar­ché des Ca­pu­cins oder der Place Can­te­loup. Lin­ke Sei­te: Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft tref­fen auf­ein­an­der, auf der Place de la Bour­se mit ih­rer mo­der­nen Stras­sen­bahn. Die Bo­gen­brü­cke über der Ga­ron­ne und die Ba­si­li­ka Saint-Mi­chel.

© B. Gar­del

© B. Gar­del

© F. Gui­ziou Der Quai Ri­che­lieu und die Por­te Cail­hau im go­ti­schen Stil so­wie die Tour Pey-Ber­land und die Ka­the­dra­le Saint-André. Das Opern­haus von in­nen. Lin­ke Sei­te: das Pas­sa­gier­schiff «Prin­sen­dam» beim Zwi­schen­stopp, ein ent­spann­ter Tag auf dem Quai du Ma­ré­chal Lyau­tey und der He­be­brü­cke Jac­ques Cha­ban-Del­mas. Vor der Staats­oper auf der Place de la Co­mé­die ha­ben die Fuss­gän­ger das Sa­gen.

© L. Maisant

Ein Kind ver­treibt sich auf dem Was­ser­spie­gel der Place de la Bour­se die Zeit. Auch im Dun­keln ist die­ser Ort ein be­lieb­tes Fo­to­mo­tiv, hier mit ei­ner Grup­pe jun­ger Fo­to­gra­fen. Das Bordeaux der Fein­schme­cker. Ver­lo­cken­de Gau­men­freu­den in der Bar Ca­ve de la Mon­naie.

Die spek­ta­ku­lä­re Cité du Vin wur­de vom Ar­chi­tek­tur­bü­ro XTU ent­wor­fen, die ge­lun­ge­ne Szeno­gra­fie stammt vom eng­li­schen Un­ter­neh­men Cas­son Mann Li­mi­ted. Das 2016 er­öff­ne­te Mu­se­um um­fasst zu­dem ei­nen Shop mit Wei­nen aus der gan­zen Welt so­wie ei­ne Bar für Wein­ver­kos­tun­gen im obe­ren Stock. Ste­ti­ges Wech­sel­spiel aus Ver­gan­gen­heit und Avant­gar­de, die Place de la Co­mé­die mit der Skulp­tur des Spa­ni­ers Jau­me Plen­sa.

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