BE­GEG­NUNG MIT DEN LETZ­TEN KOPFJÄGERN

Animan Wunder der Welt - - KULINARISCHE WELTREISE - Text und Fo­tos: Franck Char­ton

Sei auf der Hut, wenn du Na­ga­land be­trittst! Die Da­ko­i­ten und se­pa­ra­tis­ti­sche, be­trun­ke­ne Gue­ril­la­kämp­fer strei­fen zu­hauf durch die­se wil­den Ber­ge. Sei vor­sich­tig und set­ze nie des Nachts ei­nen Fuss vor die Tür!» So lau­ten im We­sent­li­chen die Re­ak­tio­nen, wenn man das Rei­se­ziel im in­di­schen Sub­kon­ti­nent, vor den To­ren des Hi­ma­la­y­as, er­wähnt. Für vie­le Be­woh­ner des Flach­lands bleibt das Land der Nagas ein Grenz­ge­biet, das sich in at­mo­sphä­ri­sche wie kul­tu­rel­le Ne­bel­schwa­den hüllt: ein Land der Bar­ba­ren. Auch für uns?

Er­le­ben Sie das Ani­manAben­teu­er 2019

Was ist aus den be­rühmt-be­rüch­tig­ten Nagas ge­wor­den, die­sen Krie­gern, die man noch bis vor we­ni­gen Jahr­zehn­ten für ih­ren Hang zur Kopf­jagd fürch­te­te? Hin­ter dem Be­griff Na­ga ver­birgt sich ein rei­ches Mo­sa­ik aus dreis­sig Stäm­men, de­ren Kul­tur auf Über­gangs- und Frucht­bar­keits­ri­ten, Tä­to­wie­run­gen, ani­mis­ti­scher und me­ga­li­thi­scher Sym­bo­lik so­wie auf ei­ner lan­gen Tra­di­ti­on von Stam­mes­krie­gen ba­siert. Die­ses grund­sätz­lich ko­hä­ren­te, aber im Er­schei­nungs­bild dis­pa­ra­te Volk legt ei­ne ver­blüf­fen­de Di­ver­si­tät an den Tag und bringt es auf un­ge­fähr zwei Mil­lio­nen See­len. Sie ver­tei­len sich auf ei­nem ab­ge­schirm­ten, ber­gi­gen Ge­biet zwi­schen zwei Län­dern (Indien, Bir­ma) und drei Bun­des­staa­ten (Ar­u­n­achal Pra­desh, Ma­nipur und Na­ga­land, wo sie mit 16 Stäm­men die Mehr­heit bil­den) und un­ter­tei­len sich dar­über hin­aus in ein Dut­zend Clans, dar­un­ter fünf Haupt­grup­pen und eben­so vie­le zum Teil sehr un­ter­schied­li­che ti­be­to­bir­ma­ni­sche Dia­lek­te. Ne­ben der un­über­schau­ba­ren Geo­gra­phie tru­gen der Fort­be­stand der Ge­walt un­ter den Stäm­men so­wie die pa­ter­na­lis­ti­sche Amts­füh­rung des bri­ti­schen Raj um­so mehr zu ih­rer Iso­la­ti­on bei.

Bei den Nagas war es üb­lich, den Fein­den die Köp­fe (und die Hän­de) ab­zu­tren­nen und die­se Tro­phä­en mit ins Hei­mat­dorf zu brin­gen. Die­se «Kopf­jagd» war bei den jun­gen Män­nern eng mit den Ri­tua­len zum Über­gang ins Er­wach­se­nen­al­ter ver­knüpft. Sie schmück­ten sich mit ko­di­fi­zier­ten Ge­sichts- und Kör­per­tä­to­wie­run­gen, die den bes­ten Krie­gern ei­nen be­nei­de­ten so­zia­len Sta­tus ver­lie­hen, wel­cher zum Teil Vor­aus­set­zung für die Hoch­zeit war, je­doch stets mit dem Zy­klus der Frucht­bar­keit und gu­ten Ern­ten ein­her­ging.

Die mensch­li­chen Tro­phä­en er­leich­ter­ten eben­falls den Zu­gang zum Le­ben nach dem Tod und ge­währ­leis­te­ten im All­ge­mei­nen ei­ne Ver­bin­dung zur Le­bens­en­er­gie, zu ei­ner Macht, die dem po­ly­ne­si­schen Ma­na glich und die über Ver­dienst­fes­te und Emp­fangs­ze­re­mo­ni­en auf die Fa­mi­lie, den Clan und das Dorf über­ging. Bis in die 60er Jah­re war es üb­lich, Skla­ven ein­zu­fan­gen und Tro­phä­en zu er­beu­ten. Der letz­te nach­ge­wie­se­ne Vor­fall geht auf das Jahr 1990 zu­rück, als ein Streit zwi­schen

zwei Dör­fern ent­brann­te. Die­ser führ­te 1991 zu ei­nem förm­li­chen Ver­bot sei­tens ho­her Na­ga-Wür­den­trä­ger, der Lan­des­be­hör­den so­wie re­li­giö­ser Au­to­ri­tä­ten.

ER­KUN­DUNG EI­NER AN­DE­REN WELT

Wie al­le Nagas wa­ren auch die Konyak bis in die 1960er Jah­re – und noch lan­ge Zeit da­nach – un­er­müd­li­che Kopf­jä­ger, ge­fan­gen in ei­ner wenn auch tod­brin­gen­den Initia­ti­ons­tra­di­ti­on. In der Hoch­burg des Konyak-Stam­mes Long­wa, an der Gren­ze zu Bir­ma, ver­su­chen wir, die letz­ten Über­le­ben­den die­ser Tro­phä­en­krie­ge aus­fin­dig zu ma­chen und zu in­ter­view­en. Die Stras­se ist nicht mehr als ei­ne ent­setz­li­che Ab­fol­ge mo­ras­ti­ger Spur­ril­len, in de­nen un­ser Ge­län­de­wa­gen hin- und her­schlin­gert. Erst ges­tern ha­ben wir das tie­fe As­sam über die Jor­hat-Sib­sa­g­arRou­te ver­las­sen, und schon drin­gen wir in ei­ne an­de­re Welt vor, be­sie­delt von Schlamm­lö­chern, Ge­spens­tern und My­then. Nach ein paar St­un­den und zwei Check­points der Ar­mee drin­gen wir im­mer tie­fer in ein La­by­rinth aus en­gen Tä­lern, halb­feuch­ten Wäl­dern und ge­ro­de­ten Berg­käm­men vor, wo sich ei­ne Viel­zahl klei­ner Na­ga-Ge­mein­schaf­ten an­ge­sie­delt hat.

Nach Wak­ching und sei­nem im­po­san­ten, ge­schnitz­ten Mor­ung, ei­ner tra­di­tio­nel­len Hüt­te, die einst als Schlaf­quar­tier und Ka­ser­ne der Kopf­jä­ger dien­te und heu­te als ein­fa­che Pa­la­ver­hüt­te der Dor­f­äl­tes­ten ge­nutzt wird, be­fin­den wir uns mit­ten­drin, im Land der Konyak: lan­ge stroh­ge­deck­te Häu­ser, Frau­en, die wun­der­schö­ne bun­te Per­len­ket­ten tra­gen und ko­ni­sche aus gan­zen Bäu­men ge­haue­ne Gong­trom­meln. Das in 1’500 Me­tern Hö­he ge­le­ge­ne Long­wa ist ein statt­li­ches Dorf mit 785 Häu­sern, 5’000 Per­so­nen, 7 Mor­ungs und eben­so vie­len Khels (Vier­tel). Es wird von drei sym­bol­träch­ti­gen Struk­tu­ren der ört­li­chen Ver­wal­tung do­mi­niert: zu­nächst von den An­ten­nen und Ra­dar­an­la­gen der in­di­schen Ar­mee, dann von dem mas­si­gen evan­ge­li­ka­len Tem­pel und schliess­lich vom Pa­last des ein­hei­mi­schen Kö­nigs, wel­cher zu Pfer­de auf dem Grenz­kamm – ein Fuss in Indien, der an­de­re in Bir­ma – thront. Ganz in sei­ner Nä­he zeu­gen auf­ge­rich­te­te run­de St­ei­ne (weib­li­che) und Menhi­re (männ­lich) von ver­gan­ge­nen Fes­ten: Aus­saat, Son­nen­wen­de, Ern­ten, Ver­diens­ten und der sieg­rei­chen Rück­kehr von krie­ge­ri­schen Beu­te­zü­gen.

IN BE­GLEI­TUNG VON TONYEI PHAWANG

Es ist üb­lich, dem Häupt­ling un­se­re Auf­war­tung zu ma­chen, doch er ist «in­dis­po­niert». Al­so war­ten wir ge­dul­dig im Emp­fangs­raum, der an ei­nen Mu­se­ums­saal er­in­nert. Er ist mit Schwarz-Weis­sFo­tos, Holz­skulp­tu­ren und ge­wal­ti­gen Mit­hun-Hör­nern ge­schmückt. Die­se im­po­san­ten halb­wil­den Dschun­gel­rin­der zäh­len ne­ben dem Ti­ger zu den wich­tigs­ten To­tem­tie­ren der Na­ga- Kos­mo­go­nie. Bei den Konyak ge­hört auch der Ca­lao, ei­ne Art Tu­kan, da­zu.

Als Tonyei Phawang, der Er­be des letz­ten gros­sen Ang ein­trifft, er­ken­nen wir an sei­nem hal­lu­zi­nie­ren­den Blick und dem wie­gen­den Schritt, dass er ei­ne Opi­um­sit­zung hin­ter sich ha­ben muss. Im Lau­fe un­se­res Auf­ent­halts wer­den wir noch häu­fig die tän­zeln­den Pfei­fen be­ob­ach­ten. Die meis­ten Män­ner sind durch Un­tä­tig­keit oder gar so­zio­kul­tu­rel­len Un­mut ab­hän­gig ge­wor­den. Der Ang be­sitzt hier nur noch ei­ne ge­wohn­heits­mäs­si­ge Amts­ge­walt, doch er traf in ver­gan­ge­nen Zei­ten, ge­mein­sam mit dem Äl­tes­ten­rat je­des Mor­ungs, die wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen, die das Dorf­le­ben re­gel­ten: kol­lek­ti­ve Ar­bei­ten, Ri­tua­le und Op­fer­ga­ben, Ze­re­mo­ni­en des Frucht­bar­keits­zy­klus, in­ter­ne Kon­flik­te. Sein Gross­va­ter «be­sass» 42 Frau­en, sein Va­ter 12 und er 2... Die Zei­ten än­dern sich. Auf der an­de­ren Sei­te der Kamm­li­nie, die das Dorf im Sü­den um­rahmt, liegt Bir­ma, ge­nau­er die Pro­vinz Sa­ga­ing, wie die Weg­mar­kie­run­gen in den Far­ben In­di­ens und Myan­mars so­wie die In­schrif­ten auf De­va­na­ga­ri und Bir­ma­nisch ver­ra­ten. Die Konyak, die sich auf bei­den Sei­ten an­ge­sie­delt ha­ben, kön­nen kom­men und ge­hen, wie es ih­nen be­liebt, doch für uns Aus­län­der ist es ei­ne un­pas­sier­ba­re und von Sol­da­ten be­wach­te Gren­ze.

VOR MIR SIT­ZEN RU­HI­GE VÄ­TER­CHEN, EIN WE­NIG AUS­GE­MER­GELT, SI­CHER, DOCH MIT SANF­TEM BLICK, AL­LES AN­DE­RE ALS BLUT­RÜNS­TI­GE SE­RI­EN­MÖR­DER. SIE SIND DIE LETZ­TEN VER­TRE­TER EI­NES HOCH­ENT­WI­CKEL­TEN WER­TE­SYS­TEMS, IN DEM IN­STI­TU­TIO­NA­LI­SIER­TE GE­WALT EI­NE SCHLÜS­SEL­ROL­LE BEI DER SYM­BO­LI­SCHEN ÜBER­TRA­GUNG VON FRUCHT­BAR­KEIT UND WOHL­STAND SPIEL­TE, DANK DER HEI­LI­GEN SUB­STANZ, DIE IN DEN SCHÄ­DELN ENT­HAL­TEN IST.

DIE 12 LETZ­TEN TÄ­TO­WIER­TEN

Im na­he­zu men­schen­lee­ren und von der Hit­ze er­drück­ten Dorf fra­gen wir, ob wir die Re­ga­le mit den auf­ge­türm­ten Schä­deln, den greif­ba­ren Re­lik­ten der Bru­der­krie­ge, se­hen dür­fen. Doch wir er­fah­ren, dass auf Drän­gen der re­li­giö­sen (christ­li­chen) Au­to­ri­tä­ten sämt­li­che Schä­del im Jahr 2015 bei­ge­setzt wur­den. Dar­auf­hin bit­ten wir, die Dor­f­äl­tes­ten zu tref­fen, de­ren Tä­to­wie­run­gen ih­ren frü­he­ren Sta­tus als Krie­ger und Kopf­jä­ger be­le­gen, doch sie sind bis zum Abend auf den Fel­dern be­schäf­tigt. Die Zei­ten, in de­nen die meis­ten Män­ner mo­bi­li­siert wur­den, um Wa­che zu hal­ten und die Ge­mein­schaft vor ei­nem mög­li­chen Über­fall zu schüt­zen, sind vor­bei. Heut­zu­ta­ge sind die Nagas Acker­bau­ern wie al­le an­de­ren, sie kul­ti­vie­ren Tro­cken­reis, Hir­se und an­de­re Le­bens­mit­tel wie Ta­ro, Mais, Rohr­zu­cker, Erb­sen, Pfef­fer­scho­ten und Kar­tof­feln. Als sich der Tag dem En­de neigt, keh­ren die Män­ner – ih­re Werk­zeu­ge über die Schul­tern ge­legt – von den Fel­dern zu­rück, ge­folgt von ei­nem Tross Frau­en, die ge­bückt un­ter ih­ren mit Feu­er­holz be­stück­ten Wei­den­kör­ben hin­ter­her­lau­fen. In Be­glei­tung ei­nes jun­gen Man­nes, der ein paar Bro­cken Eng­lisch spricht, ver­brin­gen wir die kom­men­den Aben­de. Wir sau­sen die Trep­pen im Dun­keln hin­un­ter und schlüp­fen durch das Ge­wirr der Bam­bus­wäl­der zwi­schen den Long­hou­ses, um den noch le­ben­den ehe­ma­li­gen Krie­gern ei­nen Be­such ab­zu­stat­ten. Sie sind zwi­schen 76 und 82 Jah­re alt, in un­ter­schied­li­chem Mas­se tä­to­wiert und tra­gen ei­ne Ket­te um den Hals, die sie nie ab­le­gen. Die­se ist mit zwei bis fünf Kup­fer­fi­gu­ren ge­schmückt, ein Sym­bol für die An­zahl der Köp­fe, die sie dem Feind ab­ge­nom­men ha­ben! In der Dun­kel­heit der al­ten Pfahl­bau­ten sit­ze ich ih­nen am lei­se knis­tern­den Feu­er ge­gen­über. Un­ter den amü­sier­ten oder ver­dutz­ten Bli­cken der Fa­mi­lie (Schwie­ger­söh­ne und -töch­ter, Kin­der und En­kel) ist je­de Be­geg­nung ein ein­zig­ar­ti­ger, in­ten­si­ver wie be­we­gen­der Au­gen­blick. Wäh­rend ich ei­ni­ge Fra­gen stel­le, die müh­sam von un­se­rem Dol­met­scher­neu­ling wei­ter­ge­ge­ben wer­den, muss ich mich be­ei­len, um noch ein paar Fo­tos zu er­ha­schen, denn die Män­ner sind sehr be­tagt, sehr mü­de und aus­ge­hun­gert.

VON INITIATIONEN UND KOPFBÄUMEN

Sie er­zäh­len von ih­rer be­weg­ten Ver­gan­gen­heit, den­noch sind sie stolz auf die ur­sprüng­li­chen Mo­ti­ve die­ser Über­fäl­le: die Initia­ti­on jun­ger Män­ner (bei ih­rem ers­ten be­waff­ne­ten Streif­zug soll­ten die Jun­gen ein­fach nur ei­nen Fuss auf das feind­li­che Ge­biet set­zen), die alt­über­lie­fer­te Blut­ra­che (ein Ba­lan­ce­akt zwi­schen dem «po­si­ti­ven» Aus­tausch von Frau­en, um In­zucht zu ver­mei­den und dem ne­ga­ti­ven Aus­tausch von Köp­fen, der Mass­ein­heit für Macht und An­se­hen un­ter den Ge­mein­schaf­ten), Kon­flik­te um das Was­ser für die Be­wäs­se­rung oder die Ur­bar­ma­chung neu­er Fel­der. Durch die Ge­fan­gen­nah­me von Skla­ven ver­füg­te man über Köp­fe, die man für be­stimm­te Ri­tua­le be­nö­tig­te, wie zum Bei­spiel für die Wei­he ei­ner neu­en Ge­mein­schafts-Gong­trom­mel, Sym­bol je­des Mor­ungs etc…

«An den Ta­gen vor ei­ner Straf­ex­pe­di­ti­on oder ei­nem Ero­be­rungs­zug wa­ren wir gleich­zei­tig ver­ängs­tigt und er­regt».

Die Män­ner muss­ten das so­ge­nann­te «gen­na-Op­fer», ei­ne Rei­he ri­tu­el­ler Ver­pflich­tun­gen, die Tier­op­fe­run­gen und Ent­halt­sam­keit (gen­na) vor­sa­hen, re­spek­tie­ren: Ar­beit, Ge­schlechts­ver­kehr, ge­wis­se Le­bens­mit­tel und Rei­sen wa­ren un­ter­sagt. Die Kämp­fe for­der­ten we­ni­ge Op­fer, in der Re­gel nicht mehr als ein oder zwei, aus­ser bei Hin­ter­hal­ten. «Im Ei­fer des Ge­fechts war es nicht im­mer mög­lich, den Kopf mit­zu­neh­men. Wir ver­such­ten dann, we­nigs­tens die Hän­de oder Füs­se mit un­se­rem Dao, ei­ner Art Ma­che­ten­mes­ser, ab­zu­schnei­den. Bei un­se­rer Rück­kehr tru­gen wir die Tro­phä­en dann durchs Dorf und man or­ga­ni­sier­te ei­ne Emp­fangs­ze­re­mo­nie. Ge­mein­sam wur­de ge­trom­melt, im Kreis ge­tanzt, die jun­gen Män­ner ka­men, um die Tro­phä­en zu be­rüh­ren. Die Stim­mung war eu­pho­risch, un­be­schreib­lich! An­schlies­send hing man die Er­run­gen­schaf­ten in den Kopf­baum über dem Dorf…»

TÖ­TEN ODER GE­TÖ­TET WER­DEN?

Zwangs­läu­fig stel­len sich wi­der­sprüch­li­che Ge­füh­le ein, zwi­schen sel­te­nem Pri­vi­leg und dif­fu­sem Un­be­ha­gen: Vor mir sit­zen ru­hi­ge Vä­ter­chen, ein we­nig aus­ge­mer­gelt, si­cher, doch mit sanf­tem Blick, al­les an­de­re als blut­rüns­ti­ge Se­ri­en­mör­der. Sie sind die letz­ten Ver­tre­ter ei­nes hoch­ent­wi­ckel­ten Wer­te­sys­tems, in dem in­sti­tu­tio­na­li­sier­te Ge­walt ei­ne Schlüs­sel­rol­le bei der sym­bo­li­schen Über­tra­gung von Frucht­bar­keit und Wohl­stand spiel­te, dank der hei­li­gen Sub­stanz, die in den Schä­deln ent­hal­ten ist.

Die Hän­de, die ich in den mei­nen hal­te, ha­ben Köp­fe ab­ge­trennt. Die­se fried­li­chen Au­gen, die mich freu­dig be­trach­ten, ha­ben die Gräu­el des Kamp­fes er­lebt, ver­stüm­mel­te Kör­per be­trach­tet. Das letz­te Wort hat Ny­ei­wang Konyak, ein schö­ner Krie­ger von stol­zen 78 Jah­ren mit ei­nem fünf­köp­fi­gen An­hän­ger: «Das ist mein Korb, in dem ha­be ich mei­ne er­beu­te­ten Köp­fe trans­por­tiert. Aber man darf nicht ver­ges­sen, es hiess tö­ten oder ge­tö­tet wer­den! Was hät­ten die­je­ni­gen, die uns heu­te ver­ur­tei­len, an un­se­rer Stel­le ge­tan?»

BEI UN­SE­RER RÜCK­KEHR TRU­GEN WIR DIE TRO­PHÄ­EN DANN DURCHS DORF UND MAN OR­GA­NI­SIER­TE EI­NE EMP­FANGS­ZE­RE­MO­NIE. GE­MEIN­SAM WUR­DE GE­TROM­MELT, IM KREIS GE­TANZT, DIE JUN­GEN MÄN­NER KA­MEN, UM DIE TRO­PHÄ­EN ZU BE­RÜH­REN. DIE STIM­MUNG WAR EU­PHO­RISCH, UN­BE­SCHREIB­LICH! AN­SCHLIES­SEND HING MAN DIE ER­RUN­GEN­SCHAF­TEN IN DEN KOPF­BAUM ÜBER DEM DORF…

AUF TUCH­FÜH­LUNG MIT DEN WANCHO

Die Wancho sind ein an­de­rer be­kann­ter Na­ga-Stamm, der sich ei­ne un­nah­ba­re Au­ra er­hal­ten hat. Sie le­ben in den Dschun­geln von Ti­rap, der ver­bo­te­nen Pro­vinz von Ar­u­n­achal, das an Bir­ma grenzt. Wir un­ter­neh­men ei­nen Ab­ste­cher zu die­sen Schre­cken frü­he­rer Zei­ten.

Kon­troll­pos­ten Ukan­ju­li, 2,5 Fahrt­stun­den von So­na­pur ent­fernt. Das Tor zum Bun­des­staat Ar­u­n­achal Pra­desh und der Pro­vinz Ti­rap blieb Aus­län­dern lan­ge Zeit ver­schlos­sen, da wie­der­keh­ren­de be­waff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen der se­pa­ra­tis­ti­schen Gue­ril­la und der in­di­schen Ar­mee für Un­si­cher­heit sorg­ten. Wäh­rend die Ge­heim­dienst­of­fi­zie­re un­se­re Son­der­ge­neh­mi­gun­gen un­ter die Lu­pe neh­men, ge­neh­mi­gen wir uns im Tea Shop ne­ben­an, un­ter ei­nem rie­si­gen Bany­an­baum, ei­nen Chai (Ma­s­a­laTee mit Milch). Wir wer­den Zeu­gen ei­ner et­was skur­ri­len All­tags­sze­ne: Ein Mann mit so be­haar­ten Oh­ren, dass man nicht sa­gen kann, ob es sich da­bei um sein Haupt­haar han­delt, und sein Ge­gen­über mit zwölf Fin­gern an den Hän­den un­ter­hal­ten sich ru­hig am Ne­ben­tisch...

Nach­dem die Ort­schaf­ten Khon­sa (1,5 St­un­den Wald) und Tis­sa (2 St­un­den müh­se­li­ge, holp­ri­ge Stre­cke) hin­ter uns lie­gen, ver­bes­sert sich die Stras­se wie auf wundersame Wei­se. Auf bei­den Sei­ten des Dschun­gels zie­hen Bam­bus­hüt­ten an uns vor­bei.

Wir steu­ern ein paar Dör­fer an, in der Hoff­nung, ei­ni­ge Scha­ma­nen zu tref­fen, die in die­ser Ge­gend noch sehr ak­tiv sind. Lei­der ist die ani­mis­ti­sche Hei­le­rin von Nok­sa zu ei­nem christ­li­chen Mee­ting (sic) auf­ge­bro­chen, und in Ni­nu (Wans­ho) hat ei­ne Bri­ga­de der in­di­schen Ar­mee mit Ra­ke­ten­wer­fern und Mör­sern das Dorf be­setzt. Wir ver­schwin­den in die ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tung!

An an­de­rer Stel­le – wir sind kaum aus dem Au­to ge­stie­gen – setzt man uns ei­nen bär­ti­gen Al­ten, hin­kend und mit Len­den­schurz be­klei­det, vor und fragt uns ganz un­ge­niert: «Wie viel Dol­lar für ein Fo­to?» Die­se wi­der­li­che Völ­ker­schau treibt uns auf der Stel­le in die Flucht. Dann end­lich, in 1'550 m Hö­he, 7 km von der bir­ma­ni­schen Gren­ze ent­fernt, stos­sen wir auf das

präch­ti­ge Dorf Wak­ka, das sich an ei­nen von Bam­bus­wäl­dern ge­säum­ten Hang klam­mert: 400 tra­di­tio­nel­le Stroh­häu­ser, 12 Wei­ler, 3’000 Ein­woh­ner. Ein An­blick wie auf ei­ner an­ti­ken Ra­die­rung. Wir lan­den schliess­lich beim an­säs­si­gen Ra­ja, in ei­nem gros­sen Ge­mein­de­haus mit ei­ner wun­der­schö­nen Emp­fangs­hal­le und ge­schnitz­ten Pfäh­len, auf de­nen Jagd­und Kriegs­sze­nen zu se­hen sind.

DAS ZU­TRAU­EN DER DORF­BE­WOH­NER GE­WIN­NEN

Zwei­und­dreis­sig Per­so­nen le­ben un­ter sei­nem Dach, al­len vor­an sei­ne fünf Ehe­frau­en und ih­re Nach­kom­men­schaft. Je­de ein­zel­ne hat ih­ren ei­ge­nen Be­reich in sei­nem Long­hou­se mit den Rat­t­an­wän­den. In re­gel­mäs­si­gen Ab­stän­den er­tönt ein «Pumm-Pumm», das den gan­zen Haus­halt er­schüt­tert: Es sind die jun­gen Mäd­chen ne­ben­an, die ab­wech­selnd im Takt den Mais stamp­fen. Wir ver­brin­gen den Tag da­mit, durch die­ses recht ho­mo­ge­ne und von der Aus­sen­welt ab­ge­schnit­te­ne Dorf zu schlen­dern. Dies ge­stal­tet den Aus­tausch mit­un­ter schwie­rig. Vie­le Be­woh­ner lau­fen er­schro­cken vor uns da­von und wei­gern sich, mit uns zu spre­chen. Dank ei­ni­ger Dorf­jun­gen, die uns neu­gie­rig be­glei­ten, ge­lingt es uns je­doch all­mäh­lich, uns um­zu­schau­en, oh­ne all­zu gros­se Auf­ruhr zu er­re­gen.

Wir be­gut­ach­ten die Mor­ungs, die eins­ti­gen Schlaf­sä­le der Krie­ger, die mit Tierskulp­tu­ren (Ti­ger, Schlan­gen, Büf­fel, Nas­horn­vö­gel) ge­schmückt sind, heu­te al­ler­dings na­he­zu leer ste­hen und zu­se­hends ver­fal­len. Be­such bei der Hebamme von Wak­ka. Sie in­for­miert uns, dass ein Scha­ma­ne erst an die­sem Mor­gen ge­kom­men ist, um ein Rei­ni­gungs­ri­tu­al durch­zu­füh­ren. Dann ist er wie­der in sein ziem­lich weit ent­fern­tes Dorf auf­ge­bro­chen. Ca­ram­ba, und wie­der ver­passt!

Das In­ne­re der Häu­ser ver­rät ei­nen mehr als spar­ta­ni­schen All­tag. We­der Ti­sche noch Stüh­le, nur win­zi­ge Ho­cker, um die Mahl­zei­ten na­he der Feu­er­stel­le ein­zu­neh­men, über der das im­mer­wäh­ren­de Ge­stell zum Fleisch­trock­nen hängt. Bis auf ei­nen Ge­schirr­schrank aus Bam­bus gibt es kei­ne Mö­bel. Wäh­rend un­se­res Auf­ent­halts es­sen wir aus­schliess­lich weis­sen Reis mit Blät­tern aus dem Wald und hin und wie­der et­was Ge­flü­gel­fett. Kei­ner der al­ten Dorf­be­woh­ner trägt Schu­he, sie ha­ben schon im­mer bar­fuss ge­lebt. Pro Haus­halt gibt es meist nur ei­ne ein­zi­ge Glüh­bir­ne, wo­bei es tags­über über­haupt kei­nen Strom gibt, und auch am Abend nur sel­ten.

Die Frau­en küm­mern sich ne­ben ih­ren häus­li­chen Pflich­ten um die Feld­ar­beit und die Be­schaf­fung von Holz und Was­ser. Zwei christ­li­che Mis­sio­nen tei­len sich die See­len­ge­mein­de von Wak­ka: die ei­ne bap­tis­tisch, die an­de­re ka­tho­lisch. Et­wa 60 % der Dorf­be­woh­ner sind be­reits kon­ver­tiert. Für ei­ni­ge mag es ei­ner dop­pel­ten Un­ter­drü­ckung gleich­kom­men. Ei­ner­seits die na­tür­li­che und jahr­hun­der­te­al­te Un­ter­drü­ckung durch das kom­pro­miss­lo­se Le­ben in ei­nem Bergd­schun­gel, an­de­rer­seits die neue Un­ter­drü­ckung von aus­sen, un­ter der Fuch­tel ei­nes star­ren und kon­ser­va­ti­ven christ­li­chen Dog­mas: Schluss mit se­xu­el­ler Frei­heit, die zwi­schen den jun­gen Leu­ten un­ter­schied­li­cher Clans üb­lich war, Al­ko­hol und Opi­um sind un­ter­sagt, die Kopf­jagd wird mit Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on be­straft (ob­wohl sie vor­mals als Sym­bol des so­zia­len Auf­stiegs galt) und man­che Pfar­rer gin­gen so­gar so weit und weih­ten die Mor­ungs er­neut, um ih­nen jeg­li­chen Hauch von Ok­kul­tis­mus zu neh­men. Das Fern­se­hen und das In­ter­net sind hin­ge­gen noch nicht bis in die­sen Win­kel der Er­de vor­ge­drun­gen.

AR­MUT UND WIE­DER­KEH­REN­DE KON­FLIK­TE

Wie die Nagas und die meis­ten an­de­ren in­di­ge­nen Völ­ker le­ben auch die Wancho zwi­schen zwei Wel­ten. Sie ha­ben sich zum Teil an die frem­de Kul­tur an­ge­passt, sind aber noch nicht in der mo­der­nen Ge­sell­schaft in­te­griert. In ih­ren west­li­chen Lum­pen se­hen sie aus wie Bett­ler, tra­gen sie je­doch ih­re tra­di­tio­nel­len Ge­wän­der und die At­tri­bu­te, die auf ih­ren Rang ver­wei­sen, wer­den sie wie­der zu stol­zen Herr­schern. Wenn man sie bei lo­ka­len Fes­ten in ih­rer gan­zen Stam­me­spracht be­trach­tet (wie hier links beim Cha­lo Lo­ku), ist es manch­mal er­grei­fend, sie in ih­rem Zu­hau­se, in ih­rem All­tag, zu er­le­ben. Die Al­ten um­ge­ben von un­er­bitt­li­cher ma­te­ri­el­ler Ar­mut, die Her­an­wach­sen­den von de­pri­mie­ren­dem Müs­sig­gang.

Ei­ni­ge Ta­ge nach un­se­rem Be­such in Wak­ka er­fah­ren wir über die so­zia­len Netz­wer­ke, dass das Dorf, wohl ei­nes der schöns­ten in ganz Ar­u­n­achal, in­fol­ge ei­ner bös­wil­li­gen Hand­lung voll­stän­dig ab­ge­brannt ist. Ei­ne der auf­rüh­re­ri­schen Grup­pen der se­pa­ra­tis­ti­schen Gue­ril­la, die in der Grenz­re­gi­on zu Bir­ma ope­rier­te, soll ei­ne Pa­trouil­le der Ar­mee auf dem Weg nach Wak­ka in ei­nen Hin­ter­halt ge­lockt ha­ben, was mit dem Tod zwei­er in­di­scher Sol­da­ten en­de­te. Iro­nie des Schick­sals: Ei­ner von ih­nen war ein jun­ger Re­krut vom Stamm der Konyak aus Wak­ching, im be­nach­bar­ten Na­ga­land. Dar­auf­hin schot­te­te sich die Pro­vinz für vie­le Mo­na­te ab. Es scheint, als wä­re der per­ma­nen­te Kriegs­zu­stand mit dem Ab­le­ben der letz­ten Kopf­jä­ger nicht be­en­det…

Ab­wechs­lungs­rei­che Be­geg­nun­gen in der Konyak-Hoch­burg Long­wa. Die Mit­hun-Schä­del (Dschun­gel­rin­der) schmü­cken die Gr­ab­stät­ten der Krie­ger. Ei­ne Frau kehrt vom Holz­sam­meln zu­rück, wäh­rend ein Dorf­be­woh­ner vor dem Pa­last des lo­ka­len Ra­ja auf ei­ne An­hö­rung war­tet.

Abend mit ei­nem ehe­ma­li­gen Krie­ger. Er trägt auf Ober­kör­per, Ar­men und Ge­sicht die Tä­to­wie­run­gen sei­ner Hel­den­ta­ten, ein äus­ser­li­ches Zei­chen sei­ner Tap­fer­keit.

Tonyei Phawang, der Er­be des Häupt­lings, wirkt vor dem Ein­gang sei­nes Pa­las­tes ein we­nig des­il­lu­sio­niert. Er trau­ert dem Prunk frü­he­rer Zei­ten nach. Der 77 Jah­re al­te Krie­ger Tum Wang trägt «die Hals­ket­te der Tap­fe­ren» zur Schau. Sie sym­bo­li­siert die Köp­fe, die er da­mals dem Feind raub­te.

Auf ih­rer Veran­da oder wäh­rend der Nacht­wa­che er­zäh­len Ny­ei­wang Konyak und die an­de­ren Dor­f­äl­tes­ten gern von den fort­wäh­ren­den Bru­der­krie­gen frü­he­rer Zei­ten.

Bis in die 1960er Jah­re wur­den in die­sem «Tro­phä­en­baum» die den ver­fein­de­ten Stäm­men ge­raub­ten Köp­fe und Hän­de als Zei­chen des Sie­ges auf­ge­hängt.

Das wun­der­schö­ne Wancho-Dorf Wak­ka, im Her­zen der «ver­bo­te­nen» Pro­vinz Ti­rap, um­fasst 400 Pfahl­bau­ten aus Holz und be­her­bergt 3’000 See­len.

Die Ein­woh­ner Wak­kas sind von un­se­rer An­kunft über­rascht.Ei­ne jun­ge Mut­ter mit ih­rem Kind und die Hebamme des Dor­fes bei ih­rem Rund­gang.

Ob­wohl von der in­di­schen Re­gie­rung und den evan­ge­li­ka­len Mis­sio­nen streng un­ter­drückt, wird der Scha­ma­nis­mus wei­ter­hin prak­ti­ziert. Der Kern der Na­ga-Kul­tur ist im­mer noch tief vom Ani­mis­mus ge­prägt. Rech­te Sei­te: Por­träts der Na­ga des Noc­te-Stam­mes beim Cha­lo Lo­ku-Fes­ti­val in Khon­sa, im Bun­des­staat Ar­u­n­achal Pra­desh.

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