“DAS KOPF­TUCH IST MAR­KE­TING DER IS­LA­MIS­TEN”

Annabelle - - RELIGION - In­ter­view:He­le­neAe­cher­li Fo­to:Sa­rahMap­le

«Wo im­mer Is­la­mis­ten ak­tiv wer­den, zie­len sie als Ers­tes auf die Frau­en», sagt die schwei­ze­risch-je­me­ni­ti­sche Po­li­to­lo­gin El­ham Ma­nea. In ih­rem neu­en Buch for­dert sie «ein un­er­schro­cke­nes Hin­se­hen». Ein Ge­spräch über En­gel, west­li­che Schuld­ge­füh­le und den Tag, als sie ih­ren Schlei­er ab­leg­te.

an­na­bel­le: El­ham Ma­nea, Sie schrei­ben in Ih­rem Buch, bloss den IS oder die al-Qai­da ins Vi­sier zu neh­men, sei wie ein Schnapp­schuss durch ein Na­del­öhr. Das ist ver­wir­rend: Da wer­den Mil­li­ar­den in den Kampf ge­gen den Ter­ror in­ves­tiert, und Sie sa­gen, der ist nicht das Haupt­pro­blem. War­um nicht?

El­ham Ma­nea: Weil wir mit dem Fo­kus auf den Ter­ror das Spek­trum des Ra­di­ka­li­sie­rungs­pro­zes­ses über­se­hen, das über­haupt erst zur Ge­walt führt. Die Ge­walt ist so­zu­sa­gen das End­pro­dukt, nicht aber das grund­le­gen­de Pro­blem. Wir füh­len uns wohl mit der Idee des ein­sa­men An­grei­fers oder hal­ten uns dar­an fest, dass je­mand übers In­ter­net ra­di­ka­li­siert wur­de – ver­mei­den es aber, den ideo­lo­gi­schen Kon­text zu be­leuch­ten, der den Nähr­bo­den für Ra­di­ka­li­sie­run­gen be­rei­tet.

Sie ver­or­ten die­sen ideo­lo­gi­schen Kon­text in den Leh­ren des ge­walt­lo­sen Is­la­mis­mus, wie Sie ihn nen­nen. Was steckt da­hin­ter?

Der Is­la­mis­mus be­steht aus zwei For­men: ei­ner fun­da­men­ta­lis­ti­schen In­ter­pre­ta­ti­on des Is­lam, et­wa der Sala­fis­mus, und ei­ner po­li­ti­schen Ideo­lo­gie, die auf die­ser fun­da­men­ta­lis­ti­schen In­ter­pre­ta­ti­on der Re­li­gi­on be­ruht. Hier kom­men die Mus­lim­bru­der­schaft oder die tür­ki­sche Mil­li Gö­rüs ins Spiel. Der Is­la­mis­mus ist ei­ne re­li­giö­se Be­we­gung, die po­li­tisch ganz rechts aussen steht und dar­auf hin­ar­bei­tet, ei­nen is­la­mi­schen Staat zu er­rich­ten, der ein­zig auf den Re­geln Got­tes be­ruht.

Dies ist im Prin­zip das, was der IS mit sei­ner Uto­pie ei­nes Ka­li­fats an­streb­te.

Na­tür­lich. Das Ka­li­fat ist kei­ne Er­fin­dung des IS, son­dern in der Wel­t­an­schau­ung der Is­la­mis­ten fest ver­an­kert. Des­halb lässt sich auch nicht be­haup­ten, dass der Is­lam nicht Teil des Pro­blems ist. Denn die Is­la­mis­ten be­zie­hen sich auf sei­ne Schrif­ten, um ih­re Ideo­lo­gie und letzt­lich auch Ge­walt zu le­gi­ti­mie­ren. Die­se Form des Is­la­mis­mus müs­sen wir ins Vi­sier neh­men.

Doch jetzt mal nüch­tern be­trach­tet: Wie stark sind die Is­la­mis­ten wirk­lich?

Das ist ei­ne sehr gu­te Fra­ge. In Ägyp­ten, Tu­ne­si­en, der Tür­kei oder in Ma­lay­sia ver­bu­chen sie bis zu fünf­zig Pro­zent der Wäh­ler­stim­men. Ihr ei­gent­li­cher Er­folg liegt je­doch dar­in, ih­re Ide­en mehr­heits­fä­hig zu ma­chen. So ha­ben sich et­wa ih­re Vor­stel­lun­gen von Ji­had, Scha­ria oder der Op­fer­hal­tung ge­gen­über dem Wes­ten längst auch in Eu­ro­pa eta­bliert. Bei mei­nen Re­cher­chen in En­g­land und Bel­gi­en ha­be ich ge­se­hen, wie da­für ge­sorgt wird, dass Schü­ler in is­la­mi­schen Ge­mein­schaf­ten nur noch Schrif­ten is­la­mis­ti­scher Ideo­lo­gen zu le­sen be­kom­men. Da­durch wer­den sie sys­te­ma­tisch von der Mehr­heits­ge­sell­schaft ab­ge­spal­ten. Dies ist der Grund, wes­halb die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on heu­te oft­mals fun­da­men­ta­lis­ti­scher ist als ih­re El­tern.

Sie selbst wur­den im Al­ter von 16 Jah­ren in Ih­rer Hei­mat, dem Je­men, ra­di­ka­li­siert. Dies, ob­wohl Sie aus li­be­ra­lem Haus stam­men, vie­le Frei­hei­ten hat­ten und Klas­sen­bes­te am Gym­na­si­um wa­ren. Wie kam es da­zu? Es gab da­mals vie­le is­la­mis­ti­sche Grup­pen, die auf Schul­hö­fen mis­sio­nier­ten. Ei­nes Ta­ges wur­de ich von ei­ner cha­ris­ma­ti­schen jun­gen Frau an­ge­spro­chen und zu ei­nem Tref­fen ih­rer Grup­pe ein­ge­la­den. Ich ging hin. Ich war neu­gie­rig, sehn­te mich da­nach, da­zu­zu­ge­hö­ren, und die Grup­pe nahm mich mit of­fe­nen Ar­men auf. Ih­re Bot­schaf­ten dreh­ten sich an­fäng­lich dar­um, wie sehr mich Gott liebt, dass er mir al­le Sün­den ver­gibt – wenn ich zur rich­ti­gen Mus­li­min wür­de. Das be­ding­te zum Bei­spiel, dass ich mit­ten in der Nacht auf­stand, um zu be­ten, die Toi­let­te mit dem lin­ken Fuss be­trat, Bü­cher dar­über las, wie ich mein Le­ben als Mus­li­min zu füh­ren hat­te. Je­der Schritt war un­ter Kon­trol­le. Und dann muss­te ich mich ver­schlei­ern. Ich hat­te nie ei­nen Schlei­er ge­tra­gen. Nun tat ich es.

Sie hin­ter­frag­ten nichts?

Ich hat­te mei­ne Zwei­fel. Mir war un­be­hag­lich zu Mu­te, als ich er­fuhr, dass es in Ord­nung sei, Un­gläu­bi­ge zu tö­ten, Mus­li­me wie Nicht­mus­li­me, weil die in Igno­ranz leb­ten. Oder als mir Mu­sik, Fern­se­hen, Poe­sie, Phi­lo­so­phie und Kunst ver­bo­ten wur­den. Aber ich dach­te, das ist, was Gott will. Zu­dem lieb­te ich mein neu­es Le­ben, war wie in Tran­ce. Ich hat­te ei­ne star­ke Struk­tur, die Grup­pe war wie ei­ne Fa­mi­lie. Die­ser gan­ze Pro­zess ge­schah in­ner­halb von sechs Mo­na­ten.

Wann be­gan­nen Sie zu zwei­feln?

Als man mir sag­te, mei­ne El­tern sei­en kor­rupt. Ei­ne wei­te­re Warn­lam­pe be­gann zu blin­ken, als ich hör­te, dass ei­ne Frau nur in den Him­mel kommt, wenn sie nicht nur Gott, son­dern auch ih­rem Ehe­mann be­din­gungs­los ge­horcht, an­sons­ten wür­de sie von den En­geln ver­flucht. Ich stutz­te: Was war das für ein Gott? Was wa­ren das für En­gel? Plötz­lich war ich hell­wach. An je­nem Tag wuss­te ich, dass ich nie mehr zu­rück­keh­ren wür­de. Ich ging. Und leg­te den Schlei­er ab.

Wie ha­ben die­se Er­fah­run­gen Ih­ren ei­ge­nen Glau­ben ge­prägt?

Sie öff­ne­ten mir die Au­gen dar­über, wie um Herz und See­le des Is­lams ge­kämpft wird, und mach­ten mich wach­sam: Das Main­strea­m­ing des Is­la­mis­mus hat den Is­lam in vie­len Län­dern ra­di­ka­li­siert, was ge­ra­de für Frau­en oft ver­hee­ren­de Kon­se­quen­zen hat. Wo im­mer Is­la­mis­ten ak­tiv wer­den, zie­len sie als Ers­tes auf die Frau­en ab: auf ih­ren Kör­per, ih­re Se­xua­li­tät und die Kon­trol­le dar­über.

Die Kon­trol­le über Frau­en und ih­ren Kör­per ist aber Grund­la­ge jeg­li­cher pa­tri­ar­cha­ler Ge­sell­schafts­ord­nung. In­so­fern ist dies nichts Aus­ser­ge­wöhn­li­ches. Rich­tig. Doch wird ihr hier ein re­li­giö­ser Un­ter­bau ver­lie­hen. Ein Bei­spiel lie­fert der Is­la­mi­sche Zen­tral­rat

Schweiz IZRS. Er spricht sich für ei­ne Form der weib­li­chen Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung aus und stützt sich da­bei auf fun­da­men­ta­lis­ti­sche Ar­gu­men­te, ob­wohl Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung hier­zu­lan­de ver­bo­ten ist und welt­weit von is­la­mi­schen Theo­lo­gen ge­äch­tet wird. Die Pro­pa­gan­da des IZRS ist ge­fähr­lich, weil durch die re­li­giö­se Le­gi­ti­mie­rung auf Gläu­bi­ge Druck aus­ge­übt wer­den kann. Das sicht­bars­te und er­folg­reichs­te Mit­tel zur Kon­trol­le der Frau­en ist je­doch das Kopf­tuch. Da­mit mar­kie­ren Is­la­mis­ten ihr Ter­ri­to­ri­um.

Der Hi­dschab soll vor vier­zig Jah­ren mit dem Er­star­ken der Mus­lim­bru­der­schaft in Ägyp­ten auf­ge­kom­men sein. Wie ge­lang es, ihn zu ver­brei­ten?

Da­hin­ter steckt ei­ne smar­te Mar­ke­ting­stra­te­gie: Zu Be­ginn der 1970er-Jah­re be­such­te ein rang­ho­her Ver­tre­ter der Mus­lim­bru­der­schaft die me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Kairo und sah, dass nur et­wa zwei Stu­den­tin­nen ihr Haar be­deckt hat­ten. Was tun? Die Mus­lim­brü­der schlos­sen ei­nen De­al mit ei­ner Tex­til­fa­brik ab. Sie be­kam den Auf­trag, preis­güns­ti­ge Kopf­tü­cher zu pro­du­zie­ren. Da­zu druck­te die Mus­lim­bru­der­schaft Bro­schü­ren, in de­nen zu le­sen war, was pas­siert, wenn sich ei­ne Frau nicht ver­hüllt: Sie wür­de den Zorn Got­tes auf sich zie­hen, da ihr Kör­per Qu­el­le al­ler Sün­den sei. Im Koran ist nie von ei­nem weib­li­chen Dress­code die Re­de. Doch schaff­ten es die Is­la­mis­ten, Frau­en re­li­giö­se Schuld­ge­füh­le ein­zu­imp­fen. Fünf Jah­re spä­ter war ein Drit­tel al­ler Stu­den­tin­nen ver­hüllt. Mit ei­ner ähn­li­chen Tak­tik wur­de we­nig spä­ter in Sau­di-Ara­bi­en der Ni­kab, der schwar­ze Ge­sichts­schlei­er, ver­brei­tet.

Sie de­fi­nie­ren Hi­dschab und Ni­kab als po­li­ti­sche Werk­zeu­ge ei­nes to­ta­li­tä­ren, fun­da­men­ta­lis­ti­schen Welt­bilds. Das heisst aber nicht, dass al­le Frau­en, die sich heu­te ver­schlei­ern, die­sem Welt­bild an­hän­gen. Das stimmt. Und ge­nau das macht die Dis­kus­si­on so kom­pli­ziert. Es gibt vie­le Grün­de, wes­halb Frau­en sich ver­hül­len. In Ägyp­ten ken­ne ich Frau­en, die das Kopf­tuch tra­gen, weil sie sich das Geld für den Coif­feur spa­ren wol­len. An­de­re ver­ste­hen den Schlei­er als Aus­druck ih­rer re­li­giö­sen Iden­ti­tät. Wie­der­um an­de­re tra­gen ihn als po­li­ti­schen Pro­test. Ein Gross­teil der Frau­en und Mäd­chen aber wird von ih­rem Clan oder ih­rer Fa­mi­lie ge­zwun­gen, sich zu ver­hül­len. Man­chen wird mit der Höl­le ge­droht, soll­ten sie sich dem Kopf­tuch ver­wei­gern. Vie­le die­ser Mäd­chen lei­den des­halb stumm. Zum Teil exis­tiert auch ein ho­her Grup­pen­druck an Schu­len. Den jun­gen Frau­en wird sug­ge­riert, sie wür­den un­ver­hüllt kei­nen Mann fin­den oder als un­eh­ren­haft gel­ten.

Hier­zu­lan­de wird ein Kopf­tuch­ver­bot an Kin­der­gär­ten und Schu­len dis­ku­tiert. Wie ste­hen Sie da­zu?

Ich bin für ein solches Verbot. Schu­len sol­len si­che­re und neu­tra­le Zo­nen sein. Ich for­de­re so­gar ein Kopf­tuch­ver­bot bis zur Mün­dig­keit.

Was, wenn ein Mäd­chen das Kopf­tuch tra­gen will? Se­hen Sie, es gibt Frau­en und Mäd­chen, die sa­gen, dass sie den Hi­dschab frei­wil­lig tra­gen. Das re­spek­tie­re ich. Doch ich ha­be vie­le Frau­en ge­fragt: «Hät­tet ihr euch ver­hüllt, wenn man euch gesagt hät­te, dass ihr ge­liebt wer­det und nicht in der Höl­le brennt, wenn ihr kei­nen Hi­dschab trägt?» Je­des Mal war die Ant­wort: Nein. Ein Kopf­tuch­ver­bot wür­de Mäd­chen Zeit las­sen, ge­nug Wis­sen zu sam­meln, um ei­nem all­fäl­li­gen Druck zu wi­der­ste­hen, sich ver­hül­len zu müs­sen.

Nun gibt es Stim­men, die sa­gen: Auch or­tho­do­xe Jü­din­nen be­de­cken ihr Haar. War­um al­so nur auf das is­la­mi­sche Kopf­tuch fo­kus­sie­ren?

Weil der po­li­ti­sche Is­lam im Ge­gen­satz zum or­tho­do­xen Ju­den­tum oder zu christ­li­chen Sek­ten ei­ne Ideo­lo­gie ist, die nach welt­wei­ter Macht strebt. Jeg­li­cher re­li­giö­ser Fun­da­men­ta­lis­mus schränkt die Frau­en­rech­te ein. Die Kon­trol­le über die Frau ist je­doch ei­ne der Haupt­stra­te­gi­en des Is­la­mis­mus in sei­nem glo­ba­len Do­mi­nanz­an­spruch. Das dür­fen wir nicht ver­ges­sen.

Im­mer wie­der sind west­li­che Fe­mi­nis­tin­nen zu hö­ren, die sich für das Recht der mus­li­mi­schen Frau auf Ver­hül­lung stark ma­chen, aber je­nen Frau­en ih­re Un­ter­stüt­zung ver­wei­gern, die auf ih­rem Recht be­har­ren, sich nicht zu ver­hül­len oder den Schlei­er ab­le­gen. Wie er­klä­ren Sie sich das?

Hier spielt wohl ei­ne Mi­schung aus Be­schüt­zer­in­stinkt und re­du­zier­tem Men­schen­bild ei­ne Rol­le. Das heisst, An­ge­hö­ri­ge von Min­der­hei­ten un­ter­schied­li­cher Na­tio­na­li­tä­ten wer­den nicht als In­di­vi­du­en wahr­ge­nom­men, son­dern auf ih­re re­li­giö­se Iden­ti­tät re­du­ziert. So wür­de ich et­wa nicht als Aka­de­mi­ke­rin und Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin be­trach­tet, son­dern in ers­ter Li­nie als Mus­li­min. Und als sol­che bin ich re­li­gi­ös, be­te und tra­ge ein Kopf­tuch. Die­se Hal­tung äh­nelt je­ner der Rechts­po­pu­lis­ten, die in mir als Mus­li­min nur ei­ne po­ten­zi­el­le Ter­ro­ris­tin se­hen. Doch wäh­rend Rechts­po­pu­lis­ten von Angst oder Hass ge­trie­ben sind, sind die­se Fe­mi­nis­tin­nen vom Wunsch be­seelt, zu schüt­zen.

Wo­her kommt die­ser Wunsch?

Bei vie­len steckt ein star­kes Ge­rech­tig­keits­emp­fin­den ge­gen­über Min­der­hei­ten da­hin­ter. Die Grün­de hier­für lie­gen in ei­nem tief ver­an­ker­ten kol­lek­ti­ven Schuld­ge­fühl we­gen der ko­lo­nia­len Ver­gan­gen­heit des Wes­tens und sei­ner als im­pe­ria­lis­tisch wahr­ge­nom­me­nen Po­li­tik. Ich nen­ne es «die Bür­de des weis­sen Men­schen». Man will ge­gen­über je­nen, von de­nen man glaubt, dass

“WEST­LI­CHE FE­MI­NIS­TIN­NEN HA­BEN MICH ENT­TÄUSCHT. HIN­GE­GEN ER­FÜL­LEN MICH DIE FRAU­EN ET­WA IM IRAN ODER IN SAU­DI­ARA­BI­EN MIT HOFF­NUNG”

sie vom Wes­ten be­nach­tei­ligt wor­den sind, als Wie­der­gut­ma­chung be­son­ders to­le­rant sein.

Ei­ne im Grun­de no­ble Hal­tung.

Auf den ers­ten Blick viel­leicht. Trotz­dem ist es ei­ne nai­ve und vor al­lem ei­ne ras­sis­ti­sche Hal­tung. Denn sie macht gan­ze Grup­pen zu Op­fern, in un­se­rem Fall «die Mus­li­me», die es um je­den Preis zu schüt­zen gilt, und spricht den «Be­schütz­ten» jeg­li­che Selbst­ver­ant­wor­tung ab. In die­se Fal­le tap­pen nicht nur Fe­mi­nis­tin­nen, son­dern auch lin­ke In­tel­lek­tu­el­le so­wie lin­ke und li­be­ra­le Po­li­ti­ker. Das macht sie un­fä­hig, in Be­zug auf die zu schüt­zen­de Grup­pe Pro­ble­me zu be­nen­nen. Aus Angst da­vor, die­se Grup­pe zu stig­ma­ti­sie­ren, wer­den die Pro­ble­me un­ter den Tisch ge­wischt. Ein Bei­spiel: Als der al­ge­ri­sche Au­tor Ka­mel Daoud nach den Über­grif­fen in Köln über den kul­tu­rel­len Hin­ter­grund der Tä­ter mut­mass­te, lief ei­ne Grup­pe von 19 fran­zö­si­schen Aka­de­mi­kern Sturm und brand­mark­te ihn als is­la­mo­phob. Sol­che Denk­ver­bo­te spie­len Rechts­par­tei­en in die Hän­de, die sich ge­nau sol­che The­men auf ih­ren Ban­ner he­ben.

Sie be­mer­ken in Ih­rem Buch, dass Link­s­par­tei­en Ge­fahr lau­fen, sich durch ih­ren Be­schüt­zer­drang zu Ver­bün­de­ten der Is­la­mis­ten zu ma­chen. War­um?

Weil sie sie für au­then­ti­sche Stim­men is­la­mi­scher Ge­mein­schaf­ten hal­ten. Denn Is­la­mis­ten ver­ste­hen es meis­ter­haft, die Vor­stel­lung zu be­die­nen, wie ein Mus­lim zu sein hat – fromm, Frau­en kopf­tuch­t­ra­gend, vom Wes­ten stig­ma­ti­siert, von Rechts­par­tei­en ver­teu­felt. Link­s­par­tei­en ten­die­ren des­halb da­zu, sich de­ren For­de­run­gen an­zu­schlies­sen, et­wa spe­zi­el­le Lehr­plä­ne für Kin­der, nach Ge­schlech­tern ge­trenn­ter Un­ter­richt oder Ge­bets­plät­ze in öf­fent­li­chen Räu­men, ob­wohl Re­li­gi­on im Wes­ten als Pri­vat­sa­che gilt, in der An­nah­me, da­mit den Be­dürf­nis­sen al­ler Mus­li­me ge­recht zu wer­den. Wie vie­le Is­la­mis­ten gibt es in der Schweiz?

Das muss noch ge­nau er­forscht wer­den. An­zei­chen für is­la­mis­ti­sche Ak­ti­vi­tä­ten gibt es vor al­lem in ur­ba­nen Räu­men. Noch sind dies eher klei­ne Grup­pen, aber wir müs­sen uns ernst­haft mit dem is­la­mi­schen Fun­da­men­ta­lis­mus aus­ein­an­der­set­zen, so wie wir es mit jeg­li­cher Form von Fun­da­men­ta­lis­mus tun. Und da­für brau­chen wir in ers­ter Li­nie über die Par­tei­gren­zen hin­weg ei­ne Spra­che, die es er­laubt, den Is­la­mis­mus in un­se­ren Rei­hen klar und dif­fe­ren­ziert zu the­ma­ti­sie­ren. Das setzt un­ter an­de­rem vor­aus, ei­ne Wir­ge­gen-die-Mus­li­me-Rhe­to­rik zu ver­mei­den, um nicht die ge­sam­te is­la­mi­sche Be­völ­ke­rung der Schweiz un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht zu stel­len.

Wie ste­hen Sie zum Bur­ka­ver­bot?

Für mich ist es Symbol­po­li­tik. Frank­reich hat ein Bur­ka­ver­bot. Wur­den die Pro­ble­me in den Ban­lieues da­mit ge­löst? Ei­ne Fi­xie­rung auf die Bur­ka lenkt von der Aus­ein­an­der­set­zung mit der ihr zu­grun­de lie­gen­den Ideo­lo­gie ab. Ich bin für ei­ne na­tio­na­le Re­ge­lung, die fest­hält, dass es Pf licht ist, in der Öf­fent­lich­keit und in der In­ter­ak­ti­on mit an­de­ren Men­schen das Ge­sicht zu zei­gen, und dass man nicht we­gen Dis­kri­mi­nie­rung kla­gen kann, soll­te man we­gen der Bur­ka kei­nen Job be­kom­men.

Auf ei­ner Ska­la von null bis zehn: Wie op­ti­mis­tisch sind Sie, wenn Sie in die Welt hin­aus­bli­cken?

Sa­gen wir – sechs. Vie­le west­li­che Fe­mi­nis­tin­nen ha­ben mich ent­täuscht. Hin­ge­gen er­fül­len mich die Frau­en im Iran, in Sau­di­ara­bi­en oder in Ägyp­ten mit Hoff­nung. Sie kämp­fen an vor­ders­ter Front ge­gen die Fun­da­men­ta­lis­ten in ih­ren Ge­sell­schaf­ten an, wi­der­set­zen sich den schlimms­ten Kon­troll­me­cha­nis­men und re­li­gi­ös sank­tio­nier­ten Re­pres­sio­nen, ha­ben da­bei den gan­zen Staats­ap­pa­rat ge­gen sich, der al­les dar­an setzt, ih­nen die Flü­gel zu bre­chen – und trotz­dem ver­su­chen sie zu flie­gen.

El­ham Ma­nea: Der all­täg­li­che Is­la­mis­mus. Ter­ror be­ginnt, wo wir ihn zu­las­sen. Kö­sel-Ver­lag, Mün­chen 2018, 288 S., ca. 28 Fr. Das Buch er­scheint am 2. April

Fe­mi­nis­ti­scher Hu­mor ei­ner Mus­li­min im 21. Jahr­hun­dert: «Fight­ing Fi­re With Fi­re No. 2» ist ein Selbst­por­trät der be­kann­ten bri­ti­schen Künst­le­rin Sa­rah Maple

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