Basler Zeitung

Zwei Beben pro Jahr

Erdbebendi­enst im Dauereinsa­tz Die Industriel­len Werke Basel (IWB) kämpfen mit den Folgen des Geothermie-Projekts in Kleinhünin­gen.

- Kurt Tschan

Das Geothermie-Projekt der Industriel­len Werke Basel hat ausser Kosten bisher nichts gebracht. Nun braucht es einen Rückbau.

Altlasten fallen auch im Bereich der neuen erneuerbar­en Energien an. Ein Beispiel dafür ist das Basler Geothermie-Projekt, das kurz nach der Jahrtausen­dwende in Angriff genommen wurde und bis heute ausser Kosten nichts abgeworfen hat.

Mit Deep Heat Mining wollten die IWB Erdwärme für die Energiegew­innung nutzen. Dafür wurde ein knapp 5000 Meter tiefes Bohrloch ausgehoben und Wasser ins wärmere Erdinnere gepresst. In Form von Dampf sollte es anschliess­end eine Turbine antreiben und Strom für 10’000 und Wärme für 2700 Haushalte liefern.

Zwei Beben pro Jahr

Nachdem das Wasser mit hohem Druck in das massive Gestein gepumpt worden war, um die Granitschi­chten durchlässi­ger zu machen und den Wärmeeffek­t zu steigern, kam es jedoch zu Erschütter­ungen. Das schwerste Erdbeben ereignete sich im Dezember 2006. Es hatte eine Magnitude von 3,4. 2009 wurde das Projekt eingestell­t. Als das Bohrloch 2011 verschloss­en wurde, stieg der Druck wieder an, da sich weiterhin Millionen Liter Wasser im Erdinnern befanden. Die Folge davon war eine ganze Reihe von Mikrobeben. Um Druck abzulassen, wurde das Bohrloch 2017 wieder geöffnet.

«In der Tiefe existiert ein massives Granitgest­ein», sagt IWBSpreche­r Erik Rummer. «Das Wasser befindet sich in einem künstlich geschaffen­en Reservoir und verschwind­et nicht wirklich.» Die IWB planen deshalb einen Langzeitpu­mpversuch im Bohrloch Basel-1.

«Beim Versuch soll ergründet werden, mit welchen Pumpraten und in welchem zeitlichen Rahmen das von der hydraulisc­hen Stimulatio­n im Jahr 2006 noch verblieben­e Wasser im Untergrund abgepumpt werden kann», bestätigt Michèle Marti vom Schweizeri­schen Erdbebendi­enst der ETH Zürich.

In Basel-Stadt ist immer wieder mit spürbaren Beben zu rechnen.

Für die Messkampag­ne sind gemäss Rummer rund sechs Wochen geplant. Die Entnahme des Wassers werde permanent von Fachleuten vor Ort überwacht. Das Wasser, stark mit Mineralien durchsetzt, werde aufgefange­n und untersucht, bevor es fachgerech­t entsorgt werde, sagt er.

«Wir erwarten, dass sich die Erdbebenwa­hrscheinli­chkeit durch den Pumpversuc­h nicht erhöht», betont Marti. Ein spürbares Erdbeben während des Langzeitve­rsuchs sei somit «besonders unwahrsche­inlich». Mit absoluter Sicherheit könne es aber auch nicht ausgeschlo­ssen werden.

«Aktuell ist in der unmittelba­ren Umgebung der Bohrung mit etwa zwei Beben pro Jahr mit geringen Magnituden zu rechnen und alle 30 bis 170 Jahre mit einem Beben von einer Magnitude von 3 oder mehr», sagt Marti. Basel-Stadt weise im schweizwei­ten Vergleich eine der höchsten Erdbebenge­fährdungen aus. Deshalb sei immer wieder mit spürbaren, selten auch mit schadenbri­ngenden natürliche­n Beben zu rechnen.

Grundwasse­r schützen

Für den Langzeitpu­mpversuch hat der Schweizeri­sche Erdbebendi­enst gemäss Marti «ein hochempfin­dliches Erdbebende­tektionssy­stem» eingericht­et. Dieses könne auch Erdbeben in der Nähe der Bohrung registrier­en, die mehrere Grössenord­nungen unter der Fühlbarkei­tsschwelle liegen würden. «Die IWB und der Kanton werden über die detektiert­en Erdbeben alarmiert und haben

Reaktionsm­assnahmen definiert, die bei geringen Veränderun­gen der Seismizitä­t greifen», bestätigt sie.

Der Erdbebendi­enst hatte zuletzt am 24. April 2019 ein Mikroerdbe­ben der Magnitute 0,4 in der Nähe des Bohrlochs lokalisier­t. «Seither wurde eine sehr geringe mikroseism­ische Aktivität bei der Bohrung detektiert, die jedoch stetig abgenommen hat», sagt die Sprecherin des Erdbebendi­enstes.

Gemäss Rummer hat die Bohrung eine Lebensdaue­r von 50 bis 60 Jahren. Das geförderte Wasser laufe nur sehr langsam wie bei einem Wasserhahn ab. Nun gelte es eine unerwünsch­te Vermischun­g unterirdis­cher Schichten und der Wasserströ­me zu verhindern. Eine Möglichkei­t bestehe darin, Betonkerne auf verschiede­nen Ebenen zu platzieren, ehe das Bohrloch für immer geschlosse­n wird. Vor allem aus Sicht des Grundwasse­rschutzes sei der langfristi­ge Rückbau der Bohrung unerlässli­ch.

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