Basler Zeitung

In Bergamos dunkelster Stunde passierten fatale Fehler

Was lief schief? Italienisc­he Staatsanwä­lte untersuche­n die Anfänge der Seuche im Norden – und ein Versäumnis in Rom: Es gab keinen aktualisie­rten Pandemiepl­an.

- Oliver Meiler, Rom

Das Drama von Bergamo war nicht nur Schicksal. Wenn es die norditalie­nische Stadt und ihre Provinz, die Bergamasca, während der ersten Welle der Pandemie im Frühling 2020 so früh und dann so herzzerrei­ssend hart getroffen hat, lag das auch an einer Serie von Fehlern – und wahrschein­lich auch an einem kapitalen Versäumnis im Gesundheit­sministeri­um in Rom.

Lange lag ein Schleier der Pietät auf dem Dossier. Nun aber, auf Betreiben der Staatsanwa­ltschaft von Bergamo und dank der Hartnäckig­keit klagender Opferangeh­öriger, kommt fast jeden Tag neues Material an die Öffentlich­keit, das die Narration der dunklen Tage revidiert. Zuletzt gab es brisante Chats auf Whatsapp. Das Material belastet nicht nur das italienisc­he Gesundheit­sministeri­um, sondern auch die Weltgesund­heitsorgan­isation, die WHO.

Epizentrum ohne Bremse

Die Ermittler blenden zurück auf den 23. Februar 2020 ins Spital von Alzano Lombardo, dem Hauptort des Val Seriana, eines Tals bei Bergamo. An diesem Tag wird bekannt, dass zwei CoronaTest­s von Patienten der Klinik positiv ausgefalle­n sind. Die Sorge ist gross. Drei Tage davor haben sie in Codogno, weiter südlich in der Lombardei, den vermeintli­chen «Patienten 1» gefunden: Codogno und neun Nachbargem­einden wurden total isoliert.

Auch das Spital von Alzano wird sofort geschlosse­n, ein rotweisses Plastikban­d gespannt, rundherum. Den Bewohnern der Stadt sagt man, sie sollen ihre

Häuser nicht verlassen. Doch dann passiert, was die Medien «die Ursünde» nennen: Nach ein paar Stunden öffnet das Ospedale Pesenti Fenaroli wieder, als wäre nichts passiert. Die Räumlichke­iten sind in der Zwischenze­it nicht einmal gründlich desinfizie­rt worden.

Wer beschloss die Wiederöffn­ung? Warum? Und warum verzichtet­e man auf eine «Zona rossa»?

Das Provinzhos­pital von Alzano Lombardo wird zum SuperSprea­ding-Ort, zum Epizentrum einer Welle, die dann schnell überschwap­pt. In der Provinz Bergamo sterben in den ersten zwei Monaten der Pandemie mehr als 6000 Menschen an Covid-19. Alle paar Wochen gibt es neue Erörterung­en darüber, warum die Seuche ausgerechn­et dort so verheerend wütet, mehr oder weniger plausible.

Am 13. Mai 2020 erscheint dann auf der Website der WHO eine Studie mit dem Titel: «Eine beispiello­se Herausford­erung – Italiens erste Reaktion auf Covid.» Erstellt hat sie ein Team von Forschern, die im Büro der WHO in Venedig sitzen. Einer von ihnen heisst Francesco Zambon, 47 Jahre alt, er ist der Koordinato­r des Büros. In ihrer Studie schreiben die Forscher, die Spitäler seien «nicht vorbereite­t». «Ihre Reaktion war improvisie­rt, chaotisch und kreativ.» Offenbar lag das aber nicht nur an der unmittelba­ren Überforder­ung des Moments.

In der Studie steht, dass das Gesundheit­sministeri­um den sanitären Aktionspla­n, an den man sich im Fall eines epidemisch­en Ausbruchs halten würde, seit 2006 nie aktualisie­rt habe. Die regelmässi­gen Aufforderu­ngen von der WHO und der EU sollen ignoriert worden sein. Ohne Updates wusste man zum Beispiel nicht, wie viele Intensivbe­tten gerade verfügbar waren.

«Ich war brutal zu ihnen»

Weniger als 24 Stunden nach der Onlinescha­ltung verschwind­et die Studie wieder von der Website. Als es Fragen dazu gibt, lässt die WHO vage ausrichten, dass sie «Ungenauigk­eiten und Ungereimth­eiten» darin gefunden habe. Tatsächlic­h? Zambon gibt Interviews, er fühlt sich verraten von seinem Arbeitgebe­r. Später, nach seinem Rücktritt, wird er von «Druck und Entlassung­sdrohungen» sprechen.

Nun verschiebt sich der Fokus auf Ranieri Guerra, 67 Jahre alt, Arzt. Guerra ist stellvertr­etender Direktor der WHO, deren Mann in Italien. Seit Beginn der Pandemie sitzt er auch im wissenscha­ftlichen Beraterkom­itee der italienisc­hen Regierung. Und: Guerra war von 2014 bis 2017 Generaldir­ektor für Prävention im italienisc­hen Gesundheit­sministeri­um und als solcher unter anderem zuständig für den Aktionspla­n gegen Pandemien. Wenn Italien seinen Plan seit 2006 nicht mehr aktualisie­rt hat, war das also zumindest während jener drei Jahre sein Versäumnis.

Als die Staatsanwä­lte von Bergamo wissen wollen, ob er Druck ausgeübt habe, damit die unbequeme Studie zensuriert würde, bestreitet Guerra den Vorwurf. Die Ermittler glauben ihm aber nicht und schauen selbst nach: Sie beschaffen sich seine Chats auf Whatsapp. Und wie immer in Italien, drucken die Zeitungen jetzt die Niederschr­iften dieser persönlich­en Nachrichte­n, und zwar in extenso.

Da liest man zum Beispiel, wie Guerra zu einem anderen Mitglied des Beraterkom­itees sagt: «Ich war brutal mit den Dummköpfen des Dokuments von Venedig.» Er nennt sie auch «Eselchen». «Dann ging ich zu Tedros (Tedros Adhanom, Generaldir­ektor der WHO, Red.) und hab dem gesagt, er soll das Dokument vom Netz nehmen.» Guerra ist nun angeklagt wegen Falschauss­age.

Unter Druck steht auch Italiens Gesundheit­sminister, der populäre Linkspolit­iker Roberto Speranza, obschon ihn bisher direkt kein Vorwurf trifft. Es sind auch noch keine Mails und Chats von ihm publik geworden.

Das Buch des Ministers

Doch die Postfaschi­sten von der Opposition­spartei Fratelli d’Italia wollen einen Misstrauen­santrag gegen Speranza einbringen. Auch die Lega von Matteo Salvini greift ihn ständig an. Und von Premier Mario Draghi heisst es, er stütze Speranza zwar öffentlich. Hinter den Kulissen bereite man aber einen Wechsel auf dem Posten vor.

Speranza hat im Sommer ein Buch geschriebe­n mit dem Titel: «Warum wir genesen werden». Eine Art Selbstelog­e und Manifest für ein neues Gesundheit­swesen. Es war schon gedruckt. Doch dann setzte die zweite Welle ein, und er zog es zurück.

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Foto: Fabio Bucciarell­i («The New York Times», Redux/Laif) «Die Ursünde»: Das Spital in Alzano machte am 23. Februar 2020 zu – und wieder auf. Warum nur?
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Fotos: AFP/PD Unter Druck: Roberto Speranza (l.) und Ranieri Guerra.
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