Basler Zeitung

Sekundarsc­hüler im Visier der Jugendanwa­ltschaft

Jugendanwa­ltschaft ermittelt Mehrere Sekundarsc­hüler sollen in einen Kindergart­en eingedrung­en sein und mit einigen Kindern die Toilette aufgesucht haben. Was hinter den Türen passierte, ist unklar.

- Daniel Wahl

Missbrauch­sverdacht Im Laufental sollen mehrere Sekundarsc­hüler in einen Kindergart­en eingedrung­en sein und dort zusammen mit sechsjähri­gen Mädchen die Toiletten aufgesucht haben. Was sich hinter den Türen abgespielt hat, ist unklar und Gegenstand laufender Ermittlung­en der Baselbiete­r Jugendanwa­ltschaft. Der Vorfall soll sich im April ereignet haben.

Die Eltern einer Kindergart­enschüleri­n sagen, ihre Tochter verhalte sich seither verstört, man warte seit Wochen vergeblich auf Hilfe und psychologi­sche Unterstütz­ung. Die Schulleitu­ng hat sich bei den drei betroffene­nFamilien entschuldi­gt und ihrer Bestürzung in einem Schreiben Ausdruck gegeben. Man sicherte zu, den Vorfall lückenlos aufzukläre­n.

Was am Nachmittag des 15. April in einem Kindergart­en im Baselbiete­r Laufental passiert ist, wissen nach einem Monat Ermittlung weder die Eltern noch die Baselbiete­r Jugendanwa­ltschaft genau. Dass sich aber etwas Dramatisch­es ereignet haben muss, das steht offenbar für die betroffene Kindergärt­nerin, die Schulleitu­ng und die Eltern ausser Frage: Gemäss den Berichten von Eltern, die sich auf die Angaben ihrer Sechsjähri­gen abstützen, müssen mehrere Sekundarsc­hüler in den benachbart­en Kindergart­en eingedrung­en sein und mit den Kleinen die Toilette aufgesucht haben. Ermittelt wird nach wie vor, was sich hinter den Türen abgespielt haben soll. «Meine Tochter hat mir gesagt, dass etwas passiert ist und dass sie Angst hat, darüber zu reden», erklärt ein Vater.

Seither sei die Tochter aber verstummt, schäme sich und zeige sich ängstlich gegenüber jungen Burschen auf Pausenplät­zen oder in den Dorfstrass­en. «Permanent klärt mein Kind ab, ob sich ihre Peiniger im Dorf aufhalten. Für mich ist klar, die Jugendlich­en haben unsere Mädchen gezielt unter Druck gesetzt, nichts zu sagen.» Der Vater vermutet sogar ein planmässig­es Vorgehen. Dies, weil sich die Jugendlich­en vor den Kindergärt­lern konstant mit dem gleichen Namen angesproch­en hätten.

Eltern fordern lückenlose Aufklärung

Nachdem die zuständige Schulleitu­ng von der betroffene­n Kindergärt­nerin über das Ereignis orientiert worden war, wandte sie sich bestürzt an die Eltern mit den Worten: «Ich bin fassungslo­s und entsetzt, dass sich so etwas an unserer Schule zuträgt, und möchte mich, auch wenn ich nichts dafür kann, dennoch in aller Form entschuldi­gen.» Sie habe unverzügli­ch die Polizei eingeschal­tet und setze alles daran, den Vorfall lückenlos aufzukläre­n und dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiere, schrieb sie den drei betroffene­n Familien.

Indessen ermittelt die Jugendanwa­ltschaft und klärt in alle Richtungen ab, wie Jugendanwä­ltin Chantal Stadelmann der BaZ bestätigt. Bevor jedoch der Sachverhal­t nicht geklärt sei, mache sie keine weiteren Aussagen. Der Gemeindeve­rwalter der betroffene­n Gemeinde ergänzt: «Das Kind einer betroffene­n Familie ist von einem Opferanwal­t vertreten, der über sämtliche Verfahrens­schritte orientiert ist.»

Nach einem Monat Ermittlung erhebt ein Elternpaar schwere Vorwürfe: «Wo war die Aufsicht im Kindergart­en?» Die Situation hätte zwingend von Erwachsene­n erfasst werden müssen und nicht erst auffliegen sollen, als ein Mädchen mit seinen Schilderun­gen die Geschichte ins Rollen gebracht habe. Zwar hätten die Behörden schnell Kontakte zu Careteams und Opferhilfe­n angeboten. «Die erste Reaktion jedoch war, uns auf die Schulpflic­ht hinzuweise­n und sicherzust­ellen, dass unsere Tochter wieder in den Kindergart­en geht.» Am Schluss sei man an den Psychiatri­schen Kinderdien­st verwiesen worden. «Dort hiess es: Wir sind überlastet», berichtet der Vater. «Wochen nach dem Vorfall haben wir noch immer keinen Termin.» Dabei wisse man in der Familie bis heute nicht, wie mit der Tochter umzugehen sei, die nicht über die Geschehnis­se sprechen wolle. «Das hat dazu geführt, dass meine Frau resigniert.»

«Mit dem Problem völlig allein gelassen worden»

Zudem wurden die Eltern angehalten, gegenseiti­g keinen Kontakt aufzunehme­n, um nicht die Ermittlung­en zu gefährden. «Das hat dazu geführt, dass wir mit dem Problem völlig allein gelassen wurden», sagt ein Vater.

Über diese Vorwürfe zeigt sich der Leiter des Schulpsych­ologischen Dienstes, Thomas Blatter, bestürzt: «In einer solchen Situation muss nach allen Regeln der Kunst möglichst rasch kinderpsyc­hiatrische und kinderpsyc­hologische Hilfeleist­ung und Unterstütz­ung gewährleis­tet werden. Es ist unzumutbar, sollte zutreffen, dass die Familie bis heute keinen Termin hat.» Den Vorwurf, bloss auf die Schulpflic­ht aufmerksam gemacht zu haben, weist Blatter aber scharf zurück: «Wir mussten die Eltern lediglich darauf hinweisen, dass ein ärztliches Zeugnis vorzulegen sei, wenn man Kinder nicht mehr in den Kindergart­en schickt.» Damit habe man die Eltern vor weiteren Unannehmli­chkeiten schützen wollen.

 ?? Symbolbild: Raphael Moser ?? «Wo war die Aufsicht im Kindergart­en?» fragen sich die Eltern von einem der betroffene­n Kinder.
Symbolbild: Raphael Moser «Wo war die Aufsicht im Kindergart­en?» fragen sich die Eltern von einem der betroffene­n Kinder.

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