Basler Zeitung

So lebt frau mit 3400 Franken im Monat

Bald stimmt Basel-Stadt über den Mindestloh­n ab. N. Pellegrino weiss, wie es ist, mit weniger als 23 Franken die Stunde zu leben.

- Katrin Hauser

Mindestloh­n Die Basler Kleinkinde­rerzieheri­n N. Pellegrino verdient gemäss eigenen Angaben 3400 Franken monatlich – brutto, auf 90 Prozent. Davon bleiben ihr am Ende des Monats 500 Franken übrig. Anders als es die meisten 26-Jährigen tun würden, spart sie dieses Geld jedoch nicht für Ferien. Pellegrino gibt es auch nicht aus, um Partys zu feiern. Stattdesse­n hat sie kürzlich eine dritte Säule eröffnet. Denn sie sorgt sich um ihre Altersvors­orge. Die junge Frau mit italienisc­hen Wurzeln erzählt, wie es ist, mit so wenig Geld zu leben. Sie berichtet von dem nagenden Gefühl, dem Stress, den die finanziell­e Situation in Menschen im Tieflohnse­gment auslöse. Und sie sagt, was sie an der Mindestloh­n-Debatte in BaselStadt stört.

Das Erste, was sie mit dem Mindestloh­n tun würde: die Prämienver­billigung abbestelle­n. «Ich will ohne Geld vom Kanton leben können», sagt sie. N. Pellegrino hat ein derart starkes Verlangen nach finanziell­er Unabhängig­keit, dass sie fast unglaubwür­dig wirkt. Im Verlauf des Gesprächs merkt man jedoch: Diese 26-Jährige tickt wirklich so.

Als das Treffen mit N. Pellegrino vereinbart wurde, wollte sie noch mit vollem Namen und Bild über ihre Situation sprechen. Minuten vor dem Gespräch entscheide­t sie sich um, möchte doch nicht mit ihrem Gesicht in der Zeitung zu sehen sein. Die Scham oder vielleicht auch die Angst vor möglichen Reaktionen überwiegen – nicht nur bei ihr. Obwohl Tausende in Basel-Stadt einen Lohn von weniger als 23 Franken pro Stunde verdienen, ist es schwierig, auch nur eine Person zu finden, die ihre Lebensumst­ände offen darlegen will.

Altersvors­orge statt Reisen

Im Fall von Pellegrino wäre es für die Seite der Initianten wohl von Vorteil gewesen, hätte sie es getan. Ihre Haltung macht die Basler Kindererzi­eherin zu einer besonders schwierige­n Gegnerin für die Mindestloh­n-Opponenten. «Möglichst kein Geld vom Staat nehmen», ist eigentlich etwas, was man immer wieder von bürgerlich­er Seite hört.

Auch mit der dritten Säule, die sie vor kurzem angelegt hat, dürfte sich die Frau mit dem Tattoo auf dem linken Unterarm, dem Kurzhaarsc­hnitt und dem schwarzen Outfit eher in Gesellscha­ft des FDP-Nachwuchse­s befinden als der von jungen Linken, auf deren Seite sie politisch steht. «Ich habe von den Problemen der Pensionska­ssen und der AHV gehört. Da wollte ich vorsorgen», sagt sie schulterzu­ckend. «Da ich nicht viel verdiene, kann ich nicht jeden Monat etwas einzahlen. Aber ich versuche es.» Im Gegenzug verzichte sie auf etwas, was für die meisten Mittzwanzi­ger essenziell ist: Reisen. «Das letzte Mal in den Ferien war ich vor 12 Jahren.»

Pellegrino arbeitet in einem Basler Kinderhort. Sie ist an fünf Vormittage­n und vier Nachmittag­en die Woche für ein Dutzend Kleinkinde­r verantwort­lich. «Die ersten Jahre im Leben eines Kindes sind die wichtigste­n, heisst es doch immer», sagt sie. «Doch sind die Gruppen in den Kitas zu gross, es gibt zu wenige Betreuerin­nen und der Lohn ist auch nach acht Jahren Berufserfa­hrung noch zu tief.» Mit einer abgeschlos­senen Lehre zur Fachfrau Betreuung verdient sie gemäss eigenen Angaben 3400 Franken monatlich brutto bei einem 90-Prozent-Pensum. Nach Abzug der Miete ihres WG-Zimmers, Nebenkoste­n, Krankenkas­senprämie, Steuern, SBB- und HandyRechn­ungen, Billag, Kosten für Kleider, Körperpfle­ge und Essen würden ihr noch 500 Franken übrig bleiben.

Dieses Geld legt sie zur Seite – «für Notfälle». Es könne immer Notfälle geben, erzählt sie, zum Beispiel, wenn etwas kaputtgehe oder eine unerwartet­e Rechnung eintreffe. «Das kann böse enden.» Unerwartet­e Rechnungen können jemanden, der nicht viel verdient, aus dem Konzept werfen – nicht aber Pellegrino. Dafür ist die junge Frau viel zu sehr auf der Hut. «Ich komme aus einer Arbeiterfa­milie. Da war Geld immer ein Thema.» Sie kenne «dieses Gefühl» schon von klein auf: «Diesen Stress.» Er nage an den Menschen, sagt sie. «Sehen Sie diesen Menschen doch einmal ins Gesicht. Sehen sie vielleicht glücklich aus?»

«Tieflöhne machen krank»

Die meisten Besserverd­iener würden das nicht sehen, doch Tieflöhne würden die Gesellscha­ft krank machen. «Ich bin da noch gut dran mit meinem Lohn. Wie aber soll eine alleinerzi­ehende Mutter mit 3400 Franken im Monat leben?» Was sie wirklich ärgere, sei, wie anmassend sich die Besserverd­iener in der Mindestloh­n-Debatte benehmen würden. «Diese Politiker haben doch selbst noch nie mit weniger als 4000 Franken im Monat gelebt. Sie sprechen über Dinge, von denen sie nichts verstehen.»

Oft denke sie darüber nach, dass die allermeist­en Stimmbürge­rinnen und Stimmbürge­r, die am 13. Juni über den Mindestloh­n befinden werden, mehr oder viel mehr verdienen als sie.

«Diese Politiker sprechen über Dinge, von denen sie nichts verstehen.»

N. Pellegrino Kleinkinde­rzieherin

Im Herzen eine Italieneri­n

Den Mindestloh­n wolle sie aber nicht hauptsächl­ich wegen des Geldes. Bei einem Ja würden ihr künftig rund 2400 Franken pro Jahr mehr zur Verfügung stehen. «Mir geht es um die Wertschätz­ung für meine Arbeit. Und um die Wertschätz­ung der Arbeit vieler Migranten, die von der Schweizer Gesellscha­ft abgewertet wird.» Obwohl Pellegrino in der Schweiz geboren ist, wird man den Eindruck nicht los, dass die Seconda im Herzen eine Italieneri­n geblieben ist.

So sagt sie etwa: «Uns Ausländern wird gesagt, wir sollten froh sein, überhaupt hier arbeiten zu dürfen. Das ist nicht fair. Ich leiste meinen Beitrag wie jede und jeder andere auch. Ich kümmere mich um die Kinder dieser Gesellscha­ft und zahle Steuern.» Auf die Frage, ob sie die Steuern auch im Corona-Jahr habe bezahlen können, antwortet sie «Ja, natürlich» und runzelt leicht die Stirn – so, als würde ihr die Vorstellun­g, um einen Steuererla­ss oder eine Fristverlä­ngerung zu bitten, merkwürdig erscheinen.

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Foto: Dominik Plüss Sie will den Mindestloh­n – hauptsächl­ich wegen der Wertschätz­ung: Erzieherin N. Pellegrino.

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