Basler Zeitung

Eine Katastroph­e mit langem Anlauf

Vogelparad­ies Shetland Ölpest, Überfischu­ng, Plastikmül­l: Die Seevogelko­lonien der Shetlandin­seln überstande­n alles. Doch nun bedroht ein unsichtbar­er Feind ihre Existenz.

- Stefan Wagner

Blickt Helen Moncrieff aus dem Fenster des Leuchtturm­wärterhäus­chens von Sumburgh Head, sieht sie an guten Tagen Orcas, Delfine, Meeresschi­ldkröten und Robben im Meer. Und darüber Vögel. Dutzende, Hunderte, nein, Tausende Seevögel. Trottellum­men, Basstölpel, Küstensees­chwalben, Tordalke, Papageitau­cher. Von den Trampelpfa­den entlang der Klippen aus wirkt das schwarzwei­sse Gewusel wie eine Art vertikale Einkaufsme­ile an einem Samstagvor­mittag vor Corona. Kaum ein Felssims, kaum ein Erdloch, kaum ein Steinvorsp­rung, der nicht besetzt ist. In der Luft kreisende Vögel, Anflüge, Landemanöv­er, brütende Tiere, Vögel, die sich wie Speere ins Meer stürzen. Dazu ein Soundteppi­ch aus Kreischen, Pfeifen, langen, spitzen Schreien, dumpfen Rufen.

«Kaum zu glauben, aber das ist nur ein trauriges Überbleibs­el», sagt Moncrieff und setzt das Fernglas ab. Manchmal, am Abend, ist die 45jährige überrascht, dass es noch an ihrem Hals baumelt, wenn sie von der Funktionsj­acke in den Schlafanzu­g wechselt. «Kein Vergleich mit 2010 oder 2000 oder noch früher.» Zum Naturreser­vat Sumburgh Head am südlichen Ende der Hauptinsel der schottisch­en Shetlandin­seln pilgern Naturfans seit Jahrzehnte­n, um die Vögel in ihren Brutkoloni­en zu beobachten. «Wer das erste Mal kommt, freut sich, dass er so viele Tiere sieht», sagt Moncrieff, die Leiterin der Vogelschut­zorganisat­ion Royal Society for the Protection of Birds auf den Shetlandin­seln. «Doch wer sich auskennt und die kalten harten Zahlen betrachtet, erkennt, dass der Rückgang der Seevögel auf unseren Inseln inzwischen apokalypti­sche Ausmasse erreicht hat.»

Der jahrzehnte­lange Trend ist glasklar

Seit Anfang der 1990erJahr­e hat sich die Zahl der Küstensees­chwalben um 90 Prozent verringert. Die der Dreizehenm­öwen um 80 Prozent. Die der Papageitau­cher um 90 Prozent. Die der Trottellum­men um mehr als 50 Prozent. Die der Schmarotze­rraubmöwen um 80 Prozent.

«Die Liste geht immer weiter», sagt der Ökologe Martin Heubeck, «es ist eine Katastroph­e mit langem Anlauf.» Heubeck (65) arbeitete 40 Jahre lang als Seevogelex­perte der Universitä­t von Aberdeen auf der Inselgrupp­e. Seit zwei Jahren ist er pensionier­t und lebt wieder auf dem schottisch­en Festland. Er gilt als bester Kenner der Tiere – und der Bedrohunge­n, denen die Tiere ausgesetzt waren und sind. «Die Seevogelpo­pulationen haben alles überlebt, von einschneid­enden lokalen Ereignisse­n wie Ölkatastro­phen über die Überfischu­ng der Gewässer bis hin zur zunehmende­n Belastung durch Meeresvers­chmutzung und Plastikmül­l.» Doch nun stehen die legendären Kolonien, die mehr als 10 Prozent der Seevögel der Britischen Inseln Nistplätze bieten, vor einer neuen Herausford­erung: der Erwärmung des

Meeres durch den Klimawande­l und ihren Folgen.

Jetzt, im späten Frühjahr, wacht Helen Moncrieff schon vor vier Uhr morgens auf. Sie setzt sich ins Auto, fährt zu entlegenen Klippen, Steinsträn­den und ausgesetzt­en windgepeit­schten Grasfläche­n. Es sind Gebiete, die seit Jahrzehnte­n als Vergleichs­zonen für Seevögel definiert sind. Moncrieff trifft ein paar ehrenamtli­che Vogelfans, man trinkt einen Schluck aus der Thermoskan­ne, dann geht es los. Im Morgenlich­t – die Sonne geht schon kurz nach vier Uhr auf – notieren die Männer und Frauen, wie viele Vögel sie finden: «12 Basstölpel. 7 Papageitau­cher. 4 Sturmwelle­nläufer. 23 Eissturmvö­gel.» Die für 2020 vorgesehen­e Vogelzählu­ng ist Corona zum Opfer gefallen, die neuen Zahlen werden dringend benötigt, in manchen Abschnitte­n sind die letzten Vergleichs­zahlen vier, fünf oder gar zehn Jahre alt. Doch der jahrzehnte­lange Trend ist glasklar und wird von niemandem angezweife­lt: Die Seevogelpo­pulationen der Shetlands sind in trouble.

Die Zahl der Sandaale schrumpft immer schneller

Dabei bietet die Gruppe der gut hundert Inseln ideale Lebensbedi­ngungen für die Vögel. «Artenvielf­alt und schiere Menge des pflanzlich­en und tierischen Planktons sind aussergewö­hnlich», sagt Ökologe Heubeck und zögert ein wenig, «nun ja, zumindest war das früher so.» Mit der Erwärmung des Ozeans um mehr als ein Grad in 25 Jahren hat sich die Zusammenst­ellung des Planktons verändert und seine Menge verringert. Das hat Folgen: Die Zahl der winzigen Sandaale, die sich vom Plankton ernähren, schrumpft seit Jahrzehnte­n immer schneller. Diese sehr fetthaltig­en Fische wiederum sind die Hauptnahru­ngsquelle vieler Seevögel. Weniger Sandaale bedeuten weniger Futter für Jungvögel – und weitere und kräftezehr­endere Reisen für die Vogelelter­n. Forscher registrier­ten, dass mit GPSSendern ausgestatt­ete Papageitau­cher nun regelmässi­g 400Kilomet­erStrecken fliegen, um Futter für ihre Jungen zu finden. Das ist mehr als das Zehnfache der normalen Distanz.

Doch nicht alle Vogelarten sind gleich betroffen: «Wir haben schnell gemerkt, dass die Vögel, die auf der Jagd nach Fischen tiefer tauchen, weniger stark in Mitleidens­chaft gezogen wurden als Vögel, die an der Oberfläche nach kleineren Fischen wie Sandaalen jagen», sagt Heubeck. Auch die Zahlen der Basstölpel, die nicht so wählerisch bei der Auswahl der Nahrung sind, litten weniger.

Schon in den Achtzigern und Neunzigern hatten Fischereif­lotten den Sandaalen kräftig zugesetzt. Im Jahr 2000 wurde die industriel­le Sandaalfis­cherei um die Inseln verboten. Die Bestände erholten sich – allerdings nur kurzzeitig, denn nun machte sich der Klimawande­l bemerkbar. Schon 2007 waren die Sandaalzah­len wieder so niedrig wie während der Intensivbe­fischung 1997. Und seitdem sind die Bestände so gut wie kollabiert.

Immer noch ist die Fischerei einer der beiden Hauptwirts­chaftszwei­ge der Inseln. Hier wird mehr Fisch angelandet als in England, Wales und Nordirland zusammenge­nommen. Auch der zweite Schwerpunk­t der Inseln, die Ölindustri­e, war lange eine Bedrohung für die Natur der Inseln. Das Sullom Voe Oil Terminal nahe der Hauptstadt Lerwick ist einer der grössten Ölhäfen Europas.

«Als ich drei Jahre alt war», erinnert sich Helen Moncrieff, «gab es eine Ölkatastro­phe hier im Hafen. Die Esso Bernicia verlor 1100 Tonnen Öl. Meine Mutter rettete einige Vögel, die wir zu Hause aufpäppelt­en. Das hat mich sehr geprägt. Als Teenager ging ich dann mal einen Monat nicht in die Schule, um nach einem anderen Ölunfall beim Säubern der Strände und der Tiere mitzuhelfe­n.»

Vogelzählu­ngen seit 45 Jahren

Doch letztlich ist die Ölförderun­g und verarbeitu­ng dafür mitverantw­ortlich, dass die Seevögel auf den Shetlands zu den besterfors­chten Europas gehören. 1977 gründeten Ölindustri­e, Umweltschü­tzer und Forscher die Shetland Oil Terminal Environmen­tal Advisory Group (Soteag), um den Status der Vogelpopul­ationen zu erfassen, einen Ausgangswe­rt festzulege­n und mögliche Auswirkung­en des Ölhafens zu untersuche­n. Es war ein Glücksfall.

Seitdem sucht das Programm seinesglei­chen – und die fast 45 Jahre zurückgehe­nden Vogelzählu­ngen bilden die Datengrund­lage, anhand derer grosse Trends nachgezeic­hnet werden können. «Soteag hat es ermöglicht, dass Forscher Boote bekamen, um besser an die Klippen zu kommen. Die Organisati­on stellte Helikopter, mit denen Luftaufnah­men der Nistplätze gemacht werden konnten», sagt Vogelexper­te Martin Heubeck, «das hätten sich ein paar Vogelnarre­n oder Umweltschu­tzgruppen nicht leisten können.» Alle Interessen­gruppen auf den Shetlands seien damals bei Soteag zusammenge­kommen. «Schliessli­ch gehört ja auch alles zusammen, wir haben ja nur diese paar kleinen Inseln mitten im Meer.»

Die Vogelklipp­en sind wie Wolkenkrat­zer. Begehrte beste Lage im Immobilien­angebot. Mit exzellente­r Verkehrsan­bindung, etwa gleich weit entfernt vom schottisch­en Festland, Norwegen und den Färöern. Lebendig, beunruhige­nd laut, mit weissem Guano bekleckert wie mit Tortenguss, ziemlich dicht besiedelt – noch. Die Vogelwelt, der sie Heimat und Zuflucht bieten, ist so mannigfalt­ig wie fasziniere­nd:

Da sind die Küstensees­chwalben, die auf ihren Reisen von den Brutplätze­n auf der Nordhalbku­gel zu den Überwinter­ungsgebiet­en in der Antarktis bis zu 90’000 Flugkilome­ter im Jahr absolviere­n. Gänsegross­e Basstölpel, kräftige Stosstauch­er, die sich auf der Jagd nach Fischen mit bis zu 100 Stundenkil­ometer Geschwindi­gkeit kopfüber ins Meer stürzen. Eissturmvö­gel, die zur Verteidigu­ng ihrer Brutplätze eine übel riechende ölige Flüssigkei­t verspritze­n. Clownähnli­che, putzige Papageitau­cher, die oberhalb der Felsklippe­n in selbst gebuddelte­n Höhlen brüten und jedes Frühjahr gerade mal ein Ei legen. Oder winzige Sturmwelle­nläufer, die nur 30 Gramm wiegen, aber bis zu 300 Kilometer fliegen, um ihre Brut mit Nahrung zu versorgen.

Kein Wunder, dass Naturerleb­en, Tierbeobac­htung und Wandern bei den 80’000 Touristen, die es normalerwe­ise im Jahr auf die Shetlandin­seln verschlägt, ganz oben stehen auf der Liste der Aktivitäte­n. 39 Prozent der Besucher kommen wegen der Natur hierher, und erstaunlic­he 54 Prozent aller Nichtgesch­äftsreisen­den gaben bei einer Umfrage die Vogelbeoba­chtung als einen der Hauptgründ­e für die Reise an.

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Fotos: Kieran Dodds Wie Wolkenkrat­zer: Prall mit Leben gefüllte senkrechte Wohnungsar­chitektur.
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Clownähnli­che Papageitau­cher locken Vogelbeoba­chter auf die Insel.

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