Basler Zeitung

Messeratta­cken: Erst Würzburg, nun Erfurt

Würzburgs Oberbürger­meister Seine Stadt wurde Ziel eines Verbrechen­s. Doch Christian Schuchardt zeigt sich liberal, herzlich und sozial.

- Clara Lipkowski,

Attentat Nach dem Attentat von Freitag, bei dem ein Somalier in Würzburg drei Frauen getötet und weitere Menschen mit einem Messer attackiert hat, hat Oberbürger­meister Christian Schuchardt einen offenen Brief geschriebe­n. Er wird nun für sein Vorgehen gelobt. In Erfurt nahm die Polizei derweil einen Angreifer fest, der gestern zwei Männer mit einem Messer schwer verletzt haben soll.

Es kommt nicht oft vor, dass ein Politiker so offene Worte findet, selbst bei so fürchterli­chen Ereignisse­n wie dem Messeratte­ntat von Würzburg. Oft ist dann von «Erschütter­ung» die Rede oder «Schmerz».

Christian Schuchardt, Oberbürger­meister von Würzburg, reagierte ziemlich direkt: «Ich habe gestern Abend geweint», schrieb der 52-Jährige kurz nach dem Gewaltverb­rechen mit drei Toten und sieben Verletzten in einem offenen Brief. Er habe um die Opfer geweint und um die Stadt. Und nicht nur diese Emotionali­tät, auch sein besonnenes Auftreten bringt ihm viel Zuspruch ein. Schuchardt fordert nicht überstürzt härtere Sicherheit­sgesetze, sondern warnt eindringli­ch davor, von der Tat eines Einzelnen auf ganze Bevölkerun­gsgruppen oder Religionen zu schliessen. «Wie würden Sie sich heute als Ausländer in unserer Stadt fühlen?»

Mit dieser ausgleiche­nden Art hat er sich schon vor knapp fünf Jahren das Vertrauen erarbeitet. Damals, 2016, hatte ein Geflüchtet­er in einem Zug bei Würzburg Reisende und später eine Spaziergän­gerin angegriffe­n – und auch damals rief Schuchardt zur Ruhe auf. Die sogenannte Flüchtling­skrise war hochaktuel­l, Populismus machte sich breit in Deutschlan­d, doch er zeigte sich liberal, herzlich und sozial.

Bleiberech­t für Geflüchtet­e

Schon 2015, als auch die Würzburger Unterkünft­e für Geflüchtet­e übervoll waren, richtete er sich in einem offenen Brief an die Menschen in der Stadt, wehrte sich gegen Kritik an den hohen Kosten und schrieb, dass «wir alle langfristi­g enorme Vorteile aus dieser Entwicklun­g ziehen werden». Später forderte er in einer Petition, integriert­en

Geflüchtet­en ein Bleiberech­t zu geben.

Schuchardt ist CDU-Mann und stellte sich immer wieder gegen seine eigene Partei, aber auch gegen die CSU, die ihm einst ins Amt geholfen hatte. Er ist Bayerns erster Oberbürger­meister, der 2014 von CSU, FDP und Würzburger Liste aufgestell­t wurde. Anstalten, in die CSU zu wechseln, machte er keine. Stattdesse­n liess er sich 2020 wieder von CSU, FDP und dem lokalen Bürgerforu­m aufstellen. Schuchardt schaffte, was seit Jahrzehnte­n in Würzburg kein amtierende­r Oberbürger­meister geschafft hat: Er wurde im ersten Wahlgang mit deutlicher Mehrheit wiedergewä­hlt.

Das ist auch deshalb beachtlich, weil Würzburg einerseits katholisch­e Domstadt ist, anderersei­ts aber tendenziel­l links wählt. Für einen CDU-Politiker also eigentlich ein schwierige­s Pflaster. Zudem dominieren die Grünen, wenn auch knapp, den Stadtrat.

Doch es war wohl genau Christian Schuchardt­s versöhnend­e Art, welche die Menschen ansprach. Er zeigte sich nach dem Kreuz-Erlass von Markus Söder 2018, laut dem in allen bayrischen Landesbehö­rden ein Kruzifix hängen soll, mit einer Buddhafigu­r in seinem Büro und forderte «mehr Gelassenhe­it».

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Foto: AFP «Ich habe geweint», schrieb Christian Schuchardt.

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