Basler Zeitung

Corona-Variante gefährdet Schulen

Ungeimpfte Die neue Variante wird für Kinder und Jugendlich­e zum Problem. Urs Karrer von der Corona-Taskforce rechnet damit, dass die Impfempfeh­lung bald verschärft wird.

- Edgar Schuler

Pandemie Die Virusvaria­nte Delta grassiert in Israel und Grossbrita­nnien vor allem in Schulen. Der Infektiolo­ge Urs Karrer rechnet damit, dass auch in der Schweiz vor allem Kinder betroffen sein werden. Bei ihnen ist der Impffortsc­hritt noch nicht sehr weit. In vier oder fünf Wochen könnte Delta auch in der Schweiz die dominieren­de Variante sein, so Karrer. Er empfiehlt unter anderem die Wiedereinf­ührung der Maskenpfli­cht.

In Israel hat der neue Premier Naftali Bennett die Notbremse gezogen: Die eben erst aufgehoben­e Maskenpfli­cht in Innenräume­n wird wieder eingeführt. Dazu hat die Regierung den dringenden Aufruf erlassen, dass sich Kinder ab 12 Jahren impfen lassen.

Der Grund: Obwohl die erwachsene Bevölkerun­g stark durchgeimp­ft ist, breitet sich die DeltaVaria­nte des Covid19Vir­us rasant aus. Die Hälfte aller Neuansteck­ungen betrifft Kinder unter 16 Jahren. Besonders betroffen sind darum die Schulen, wo es zu grossen Ausbrüchen kam.

Bald die dominante Variante

In Grossbrita­nnien – ein ähnliches Bild: Das Virus breitet sich unter Schulkinde­rn mit grossem Tempo aus. Die «Sunday Times» berichtet, die Zahl der infizierte­n 5 bis 9Jährigen sei in der Woche zum 20. Juni im Vergleich zur Vorwoche um 70 Prozent gestiegen. Zehntausen­de befinden sich wieder in Quarantäne.

In der Schweiz rechnet der Bundesrat mit einem ähnlichen Szenario. Man kann es in seinem 3PhasenÖff­nungsmodel­l nachlesen. Schon vor Auftreten von Delta ging die Regierung davon aus, dass trotz hoher Durchimpfu­ngsrate «Schulen Ausbruchsh­erde bleiben können». Denn Kinder werden noch lange nicht oder nur zu einem kleinen Teil geimpft sein.

«Die Frage ist nicht, ob Delta zur neuen dominanten Virusvaria­nte wird, sondern nur, wann», sagte Epidemiolo­ge Marcel Salathé schon vor einer Woche. Urs Karrer, Infektiolo­ge, Chefarzt am Kantonsspi­tal Winterthur und Vizepräsid­ent der nationalen CoronaTask­force, wird konkret: Er sagt, Delta könnte schon in vier bis fünf Wochen bei uns die dominieren­de Variante sein. Und auch er sagt: «Delta kann nach den Sommerferi­en in Schulen zu neuen CoronaHots­pots führen.»

Impfen, impfen, impfen

Das Problem ist, dass die zuerst in Indien aufgetrete­ne DeltaVaria­nte laut Studien doppelt so ansteckend ist wie die Variante Alpha, die sich von Grossbrita­nnien aus ausgebreit­et hatte und heute noch in der Schweiz dominiert. Alpha ist ihrerseits doppelt so ansteckend wie die zu Beginn der Pandemie kursierend­en Virusversi­onen. Und: «Delta infiziert Ungeimpfte zehn bis zwanzigmal häufiger als Geimpfte.»

Für Karrer heisst die Losung deshalb: Impfen, impfen, impfen. «Es ist entscheide­nd, dass sich alle impfen lassen, die dies können. Mit den niedrigen Fallzahlen im Moment haben wir einen kleinen Vorsprung, den wir nutzen sollten.» Im Wettkampf gegen Delta zählt dabei jeder Tag: Von der ersten Impfung bis zum bestmöglic­hen Schutz dauert es sechs Wochen – eine Zeit, in der sich Delta schnell ausbreiten und Ungeimpfte und NureinmalG­eimpfte befallen kann.

«Der Nutzen überwiegt»

In der Impfstrate­gie klafft aber eine Lücke. Bisher ist nur der Impfstoff von Pfizer/Biontech für unter 16Jährige zugelassen. Erst seit wenigen Tagen können sich Jugendlich­e von 12 bis 15 Jahren überhaupt impfen lassen. Für noch Jüngere gibt es noch gar keinen Impfstoff.

Karrer plädiert dafür, dass in den Schulen trotz der erfolgten CoronaLock­erungen weiterhin Massnahmen umgesetzt werden: regelmässi­ges Testen, CO2Messung­en, die anzeigen, dass gelüftet werden sollte, auch die Wiedereinf­ührung von Masken sollte kein Tabu sein, wenn dies epidemiolo­gisch angezeigt ist.

Vorbehaltl­os stellt sich Karrer auch hinter die Impfempfeh­lung der Eidgenössi­schen Impfkommis­sion für 12 bis 15Jährige: «Auch wenn in dieser Altersklas­se fast nur milde Verläufe vorkommen, überwiegt der Nutzen der Impfung die Risiken klar, sonst hätte die Heilmittel­behörde Swissmedic keine Zulassung erteilen können.»

Der Infektiolo­ge rechnet damit, dass sich die Datenlage in den kommenden Monaten noch deutlich verbessern wird, sodass die Impfkommis­sion sogar eine allgemeine Impfempfeh­lung ausspreche­n könnte. Bisher stehen Jugendlich­e mit Vorerkrank­ungen im Fokus.

Es geht nur um den Schutz

Mit seiner eigenen, heute 11jährigen Tochter hat Karrer bereits besprochen, dass sie sich impfen lässt, sobald sie 12 ist. «Es geht wirklich nur um den Schutz der Jugendlich­en selbst, insbesonde­re auch, um den Schulbetri­eb und andere für die Entwicklun­g wichtige Aktivitäte­n wie Musik und Sport zu erleichter­n», sagt Karrer. «Die Durchimpfu­ng dieser Altersgrup­pe kann aber nur wenig zur Bevölkerun­gsimmunitä­t beitragen, da sind weiterhin die Erwachsene­n gefordert.» Die 12bis 15Jährigen machen nur rund vier Prozent der Bevölkerun­g aus.

Mit einer Impfung für Kinder unter 12 Jahren rechnet Karrer nicht noch in diesem Jahr: «Der Fall liegt hier anders als bei Jugendlich­en, die immunologi­sch ähnlich wie junge Erwachsene reagieren.» Allenfalls muss die Dosis angepasst werden oder der Impfrhythm­us. Die entspreche­nden Studien brauchen Zeit.

In zwei Punkten gibt Karrer immerhin Entwarnung: Delta ist nicht aggressive­r als frühere Varianten, und die Impfung wirkt. «Daten aus England und Israel zeigen, dass DeltaInfek­tionen bei vollständi­g Geimpften insgesamt selten sind und fast immer mild verlaufen.»

«Mit den niedrigen Fallzahlen im Moment haben wir einen kleinen Vorsprung, den wir nutzen sollten.» Urs Karrer

Infektiolo­ge und Taskforce-Vizepräsid­ent

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Foto: Nicole Philipp Massentest­s könnten bis auf weiteres Alltag bleiben: Die Covid-Variante Delta dürfte sich in Schulen besonders stark verbreiten.

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