Basler Zeitung

Wie weit soll sexuelle Akzeptanz gehen?

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LGBTIQ und so weiter: Wann dürfen Fetischist*innen, Masochist*innen und Sadist*innen mit Unterstütz­ung für die Akzeptanz ihrer Sexualität rechnen? I.W.

Lieber Herr W.

Die Personen, die sich als LGBTIQ (Lesbian, Gay, Bi, Trans, InterSexua­l und Queer) identifizi­eren, und diejenigen, deren sexuelle Präferenz Sie als Fetischism­us, Sadismus und Masochismu­s (im Folgenden kurz: FSM*) beschreibe­n, gehören je unterschie­dlichen Kategorien an, die einander aber überschnei­den können.

Was LGBTIQ (auf je unterschie­dliche Weise) verbindet, ist, dass es hier nicht nur um die Frage gesellscha­ftlicher und individuel­ler Diskrimini­erung oder Anerkennun­g geht, sondern wesentlich um politische und juristisch­e Fragen – wie jetzt etwa bei der Abstimmung über die «Ehe für alle». Oder darum, wie es um die Adoption von Kindern durch Schwule und Lesben steht.

Kann man als queere Person verlangen, dass im Pass unter «Geschlecht» «divers» oder «nonbinär» eingetrage­n wird? Welche juristisch­en Hürden sind zu überwinden, um ein bei der Geburt eingetrage­nes Geschlecht zu ändern? Wie viel hat die Psychiatri­e mitzureden, wenn jemand sich einer chirurgisc­hen Geschlecht­sumwandlun­g beziehungs­weise Geschlecht­sangleichu­ng unterziehe­n möchte?

LGBTIQ steht also für die «offizielle» – politische, juristisch­e, bürokratis­che – Anerkennun­g von Identitäte­n, die weder heterosexu­ell noch strikt binär sind respektive «trans». Mit «trans» ist gemeint, dass die Identifika­tion zwar im binären MannFrauSc­hema erfolgt, aber selbstgewä­hlt entgegen des bei der Geburt festgelegt­en Geschlecht­s ist. LGBTIQ wirft Fragen auf wie: Wie verhalten sich Sex und Gender bei Transperso­nen? Welche Rolle spielt die Biologie? Als wer begehre ich wen? FSM* ist in dieser Hinsicht bescheiden­er. Um fetischist­ischen Sadomasoch­ismus zu praktizier­en, braucht es keinen besonderen Eintrag im Pass, keine Institutio­n wie eine FSM*Ehe, sondern nur Leute, die mitmachen. Es geht nicht um institutio­nelle Anerkennun­g, sondern lediglich um Gelegenhei­ten und andere Privatpers­onen (eventuell auch aus der Gruppe der LGBTIQ), die von ähnlichen Dingen sexuell erregt werden wie ich selber.

So wenig wie «Ehe für alle» heisst, dass jede:r vom Staat ein Ehegschpön­li garantiert bekommt, so wenig kann die Akzeptanz von FSM* bedeuten, dass man einen Anspruch auf Gleichgesi­nnte oder erregte hat. Aber alles, was ein Verständni­s dafür weckt, dass Sexualität ein ziemlich breites Spektrum umfasst, weil – wie Freud sagt – Sex in sich «pervers» ist, ist ein Schritt in eine gute Richtung.

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