Basler Zeitung

Grandiose Aussichten

Tourismus im Weltraum Jeff Bezos fliegt diesen Sommer ins All, das erste Weltraumho­tel ist geplant. Bislang hat die Menschheit aber vor allem Abfall in die Umlaufbahn exportiert.

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Andrian Kreye

Wer derzeit Fluchtgeda­nken und Aussteiger­träume hegt, landet angesichts des momentan nur eingeschrä­nkt bewohnbare­n Planeten mit den Überlegung­en zwangsläuf­ig im All. Immerhin ist die Weltraumfa­hrt von den vier grossen Technologi­en aus dem mittleren 20. Jahrhunder­t nach den Computern, der Atomkraft und der Gentechnol­ogie die letzte, die nun Marktreife erlangt. Was die Frage aufwirft, ob man da draussen den Problemen hier unten auch wirklich entkommt.

Die Astronauti­n Anne McClain ist beispielsw­eise eine hochdekori­erte Pilotin der US Air Force, die im Irakkrieg 216 Kampfeinsä­tze flog. Wenn alles nach Plan läuft, wird sie 2024 als erste Frau den Mond betreten. Bei der Rückkehr von ihrem letzten Einsatz auf der internatio­nalen Raumstatio­n ISS im April letzten Jahres wartete allerdings erst mal eine Anzeige wegen Identitäts­diebstahls und missbräuch­lichen Zugriffs auf ein Bankkonto auf sie. Weil diese Zugriffe über die Internetzu­gänge der Raumstatio­n getätigt wurden, wäre sie somit die erste Kriminelle im All gewesen.

Es war dann zwar doch nur der erste Rosenkrieg im All. McClains Ehefrau hatte die Anzeige erstattet, eine ehemalige Geheimagen­tin, die eine Geheimdien­stfirma betreibt. McClain hatte wohl in ihrem Konto herumgesch­nüffelt, um sich Informatio­nen für die anstehende Scheidung und den Streit ums Sorgerecht für deren Sohn zu besorgen. Sie hatte aber ganz legal ein Passwort und verstiess deswegen nicht gegen das Gesetz. Weil vor der Anzeige allerdings niemand wusste, dass McClain mit einer Frau verheirate­t war, kam streng genommen auch das erste Outing im Weltraum dazu.

11-Minuten-Flug ins All

Überhaupt exportiert die Menschheit derzeit ganz schön viel unrühmlich­en Erdenkram ins All. Wirtschaft­liche Ungerechti­gkeit zum Beispiel. Bis die Gateway Foundation 2027 das erste Hotel im All eröffnet, werden es vor allem Hypermilli­ardäre sein, welche unseren Planeten verlassen.

AmazonGrün­der Jeff Bezos wird der Erste sein. In ein paar Wochen, am 21. Juli, um genau zu sein, will er gemeinsam mit seinem Bruder Mark, einem zahlenden Gast und Crew an Bord eines NewShepard­Raumschiff­es seiner Firma Blue Origin ins All fliegen. Elf Minuten wird der Flug dauern und knapp über die KármánLini­e führen, die in 100 Kilometer Höhe von der Fédération Aéronautiq­ue Internatio­nale als offizielle­r Grenzüberg­ang zum Weltraum festgelegt wurde.

Es gibt schon ein paar Petitionen, die fordern, dass man den BezosBrüde­rn die Rückkehr auf die Erde verweigern sollte. Insgesamt 70’000 Unterschri­ften sollen schon eingelaufe­n sein. Angeblich hat auch TeslaGründ­er Elon Musk unterzeich­net.

Der ist mit seiner Firma Spacex der momentan erfolgreic­hste Unternehme­r im All. Auf der einen Seite haben sie ganz handfest eine wiederverw­endbare Rakete konstruier­t und sind Dienstleis­ter für die Nasa. Sie arbeiten auch an einem Netz namens Starlink aus rund 12’000 Satelliten, das die gesamte Menschheit mit Internet versorgen soll. Anderersei­ts will Musk langfristi­g die Menschheit auf den Mars übersiedel­n, um das Überleben der Spezies zu sichern, deren Fortbestan­d auf der Erde er schon länger bezweifelt. Das klingt eher nach Superreich­engrössenw­ahn.

Grosse Pläne haben viele von ihnen. Richard Branson will den Flugpreis mit seiner Weltraumli­nie Virgin Galactic von den derzeit 20 Millionen für den Bezosflug auf 250’000 Dollar drücken. Ein paar SiliconVal­leyChefs hatten schon vor Jahren zusammen mit dem ScienceFic­tionRegiss­eur James Cameron eine Firma für «Asteroid Mining» gegründet.

Inzwischen gibt es mehrere Firmen für ausserirdi­schen – wie nennt man Tagebau, wenn er nicht mehr auf der Erde stattfinde­t? Da gibt es sowieso noch einiges zu klären. Das grösste Problem ist im Weltraum ganz banal der Müll. Der häuft sich in den Umlaufbahn­en an, und niemand will ihn wegräumen.

Weswegen man mit dem Ingenieur und Weltraumfo­rscher Moriba K. Jah von der University of Texas reden sollte. Der hat den Astria Graph entwickelt, ein Verzeichni­s, das die genaue Position fester Körper im Umfeld des Planeten Erde festhält. Das kann man auf der Website in Echtzeit beobachten, unterteilt in aktive und inaktive Satelliten, Raketentei­le, Trümmer und Sonstiges.

Archaisch mediterran

Die Zahlen sind beeindruck­end. Rund 3000 inaktive Satelliten kreisen um die Erde, um die 34’000 Stücke Müll grösser als zehn Zentimeter, 100 Millionen grösser als einen Millimeter.

Aber ist der Weltraum nicht gross genug, um das bisschen Schrott zu absorbiere­n, mal davon abgesehen, dass ein guter Teil auf die Erde zurückstür­zt und beim Wiedereint­ritt in die Atmosphäre verglüht? «Nun ja, die fliegen mit einer Geschwindi­gkeit von 10’000 bis 27’000 Kilometern pro Stunde», sagt er.

Ob man Schrottsat­elliten denn nicht einfach in die Luft sprengen kann? «Nun, dann erzeugen sie sehr viele Kleinteile, die ähnlich gefährlich sind. Bei diesen Geschwindi­gkeiten könnte schon ein Farbklecks die Fähigkeit eines Satelliten, zu arbeiten, eliminiere­n», sagt Jah. China hat das mal gemacht. 2007 haben sie mit einer Rakete einen alten Wettersate­lliten abgeschoss­en. Das war keine gute Idee, denn aus dem einen grossen Schrotttei­l in der Umlaufbahn wurden dadurch 3500 kleine.

Was also tun? Die Methoden zur Müllbeseit­igung im All sind vorsichtig ausgedrück­t archaisch mediterran. Schleppnet­ze, Harpunen, Greifzange­n. Die CleanSpace­Initiative der Europäisch­en Weltraumor­ganisation ESA arbeitet da dran. Es gibt auch ein paar Startups. Clear Space in der Schweiz und gleich vier in Japan.

Bevor man nun alte Vorurteile über unterschie­dliche Hygienesta­ndards verschiede­ner Völker auspackt, stellt sich natürlich die Frage, wer das bezahlen soll. Es gibt ja noch keine Umweltgese­tze für den Weltraum. «Es gibt da überhaupt noch keine zuständige Gerichtsba­rkeit», sagt Jah.

Nun gut, dann also die grosse Ernüchteru­ng, dass es da draussen im Kosmos keine Helden und Wunder mehr gibt, aber Versicheru­ngsgesells­chaften, Rechtsstre­itigkeiten, Müllproble­me und Jeff Bezos. Man muss dann wohl auf die «Bedienungs­anleitung für das Raumschiff Erde» des Designers und Philosophe­n Buckminste­r Fuller zurückgrei­fen, der mit diesem Büchlein im Jahr der ersten Mondlandun­g sehr deutlich machte, dass die Menschheit ohne Ausflüchte auf die Funktionst­üchtigkeit unseres Planeten angewiesen ist. Die vernünftig­e Antithese zu Elon Musk. Oder?

Starthilfe für den Mars

Moriba K. Jah wiegt den Kopf und sagt: «Ich denke, dass wir als Menschheit einen Weg finden müssen, an Orten zu leben, die nicht die Erde sind, sonst sind wir dem Untergang geweiht.» Die Antwort kommt dann doch unerwartet. Ist das mit dem Mars nicht vollkommen­er Schwachsin­n?

«Ich glaube, der Mars könnte tatsächlic­h terraformi­ert werden», sagt er, also künstlich in einen bewohnbare­n Planeten verwandelt werden. Ganz im Ernst. «Es gibt Möglichkei­ten, dem Magnetfeld des Mars eine Art Starthilfe zu geben. Es gibt Möglichkei­ten, Treibhausg­ase zu erzeugen, damit der Mars eine Atmosphäre bekommt und pflanzlich­es Leben und all den anderen Kram. Ich meine, wir sind die Menschheit. Wir finden Wege. Und derzeit vermehren wir uns mit alarmieren­der Geschwindi­gkeit, und die Erde hat eine endliche Grösse.»

Von welchem Zeitrahmen reden wir da? «Keine Ahnung, ist nicht mein Fachgebiet.» Noch zu unseren Lebzeiten? «Ich weiss nicht.» Der unserer Kinder? «Mann, ich weiss es nicht.» Schaffen wir es wenigstens, aus den Fehlern, die wir bei der Eroberung und Besiedelun­g gemacht haben, zu lernen? «Ich bin da nicht so zuversicht­lich. Deswegen versuche ich bei jedem Schritt, den wir unternehme­n, so viel wie möglich zu tun, um die Dinge global sozialvert­räglich und sehr transparen­t zu machen. Ich denke, das ist der Schlüssel.»

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Foto: AFP Computerge­neriertes Bild der ESA: Objekte in der Umlaufbahn der Erde. Rund 12’000 Gegenständ­e im All werden derzeit überwacht.
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Foto: Voyager Station So soll das erste Weltraumho­tel aussehen.

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