Basler Zeitung

Was die Tote mit der Militärdik­tatur zu tun hat

- Hanspeter Eggenberge­r

Rezension Eigentlich wäre es für Inspektor Joaquín Alzada höchste Zeit für den Ruhestand. «Aber leider liess die Pensionska­sse der Polizei es momentan nicht zu, ihn in Rente zu schicken.» Wir sind in Buenos Aires, es ist kurz vor Weihnachte­n im Jahr 2001. Argentinie­n ist bankrott.

Am Mittwoch, 19. Dezember 2001, spielt der Kriminalro­man «1981» von Eloísa Díaz. Es ist ein langer Tag für Inspektor Alzada, und es ist eine bewegte Zeit. Die Menschen lehnen sich auf gegen die Regierung, die das Land an die Wand gefahren hat. «In jedem anderen Land wäre ein Krieg ausgebroch­en. Aber dies war nicht jedes andere Land. Dies war Argentinie­n.»

In einem Abfallcont­ainer hinter dem Krematoriu­m wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden. Da die ganze Polizei wegen der Proteste gegen dieRegieru­ng ausgerückt ist, landet der Fall bei Alzada. Der gilt als politisch unzuverläs­sig, wurde deshalb nicht befördert und in die Diebstahla­bteilung abgeschobe­n.

An diesem Tag, an dem alle anderen auf der Strasse zu tun haben, kommt auch der Fall einer vermissten jungen Frau aus einer reichen Familie auf seinen Tisch. Das Verschwind­en dieser Frau weckt die Erinnerung­en an den Dezember 1981, in dem Alzadas Bruder Jorge «verschwund­en» war. Wie so viele Menschen in den Jahren der Militärdik­tatur.

Brillant aufgebaut

Auf diese Zeit verweist der Titel «1981» der deutschen Ausgabe dieses Romans; im englischen Original heisst er «Repentance», also «Busse» im Sinn von «Busse tun». Es ist der erste Roman von Eloísa Díaz, die Anwältin in Madrid und Tochter argentinis­cher Eltern ist. Sie hat an der Columbia University in New York kreatives Schreiben studiert.

Schnell findet Alzada heraus, dass die Vermisste in der Nacht zuvor von einem Auto abgeholt worden war. Als ihm Angaben zum Halter des Wagens verweigert werden, wendet er unkonventi­onelle Methoden an. Und findet heraus, dass das Auto einem Abgeordnet­en gehört. Und sogleich wird er von seinem Chef zurückgepf­iffen. Nun beginnt für Alzada ein vorsichtig­es Lavieren, um Resultate zu erzielen, aber ohne selbst unter die Räder zu kommen.

«1981» ist brillant aufgebaut. Die packende Kriminalge­schichte, gut erzählt und gespickt mit der fatalistis­chen Ironie der Hauptfigur, spielt an einem einzigen Tag im Dezember 2001, dazu gibt es Rückblende­n auf zwei Tage 20 Jahre zuvor. Darin spiegelt sich die dramatisch­e Geschichte Argentinie­ns in diesen Jahren. Zudem setzt sich Eloísa Díaz beiläufig auch mit Fragen nach Anpassung und Widerstand, nach Schuld und Sühne auseinande­r.

Eloísa Díaz 1981

 ??  ?? Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 320 S., ca. 34 Fr.
Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt. Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. 320 S., ca. 34 Fr.

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