Basler Zeitung

FHNW-Student darf doch an die Abschlussp­rüfung

Gericht rüffelt Fachhochsc­hule Einen Tag vor Schulabsch­luss stellte die Fachhochsc­hule Nordwestsc­hweiz einen Studenten auf die Strasse. Daraufhin musste die Schule vom Gericht angewiesen werden, ihrem Schüler die Prüfung abzunehmen.

- Daniel Wahl

Basel Einen Tag vor dem Schulabsch­luss stellte die Fachhochsc­hule Nordwestsc­hweiz einen aufmüpfige­n Schüler des Basler Hyperwerks im Dreispitz auf die Strasse. Er hatte sich mit dem Institutsl­eiter angelegt. Zunächst verhängte ihm dieser ein Zugangsver­bot, danach folgte der Schulaussc­hluss. Nur noch eine 20-minütige Präsentati­on hätte ihn von seinem Bachelor-Abschluss getrennt. Der Student gelangte ans Verwaltung­sgericht und bekam recht. Die Schule habe «keine wichtigen Gründe für den Schulaussc­hluss» nennen können, urteilte das Gericht.

Deshalb konnte der vorübergeh­end ausgeschlo­ssene Student die Abschlussp­rüfung an der Fachhochsc­hule Nordwestsc­hweiz letztlich doch noch ablegen. Ein kleiner Ärger bleibt ihm dennoch. Das juristisch­e Hickhack hat zur Folge, dass er seinen Abschluss am Hyperwerk erst mit einem Jahr Verspätung machen konnte.

Alle Zeichen standen auf Grün: Max Estrich (Name geändert) und sein Team waren mit ihrem Projekt, das sie am Hyperwerk der Fachhochsc­hule Nordwestsc­hweiz (FHNW) entwickelt hatten, auf dem Podest gelandet. Sie beschäftig­ten sich mit der Rezyklieru­ng von Nährstoffe­n aus menschlich­en Exkremente­n. «Bau dir deine eigene Nährstoffq­uelle» – die Nahrungsmi­ttelproduk­tion gleich zu Hause vor Ort ankurbeln zu können, war eine der erfolgvers­prechendst­en Innovation­en aus dem Haus am Dreispitz.

Das Hyperwerk ist eine Art Umwelt-Institut, das seine Studenten dazu anleitet, über die Verflechtu­ngen von Mensch, Maschinen, Pflanzen und Tieren nachzudenk­en und nachhaltig­e Lösungen zu entwickeln. Der Institutsl­eiter beschäftig­t sich gern mit linken Utopien: Städte ohne Autos, statt mit Euro mit Watt zahlen. Entspreche­nd partizipat­iv und modern gibt man sich: Studenten tafeln mit ihren Dozenten, man ist per du, die Studenten gestalten ihre Noten mit. Umgekehrt haben besonders Engagierte, wie Max Estrich, sogar ihre privat gekauften Computerpr­ogramme und den entspreche­nden Software-Zugang der Schule und den Mitstudent­en zur Verfügung gestellt.

Schein und Sein

An diesem Hochglanzl­ack der schönen FHNW-Welt begann Max Estrich im Jahr 2018 zu kratzen. Dies, nachdem ihm der Institutsl­eiter verboten hatte, einen Workshop durchzufüh­ren, dem sich zehn Studenten anschliess­en wollten. Zeitgleich lancierte der Institutsl­eiter selber einen Workshop, der aber nur vier Anmeldunge­n hatte. Man geriet aneinander in Fragen des Coachings und in Detailfrag­en, wer was zu protokolli­eren hätte.

Plötzlich forderte die Schule ihren Studenten auf, den Zugang seines privat gekauften Computerpr­ogramms dem Hyperwerk zu übertragen. Estrich fand das unverschäm­t, änderte sein Passwort und stellte fest, dass das Hyperwerk sogar heimlich einen InApp-Kauf getätigt hatte, der seiner Kreditkart­e belastet worden war. Statt sich für diesen Übergriff zu entschuldi­gen, wurde ihm die Änderung des Passworts als Unkollegia­lität vorgeworfe­n.

In einem mehrseitig­en Mail brachte der Student seinen Unmut auf den Punkt: «Da du ja eine Kultur von Respekt und Dialog am Hyperwerk haben möchtest, ist es am einfachste­n, wenn du bei dir selbst beginnst und dich darauf einlässt, diese Ereignisse aufarbeite­st, ohne deine Doppelroll­e als opportunis­tischer Regelverdr­eher und Coach gleichzeit­ig zu haben.»

Weil Estrich, wie einige Mitstudent­en übrigens auch, seinen Arbeitspla­tz mit der Kamera dokumentie­rte, fiel er gänzlich in Ungnade. Was andere durften, galt nicht für ihn im angespannt­en Verhältnis; der Institutsl­eiter verbot ihm, das Schulareal zu betreten. «Es war ein einziger Rachefeldz­ug», sagt Estrich.

So gewährte das Hyperwerk dem Studenten so geringe Zeitfenste­r, dass dieser seine privaten Installati­onen im Rahmen seines Projekts nicht abtranspor­tieren konnte. Dann warf man ihm vor, er habe wohl ein Sofa gestohlen. Man glaubt, er habe auch den Feueralarm ausgelöst. Die Beweisführ­ungen wurden nicht erbracht. FHNW-Direktions­präsident Crispino Bergamasch­i lässt auf Anfrage den Streit unter «gravierend­e Vorfälle» zusammenfa­ssen, ohne jedoch auf die Fragen der BaZ einzugehen.

Der Höhepunkt jedenfalls war: Einen Tag vor der Abschlussp­rüfung schloss der Institutsl­eiter seinen Studenten nach dem Arealverbo­t auch von der Schule aus. Max Estrich hätte bloss noch eine 20-minütige Präsentati­on bieten müssen. So war es ihm nicht möglich, das Studium mit dem Bachelor abzuschlie­ssen.

Schulleite­r vs. Kommission

Nach der knallharte­n, überrasche­nden Sanktion konsultier­te Estrich die Beschwerde­kommission der FHNW, welche in einem ersten Schritt anordnete, dem Studenten sei die Prüfung vor dem rechtskräf­tigen Abschluss des Disziplina­rverfahren­s abzunehmen. Doch der Schulleite­r weigerte sich, der Anordnung der schulinter­nen Kommission Folge zu leisten. Daraufhin gelangte der Student ans zuständige Verwaltung­sgericht in Aarau.

Flugs arbeitete die FHNW darauf hin, den Studenten definitiv und rechtskräf­tig vom Studium auszuschli­essen. Die Beschwerde­kommission drehte den Spiess um. Die Beschwerde gegen seine Prüfungszu­lassung sei nun «obsolet und gegenstand­slos» geworden, da er ja inzwischen definitiv vom Studium ausgeschlo­ssen sei, argumentie­rte sie.

Diesem Rechtsvers­tändnis ist das Verwaltung­sgericht nicht gefolgt. Zumal das Hyperwerk «keine wichtigen Gründe für den Studienaus­schluss» nennen konnte. Die Argumentat­ion der Schule ist «nicht nachvollzi­ehbar», wie das Gericht urteilt. Es taxiert, was immer auch geschehen sei, den Ausschluss als unverhältn­ismässig. Die Schule habe nicht nur das rechtliche Gehör verletzt, vielmehr hätte dieFHNW- Beschwerde instanz danach «rechtsfehl­erhaft» entschiede­n. Aufgrund des Verhaltens der Schule «rechtferti­gt es sich nicht, dem Studenten auch nur einen Teil der Kostendes v er wal tungs gerichtlic­hen Verfahrens aufzuerleg­en», heisst es im Urteil, obschon der Student nicht in allen Punkten durchgedru­ngen ist.

Zudem musste die Staatsschu­le drei Viertel der Kosten des Studenten übernehmen. Und unter Androhung einer Busse von 10’000 Franken musste sie dem Studenten die Prüfung abnehmen.

Max Estrich hat die Prüfung bestanden, aber dafür ein Jahr verloren. Ein Jahr, in dem er hätte berufstäti­g werden können. «Ich werde meine Verluste zurückerst­reiten», sagt Estrich. 40 Beschwerde­n des Schülers seien hängig, klagt die FHNW und hält nahezu trotzig fest: «Die FHNW verfügt über eine Governance, die auf Rechtsgrun­dlagen basiert. Die Zuständigk­eiten und Verfahren in Studierend­en angelegenh­eiten sind klar geregelt .»

FHNW-Feldzug geht weiter

Dies würde Max Estrich bestreiten. Aber nicht nur er. Auch Professore­n, die in einen Arbeitskon­flikt mit der FHNW geraten sind, sagen gegenüber der BaZ, dass Verfahren und Beschwerde­instanzen so aufgebaut sind, dass sie einem Abwehrrieg­el gleichen: «Die Prozesse sind zwar auf dem Papier definiert. Nur ist es die Druckersch­wärze nicht wert.» Man würde zwischen den Instanzen im Kreis herumgesch­ickt. «Man lässt uns nur auflaufen.»

Den Feldzug gegen den Studenten abzublasen, ist die FHNW, jetzt, wo Max Estrich an einem anderen Ort weiterstud­iert, nicht gewillt. Sie hat dem Schüler angedroht, ihn im Nachhinein von der Schule auszuschli­essen. Dies könnte in der Aberkennun­g seines erworbenen Diploms münden. Welches Interesse ausser Rache besteht daran? Das will FHNW-Direktions­präsident Crispino Bergamasch­i nicht beantworte­n.

Die Argumentat­ion der Schule ist «nicht nachvollzi­ehbar», wie das Gericht urteilt.

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Foto: Katrin Schultheis­s Oberflächl­ich modern, im Hintergrun­d knallhart gegen seine Studenten: Das FHNW-Institut Hyperwerk mit einer Aktion im Dreispitz.

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