Basler Zeitung

Kleine Zürcher Agentur riet von Greensill ab

Frühe Warnung Trotz wachsender Schulden von Staaten und Firmen sehen grosse Ratingagen­turen selten ein Problem. Ganz anders eine unabhängig­e Schweizer Firma: Independen­t Credit View stellte beim Finanzunte­rnehmen Greensill schon 2019 ein hohes Risiko fest

- Markus Diem Meier

Die wirtschaft­lichen Aussichten sehen weltweit wieder glänzend aus. Getrübt werden sie aber durch gigantisch­e Schulden bei Unternehme­n und Staaten. Diese sind jedoch nicht nur eine Folge der Corona-Krise. Schon mit der Finanzkris­e waren sie stark angestiege­n. Seither sind sie wegen der tiefen Zinsen stark angewachse­n.

Doch wie gefährlich ist die Lage wirklich? Gemessen an den Risikoaufs­chlägen auf den Zinsen, erscheinen sogar hoch verschulde­te Länder wie Griechenla­nd als relativ sicher. Das notorisch bankrotte Land zahlt nur einen Zinssatz von rund 0,75 Prozent für seine Staatsschu­lden (10-JahresSatz), die mehr als 200 Prozent der eigenen Wirtschaft­sleistung betragen. Der Zinssatz liegt damit nur gerade ein Prozent höher als jener des Musterschü­lers Deutschlan­d, dessen Satz negativ ist.

«Stabil» trotz Schulden

Gemessen am Urteil grosser Ratingagen­turen wie Moody’s, erhalten auch die USA für ihre Bonität die Höchstnote. Und das, obwohl auch dort die Verschuldu­ngsquote bei 103 Prozent der Wirtschaft­sleistung liegt. Zudem wiesen die USA letztes Jahr ein Defizit von 16 Prozent aus und planen Staatsausg­aben im Umfang von weiteren 6000 Milliarden Dollar. Die Schulden der Supermacht gelten im Urteil von Moody’s und anderen jedoch als stabil und damit ungefährde­t.

Eine andere Sicht als Moody’s mit ihren rund 11’000 Beschäftig­ten vertritt die kleine, nur 20-köpfige Schweizer Ratingagen­tur Independen­t Credit View. In deren Bericht heisst es, die USA verdienten die Höchstnote so wenig wie die Einschätzu­ng einer stabilen Bonität.

Die Agentur mit Sitz in der Nähe des Zürcher Löwenplatz­es bewertet die Supermacht mit einer tieferen Note und die Bonität als instabil. «Die immer weiter steigende Verschuldu­ng in den USA kann man schwerlich als stabile Lage bezeichnen», begründet das René Hermann, Chefanalys­t der Ratingagen­tur.

Dass Gläubiger der USA wenig zu befürchten hätten, weil diese mit dem Dollar die weltweit führende Währung emittieren, lässt Hermann nicht gelten. Der Dollar habe immerhin über eine längere Zeit stark an Wert eingebüsst.

Wie aber kommen so grosse Unterschie­de im Urteil verschiede­ner Agenturen zustande? «Angesichts unserer Unbefangen­heit können wir uns das leisten», erklärt Hermann das härtere Urteil seiner Agentur. Und weil sie klein sei, seien auch die Entscheidu­ngswege kürzer.

Einmischun­g der Staaten

Die grossen Agenturen müssten eine Menge mehr berücksich­tigen und nicht zuletzt die Macht des Staates fürchten, ergänzt Hermann. «Als die Agentur Standard & Poor’s den USA 2011 die Höchstnote entzog, hat das zu viel Unruhe geführt», erinnert er sich. Es seien auch schon Polizisten in den Niederlass­ungen der grossen Ratingagen­turen aufgetauch­t, als diese Länder abgewertet hätten. Auch die Regulierun­gsbehörden würden zudem zeigen, wer am längeren Hebel sitze.

Nicht nur im Fall der USA sieht die Schweizer Agentur Risiken, wo andere optimistis­ch bleiben: Vor den Risiken der Staatsvers­chuldung in Griechenla­nd warnte sie bereits im April 2008, lange vor dem Ausbruch der Eurokrise. Und als die Staatsanle­ihen Argentinie­ns mit einer Laufzeit von 100 Jahren 2017 zum Renner wurden und Investoren nicht genug davon haben konnten, riet Independen­t Credit View davon ab. Wie so oft in der Geschichte des Landes kam es kurze Zeit später zum Staatsbank­rott.

Es bleibt die Frage, weshalb Investoren überhaupt an Anleihen von Ländern wie Griechenla­nd oder Argentinie­n interessie­rt bleiben. Noch im Mai konnte Griechenla­nd Staatsanle­ihen für einen Zinssatz von nur knapp über null Prozent verkaufen.

Chefanalys­t Hermann erklärt das mit der Politik der Notenbanke­n: «Es gibt überall eine verzweifel­te Jagd nach Rendite. Die Zentralban­ken haben über Ankäufe von Anleihen so viel Geld in den Markt gepumpt, dass für die übrigen Investoren nur noch Kuriosität­en übrig bleiben.» Doch vor allem Pensionska­ssen brauchten Rendite und garantiere­n diese teilweise sogar.

Nur mit dem Eingehen von Risiken lässt sich die Rendite noch steigern, doch die Entschädig­ung dafür ist laut Hermann zu tief. Das gilt nicht nur für verschulde­te Staaten, sondern auch im Bereich der Unternehme­n. Und vielfach will niemand die Risiken sehen.

Vermeintli­ch sicher

Ein Beispiel dafür ist Greensill. Das Unternehme­n galt mit seiner Art von Handelsfin­anzierung als Star der Anleger. So empfahl auch die Grossbank Credit Suisse ihren Kunden über Fonds Investitio­nen in die Firma. Auch der Stadt Münster in Deutschlan­d erschien das verlockend, alles sah nach einer attraktive­n Rendite zu einem scheinbar geringen Risiko aus.

Die Finanzchef­in der Stadt wollte es aber genauer wissen und beauftragt­e deshalb Independen­t Credit View mit einer Untersuchu­ng. Das hat ihrer Stadt hohe Verluste erspart. Weil die Schweizer Agentur schon 2019 enorme Risiken sah, riet sie eindringli­ch vor der Investitio­n ab. Zu Recht, wie sich herausstel­lte. Diesen Frühling musste Greensill Insolvenz anmelden, und die Credit Suisse verbuchte hohe Verluste.

Das dürfte auch vielen anderen Unternehme­n drohen. Wie bei den Staaten sei auch bei Unternehme­n die Verschuldu­ng stark angestiege­n, sagt René Hermann: «Viele Unternehme­n haben über ihre Verhältnis­se gelebt. Bei einer Normalisie­rung werden sich viele nicht mehr refinanzie­ren können.» Solche Firmen nennt man Zombies – faktisch Tote, die weiter herumwande­ln.

Das harte Erwachen für Unternehme­n wie für Staaten wird dann kommen, wenn die Notenbanke­n und die Staaten ihre Stützungsm­assnahmen beenden und die Zinsen wieder steigen.

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Foto: Thomas Entzeroth René Hermann von Independen­t Credit View.

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