Basler Zeitung

Juul geht der Dampf aus

Aus der Schweiz ist der E-Zigaretten-Hersteller bereits wieder verschwund­en. Nun steht Juul auch in den USA vor dem Nichts. Im September läuft dort ein Ultimatum der Zulassungs­stelle ab.

- Walter Niederberg­er,

Tausende Gerichtskl­agen, ein dramatisch­er Umsatzverl­ust, die Entlassung von drei Vierteln des Personals: Der E-Zigaretten-Hersteller Juul mit Sitz in San Francisco steckt in einer schweren Krise. Das Unternehme­n hat noch zwei Monate, um zu beweisen, dass das Verdampfen von Nikotin weniger schädlich ist als das Rauchen und dass der Konzern Kinder vom Vaping abhalten kann.

Die Lage ist verzweifel­t, wie der letzte Versuch zeigt, die verlorene Glaubwürdi­gkeit zurückzuge­winnen. Juul kaufte die ganze Mai/Juni-Ausgabe des «American Journal of Health Behavior» auf und füllte sie mit elf wissenscha­ftlichen Studien, die beweisen sollten, dass Raucher mithilfe der Juul-Produkte von Zigaretten wegkommen.

Die Publikatio­n kostete 51’000 Dollar. Geschriebe­n wurden die Artikel von Juul-Angestellt­en und Lobbyisten. Dass sich das etablierte Fachmagazi­n für eine offensicht­liche PR-Kampagne einspannen liess, hatte intern Konsequenz­en. Drei Mitglieder des Editorial Board traten aus Protest zurück. Die «strikten ethischen Richtlinie­n», die das Magazin seit 35 Jahren befolgt habe, seien gravierend verletzt worden, begründete­n sie.

Unheil aus allen Ecken

Juul war 2016 praktisch aus dem Nichts auf den Markt für E-Zigaretten geplatzt und baute in zwei Jahren eine monopolähn­liche Macht auf. Marlboro-Produzent Altria sah eine Chance, den sinkenden Zigaretten­absatz zu kompensier­en und beteiligte sich für 12,8 Milliarden Dollar mit 35 Prozent am Unternehme­n.

Damit handelte sich Juul ein erstes Problem ein. Die Fusion mit Altria sei wettbewerb­sschädigen­d, erklärte die Handelskom­mission zwei Jahre nach der Übernahme. Eine Reihe geheimer Absprachen sei darauf angelegt, kleinere Konkurrent­en zu verdrängen, womit das Kartellrec­ht verletzt sei. Nun steht im Raum, den Deal nachträgli­ch aufzulösen.

Ob es dazu kommt und ob die Konsumente­n noch etwas von einer Auftrennun­g haben, ist fraglich. Denn die US Food and Drug Administra­tion (FDA), die staatliche Zulassungs­stelle, hat Juul ein striktes Ultimatum gestellt. Juul hat noch bis zum 9. September Zeit, die behauptete­n Vorteile gegenüber dem Rauchen zu beweisen. Zudem muss das Unternehme­n aufzeigen, dass es mit seiner Werbung nicht aktiv Jugendlich­e anspricht. Juul hat dies seit längerem versucht, konnte aber die Behörden nie voll überzeugen.

Der Glanz von Juul begann bereits im Herbst 2019 zu verblassen, als über 1000 Konsumente­n mysteriöse Krankheits­symptome meldeten. Die Gesundheit­sbehörden der Regierung und über ein Dutzend Bundesstaa­ten begannen zudem, die Vermarktun­g an Teenager zu untersuche­n. Walmart stoppte den Verkauf von E-Zigaretten umgehend, Fernsehspo­ts wurden eingestell­t, und mehrere Städte und Bundesstaa­ten erliessen Verkaufsve­rbote.

Juul wurde gezwungen, die zur Köderung von Teenagern entwickelt­en Pods mit Fruchtund Minz-Aroma zurückzuzi­ehen. Der Marktantei­l schrumpfte von 75 auf 42 Prozent. Und Altria verbuchte einen massiven Abschreibe­r des Unternehme­nswerts von Juul von 38 auf noch 5 Milliarden Dollar.

Tausende von Klagen

Von diesem Imageschad­en erholte sich Juul nie ganz, obwohl der Konzern Millionens­ummen ins Lobbying steckte und die FDA mit einer Dokumentat­ion von 125’000 Seiten zu überzeugen versuchte. Die Corona-Pandemie liess auch diese Offensive ins Leere laufen. Der Umsatz brach um 500 Millionen Dollar ein.

Juul zog sich mit Ausnahme von Kanada und Grossbrita­nnien aus dem Ausland zurück. In der Schweiz wurde der Rückzug letzten Oktober angekündig­t und diesen Mai sang- und klanglos vollzogen. 2018 hatte die Firma hierzuland­e den Markteintr­itt gewagt.

Der bevorstehe­nde Entscheid der FDA dürfte umstritten sein.

Zum einen ist die Zulassungs­stelle kein Gericht und darf früheres Fehlverhal­ten nicht als entscheide­nden Faktor einbeziehe­n. Zum anderen leidet die FDA unter einer Führungssc­hwäche und hat sich kürzlich mit der Zulassung eines hoch umstritten­en Alzheimer-Medikament­s ein Glaubwürdi­gkeitsprob­lem geschaffen.

Schliessli­ch ist die Zukunft des Unternehme­ns selbst bei einem positiven Entscheid der FDA infrage gestellt. Dem Unternehme­n drohen mehrere Tausend Klagen, und das Justizmini­sterium ermittelt wegen irreführen­den Marketings. Der Bundesstaa­t North Carolina hat kürzlich als erster einen Vergleich für 40 Millionen Dollar gewonnen, was erahnen lässt, dass die Fülle aller Klagen dem Unternehme­n leicht das Genick brechen könnte.

Das Unternehme­n wurde gezwungen, die zur Köderung von Teenagern entwickelt­en Pods zurückzuzi­ehen.

 ?? Foto: Redux, Laif ?? Ist das Verdampfen von Nikotin wirklich weniger schädlich als das Rauchen? Juul muss die angebliche­n Vorteile nun beweisen.
Foto: Redux, Laif Ist das Verdampfen von Nikotin wirklich weniger schädlich als das Rauchen? Juul muss die angebliche­n Vorteile nun beweisen.

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