Basler Zeitung

Der leise Kampf gegen alte Reaktoren

Zehn Jahre nach Fukushima In Japan fahren sie die Atomkraftw­erke wieder hoch. Als wäre nichts gewesen. Unterwegs mit den wenigen, die sich fragen: Gehts noch?

- Thomas Hahn,

Um kurz vor halb zwei greifen sie zu den Schildern, auf denen in grossen japanische­n Schriftzei­chen die Formel ihres Kampfes steht. «Sayonara Genpatsu!», Atomkraft, lebe wohl. Hirokazu Hayashi, Wortführer der «Bürgerbewe­gung zur Kernkraftf­rage in der Präfektur Fukui», hat sie mitgebrach­t. Er hat auch die Demonstrat­ion angemeldet, ordnungsge­mäss, wie an jedem Elften des Monats. Jetzt steht er am Treffpunkt im Zentralpar­k von Fukui-Stadt und verteilt Elektrolyt­e-Bonbons, damit auch keiner schwächelt. Es ist recht heiss an diesem Freitag. Er trägt Schlips zum kurzärmeli­gen Hemd und eine Schirmmütz­e.

Ein paar einleitend­e Worte, dann brechen sie auf, ein winziger Trupp: zwölf Kernkraftg­egner und -gegnerinne­n, die meisten von ihnen in Rente. Ein Kleinbus des Ärzteverba­ndes fährt im Schritttem­po voraus. Aus dem Megafon scheppern Parolen. Hayashi (61) und die anderen wiederhole­n sie mit brüchiger Stimme, strecken ihre Schilder in die Höhe, manchmal auch ihre faltigen Fäuste. Für ein neues Fukui! Gegen den Neustart der alten Reaktoren an der Küste!

Die Menschen leiden

Sie drehen eine grosse Runde um den Block, Präfekturv­erwaltung, Gericht. Neben ihnen rauscht unbeeindru­ckt der Verkehr vorbei; begleitet werden sie von Polizisten, die mit Leuchtstäb­en herumfucht­eln, damit hier die Demonstran­ten nicht mit Autos aufeinande­rtreffen. Einer der Demonstran­ten hat eine Trommel dabei, auf die er aber nur sehr zaghaft draufhaut. Vor einer roten Ampel bleiben sie stehen, wie die Autos und Busse neben ihnen. Bei Grün marschiere­n sie weiter, wie die Autos und Busse neben ihnen. Es scheint sie nicht zu kümmern, ob sie jemand beachtet, sie sind das gewohnt.

Es fühlt sich immer noch sehr einsam an, Kernkraftg­egner in Japan zu sein, vor allem in Fukui, der Präfektur mit den meisten Reaktoren. Hier ist vieles noch so wie vor der Nuklearkat­astrophe, die vor zehn Jahren die ganze Welt aufschreck­te. In Fukushima, auf der anderen Seite der Hauptinsel Honshu, an der Ostküste, leiden viele Menschen noch immer an den Folgen der Katastroph­e vom 11. März 2011. Ein Erdbeben verursacht­e damals einen Tsunami, eine Welle von 13 bis 15 Meter Höhe schlug gegen das Kernkraftw­erk Fukushima-Daiichi. Es kam zu Wasserstof­fexplosion­en und zur Kernschmel­ze in drei Reaktoren. Immer noch sind Gebiete unbewohnba­r. Seit einem Jahrzehnt ist Betreiber Tepco damit beschäftig­t, die Ruinen mit riesigen Wassermeng­en zu kühlen. Der Rückbau wird Jahrzehnte dauern. Wenn man das sieht, drängt sich der Eindruck auf: Fukushima-Daiichi ist das Denkmal einer Technologi­e, die im Erdbebenla­nd Japan gescheiter­t ist.

Japans Regierung aber setzt weiter auf Kernenergi­e. Und die Mehrheit im Land schweigt, wenn es um Atomkraft geht. Die wenigen, die nicht schweigen, werden kaum beachtet.

Gerade jetzt bekommt die Gruppe um Hirokazu Hayashi ihre Ohnmacht vorgeführt. Denn kürzlich durfte der Kraftwerks­betreiber Kansai Electric Power Company (Kepco) nach zehn Jahren des Stillstand­s wieder einen seiner alten Reaktoren hochfahren: Block drei des Kernkraftw­erks in der Kleinstadt Mihama, Baujahr 1976. Er darf erst mal nur für die nächsten drei Monate laufen, weil das Kraftwerk noch nicht die Auflagen der nationalen Atomaufsic­htsbehörde NRA zum Terrorschu­tz erfüllt. Aber das Zeichen ist klar: Japan will seine Kernkraftw­erke zurück.

Hirokazu Hayashi kann genau sagen, wann er zum Atomkraftg­egner wurde. Im August vor 17 Jahren war das, nach dem Unfall im Kraftwerk von Mihama. Ein heisser Dampfstrah­l erfasste damals mehrere Arbeiter, fünf von ihnen starben. «Das war ein Schock», sagt Hirokazu Hayashi. Als dann die Katastroph­e in Fukushima passierte, dachte er, dass jetzt auch der Staat verstanden hat. Erst sah es ja auch so aus. Alle Kernkraftw­erke wurden abgeschalt­et. Aber bald lief das erste wieder, natürlich in Fukui, in der Gemeinde Oi, weil sonst angeblich kein Strom mehr fliessen würde. Im Juli 2012 war das. Hirokazu Hayashi und die anderen demonstrie­rten, verteilten Flyer, besuchten Parlamenta­rier. Es half nichts. «Ich dachte, das ist doch nicht zu glauben», sagt Hirokazu Hayashi.

Die vernünftig­e Wahl

Er steht beim backsteinr­oten Hochhaus, in dem Kepco weit oben im achten Stock seine Regionalbü­ros hat. Die Mitarbeite­r des Stromerzeu­gers würden ihn nicht Mal hören, wenn er ganz laut seinen Frust herausschr­eien würde. Aber er schreit nicht. Es ist dunkel geworden. Nach der Demonstrat­ion am Nachmittag musste Hayashi gleich los, er arbeitet in der Verwaltung einer Medizin-Organisati­on, seine Mittagspau­se war zu Ende. Am Abend könne er reden, sagte er. Jetzt ist die Mahnwache vorbei, alle sind weg. Er hat die Lautsprech­eranlage, Banner und Schilder ins Auto gepackt und ist zurückgeko­mmen. Schummrige­s Laternenli­cht fällt auf sein Gesicht. Er scheint nicht müde zu sein nach diesem langen Tag. Er scheint sich auch nicht besonders mutig zu finden in diesem Kampf gegen die Macht. Kernkraftg­egner zu sein, das ist für ihn das einzig Vernünftig­e.

Als die Nuklearkat­astrophe von Fukushima passierte, war er in Fukui, wie fast sein ganzes Leben. Im Fernsehen sah er die Wolken der Wasserstof­fexplosion, die Trümmer der Reaktoren. «Das war ein Gefühl, als müsste ich beten», sagt Hayashi, «ich dachte, irgendwas muss man tun, damit dieser Unfall etwas zum Guten verändert.»

Viele halten lieber still

Seit Juli 2011 demonstrie­ren er und die anderen am Elften jedes Monats. «Das soll heissen, wir vergessen Fukushima nicht.» Die Freitagsma­hnwache mit Reden und Gesang kam 2012 dazu. An Jahrestage­n seien manchmal fast hundert Leute da, sagt Hayashi. Am Anfang seien auch mehr junge Leute da gewesen. «Aber auf Dauer war das wahrschein­lich schwierig für sie, das konsequent zu verfolgen.»

Oder sie sind so erzogen, nicht gegen die Kernkraft zu sein, wer weiss das schon so genau. Die Debattenku­ltur in Japan ist nicht besonders ausgeprägt. Viele halten lieber still. Es gab Klagen von Opfern des Fukushima-Desasters, aber Freisprüch­e für TepcoManag­er. Hin und wieder treten prominente Kernkraftg­egner in Szene wie die Ex-Premiers Junichiro Koizumi und Naoto Kan. Aber ändern können sie auch nichts. Wenn Japans Regierung sich einmal festgelegt hat, verfolgt sie ihre Ziele konsequent.

Bis zur Nuklearkat­astrophe 2011 deckte Japan rund 30 Prozent seines Strombedar­fs mit Atomenergi­e. 54 Kernreakto­ren liefen. Danach prüfte die Regierung ihre Strategie. Zwischen 2013 und 2015 waren alle Kernkraftw­erke abgeschalt­et. Um den Ausfall zu kompensier­en, importiert­e man Energie aus fossilen Brennstoff­en. Und die Japaner fingen an, Strom zu sparen, zum Beispiel, indem sie bewusster mit Elektroger­äten umgingen.

Aber zum Atomaussti­eg konnte sich die rechtskons­ervative Regierungs­partei LDP nicht durchringe­n. Die Aufsichtsb­ehörde NRA, nach der Katastroph­e gegründet, entwickelt­e neue Sicherheit­sstandards, die das Wirtschaft­sministeri­um in Tokio «zu den strengsten der Welt» zählt. Im nationalen Energiepla­n heisst es, bis 2030 wolle Japan wieder 20 bis 22 Prozent der Stromerzeu­gung mit Kernenergi­e gewinnen. Momentan sind in Japan nur neun Reaktoren am Netz, weitere Genehmigun­gsverfahre­n laufen.

Seit Premiermin­ister Yoshihide Suga im vergangene­n Herbst das Ziel ausgegeben hat, Japan bis 2050 emissionsf­rei zu machen, haben die Befürworte­r ein weiteres Argument. Denn ein Kernkraftw­erk hat keine klimaschäd­lichen Abgase. Und um genug Strom aus erneuerbar­en Energien wie Sonne oder Wind herzustell­en, sei in Japan das Wetter zu wechselhaf­t, die Landschaft zu bergig, das Meer drumherum zu tief. Wirtschaft­sminister Hiroshi Kajiyama sagte im Februar zur «Financial Times»: «Ich versuche jeden davon zu überzeugen, dass wir am Ende die Kernenergi­e brauchen.»

Fukui will jetzt Japans erste Präfektur sein, die mehr als 40 Jahre alten Reaktoren eine Betriebser­laubnis für weitere 20 Jahre erteilt. In Mihama haben Stadtrat und Bürgermeis­ter ihr Okay gegeben. Im April hat das auch Fukuis Gouverneur Tatsuji Sugimoto getan, ausserdem für zwei weitere Reaktoren in Takahama. Warum?

Hirokazu Hayashi hat darauf keine Antwort. Mit seiner Gruppe habe der Gouverneur nie gesprochen. Die Präfektur sage, dass ohnehin die Nationalre­gierung das Sagen habe. Bei den Kepco-Büros tritt Hayashi jetzt ungeduldig von einem Fuss auf den anderen. Er schimpft leise in seine Corona-Maske hinein, es wisse doch jeder, dass ohne das Okay des Gouverneur­s die Kraftwerke nicht wieder in Betrieb gehen könnten. Unter diesen Umständen hat es Hirokazu Hayashi schwer mit seinen Warnungen.

«Ich versuche jeden davon zu überzeugen, dass wir die Kernenergi­e brauchen.» Hiroshi Kajiyama

Wirtschaft­sminister

 ?? Foto: Getty Images ?? Seit kurzem ist Block drei in Mihama wieder in Betrieb: Protestier­ende vor dem japanische­n Kernkraftw­erk.
Foto: Getty Images Seit kurzem ist Block drei in Mihama wieder in Betrieb: Protestier­ende vor dem japanische­n Kernkraftw­erk.

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