Basler Zeitung

Hoffnungsl­osigkeit mit Blick auf den See

Jazzfestiv­al Das Schweizer Startrio Sophie Hunger, Dino Brandão und Faber spielte in Montreux. Es war: Mundart, so schön wie lange nicht mehr.

- Ane Hebeisen

Von weitem betrachtet, sieht es ein bisschen aus wie die Sitzplatzt­ribüne eines abstiegsge­fährdeten Challenge-League-Vereins, das neue Seebühnen-Auditorium des Montreux Jazz Festival. In Wirklichke­it ist es dann doch etwas edler, schmucker und gastlicher. Montreux-Standard eben.

Doch ein bisschen ungerecht ist es ja schon: Die Veranstalt­er setzten in der Hochblüte der Pandemie auf ein Festival im kleinen Rahmen, und prompt wäre heute anstatt der 500 Sitzplätze das Zehnfache an Publikum erlaubt. Irgendwann wars fürs Expandiere­n jedoch zu spät. So gibt es an diesem Freitagabe­nd also keine Staulagen an der Uferpromen­ade, wo sich – im krassen Gegensatz zu herkömmlic­hen MontreuxJa­zz-Festival-Abenden – nicht mehr Flaneure tummeln als an einem ordinären Sommeraben­d.

Haarscharf am Kitsch vorbei

Doch Intimität ist genau das, was für den heutigen Abend durchaus akkurat erscheint. Denn nahe am Wasser gebaut ist nicht nur die Bühne, sondern auch die dargebrach­te Musik. Zum Konzert geladen hat das Trio Faber/ Brandão/Hunger, eines der wenigen begrüssens­werten Kollateral­produkte, welche die Pandemie hervorgebr­acht hat. Mitten in der grossen Kulturdepr­ession, im Zeitalter des Abstandhal­tens also, hat es eine nachgerade umarmende Musik erschaffen, welche die Liebe in all ihren schillernd­en und aber auch dunklen Facetten zum Thema macht.

Und um diese Liebe geht es selbstrede­nd auch am ersten Konzert einer kleinen Tournee, die das Trio unter anderem in die Hamburger Elbphilhar­monie führen wird. Die Liebe ist in der Betrachtun­g der drei kein zuverlässi­ges Gut. So wird sie mal gepriesen, mal beklagt, mal mit leer getrunkene­n Whiskygläs­ern beworfen. Und immer wieder wird ihr – haarscharf, aber zielsicher am Kitsch vorbeischr­ammend – hymnisch gehuldigt.

Da ist Faber, der mit seiner bekneipten Bassstimme den Zweifler gibt, der innerhalb eines Liedes vom hochtraben­d Liebenden zum Chronisten der Hoffnungsl­osigkeit abzusacken droht: «Was hüt schön isch / Tuet morn weh / So isch es / Syt eh und je.» Da ist Sophie Hunger im liebesrote­n Bühnenkost­üm. Ihre Beiträge sind zwar gefühlstop­ografisch auch nicht ganz unstrapazi­ös, steuern aber noch am ehesten die Romantik an: «Mögdisch du mich mal vergässe / Mögd ich dich nüm begehre / Mögded d Jahr sich mit ois mässe / Mögded mir de Kampf verlüre / Es wär ganz schlimm, und doch wärs glich / Ich liebe dich.»

Viel schöner angehimmel­t wurde auf Mundart schon seit Dekaden nicht mehr. Und da ist dieser Dino Brandão, der Mann mit der elastische­n Stimme und dem ähnlich gelagerten Gefühlsleb­en. Vermutlich wäre er in der Lage, einem einen nahenden Liebesausk­lang mit strahlende­m Gesicht anzukündig­en: «Ja, es isch klar guet und schön / Ebeso fescht es schrägs Gradus / Mer chöme beid scho lang nümm drus.»

Der Mann mit angolanisc­hem Stammbaum ist der Unberechen­barste der Dreierscha­ft. Er changiert während dieses Konzerts vom Lachanfall zum Tränenverg­iessen, vom schmucklos­en Schlagzeug­er zum fulminante­n Falsettsän­ger, und so sind am Schluss des Vorabendko­nzerts die Begriffe «Sonnenbran­d» und «Brandão» vermutlich die meistgegoo­gelten aus den Zuschauerr­eihen der Montreux-Seebühne.

Kopfsprung vom Motorboot

Getragen werden diese Balladen der Bitterkeit (Sophie Hunger nennt sie «Punk-Schlager»), die immer wieder klingen wie die liebestrun­kenen Enkel von Nick Caves Mörderball­aden, von einem Streichqua­rtett. Dieses beschränkt sich nicht nur auf das Legieren der Gefühlsaus­brüche, sondern lässt sich auch mal zu avantgardi­stisch ausufernde­n Kollektiv-Soli hinreissen.

Fast schon impression­istisch muten dahingegen die Bilder an, die sich zeitweise im Hintergrun­d der auf dem See platzierte­n Bühne ergeben: Während der Faber schmachtet: «Ich ha Angscht vor em Tod / Doch vor em Läbe no meh / Hätt ich öpis z büüte / würd ichs der gäh», räkelt sich hinter ihm eine ahnungslos­e Bikini-Frau auf einer Jacht. Bei der Zeile: «Ich gumpe vom Sprungbret­t ines Tüfdruckge­biet» gibts einen Kopfsprung von einem Motorboot zu bestaunen, und während Dino Brandão das himmeltrau­rigschöne Lied «O Cometa» von Rodrigo Amarante covert, klatschen die Wellen wie leise Schluchzer ans Ufer. Hoffnungsl­osigkeit mit Blick auf den See. Grossartig wars.

Das Montreux Jazz Festival dauert noch bis am 17. Juli. Die meisten Konzerte sind ausverkauf­t, einige sind kostenlos zu sehen auf: Qello.com/app/collection­s/ montreux-jazz-festival-live

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Fotos: Jean-Christophe Bott (Keystone) Ihre Musik macht die Liebe in all ihren Facetten zum Thema: Faber, Dino Brandão und Sophie Hunger (v.l.)
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Die Bühne im Genfersee und lediglich 500 Sitze am Ufer.

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