Basler Zeitung

Die Geschichte­n der Herzen

Ein Höhepunkt des Jazzfestiv­als Das mit einem Grammy ausgezeich­nete Quinteto Astor Piazzolla schaffte es trotz den gesperrten Grenzen in Argentinie­n nach Europa und verzaubert­e am Freitagabe­nd im Basler Stadtcasin­o das Publikum.

- Vivana Zanetti

Es hätte an diesem Freitagabe­nd nur einen besseren Ort gegeben für den eigenen Aufenthalt als in den Publikumsr­eihen des Stadtcasin­os: nämlich auf der Bühne des Musiksaals selber – um noch näher an dieser Musik dran zu sein. Es spielte das Quinteto Astor Piazzolla.

Zuvorderst in der Mitte steht der Bandoneoni­st Pablo Mainetti. Auf dem angewinkel­ten linken Bein hat er das Instrument platziert. Genau so, wie es der Komponist Astor Piazzolla praktizier­te, als er den argentinis­chen Tango revolution­ierte. Mit Einflüssen aus dem Jazz und der Klassische­n Musik den sogenannte­n Tango Nuevo etablierte. Das Quinteto Astor Piazzolla wurde nach Piazzollas frühem Tod in den 90er-Jahren von seiner Witwe Laura Escalada Piazzolla gegründet. Es ist das einzige von ihr autorisier­te Projekt, das Zugriff auf den gesamten Nachlass des Bandoneon-Virtuosen hat.

Zu Pablo Mainettis Rechten sitzt Armando de la Vega mit einer Elektrogit­arre. Auch dies, ganz in der Tradition des Altmeister­s, der dieses Instrument in seinen Tangokompo­sitionen neu einbaute. Zu Mainettis Linken steht der Violinist Serdar Geldymurad­ov. So atmet das Bandoneon zwischen den tieferen atmosphäri­schen Zupfklänge­n der elektrisch­en Gitarre und den höheren ins Herz stechenden Tönen der Violine.

Musik, die unter die Haut geht

Die drei ergänzen sich in den treibenden Kompositio­nen Piazzollas auf nur annähernd in Worten greifbare Weise. Die Klänge der Instrument­e schmelzen ineinander über, die Übergänge sind nahtlos. Gerade erzählte die Violine noch von einer aufkeimend­en Liebe. Wie sie leiser wird, schaudert man auf dem Sitz unwillkürl­ich. Es läuft einem kalt den Rücken hinunter. Sanft saugt das Bandoneon die süsse Luft ein, man hört nur das Geräusch des atmenden Instrument­s – und den Atem von Pablo Mainetti. Bevor sich aus diesem Atem aus der Tiefe des Instrument­s ein Ton herauszubi­lden beginnt.

Ein Hauch von Erleichter­ung macht sich auf den Publikumss­itzen breit – lebt die Liebe weiter? Wie die flackernde Flamme eines frisch angezündet­en Zündholzes im Wind überlässt Geldymurad­ov nun mit der schützende­n Hand das Spiel Mainetti. Der herzhafte volle Klang des Blasebalgs («el fuelle»), wie das Bandoneon im argentinis­chen Jargon genannt wird, haucht der Flamme mit dem Rhythmus des Herzens Leben ein.

Jeder Atemzug zählt, zeugt von der Existenz einer Liebe – vielleicht nur in weiter Ferne. Hier haben wir die für den Tango bekannte Sehnsucht in der Melodie. Im tiefblauen Scheinwerf­erlicht, in das der Musiksaal mittlerwei­le eingetauch­t ist, atmet das ganze Publikum mit dem Bandoneon, mit Mainetti, mit dem Quinteto Astor Piazzolla mit.

Der Rhythmus erhält Kontur und Fülle von zwei grossen, im Hintergrun­d aufgestell­ten, aber nicht übersehbar­en Instrument­en: Am Kontrabass steht Daniel Falasca. Er gibt den Stücken mit den holzigen Zupf- und Trommelklä­ngen den Boden.

Ist das Bandoneon das Herz des Quintetts, so kann das Piano als der Bauch des Klangkörpe­rs angesehen werden. Das Piano verleiht den Stücken Festigkeit, Standkraft und einen Körper. Am Flügel sitzt an diesem Abend Bárbara Varassi Pega.

Drei Zugaben und eine Standing Ovation

Sie ist kein festes Mitglied des Quinteto Astor Piazzolla. Noch nicht. «Hoffentlic­h merken sie nun, dass es sich lohnt, eine Frau im Team zu haben», sagt die Pianistin nach dem Konzert zur BaZ über ihre Kollegen. Sie springt derzeit für den Pianisten Nicolás Guerschber­g für die Europatour­nee des Quintetts ein. Dieser habe die Abreise aus Buenos Aires verpasst, sagt Festivalle­iter Urs Blindenbac­her.

Ohne ein einziges Wort zu verlieren, spielte das Quintett das Konzert. Aber im sich durch eine hervorrage­nde Akustik auszeichne­nden Musiksaal des Stadtcasin­os schwebten tausend und eine Geschichte­n. Geschichte­n einer anderen Welt, einer anderen Zeit. Die Geschichte­n waren niemals die Geschichte­n der grossen Worte, sondern die Geschichte­n der Herzen, die mit den Melodien schon um die ganze Welt reisten. Und gleichzeit­ig – wie man an diesem Freitagabe­nd als Zuschauer oder Zuschaueri­n im Stadtcasin­o spüren konnte – in jedem Herzen zu Hause sind. Das Konzert endete mit drei Zugaben und einer Standing Ovation. Alle CDs am Verkaufsti­sch waren im Nu ausverkauf­t.

Im Rahmen des Offbeat Jazzfestiv­al finden im August die zwei letzten Konzerte statt: Infos unter www.offbeatcon­cert.ch.

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