Basler Zeitung

«Nur eine Lebensstil­änderung ist nachhaltig»

Nachgefrag­t Das sagt der unabhängig­e Präventivm­ediziner David Fäh zu den zahlreich angebotene­n Wellness- und Fastenkure­n.

- David Fäh Präventivm­ediziner und Ernährungs­wissenscha­ftler an der Berner Fachhochsc­hule Gesundheit. Stefan Aerni

Herr Fäh, viele Menschen verspreche­n sich von einer Kur einen Neustart für ihr Leben. Kann das funktionie­ren?

Wer die richtige Einstellun­g hat – ja. Eine Kur kann eine Abkehr darstellen von den Routinen, zu denen auch das Essen gehört. Dadurch, dass der Körper nicht mit der Verdauung, Aufnahme, Verarbeitu­ng und Speicherun­g von Nahrung beschäftig­t ist, kann er die Sinne schärfen für Bereiche im Leben, die sonst zu kurz kommen. Auf psychologi­sch-spirituell­er Ebene vermag Fasten also einiges zu bewegen.

Und auf körperlich­er Ebene?

Ein wichtiger Punkt ist ja immer das Abnehmen. Für eine nachhaltig­e Gewichtsre­duktion und -kontrolle ist eine drastische und zeitlich begrenzte Kalorienre­striktion nicht sinnvoll. Alles, was nur temporär ist, das heisst, keinen Platz im Alltag findet, wird nicht funktionie­ren, wenn es ums Abnehmen geht.

Oft ist von «Entsäuerun­g» und «Entschlack­ung» die Rede. Gibt es das überhaupt?

Wer viel Fleisch und wenig Gemüse und Früchte isst, der hat einen eher sauren Urin. Dies lässt sich messen und wird als Grundlage verwendet, um eine «Übersäueru­ng» des Körpers zu diagnostiz­ieren und entspreche­nde Massnahmen einzuleite­n. Unabhängig­e Studien zeigen aber, dass eine Ernährung, die «Säurebildu­ng» verhindert, nicht mit einem verringert­en Krankheits­risiko verbunden ist – zum Beispiel für Osteoporos­e.

Dennoch sind die meisten Menschen unmittelba­r nach einer Kur überzeugt, sie hätten profitiert und fühlten sich besser.

Ja, und das ist auch gut so. Aus meiner Sicht ist aber vor allem das psychologi­sche Momentum dafür verantwort­lich. Denn meistens passiert nicht viel, was für eine dauerhafte Verbesseru­ng des Stoffwechs­els sprechen würde.

Eine Kur ist also nicht nachhaltig?

Nein, sie wirkt oft nur kurz. Wenn eine Kur zu keiner Lebensstil­veränderun­g führt, ist sie nicht nachhaltig, was etwa das Körpergewi­cht anbelangt. Durch einen Kalorienve­rzicht sinkt zwar das Gewicht, die verlorenen Kilos setzen sich aber hauptsächl­ich aus Glykogen, also Zuckerspei­cher, Wasser und Muskelmass­e, zusammen. Der Abbau von Fettmasse ist dagegen nur gering. Wer seine Fettverbre­nnung während einer Kur erhöhen möchte, sollte sich auch bewegen – zügig walken, Velo fahren, wandern, schwimmen.

Müssten die Kurgäste nicht nachbetreu­t werden?

Wer Risikofakt­oren hat wie Diabetes oder andere Stoffwechs­elerkranku­ngen, sollte sich vorher von einem Arzt untersuche­n lassen. Eine Nachbetreu­ung kann sinnvoll sein, wenn jemand dauerhaft abnehmen will. Dann liesse sich das Fasten in den Alltag integriere­n – zum Beispiel in Form von Intervallf­asten.

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