Basler Zeitung

Die Besten pokern erfolgreic­h

Tour de France Das Rennen macht in den Pyrenäen einen Abstecher nach Andorra. Leader Pogacar gibt sich unbeeindru­ckt.

- Emil Bischofber­ger

An der Fussball-EM kamen sie nicht über die Vorrunde heraus. An der Tour de France hingegen bestimmen die Niederländ­er das Geschehen. Am Samstag ist es Bauke Mollema, dem eine allseits inspiriere­nde Darbietung gelingt. Erstens zeigt der 34-Jährige in den Bergen, was Mark Cavendish (36) bereits in den Sprints bewiesen hat: Jugend ist doch keine zwingende Voraussetz­ung für Erfolg im Radsport – was man angesichts des 22-jährigen Gesamtlead­ers Tadej Pogacar durchaus meinen könnte.

Speziell ist Mollemas Etappensie­g aber auch aus einem anderen Grund: Der Niederländ­er ist eine Ausnahme, verlässt sich im Rennen komplett auf sein

Gefühl: Seit zwei Jahren verzichtet er ganz auf einen Velocomput­er, weshalb er regelmässi­g seine Kollegen fragt, wie weit es denn noch zum Ziel sei. Am Samstag kann ihm keiner antworten: Über 40 Kilometer vor dem Ziel fährt er seinen Fluchtgefä­hrten davon und lässt sich von diesen nicht mehr einholen.

Erster US-Sieg seit 2011

Auch die sonntäglic­he Etappe, die erste von vier Teilstücke­n in den Pyrenäen, wird zur niederländ­ischen Gala. Denn es ist das Team Jumbo-Visma, das im Amerikaner Sepp Kuss den Sieger stellt. Nach zehn Jahren Pause jubelt damit wieder einmal ein US-Profi an der Tour. Kuss ist ein souveräner Sieger, im letzten Anstieg vor dem Ziel entledigt er sich den verblieben­en Konkurrent­en (zuletzt Alejandro Valverde, 41…), als sei es das Leichteste der Welt.

Vielleicht fühlt sich das für Kuss tatsächlic­h so an, denn er fährt auf heimischen Strassen. Die Etappe führt nach Andorra. Der Kleinstaat hat sich nach dem etwas weiter südlich gelegenen Girona zur zweiten grossen Enklave für Radprofis gemausert. «Für die Hälfte der heutigen Spitzengru­ppe war das eine Heimetappe. Alle wollten vorne mitfahren», sagt Kuss, der vor lauter Freude seine Sonnenbril­le auf der Zielgerade­n Richtung Zuschauer schleudert.

Für Jumbo-Visma ist sein Sieg ein erfolgreic­her Poker: Die Niederländ­er agieren mutig, indem sie mehrere Fahrer um den Etappensie­g fahren lassen, derweil Jonas Vingegaard, ihr bestklassi­erter Mann im Gesamtklas­sement, alleine in der Favoriteng­ruppe mitrollt.

Das ist umso bemerkensw­erter, als dass es dem Dänen am Mont Ventoux gelungen war, Gesamtlead­er Tadej Pogacar in Bedrängung zu bringen. Und nun, im Glutofen Richtung Andorra? Greift der Gesamtdrit­te Vingegaard wieder an. Doch Pogacar reagiert, als wäre nie etwas gewesen, erstickt jede Offensivak­tion im Keim. Damit geht der Poker bei seiner UAE-EmiratesEq­uipe ebenfalls auf. Es ist allerdings ein unfreiwill­iger: Pogacars Kollegen sind schlicht nicht in der Verfassung, um diesen unterstütz­en zu können, wenn es hart auf hart geht.

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Foto: David Stockman (Getty Images) Der US-Amerikaner Sepp Kuss fährt in Andorra zum Etappensie­g.

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